Christus, der Erstling der zukünftigen Wiederherstellung (zu Apg 1,1-5)
(Auszug aus dem Kommentar zur Apostelgeschichte, der bei CLV erscheinen soll.)
Jesus lebte tatsächlich! Es ist für uns nicht möglich nachzuempfinden, wie groß die trunkene Freude und die überwältigende Ehrfurcht war, die diese Entdeckung auslöste; aber wir können zumindest die Beweise beachten, welche die Apostel von der Wirklichkeit der Auferstehung überzeugten.
Da waren zunächst die Erscheinungen des Herrn, die er den Jüngern von Zeit zu Zeit innerhalb einer Dauer von 40 Tagen wiederholt schenkte. Es war also nicht nur ein einziges Mal passiert, dass der Herr erschien, sondern es geschah in regelmäßiger Folge, bis die Auferstehung fast normal geworden war, obwohl sie doch ein aufwühlendes und alle Normen bisheriger Lebenserfahrung sprengendes Ereignis war (Apg 1,3). Dabei zeigte der Herr, was es bedeutet, ein auferstandener Mensch zu sein.
Was ist ein auferstandener Mensch?
Die Apostel hatten so etwas noch nie zuvor gesehen, weshalb sie, als er zum ersten Mal plötzlich im Obersaal in ihre Mitte trat, dachten, er sei ein Geist (Lk 24,36–39). Sie bekamen Angst.
Christus demonstrierte, dass er nicht ein körperloser Geist war. Sein Leib lag nicht mehr im Grab: Er stand vor ihnen. Kein Teil von ihm war tot. Er war vollständig und ganz lebendig als ein vollständiger Mensch. Er hatte den Tod nicht überstanden; er hatte den Tod überwunden. Der Leib, der vor seinem Tod ein unveräußerlicher Bestandteil seiner Persönlichkeit gewesen war, war nicht zurückgelassen, sondern auferweckt, nicht ersetzt, sondern verherrlicht worden.
Er bat sie seine Hände und Füße zu untersuchen und zu sehen, dass sie noch immer die Wundmale von Golgatha trugen (Joh 20,27). Sie zeigten, dass er der gleiche leibliche Jesus von Nazareth war, der gekreuzigt worden war. Aber noch mehr galt es zu erkennen: „Seht meine Hände und meine Füße, dass ich es selbst bin; betastet mich und seht, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr seht, dass ich habe.“ (Lk 24,38–40). Er zeigte sich ihnen damit als der gleiche Jesus, den sie zuvor gekannt hatten. Er lehrte sie eine grundlegende Wahrheit über den Menschen. Er leugnete nicht, dass Seele und Geist des Menschen den Tod überleben; vielmehr ließ er sie verstehen, dass der Mensch, nachdem er gestorben ist, wieder einen materiellen, greifbaren Leib bekommen muss um weiterhin er selbst zu sein. Es handelt sich nicht um einen beliebigen Leib, sondern um den gleichen Leib, den er zuvor gehabt hatte, doch neu zusammengefügt und verherrlicht. Das und nichts weniger meint Lukas, wenn er in Apg 1,3 sagt, Jesus habe sich den Zwölf „lebend“ gezeigt.
Diese Demonstrationen versorgten die Apostel nicht mit exotischen und damit belanglosen Informationen über das Jenseits. Der heilige Leib, der vor ihnen stand, war der Erstling und das Muster der großen Wiederherstellung aller Dinge, und diese sollten sie nun als das Herzstück ihrer Botschaft aller Welt predigen. Eines Tages soll die ganze Schöpfung wiederhergestellt werden. Eines Tages wird jeder Gläubige einen verherrlichten Leib haben wie den auferweckten Leib des Herrn. Im Menschen Jesus hat Gottes gewaltiger Prozess der Wiederherstellung des Universums bereits begonnen. Die Apostel sollten hinausgehen und diese Wiederherstellung predigen, und zwar nicht als eine bloße Theorie, sondern als eine Gewissheit, von der sie ein erstes Exemplar mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Händen betastet hatten. Und dann demonstrierte der Herr noch etwas.
Was kann ein auferstandener Mensch?
