Geben mit Weisheit
(Auszug aus dem Buch „Giving Wisely?“ mit Genehmigung des Autors)
„Nichts ist schlimmer als bewusste Unwissenheit.“
(Johann Wolfgang von Goethe)
„Da ist ein Weg, der einem Menschen gerade erscheint, aber sein Ende sind Wege des Todes.“
(Sprüche Salomos 14,12)
Der Schaden, den gute Absichten anrichten können
Mexiko 2007: Nicht weit von der US Grenze hat ein mexikanisches Waisenhaus entdeckt, „wie es läuft“.
Amerikanische Christen sind großzügig, sogar sehr großzügig. Aber wenn es darum geht, wohin sie geben, können sie ein bisschen unwissend sein. Dieses Waisenhaus hat dafür gesorgt, dass das so blieb.
Während der Weihnachtszeit kamen tonnenweise Geschenke für die elternlosen Kinder. Viele Gemeinden in Amerika hatten den Aufruf der Bibel gehört, den Witwen und Waisen zu helfen. Und sie reagierten so, wie sie es gelernt hatten: Spenden und Geschenke schicken. Gemeinde auf Gemeinde sandte LKWs voller schöner Sachen.
Sobald ein LKW entladen war, wurden die Sachen schnell versteckt, so dass die nächste Gemeinde mit ihrem Transport nicht die Menge von Geschenken sehen sollte, die bereits aus anderen großzügigen Gemeinden angekommen waren.
Es war einfach, alle Gemeinden in dem falschen Eindruck zu lassen, sie seien die Einzigen, die diesen armen Kindern Geschenke sandten. Aber die Waisenkinder waren in der Gegend als die Reichen bekannt.
Mein Freund Walter hatte die Aufgabe, sich um das geistliche Wohl dieser Kinder zu kümmern. Er war erstaunt über die gute Qualität und die riesige Menge an Geschenken, die gegeben wurden. Einmal sah er, wie eine Ladung hochwertiger Sportkleidung entladen wurde. Die Trikots hatten die entsprechenden Nummern für die ganze Mannschaft aufgedruckt. Die jungen Männer freuten sich sehr. Fotos wurden geschossen und sie zeigten der Gemeinde in den USA strahlende Gesichter. Aber die Freude auf den Gesichtern hatte einen anderen Grund als den, den wir uns gerne vorstellen würden. Diese jungen Beschenkten wussten, dass die Sporttrikots auf dem Markt Höchstpreise erzielen würden. Sie selbst hatten schon mehr als genug Kleidung. Die Amerikaner verschenken gerne Kleidung.
Einige Stunden später sah Walter dieselben Trikots auf dem Markt zum Verkauf. Die Jungen kamen mit Bargeld zurück zum Waisenhaus. Am Abend sah Walter genau diese jungen Männer, wie sie das Waisenhaus verließen. Neugierig geworden folgte er ihnen und beobachtete, wie sie sich einem Lastwagen aus der Stadt näherten, beladen mit einer anderen Art von „Weihnachtsgeschenken“. Auf dem Laster waren etliche junge Frauen. Die Jungen konnten sich diese Prostituierten dank der Großzügigkeit der amerikanischen Gemeinden leisten!
Walters Herz war gebrochen. Er liebte die Jungen. Diese Sünden wurden ihnen durch die Gaben finanziert, durch die gut gemeinte aber mit Unwissen verbundene Großzügigkeit der Gemeinden.
Darf ich eine noch traurigere Geschichte erzählen?
Einige Männer unserer Gemeinde hörten vom Wirken Gottes unter den Ärmsten der Armen in Hütten am Rand von Mexiko City. Inmitten von Dächern aus Plastikplanen und Blechwänden kamen viele zum Glauben. Eine Gemeinde von einigen hundert Menschen war in kurzer Zeit entstanden.
Die Gemeinde traf sich im Freien, und der Pastor lebte unter Plastikplanen wie der Rest seiner Gemeinde.
