Gemeinde & Mission

Christus, unser Weg und unser Vorbild

von Gooding David

(Auszug aus dem Buch „In der Schule Christi“ von David W. Gooding. Es handelt sich dabei um eine Auslegung zu Johannes 13 bis 17; dieses Buch soll 2013 bei CLV erscheinen.)

 Christus ist der einzige Weg zum Vater. Wir brauchen auch keinen anderen, denn Christus ist der vollkommene und ausreichende Weg zum Vater. Das ist er, weil er die vollkommene Offenbarung des Vaters ist. Er sagt zu Thomas: „Wenn ihr mich erkannt hättet, würdet ihr auch meinen Vater erkannt haben; und von jetzt an erkennt ihr ihn und habt ihn gesehen.“ (Joh 14,7)

An dieser Stelle unterbricht Philippus mit einem seiner Meinung nach guten Gedanken: „Ich denke, Herr, es wäre für uns leichter zu verstehen und die Angelegenheit wäre ein für alle Mal erledigt, wenn du uns jetzt hier den Vater zeigen würdest. Das würde ausreichen.“ (siehe Joh 14,8)

Philippus dachte scheinbar daran, den Vater in einer physischen Weise zu sehen oder durch eine unmittelbare ekstatische Vision. Außerdem meinte er wohl, dass alle Zweifel zerstreut würden, wenn jemand den Vater so zu sehen bekäme. Vielleicht sind wir gelegentlich derselben Meinung. Für uns scheint es oft eine Belastung, immer alles im Glauben annehmen zu müssen ohne Gott mit eigenen Augen zu sehen. Ihn zu sehen ist nach unserer Vorstellung der größte und überzeugendste Beweis für seine Existenz. Wir würden gerne denselben Vorschlag wie Philippus machen, wenn wir uns trauen würden. Viele Philosophen und Mystiker haben im Lauf der Jahrhunderte behauptet, dass solch eine direkte Vision Gottes in diesem Leben für uns möglich ist. Laut ihren Aussagen könnten wir sie erreichen, wenn wir uns durch verschiedene strenge geistige und psychologische Methoden vorbereiten.

Der heidnische, griechische Philosoph Plotin (205-269/270 n. Chr.) beteuerte seinen Jüngern beispielsweise, dass Gott (oder „der Eine“, wie Plotin ihn nannte) absolut unerkennbar ist. Trotzdem war es durch passende geistige und psychologische Methoden möglich, zu einer ekstatischen unmittelbaren Vision des „Einen“ zu gelangen, in der das Selbst mit dem „Einen“ eins wird. Bestimmte Formen des Hinduismus behaupten dasselbe. Leider geschah es über die Jahrhunderte immer wieder, dass Christen versucht wurden und dachten durch das Befolgen solcher philosophischen Grundsätze und psychologischen Methoden über das hinauszugelangen, was Christus uns von Gott offenbart. Sie meinen, sie gelangen zu einem Gott, der absolut nicht erkennbar ist, haben eine unmittelbare Vision dieses unerkennbaren Gottes und genießen ekstatische Gemeinschaft mit ihm.

All diesen faszinierenden, aber dennoch trügerischen Behauptungen steht Christi unmissverständliche Erklärung entgegen: „Niemand kommt zum Vater als nur durch mich“. (Joh 14,6) Auf unserer Suche nach Gott sollten wir niemals über Christus hinausgehen oder etwas über den Vater annehmen, das Christus uns nicht sagt oder sagen kann. Das ist auch nicht notwendig, denn Christus gibt Philippus folgende Antwort: „So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen, [und] wie sagst du: Zeige uns den Vater?“  (Joh 14, 9). Christus ist das „Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kolosser 1,15). Er ist die „Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens“ (Hebräer 1,3). „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht.“ (Johannes 1,18).