Sein Auferstehungsleib war nicht nur selbst gegenständlich, sondern er konnte, wenn er wollte, unsere gegenständliche Welt berühren und auf sie einwirken, und zwar die Welt, wie sie jetzt ist, und nicht erst, wie sie einst sein wird. Er musste nicht warten, bis die Welt umgestaltet und vollendet wäre, bevor er sie besuchen und auf sie einwirken konnte. Er bat um etwas zu essen; sie reichten ihm gebratenen Fisch, und er ließ sie zuschauen, während er davon aß.1 Dieser Anblick prägte sich für immer in ihr Gedächtnis ein und legte fest, was sie meinten, wann immer sie von seiner Auferstehung sprachen. Hören wir Petrus, wie er etwa ein Jahr später zu Cornelius von der Realität der Auferstehung spricht: „Und wir sind Zeugen alles dessen“, sagt er, und fährt fort: „die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er aus den Toten auferstanden war.“ (Apg 10,39-41).
Die fortgesetzten Demonstrationen lehrten die Apostel, dass der Leib Jesu nicht in jeder Hinsicht gleich war wie zuvor. Er war verwandelt worden und gehörte bereits zur jenseitigen Welt und damit zu einer neuen Ordnung. Er konnte unsere Welt besuchen, sie an einem beliebigen Punkt betreten, an ihren Ereignissen teilnehmen und sie sofort wieder verlassen. Es war das, was der Apostel Paulus später einen „geistlichen Leib“ nennen sollte (1. Kor 15,44).2
Es wäre sinnlos darüber zu spekulieren, nach welchen mechanischen oder physikalischen Grundsätzen der Auferstehungsleib funktioniert. Ebenso wäre es unwissenschaftlich zu behaupten, „die Wissenschaft“ habe geurteilt, die ganze Sache sei unmöglich. Wahre Wissenschaft will das Normale beschreiben und verstehen. Es ist Sache der Geschichte festzustellen, ob eine Sache, die abnorm und für die Wissenschaft noch unerklärlich ist, tatsächlich geschehen sei oder nicht. Die Wissenschaft ist nicht allwissend; sie vermag nicht einmal alles zu erklären, was sie beobachten kann. Darum kann sie nicht von vornherein eine solche Möglichkeit ausschließen. Wenn die Geschichte überwältigenden Beweise dafür geliefert hat, dass mit der Auferstehung Christi Gottes erlösende und neuschaffende Macht in die regelmäßigen Abläufe unserer gefallenen Welt eingebrochen ist, dann wird echte Wissenschaft ihre Weltsicht entsprechend anpassen und das in ihre Analysen einbeziehen.
Aber zurück zu unserem Resümee: Das wiederholte Kommen und Weggehen Christi bestätigte zwei weitere Grundwahrheiten des Evangeliums. Erstens markierte sein Weggehen nicht einen unumkehrbaren Prozess; denn er konnte wieder kommen. Zweitens war es, als er wiederkam, der gleiche gegenständliche Leib. Als der Herr in den Himmel auffuhr, hörten sie die Worte der Engel: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird so kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel.“ (Apg 1,11). Damit waren sie schon vorbereitet worden, dass der Herr leiblich wiederkehren werde. Als die Apostel danach die Wiederkunft Christi als einen Grundbestandteil des Evangeliums predigten (z. B. in Apg 3,20), versuchten sie nicht das Unbeschreibbare zu beschreiben, indem sie apokalyptische Begriffe verwendeten, die man zuerst entschlüsseln musste, ehe vernünftige Menschen sie auch nur annähernd begreifen konnten. Sie kündigten vielmehr in schlichten Worten an, dass Christus ebenso buchstäblich in unsere Welt zurückkehren werde, wie er wiederholt während der vierzig Tage zu ihnen gekommen war. Er werde in unvorstellbar größerer Pracht erscheinen, und nicht nur einem kleinen Personenkreis, sondern für die ganze Welt gleichzeitig und sichtbar (Offb 1,7), aber bei alledem in einem gegenständlichen Leib.