Aber in der amerikanischen Gemeinde dachten sie: „Eine Gemeinde sollte sich nicht so treffen müssen. Ein Pastor, ein Mann Gottes, sollte nicht so leben müssen. Wir Amerikaner können das lösen. Wir stellen ein Arbeitsteam zusammen, ein Bauteam, und dann bauen wir ihnen ein Gemeindehaus und eine kleine Wohnung für den Pastor und seine Familie. Das wäre prima.“
Und so wurde es gemacht.
Die Gemeinde war fertig, und zwar „fix und fertig“. Sie wurde zerstört. Unsere gut gemeinte und großzügige Liebestat untergrub alles, was dort geschehen war. Ein Jahr später war nur noch eine Handvoll Christen in dieser Gemeinde, die vor der gut gemeinten, großzügigen Hilfe so floriert hatte. Aber wie kann das sein? Das ist unverständlich.
Niemand zweifelt an der Großzügigkeit und den guten Absichten der amerikanischen Geschwister. Sie hatten große Summen gegeben und viel Arbeit auf sich genommen. Ist etwas Gutes dabei herausgekommen? Natürlich wurden die Herzen der Amerikaner verändert. Sie sind aus ihrem egoistischen Alltag ausgebrochen, und haben gelernt zu geben. Das ist ein großer Segen. Aber hat es den Einheimischen geholfen? Die hilfsbereiten Männer aus dem Team fragten mich um Rat um zu verstehen, was da passiert war. Am Anfang verstand ich es auch nicht, weil ich die Macht des Reichtums nicht kannte. Die zerstörerische Kraft von Geld ist real. Die Männer waren so großzügig. Sie waren bereit zu dienen. So viel harte Arbeit. So eine Katastrophe! Jakobus drückte es so aus: „Das meine Brüder, sollte nicht so sein.“ (Jak 3,10).
Aber wie kann eine Gemeinde daran zerbrechen, dass Männer aus Amerika kommen, die großzügig von ihrer Zeit und ihrem Geld geben, und ein Gemeindehaus und eine kleine Wohnung für den mexikanischen Pastor bauen?
Zuerst einmal bekam der Pastor dadurch einen anderen Lebensstandard, höher als bei den Leuten, denen er diente. Das schuf eine künstliche Ungleichheit.
Zweitens war das Gebäude nicht auf einheimischen Boden gewachsen. Die Mexikaner hatten dafür nichts gegeben, nichts gearbeitet, sie hatten nicht einmal eine Vision dafür. Es hatte nichts mit ihnen zu tun. Es war ganz und gar etwas Amerikanisches. Die Einheimischen fragten sich: „Wessen Gemeinde ist das überhaupt?“
Drittens wurde der Pastor nun als Marionette der Amerikaner gesehen. Er war den Reichen zu Füßen gefallen. Man hatte den Eindruck, er hatte das gemacht um voranzukommen, dass er sich verkauft hatte und nun verpflichtet wäre, amerikanische Methoden und Sitten einzuführen, um amerikanisches Geld zu bekommen. Er gehörte nicht länger zu ihnen sondern zu den Fremden. Die Gemeinde war eine Gemeinde der Fremden geworden. Sie war in allen Aspekten fremd und anders.
Diese gedeihende Gemeinde in der dritten Welt wurde zerrissen – und die Ursachen waren Großzügigkeit und gute Absichten. Diese großzügigen Männer haben einen Fehler gemacht. Sie haben aber daraus gelernt und sie geben weiterhin, jetzt aber auf eine Weise, die wirklich hilft. Wir sollten alle von ihnen lernen.
Ja, das sind Horrorgeschichten. Ich selbst habe geholfen, solche Geschichten zu schreiben. Ich höre so etwas immer wieder, dieselbe Geschichte, das nächste Kapitel. Auf diese Weise habe ich von vielen tragischen Ereignissen gehört. Ich weine. Ich frage mich, ob das irgendwann aufhören wird. Und das Wichtigste: Ich frage mich, wie ich mich verändern kann.
