Gemeinde & Mission

Lektionen über Buße (Lukas 13,1–9)

von Gooding David

(Dies ist ein Auszug aus dem Kommentar zum Lukasevangelium von David W. Gooding. Dieses Buch soll beim CLV erscheinen.)

Die erste Lektion über Buße beantwortet die Frage, wie wir Grausamkeiten von der Art interpretieren sollen, die Pilatus an einigen Galiläern beging (13,1.2); und wie sollen wir Unfälle wie jenen verstehen, der einige Leute in Siloam wegraffte (13,4)? Da die Zeitgenossen Christi wie viele andere nach ihnen an Gottes Vorsehung glaubten, vermuteten sie, dass die Opfer dieser Grausamkeiten und Katastrophen besonders schlimme Sünden begangen haben mussten. Diese Sünden waren geheim geblieben, jetzt aber seien sie ans Licht gekommen durch dieses Leid, welches Gott über sie hatte kommen lassen. Christus sagte, dass diese Interpretation falsch sei.

Der heutige Humanist stellt fest, dass Grausamkeiten und Katastrophen oft über gute Leute hereinbrechen während Schurken davonkommen, und er folgert daraus, dass diese offenkundige Ungerechtigkeit beweise, dass es keinen Gott gibt. Auch diese Interpretation ist falsch.
Gott lässt gewisse Grausamkeiten und Katastrophen als zeitliche Strafe für besonders schwere Sünden über Einzelne oder ganze Nationen kommen. Aber nicht alle Grausamkeiten und Katastrophen dürfen als Gottes Strafe für bestimmte Sünden angesehen werden. Um aus diesen Ereignissen die richtige Lehre zu ziehen, müssen wir von einer ganz anderen Seite herangehen. Wir sind alle Sünder. Wenn wir uns mit anderen vergleichen, werden wir oft große und echte Unterschiede feststellen. Es sind jedoch lediglich graduelle Unterschiede. Sie ändern nichts an der Tatsache, dass wir alle gegenüber Gottes Forderungen kläglich versagen. Wir sind alle schuldig und ohne Entschuldigung. Wir haben alle unser Leben verwirkt (siehe Röm 1,18-20; 2,1; 3,19). Das Erstaunliche ist nicht, dass Gott es zulässt, dass einige Menschen Grausamkeiten und Unfälle erleiden müssen, sondern dass überhaupt jemand verschont wird. Es ist gewiss und Christus bezeugt es zweimal, dass wir alle umkommen, wenn wir nicht Buße tun. Wir werden nicht notwendigerweise durch ein irdisches Unglück oder eine Grausamkeit gerichtet, aber gewiss und auf ewig durch den Zorn des allmächtigen Gottes. Die Tatsache, dass wir noch nicht umgekommen sind, beweist nicht etwa, dass wir besser wären als andere, die durch ein Unglück oder eine Grausamkeit in die Ewigkeit weggerafft worden sind. Der Grund ist ein ganz anderer, wie die zweite Lektion dieses Abschnitts lehrt.

Die zweite Lektion (13,6–9) kommt in Gestalt eines Gleichnisses. Da war ein Feigenbaum, an dem der Besitzer drei Jahre hintereinander Frucht suchte. Da er nichts fand, befahl er ihn zu fällen; aber der Gärtner bat um ein weiteres Jahr Aufschub, in welchem er versuchen wollte, dem Baum zum Fruchttragen zu verhelfen. Sollte er danach noch immer keine Frucht tragen, könne der Besitzer ihn fällen lassen. Man konnte nicht verlangen, dass er länger als noch ein Jahr warte.
Es ist nicht ganz klar, wie viele der Einzelheiten im Gleichnis eine allegorische Bedeutung haben; drei Lektionen leuchten jedoch klar hervor: Erstens sagt Christus seinen Zeitgenossen, dass Gott sie nicht endlos schonen werde, wenn sie weiterhin keine Frucht brächten, die Gott gefällt. Zweitens sollten wir auf den Unterschied zwischen dem achten, was Christus hier sagte, und dem, was Johannes der Täufer seinerzeit gesagt hatte (siehe Lukas 3,9). Johannes verwendete die gleiche Bildersprache und sagte dem Volk, dass die Axt schon an die Wurzel der Bäume gelegt sei. Sie wartete nur auf den Befehl des Besitzers, dann würde der Gärtner die Axt nehmen und die nutzlosen Bäume fällen. Aber als Christus das vorliegende Gleichnis sprach, hatte der Besitzer den Befehl längst erteilt. Er hatte drei Jahre (die Zeit des öffentlichen Dienstes des Herrn?) auf die Frucht der Buße gewartet, aber da er keine fand, hatte er den Befehl gegeben, den Feigenbaum zu fällen. Der Baum wäre auch schon gefällt worden, hätte der Gärtner nicht beim Besitzer um Aufschub gebeten, um mit einem letzten Versuch doch noch die erwartete Frucht von dem Baum zu bekommen. Die Zeitgenossen Christi lebten auf geborgte Zeit; wir tun das auch (siehe 2. Petr 3,9–12). Wir betrügen uns selbst, wenn wir denken, der Urteilsspruch des letzten Gerichts gegen die Unbußfertigen und Ungläubigen sei noch unsicher. Der Urteilsspruch ist längst ergangen (siehe Röm 3,19). Wir müssen Buße tun, sonst kommen wir um.
Drittens hatten die Zeitgenossen Christi – wie auch wir – den Aufschub nicht damit verdient, dass sie etwas Gutes an sich hatten, und schon gar nicht wegen irgendeiner moralischen Überlegenheit gegenüber anderen Menschen, die sie für schlimme Sünder hielten. Sie verdankten den Aufschub des Gerichts der Fürsprache Christi, wenn wir das Gleichnis so verstehen dürfen. Gewiss hatten wir in Lukas 12,49–53 gesehen, dass er mit göttlicher Ungeduld darauf wartete, das Feuer auf die Erde zu werfen und das endgültige Gericht auszuführen. Hier sehen wir die andere Seite seines Charakters: Dieser gleiche Jesus bittet in seinem göttlichen Erbarmen für das Volk um Aufschub des Urteils, damit die Menschen noch einmal Zeit und Gelegenheit bekämen, Buße zu tun und gerettet zu werden.