1 Man beachte, wie ausdrücklich gesagt wird, dass Christus mit den Aposteln aß, als er ihnen die Anweisungen zu ihrem Predigtdienst gab (Lk 24,41–43), und wie es auch im Resümee von Apg 1,4 heißt, dass er zusammen mit ihnen aß, wobei das entsprechende synalizomenos (mit kurzem -a) wahrscheinlich die ursprüngliche Lesart ist, und nicht synalizomenos, Medium von synalizo (mit langem -a, das „versammelt mit“ bedeutet), noch auch synaulizomenos („bleibend mit“).
2 Man hat argumentiert, Paulus widerspreche den Aussagen der Evangelien, nach denen der Auferstehungsleib Christi materiell war, wenn er diesen einen geistlichen Leib nennt. Das Argument ist falsch und beruht auf einem falschen Verständnis dessen, was Paulus unter „geistlich“ versteht. Eine ausführliche Erörterung des Problems findet sich bei William Lane Craig: „The Bodily Resurrection of Jesus“ in: R. R France und David Wenham (Hrsg.), The Gospel Perspectives, Bd. 1 (Sheffield: JSOT Press, 1980), S. 47–74.
Welche Vorstellungen vom Reich Gottes hatten sie?
Dann gab es noch einen schlagenden Beweis, der die Apostel von der Realität der Auferstehung überzeugte. Jesus erschien ihnen nicht nur während einer Zeitspanne von vierzig Tagen, sondern er sprach zu ihnen auch über das Reich Gottes (Apg 1,3). Ihr Leben lang haben sie die Unterredungen nicht vergessen, in denen er ihre falschen Vorstellungen vom Reich Gottes zurechtrückte; denn wegen dieser Vorstellungen waren sie an ihrem Glauben verzweifelt, als sie mitansehen mussten, wie Jesus gekreuzigt wurde.
Was sie am Reich Gottes besonders interessierte, war selbstverständlich nicht einfach die Herrschaft und Vorsehung Gottes, welche die Welt regiert. In diesem Sinn hatten sie immer an das Reich Gottes geglaubt, nämlich dass Gott ununterbrochen über allem regiert. Obwohl unsichtbar, konnte es jederzeit an irgendeinem Punkt eingreifen und einen bösen Pharao oder einen hochmütigen Nebukadnezar niederwerfen. Das Problem war, dass das Reich Gottes in diesem Sinn dem Bösen noch immer Zeit und Raum zum ungehinderten Wirken in der Welt beließ.
Nein, was sie brennend interessierte, war das Kommen des Reiches Gottes durch den Messias, der kommen sollte, um sein Reich hier auf der Erde aufzurichten. Sie kannten die entsprechenden Weissagungen aus dem Alten Testament, und sie verstanden, dass beim Kommen des Reiches des Messias nicht lediglich der eine oder andere König wie Pharao oder Belsazar gerichtet werden sollten. Alles Böse würde dann für immer entmachtet werden. Alle Regierungen und Reiche würden dann zerstört werden oder aufhören, und der Messias würde persönlich und sichtbar sein weltumspannendes Reich aufrichten (Dan 7). Diese Hoffnung war in ihrem Denken fest verankert, als sie zur Überzeugung gekommen waren, dass Jesus von Nazareth der Messias ist. Daher interessierten sie sich naturgemäß vor allem für den Zeitplan, nach dem er sein Reich aufrichten würde. Wann würde es geschehen?
Wann wird das Reich Gottes aufgerichtet werden?
Als unser Herr das letzte Mal nach Jerusalem zog, waren die Jünger gewiss, dass das Reich Gottes im messianischen Sinn nun erscheinen müsse (Lk 19,11–27). Er sagte ihnen, dass es nicht so kommen werde, aber sie hörten ihm nicht zu. Er sagte, er müsse zuerst „weggehen“, in „ein fernes“ Land, in den Himmel. Erst bei seiner Wiederkehr würde er zuerst seine Diener für ihre treue Arbeit während der Wartezeit belohnen und dann würde er alle seine Feinde bezwingen und sein Reich aufrichten. Aber seine Worte fielen auf taube Ohren, mit dem Ergebnis, dass sie, als sie ihn am Kreuz hängen sahen, fast den Glauben verloren (Lk 24,18–21).