So begann meine Suche nach einer neuen Großzügigkeit und sie ist noch nicht abgeschlossen. Es hat Jahre gekostet, diese „schädliche Großzügigkeit“ zu begreifen und zu überdenken. Das Ergebnis zwang mich, mich zu ändern und anderen dabei zu helfen, sich auch zu ändern. Und so wurde dieses Buch geschrieben.
Aber es geht darin nicht nur darum, den materiellen und geistlichen Schaden einzudämmen, der durch fehlgeleitetes Geben entstanden ist. Es geht darum, wie wir unser Geld einsetzen können, dass daraus bleibender Segen entsteht zur Ehre und zum Lob Gottes.
Wir sind alle aufgerufen großzügig zu sein, aber wir sollen auch weise sein, wenn wir geben – nicht unwissend oder fehlgeleitet. Wenn es darum geht, die Auswirkung unserer Großzügigkeit auf andere zu verstehen, sollten wir nicht unwissend bleiben. Das wäre nicht nur faul oder schädlich, es wäre einfach verkehrt.
Unser Geben und unsere Großzügigkeit beeinflussen einzelne Menschen und ganze Kulturen. Es ist von großer Bedeutung, in welche Richtung dieser Einfluss geht. Wenn wir weiter in diesem gegenwärtigen Zustand bewusster Unwissenheit bleiben, ist das eigentlich nicht zu entschuldigen.
Warum werden wir eigentlich zum großzügigen Geben aufgefordert?
Wir kennen alle den Segen für den Geber, wenn wir großzügig sind. Aber ich muss mir ernsthaft die Frage stellen: Soll mein Geben denn nicht auch andere – die Empfänger – segnen, nicht nur mich? Großartige Bücher wurden geschrieben, die zeigen, warum wir großzügig sein müssen um selbst gesegnet zu werden. Aber ist das „echte Großzügigkeit“, wenn sie sich tatsächlich schädlich auf die Empfänger auswirkt?
Ich habe mit vielen großzügigen Gläubigen gesprochen, die enttäuscht waren und manchmal sogar zynisch wurden, wenn sie wenig Frucht aus ihren großzügigen Gaben sahen. Und ich habe mit anderen gesprochen, die durch Gaben zerstört worden sind, die sie bekommen hatten.
Unser Geben sollte etwas bewirken, und zwar zum Guten und für die Ewigkeit. Wir dürfen uns nicht mit dem reichen Segen zufrieden geben, den wir als Geber empfangen. Die Gaben sollen ein echter und ewiger Segen sein für die, die sie empfangen. Dazu müssen wir den wirklichen Wert des Geldes verstehen und wie es entweder eine Hilfe oder ein Hindernis für die sein kann, denen wir geben. Es kommt darauf an, wie wir geben.
Es kommt darauf an, wie wir geben
„Wozu doch Geld in der Hand eines Toren, um Weisheit zu kaufen, da ihm doch der Verstand fehlt?“ (Spr 17,16)
Erster Tag
Zwei sehr großzügige Männer kamen an eine Brücke. Der eine Mann schaute nach links hinab und sah einen dürren Mann in Lumpen, der verzweifelt immer wieder in den Fluss nach etwas griff. Der großzügige Mann rechts schaute nach rechts hinunter und sah fast die gleiche Szene. Ein ausgehungerter Mann, in Fetzen gekleidet, griff immer wieder in das Wasser, schlug darauf und manchmal versank er sogar für einige Sekunden darin.
