Das Buch der Sprüche
Titel des englischen Originals: «Proverbs, a Devotional Commentary»
Wir wollen gleich zur Sache kommen: Das Schlüsselwort dieses Buches lautet „Weisheit“. 54-mal kommt es in diesem Text vor, und im Verlauf des Buches wird klar, dass Weisheit nicht nur eine Eigenschaft, sondern auch eine Person ist. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass der Herr Jesus Christus, der Sohn Gottes, die Weisheit ist.
Viele Jahrhunderte nachdem Salomon das Buch der Sprüche verfasst hatte, ging unser Herr mit zwei Jüngern zu einem Ort namens Emmaus. Während sie unterwegs waren, „erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn selbst betraf“ (Lk 24,27). Als er zu den Sprüchen kam, waren die zahlreichen Beschreibungen der Weisheit eine wunderbare Erklärungshilfe. Er bezog sie auf sich selbst. Wir können es heute genauso machen. Überall in diesem Buch können wir den Herrn finden.
Der Schlüsselvers ist Sprüche 1,7: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung.“ Auch Sprüche 9,10 stimmt dem zu: „Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang; und Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.“ Um die Furcht des Herrn oder den Mangel daran geht es auch in den folgenden Versen der Sprüche: 1,29; 2,5; 8,13; 10,27; 14,26; 14,27; 15,16; 15,33; 16,6; 19,23 und 23,17.
Das Buch der Sprüche behandelt ausführlich zwei unterschiedliche Charaktere: den Weisen und den Narren. Der weise Mensch vertraut auf den Herrn. Im Sprachgebrauch des Neuen Testaments ist der Weise ein wiedergeborener Gläubiger. Dies bedeutet nicht, dass er sämtliche Tugenden besitzt, die in den Sprüchen genannt werden. Es heißt aber, dass er prinzipiell nach Heiligkeit strebt. Er gehorcht zum Beispiel seinen Eltern, umgibt sich mit anständigen Freunden und vermeidet die große Sünde unserer Zeit, die Unmoral.
Der Narr hingegen glaubt nicht an den Herrn. Wir würden heute sagen, er ist nicht wiedergeboren. Dies bedeutet nicht, dass er all der Sünden schuldig ist, die einem Narren in den Sprichworten zugeschrieben werden. Es heißt vielmehr, dass sein Leben von der Sünde bestimmt wird.
Falls es dir etwas hart erscheint, Ungläubige als Narren zu bezeichnen, bedenke bitte Folgendes: Gott bietet jedem das Heil umsonst an. Es ist vollkommen kostenlos. Keinerlei gute Werke sind notwendig, um es zu bekommen. Es ist völlig risikolos. Man kann alles gewinnen und nichts verlieren. Wie sollte man nun jemanden bezeichnen, der ein solches Geschenk ablehnt?
Du wirst hier, im Buch der Sprüche, noch weitere interessante Menschen treffen. Da ist der liebende Vater, der seinem Sohn wertvolle Ratschläge gibt. Zwei markante Frauen tauchen auf: die ideale Ehefrau und die unmoralische Sünderin. Es ist von guten Freunden die Rede und von Zeitgenossen, die man lieber meiden sollte. Fähige Herrscher werden beschrieben und solche, die man getrost vergessen kann. Dieses Buch spiegelt die menschliche Gesellschaft zu jeder beliebigen Zeit wider.
Viele Sprichworte, in denen Narren beschrieben werden, enden mit deren Tod. Es hört sich fast an, als würden Narren immer prompt mit dem Tode bestraft. Das ist natürlich im wirklichen Leben nicht so. Vielmehr ist hier gemeint, dass ein Narr kein ewiges Leben besitzt und in Ewigkeit von Gott getrennt sein wird, falls er seine Sünden nicht bereut, Buße tut und den Herrn als seinen Retter annimmt.
Viele Sprichworte sind zwar allgemein gültige Aussagen, doch es kann durchaus Ausnahmen von der Regel geben.
Viele Sprüche werden mehrfach wiederholt. Dies geschieht zweifellos, um sie besonders zu betonen.