Christi Antwort muss einen Ausdruck der Ungläubigkeit oder des Unverständnisses auf dem Gesicht des Philippus hinterlassen haben, denn der Herr fährt fort: „Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst aus; der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke. Glaubt mir, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist; wenn aber nicht, so glaubt [mir] um der Werke selbst willen.“ (Joh 14,10.11)

Das muss ein wunderbarer Augenblick an diesem wunderbaren Abend gewesen sein. Thomas und Philippus hatten gedacht, Gott sei weit weg im Himmel. Aber nun erkannten sie, dass der Vater in der Person Jesu ihnen sozusagen am Tisch gegenüber saß. Sie hatten den ganzen Abend den Worten Jesu gelauscht und über deren Gnade und Wunder gestaunt, dabei waren es die ganze Zeit die Worte des Vaters gewesen. Während sie Jesus zuhörten, betrachteten sie sein Gesicht und den Ausdruck der Liebe, des Zuspruchs und der Trauer. Sie haben tatsächlich das Licht der Kenntnis der göttlichen Herrlichkeit im Gesicht Jesu Christi gesehen. Johannes lag in Jesu Schoß und die Liebe, die er bei jedem Herzschlag spürte, war die Liebe Gottes. War das wirklich Gott, der vor kurzem zu ihren Füßen gekniet hatte und sie gewaschen hatte? War Gott so? Ja, ganz genau: „Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst aus; der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke. Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ So ist Gott. Gewiss haben die Apostel dort im Obersaal nicht die äußerliche Herrlichkeit von Gott und Christus gesehen, wie Johannes sie später in der Offenbarung auf Patmos sehen durfte (siehe Offenbarung), und wie Gottes Volk sie eines Tages sehen wird. Aber sie haben das Herz und den Sinn, das Wesen und die Gesinnung, die Worte und Werke in vollem Ausmaß gesehen. Christus hatte ihnen den Vater gebracht. Sie werden in Ewigkeit keinen Unterschied im Herzen Gottes feststellen können zu dem, was Christus ihnen offenbart hat, auch wenn sie im Himmel die volle Herrlichkeit Gottes erblicken werden. Dank sei Gott für Jesus Christus, seinen Sohn! Wie unendlich höher ist er gegenüber jenen Philosophen und Mystikern, die nur die (trügerische) Hoffnung in Aussicht stellen können, einen völlig unerkennbaren und unfassbaren Gott zu sehen, wenn man all ihren Theorien und psychologischen Methoden gefolgt ist.

Christus – unser Vorbild

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe. Und um was irgend ihr bitten werdet in meinem Namen, das werde ich tun, damit der Vater verherrlicht werde in dem Sohn. Wenn ihr um etwas bitten werdet in meinem Namen, werde ich es tun.“ (Johannes 14,12-14)

Es gibt noch eine weitere Bedeutung, wie Christus für uns der Weg zum Vater ist. Er hat uns nicht nur den Vater gezeigt, der in ihm wohnt, indem er die Werke tat und die Worte redete, die der Vater durch ihn tat und sprach, sondern wurde in alledem ein Vorbild für uns auf unserer niedrigeren Ebene, wie er nun den Aposteln erklärt.

Um den Punkt klar zu erfassen, wiederholen wir das Vorbild erneut. Als Christus sagte: „Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst aus; der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke“, stellte er sich nicht als Maschine oder Computer ohne Verstand dar, durch die sich der Vater nur äußerte. Es waren tatsächlich die Worte und Werke des Vaters. Sie hatten ihren Ursprung im Entschluss und in der Kraft des Vaters. Aber Christus selbst sprach die Worte mit seinen Lippen und tat die Werke mit seinen Händen, ganz bewusst.

 „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue.“ Mit diesen Worten meinte Christus, dass der Gläubige selbst die Werke tun wird. Der Gläubige wird nicht eine Maschine sein, die nur von Christus verwendet wird. Dennoch wird es gleichzeitig Christus sein, der diese Werke in und durch den Gläubigen tut. Höre auf die zweifache Bekräftigung: „Und um was irgend ihr (beim Vater) bitten werdet in meinem Namen, das werde ich tun, damit der Vater verherrlicht werde in dem Sohn. Wenn ihr um etwas bitten werdet in meinem Namen, werde ich es tun.“ Mit anderen Worten: Die Beziehung des Gläubigen zu Christus wird so sein wie die zwischen Christus und dem Vater.

Aber dann fügt Christus etwas Überraschendes hinzu: „Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe.“ Wie ist das Wort „größer“ gemeint? Wie soll es möglich sein, dass es größere Werke gibt als jene, die Christus tat, als er auf der Erde war? Er weckte mehr als einmal Tote auf. Kann irgendetwas größer sein als das?