Sie würden nie vergessen, auf welche Weise und zu welchem Zeitpunkt und durch wen ihr Glaube wiederhergestellt worden war. Es geschah nicht dadurch, dass sie sich schließlich dazu durchringen konnten, dass der Glaube an Gott den Menschengeist nach jeder Katastrophe wieder aufrichten könne. Es geschah nicht einmal durch den Bericht, dass Jesus wieder lebe (Lk 24,1–11). Es geschah, indem sie dem auferstandenen Herrn begegneten und ihn persönlich hörten, wie er aus jedem Buch des Alten Testaments die Aussagen erläuterte über die von Gott festgelegte Abfolge von Geschehnissen, die zur Aufrichtung des messianischen Reiches führen sollten: Der Messias musste zuerst leiden, und erst danach sollte er in seine Herrlichkeit eingehen (Lk 24,26).
Das Leiden lag nun hinter ihm. Der Herr war auferstanden. Bald würden sie ihn auffahren und in jenes ferne Land eingehen sehen. Was würde das nächste Ereignis im göttlichen Programm zur Wiederherstellung aller Dinge sein? „Die Taufe mit dem Heiligen Geist“, sagte er (Apg 1,5). Aber was war das?
Was ist die Taufe mit dem Heiligen Geist?
Mit dem Kommen des Heiligen Geistes zu Pfingsten geschah etwas, das es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hatte. Wie die Christen erst später erkannten (1. Kor 12,12.13), wurde damit ein Leib gebildet, der zuvor nirgends im Universum je existiert hatte: der Leib Christi.
Die Apostelgeschichte hilft uns die unermessliche Bedeutung dieses Geschehens zu verstehen: Erstens, indem sie die Ankündigung vom Kommen des Geistes festgehalten hat und dazu die Anweisungen an die Apostel, Jerusalem nicht zu verlassen, bis er gekommen sei; zweitens, indem sie die Beschreibung Christi festgehalten hat, was das Geschehen war, das sie zu erwarten hatten. Er befahl: „Wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir gehört habt.“ (Apg 1,4). Hätte er lediglich gesagt „die Verheißung des Vaters“, hätte sich das auf die alttestamentlichen Abschnitte beziehen können, in denen Gott die Ausgießung seines Geistes verheißen hatte (z. B. Joel 3,1.2; vgl. Apg 2,16–18). Aber indem er die Worte „die ihr von mir gehört habt“ hinzufügte, verwies er auf seine eigenen Belehrungen zu diesem Thema. Diese hatte er den Jüngern am Vorabend seines Leidens gegeben, nämlich in den von Johannes überlieferten Abschiedsreden.3
In den Abschiedsreden hatte Christus vier Mal vom „Kommen“ des Heiligen Geistes gesprochen (Joh 15,26; 16,7.8 zwei Mal; 16,13), wobei er einmal sogar sagte, dass er weggehen müsse, damit der Heilige Geist kommen könne (16,7). Jetzt stand er vor ihnen, auferstanden aus den Toten und bereit, in Kürze „wegzugehen“, und erinnert die Apostel an die Verheißung, dass der Heilige Geist bald „kommen“ werde.
Aber in welchem Sinn sollte er „kommen“? Der Heilige Geist war seit jeher in der Welt am Wirken gewesen, indem er Knechte und Krieger Gottes mit Kraft ausgerüstet hatte. Wie konnte Christus sagen, der Heilige Geist werde nicht „kommen“, es sei denn, er gehe weg? Was bedeutete dieses offenkundig andersartige und bisher nie dagewesene „Kommen“? Eine Analogie kann unserem Verständnis helfen. Als unser Herr nach Bethlehem kam, war das nicht das erste Mal, dass die zweite Person der Dreieinigkeit die Erde besuchte.