Im Buch der Sprüche erscheinen die Anforderungen an das moralische Verhalten nicht ganz so hoch wie im Neuen Testament. Das Alte Testament lehrt uns, nicht zu stehlen (2. Mo 20,15). Das Neue Testament geht wesentlich weiter: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen das Gute, damit er dem Bedürftigen [etwas] zu geben habe.“ (Eph 4,28).
Im Buch der Sprüche wirst du nur wenige der geistlichen Wahrheiten finden, die das Neue Testament offenbart. Hier sind einige der wichtigsten, die du vergeblich suchen wirst: Die Gemeinde als ein Zusammenschluss aller gläubigen Juden und Nichtjuden; Christus als Haupt der Gemeinde; alle Gläubigen als Glieder der Gemeinde; die Gemeinde als Körper und als Braut Christi; das neue Wirken des Heiligen Geistes; die neue Nähe zu Gott, dem Vater; die neue Wahrheit über das Leben nach dem Tod; die Freude der Gemeinde in Christus; die Stellung der Gläubigen in Christus, gerechtfertigt aus Gnade; die Herrschaft Jesu über das Leben der Gläubigen. All diese Wahrheiten wurden erst durch die Apostel und Propheten zur Zeit des Neuen Testaments offenbart.
Manche Wörter in den hebräischen Originalschriften sind unklar und nur schwer zu übersetzen. Dadurch lässt sich erklären, dass es manchmal unterschiedliche Bezeichnungen gibt und die Auslegung einzelner Verse oft schwierig ist.
Unter Berücksichtigung dieser Punkte wollen wir jetzt den Text der Sprüche betrachten.
Ein Tipp: Lies doch die Erklärungen am Besten zusammen mit dem Bibeltext. Sie sollen helfen, den Text zu verstehen. Ohne den Bibeltext hängen sie in der Luft.
Der „Zweck“ der Sprüche (1,1-6)
1. Der größte Teil dieses Buches wurde von Salomo verfasst, dem einzigen Sohn Davids, der König in Jerusalem war. Er war einer der weisesten Männer aller Zeiten. Kapitel 30 wird Agur zugeschrieben und Kapitel 31 stammt vermutlich aus der Feder von König Lemuel. Über die beiden letztgenannten Autoren sind keine näheren Informationen verfügbar.
2. Es ist hilfreich, diesem Abschnitt die Worte „Sinn und Zweck dieses Buches“ voranzustellen. König Salomo verwendet hier fünf Verse als Begründung dafür, weshalb er das Buch geschrieben hat.
Gleich am Anfang nimmt er den Grundgedanken auf: Das Wort „Weisheit“ beschreibt an dieser Stelle die Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen und sich so zu verhalten, dass durch jede Handlung Gott verherrlicht wird, die Mitmenschen gesegnet werden und man selbst ein gottgefälliges Leben führt. Die Weisheit lehrt uns, Tugenden zu kultivieren und Sünden zu unterlassen.
3. Das Wort „Unterweisung“ legt nahe, dass es einen Lehrer gibt. Der Lehrer der Gläubigen ist der Heilige Geist. Er benutzt Salomo, Agur und Lemuel, um Anweisungen zu geben, die es zu befolgen gilt.
Dieses Buch wurde verfasst, um den Leser zu lehren, was gerecht, wahr und anständig ist – unvoreingenommen und für jedermann gültig.
4. Es lehrt unverständige Menschen, klug zu handeln, indem sie ihre Fähigkeiten und ihr Urteilsvermögen einsetzen; junge Männer erhalten Ratschläge, die ihnen dabei helfen, gute Entscheidungen zu treffen.
5. Einen weisen Mann erkennt man daran, dass er sich gern unterweisen lässt und so an Weisheit und Wissen zunimmt.
6. Die Sprüche Salomos enthalten zahlreiche Rätsel und Verschlüsselungen. Kapitel 11,24 ist ein Beispiel dafür: „Da ist einer, der ausstreut, und er bekommt noch mehr; und einer, der mehr spart, als recht ist, [und es ist] nur zum Mangel.“ Für Menschen, die glauben man werde durch die Anhäufung von Schätzen reich, ist dies nur schwer zu verstehen.