Um zu verstehen, wie das sein kann, müssen wir genau auf Christi Begründung achten: „größere … weil ich zum Vater gehe“. Als Christus auf der Erde war, konnte er zur selben Zeit nur an einem Ort sein, wie wir bereits festgestellt haben. Auch wenn er über die Entfernung Macht ausüben und Menschen heilen konnte (siehe Joh 4,46-53; Lk 7,2-10), wird uns nicht berichtet, dass er jemals an zwei Orten gleichzeitig gewesen ist. Aber als er zum Vater auffuhr, gab es diese Einschränkung nicht mehr. Denn nun können Tausende von Gläubigen auf der ganzen Welt gleichzeitig im Namen Christi zum Vater beten, und Christus kann die Erhörung ihrer Gebete bewirken, indem er gleichzeitig durch all diese Gläubigen wirkt. Die Werke werden größer sein als jene, die Christus auf der Erde getan hat, größer in der Anzahl.

Aber sie werden auch der Art nach größer sein. Es war etwas Großes, wie Lazarus von den Toten auferweckt zu werden (Joh 11) und für eine Zeit das vorübergehende Geschenk körperlichen Lebens noch einmal zu erhalten (Lazarus starb letztlich wieder). Aber es ist etwas weit Größeres, das unvergängliche Geschenk des Heiligen Geistes zu erhalten und durch ihn in den Leib Christi eingesetzt zu werden (1. Kor 12,13). Hier spricht Christus von der Gabe des Heiligen Geistes, als er noch auf der Erde war. Aber die Heilige Schrift macht deutlich, dass diese Gabe nicht allen gegeben wurde, bis Jesus nach der Himmelfahrt sein Volk zu Pfingsten mit dem Heiligen Geist getauft hat. Deshalb sagte Jesus zur Volksmenge während eines Laubhüttenfestes: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Und der Evangelienschreiber fügt hinzu: „Dies aber sagte er von dem Geist, den die an ihn Glaubenden empfangen sollten; denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.“ (d. h. in den Himmel aufgefahren; Joh 7,38.39, vgl. Apg 1,4.5; 2,2.3).

Nun kann kein Mensch, kein Prediger, nicht einmal ein Apostel jemandem den Heiligen Geist verleihen. Aber seit Pfingsten redet der auferstandene Herr durch seine Diener. Dadurch glauben Menschen und empfangen daraufhin den Heiligen Geist. Petrus erzählt beispielsweise was geschah, als er zu einem römischen Hauptmann gesandt wurde, um ihm und seinen Freunden „Worte, durch die du gerettet werden wirst“ zu predigen. „Als ich aber zu reden begann, fiel der Heilige Geist auf sie, so wie auch auf uns im Anfang. Ich dachte aber an das Wort des Herrn, wie er sagte: Johannes taufte zwar mit Wasser, ihr aber werdet mit Heiligem Geist getauft werden“ (Apg 11,14-16). Wir lesen nirgends, dass so etwas geschah, als Jesus auf der Erde war und predigte. Das ist das „Größere“, das der auferstandene und aufgefahrene Herr seit Pfingsten durch sein Volk wirkt.

Christus gibt uns die Verheißung, dass er alles tun wird, um was wir den Vater oder ihn selbst in seinem Namen bitten. Selbstverständlich muss diese Verheißung im Zusammenhang betrachtet werden. Es gibt keine Garantie, dass wir alles empfangen werden, was wir uns wünschen. Unsere Bitte muss „in seinem Namen“ erfolgen, das heißt, sie muss mit seinem Wesen, seinen Absichten und Belangen übereinstimmen. Wenn Christus das tut um was wir bitten, wird es immer mit dem Ziel sein, dass „der Vater verherrlicht werde in dem Sohn“ (14,13). Aus einem anderen Grund wird er nicht handeln.

Aber diese Einschränkungen sind keine Beschränkung des Wunders, das Christus uns hier lehrt. Denke nur daran, was für eine unbeschreibliche Herrlichkeit es ist, dass der Vater und der Sohn schwache Gefäße sterblichen Tons wie uns reinigen und heiligen, und dann mit unserer Beteiligung durch uns wirken, um ihre Herrlichkeit zu zeigen. Der Apostel Paulus drückt es später so aus: „Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als Herrn, uns selbst aber als eure Knechte um Jesu willen. Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die Überfülle der Kraft sei Gottes und nicht aus uns“ (2. Kor 4,5-7).