Die zahlreichen Theophanien in der alttestamentlichen Geschichte waren Erscheinungen des Sohnes Gottes vor seiner Menschwerdung.4 Aber das Kommen nach Bethlehem, als das Wort für immer Fleisch wurde, gehört einer ganz anderen Kategorie an als die zahlreichen Gelegenheiten seines „Kommens“ vor der Menschwerdung. Ebenso sollte das Kommen des Heiligen Geistes zu Pfingsten zu einer ganz anderen Kategorie gehören als die zahlreichen Fälle, bei denen er in alttestamentlicher Zeit auf verschiedene Menschen kam. Denn zu Pfingsten würde er kommen um für immer im Leib Christi zu wohnen. Eine neue und noch nie dagewesene Epoche des Wirkens Gottes auf der Erde sollte anbrechen. Die Menschwerdung war etwas, das in den Annalen dieser Schöpfung noch nie vorgekommen war. Auch Golgatha war einmalig: Noch nie hatte die Erde gesehen, wie ihr Schöpfer an ein Kreuz genagelt wurde. Die Auferstehung war ein erstmaliges Geschehen in der Geschichte der Kinder Adams. Und der Himmel hatte nie zuvor erfahren, was er mit dem Eingehen des Menschen Christus Jesus in die Gegenwart Gottes erfahren sollte. Was als Ergebnis dieses Geschehens möglich gemacht wurde, war daher nicht lediglich die Verstärkung eines Sachverhaltes, mit dem man bereits vertraut war; vielmehr sollte etwas geschehen, was zuvor nie geschehen war und nie geschehen konnte: Der Heilige Geist sollte im einzelnen Gläubigen (1. Kor 6,19) und in der Gemeinde (1. Kor 3,16.17) einziehen, um für immer in ihnen zu wohnen.
3 Einige haben die Meinung vertreten, Lukas könne nicht beabsichtigt haben, auf Lehren aus dem Johannesevangelium zu verweisen, sondern nur auf Stoff aus seinem eigenen Evangelium wie z. B. Lk 11,13. Aber Lukas erfindet hier nicht einen Hinweis unseres Herrn auf seine früheren Belehrungen, sondern hält lediglich fest, dass der Herr einen solchen Hinweis machte. Zu jenem Zeitpunkt war das Lukasevangelium noch nicht geschrieben. Und wir können nicht annehmen, der auferstandene Herr habe sich darauf beschränkt, nur auf jenen Teil seiner Lehren zu verweisen, die Lukas später in seinem Evangelium überliefern sollte. Man vergleiche zudem die beiden Bestandteile seiner Anweisungen zu „warten“ („die Verheißung des Vaters“) und „die ihr von mir gehört habt“ mit Joh 14,16.26; 15,26; 16,7.13-15.
Wer vollbringt die Taufe mit Heiligem Geist?
Außerdem unterstrich der Herr die Neuheit der kommenden Epoche, indem er hervorhob, dass ein einmaliges göttliches Wirken sie einleiten würde: „Johannes taufte mit Wasser, ihr aber werdet mit dem Heiligen Geist getauft werden nach nunmehr nicht vielen Tagen.“ (Apg 1,5).
Wir erinnern uns, wie die ganze Nation beim Auftreten des Johannes wie gebannt auf ihn geblickt hatte. Seine Stimme hatte das Jahrhunderte dauernde Schweigen Gottes gebrochen: Endlich war wieder ein von Gott gesandter Prophet aufgestanden, die verheißene „Stimme eines Rufenden in der Wüste“, der Vorläufer, der das lange erwartete Kommen des Messias ankündigte (Jes 40,3; Lk 3,1–6). Nach den Worten des Herrn war Johannes der größte aller Menschen (Lk 7,28). Und doch erkannte Johannes, dass zwischen ihm und Jesus ein unermesslicher Unterschied war. Johannes konnte lediglich auf das Lamm Gottes zeigen; Jesus aber war jenes Lamm. Johannes konnte das bald zu erwartende Opfer für die Sünde der Welt ankündigen; Jesus aber brachte dieses Opfer. Johannes konnte von Vergebung predigen; Jesus hatte die Macht Vergebung zu gewähren. Johannes konnte Buße einfordern und den Bußfertigen im Wasser taufen. Aber er hatte nach seinem eigenen Eingeständnis nicht die Macht den Bußfertigen mit dem Heiligen Geist zu taufen, um so den Menschen mit Gott zu vereinen. Aber der Herr Jesus konnte das, und jetzt sollte er es bald tun. Als er es zu Pfingsten tat, tat er etwas, das kein noch so heiliger und geehrter Mensch seit Grundlegung der Welt je getan hatte. Mit Pfingsten sollte eine neue Epoche beginnen: Gottes Heilswerk sollte auf eine neue, höhere Ebene gehoben werden.