Der großzügige Mann links kletterte zum Ufer hinab und fragte den armen Kerl: „Was machst du da?“. – „Ich bin arm und muss meine Frau und die Kinder versorgen. Ich versuche einige Fische für sie zu fangen.“ – „Mit bloßen Händen wirst du nie was erwischen! Hier sind 20 Dollar. Kauf deiner Familie was zu essen.“
Der Arme hatte noch nie im Leben so viel Geld gesehen. „Vielen Dank! Du bist der freundlichste Mensch, dem ich je begegnet bin.“ Er umarmte den großzügigen Mann. Dann eilte er zum Markt und kaufte für seine Familie ein Essen wie nie zuvor. Ein Fest. An diesem Abend lebten sie wie Könige, weil der Mann so großzügig gewesen war.
Der großzügige Mann rechts kletterte hinunter ans Ufer zu dem Armen auf seiner Seite. Auch er fragte nach und erhielt dieselbe Antwort: „Ich bin ein armer Mann und muss meine Familie ernähren ….“
Als dieser großzügige Mann das hörte, bat er den Armen, dort zu warten. Er kletterte die Böschung hinauf und ging in die Stadt. Bald kam er mit einer Angel zurück. Er setzte sich neben den Mann, und verbrachte die nächsten paar Stunden damit, ihm das Angeln beizubringen. Bald hatte der Arme ein paar Fische gefangen.
Nach einem freudigen „Danke!“ des Armen kehrte der großzügige Mann heim.
Zweiter Tag
Am nächsten Tag kamen die beiden großzügigen Männer um dieselbe Zeit zu derselben Brücke. Der Mann links schaute hinab und sah denselben Mann, der versuchte, mit bloßen Händen Fische zu fangen. Wie am Tag vorher gab er ihm 20 Dollar.
Der Mann rechts schaute rechts hinunter und sah denselben Mann wie am Tag vorher, aber es war anders. Er saß mit seiner Angelrute am Ufer und hatte bereits einige Fische gefangen. Der großzügige Mann unterhielt sich mit seinem neuen Freund, gab ihm ein paar Tipps und ging den Fluss entlang, um noch anderen zu helfen.
Dritter Tag
Für den großzügigen Mann auf der linken Seite war es fast derselbe Anblick. Aber statt einem Mann sah er zwei, die am Ufer saßen und nicht einmal versuchten, Fische zu fangen. Sie schauten umher als ob sie erwarteten, dass jemand kommt und ihnen hilft. Der großzügige Mann gab beiden 20 Dollar. Sie bedankten sich und gingen.
Der großzügige Mann auf der Rechten ging weiter den Fluss entlang, verschenkte eine weitere Angel und brachte einem weiteren Mann bei, wie man fischt.
Vierter Tag
Der großzügige Mann links musste nicht mal zum Ufer hinabschauen. Am Straßenrand standen vier Männer mit nassen Händen. Sie berichteten ihm, dass sie versucht hatten, Fische zu fangen – aber ohne Erfolg. Noch einmal gab der großzügige Mann jedem eine Gabe und sie machten sich davon.
Der großzügige Mann rechts ging weiter am Fluss entlang um jemandem das Fischen beizubringen, aber diesmal nahm er den Mann mit, den er am ersten Tag getroffen hatte und überließ ihm das Anleiten.
Fünfter Tag
Der großzügige Mann links konnte nicht mal aus seinem Haus herauskommen. Eine Menge von Männern hatte sich vor seiner Tür versammelt und berichtete ihm, dass sie an diesem Tag einfach nichts fangen konnten. Plötzlich fühlte sich dieser sehr großzügige Mann das erste Mal in seinem Leben überhaupt nicht großzügig.
Der großzügige Mann rechts blieb an diesem Tag in der Stadt und brachte mehreren Leuten bei, wie sie Köder binden und Angeln herstellen konnten. Sie saßen da mit gespannten Gesichtern und lernten ein Handwerk, das ihnen helfen würde ihre Familien zu versorgen. Als dieser Mann auf die zufriedenen Gesichter schaute, fühlte er sich wirklich sehr großzügig.
Beide Männer werden für ihr großzügiges Geben und für ihre Absicht zu helfen belohnt werden. Aber nur einer von ihnen wird für seine Weisheit und für seine guten Werke belohnt werden.