4 siehe z. B. 1. Mo 32,24–39; Ri 13,15–23; 2. Mo 14,19 und 1. Kor 10,4.
Warum kam der Geist gerade zu Pfingsten?
Schließlich markierte der Herr die Natur der kommenden Epoche mit der Ankündigung, dass die Jünger innerhalb weniger Tage mit dem Heiligen Geist getauft werden sollten, und indem er sie nachher bis zum Pfingsttag warten ließ. Das zeigt zumindest, dass die Wahl des Pfingsttages für das Kommen des Heiligen Geistes bewusst getroffen wurde. Aber was bedeutete diese Wahl? Möglichst viel Publizität wäre eine mögliche Antwort, war doch das Pfingstfest eines der größten religiösen Feste des Jahres. Wenn es Gottes Absicht war, das Kommen des Heiligen Geistes durch das Sprachenwunder möglichst weit herum bekannt zu machen, dann war Pfingsten der geeignete Tag, weil dann die Stadt voll war von Besuchern aus fremden Ländern, die jene Sprachen kannten. Aber Publizität war nicht der einzige Grund. Nehmen wir die Analogie eines anderen großen Festes der Juden, des Passah. Die jährliche Feier war eine Erinnerung an die Erlösung Israels aus Ägypten, ein historisches Geschehen, das für sich seine Bedeutung hatte. Das Passah war also nicht eine Prophetie, die auf ihre Erfüllung wartete in der Weise, wie das bei Vorhersagen der Fall ist. Aber die auf die erste Passahnacht folgende Geschichte zeigte, dass das Passah ein Muster größerer Dinge war. Unmittelbar vor seinem Leiden sagte der Herr Jesus, dass mit seinem Sterben das Passah „erfüllt“ (Lk 22,15.16) werden sollte. Wer geistliches Verständnis hatte, begriff etwas später, dass der Tod Jesu während des Passahfestes kein Zufall war. Er geschah gemäß Gottes vorher gefassten Ratschlusses, der vor Grundlegung der Welt verordnet hatte, dass Christus als unser Passah geschlachtet werden sollte (1. Kor 5,7), um uns so von einer Sklaverei zu befreien, die unendlich bitterer war als der Sklavendienst in Ägypten.
Pfingsten war zunächst eine von zwei landwirtschaftlichen Feiern, welche den Beginn der ersten Ernte im Jahr markierte. Bevor der Weizen ganz ausgereift war, wurde eine Garbe als Erstlingsfrucht Gott dargebracht (3. Mo 23,9–11). Fünfzig Tage danach (d. h. zu Pfingsten) machte man aus dem ersten Mehl, das man aus der neuen Ernte gemahlen hatte, zwei Brote und brachte sie Gott dar (3. Mo 23,15–17). Die Erntezeit ist in jeder landwirtschaftlichen Gesellschaft eine freudige Sache. In Israel war die Freude sowohl ganz natürlich als auch heilig. Sie glaubten, dass Gott ihnen das Land als Erbe gegeben hatte; diese Ernte war das Einsammeln des Segens, den Gott mit dem Land verheißen hatte. Später im Jahr kamen die Weinlese und die Ernte anderer Früchte; diese wurden in anderen Festen ebenfalls gefeiert. Aber nichts kam an die Freude der beiden ersten Erntefeste heran; denn jetzt wich die Zeit des Mangels und Kälte des Winters dem freudigen Genuss der ersten Früchte der ersten Ernte des Jahres. Israel hatte diese landwirtschaftlichen Feste während Jahrhunderten gefeiert, doch in dem Jahr, in dem Jesus aus dem Grab auferstand, gab es Größeres zu feiern. Seine Auferstehung bedeutete das Ende eines weit schrecklicheren Winters, und sein verherrlichter Leib war die Erstlingsgarbe einer viel gewaltigeren Ernte (1. Kor 15,23). Fünfzig Tage nach der Auferstehung, am Tag von Pfingsten, kam der Heilige Geist als der Erstling eines größeren Erbes, ein Vorgeschmack und ein Unterpfand der endgültigen Wiederherstellung der ganzen Schöpfung (Röm 8,18–23; 2. Kor 5,1–5; Eph1,13.14). Die Frische und die Freude darüber durchwehen den ganzen Bericht des Lukas.