Der Schlüsselvers
7. Dies ist – zusammen mit Kapitel 9, Vers 10 – der Schlüsselvers des Buches der Sprüche. Gewöhnlich denken wir bei dem Begriff „Furcht des Herrn“ daran, dass wir durch ihn bestraft werden. Doch das ist nicht der Anfang der Erkenntnis. Furcht des Herrn bedeutet hier:
- im Vertrauen auf ihn der eigenen Errettung gewiss zu sein
- die Herrschaft über das eigene Leben an ihn zu übergeben
- seinem Wort zu gehorchen
- ihn anzubeten
- zu ihm zu beten
- ein Leben in Heiligkeit zu führen
- Angst zu haben, ihm zu missfallen.
Kurz gesagt: Die Furcht des Herrn bedeutet, ein Leben in ehrfürchtiger Jüngerschaft zu führen.
Narren verachten ein Leben in Weisheit.
Meide schlechte Gesellschaft (1,8-19)
8. Die Verse 8-19 sind an meinen Sohn gerichtet. Sie zeigen den elterlichen Wunsch, dass der Sohn ein gutes Leben haben und seinen Eltern Ehre machen möge. In der schlichten Bezeichnung mein Sohn spiegeln sich große Emotionen wider. Liebe, Hoffnung, Freude und elterlicher Stolz klingen aus diesen Worten. Diese beiden Worte flüstert der Vater, wenn er seinen neugeborenen Sohn zum ersten Mal in den Armen hält. Er ruft sie bewundernd aus, wenn der Sohn die ersten Schritte tut und die ersten Worte spricht. Die Freude des Vaters wird noch größer, wenn der Sohn sich eines Tages zu Christus bekehrt, sich taufen lässt und seinen Platz in der Gemeinschaft der Gemeinde einnimmt. Trifft der Sohn dann weiter Entscheidungen, die auf dem Wort Gottes begründet sind, so ist die Freude des Vaters vollkommen. Der Sohn fürchtet den Herrn und widmet Jesus Christus in Demut sein Leben.
H. A. Ironside erklärt den Zweck der Sprüche so: „Gott wird diejenigen erretten, die sich an das halten, was der Schreiber der Sprüche (…) aus seinen leidvollen Erfahrungen heraus aufgeschrieben hat.“
9. Befolgen junge Menschen die weise Lehre ihrer Eltern, so werden sie eine Persönlichkeit entwickeln, die von moralischer Schönheit (anmutiger Kranz) und Ehre (Geschmeide) gekennzeichnet ist. Ein weiser Mensch ist immer auch ein ehrenhafter Mensch.
10. In den folgenden Versen warnt Salomon vor dem verhängnisvollen Fehler, sich die falschen Freunde zu suchen. Häufig wird sündigen Menschen eine gewisse Bewunderung entgegengebracht, da diese auf den ersten Blick erfolgreich und glücklich erscheinen (siehe Psalm 37 und 73). Salomon sagt nicht, dass auf jede Rebellion im Kleinen zwangsläufig der Tod als Verbrecher folgt. Doch er zeigt eine mögliche Kettenreaktion auf, die mit dem Ungehorsam den Eltern gegenüber beginnt, und danach über die Wahl schlechter Gesellschaft und einen sündigen Lebenswandel zum Tod führen kann. Beachte, dass der Vater die Ermahnung keine falschen Freunde zu wählen gleich an den Anfang seiner Ratschläge stellt, um die Wichtigkeit dieses Punktes zu betonen. Hier ist ein zeitgemäßes Beispiel dafür, wohin der falsche Umgang einen jungen Menschen führen kann:
Steves Eltern bemerkten, dass ihr Sohn sich in sehr zweifelhafte Gesellschaft begeben hat. Er begann, seine Kleidung, seinen Haarschnitt und auch seine Ausdrucksweise diesen neuen Freunden anzupassen. Seine schulischen Leistungen verschlechterten sich, und es dauerte nicht lange, da begann Steve, regelmäßig die Schule zu schwänzen. War er daheim, so schloss er sich meistens in seinem Zimmer ein. Er wurde immer unzugänglicher und aufsässiger. Seine Eltern ließen nichts unversucht, um ihn wieder in die Familie zu integrieren, doch Steve zog sich weiter zurück. Auf ihre Güte antwortete er mit Undankbarkeit und Unfreundlichkeit. Egal, wie sehr sie ihn ermahnten oder warnten – es interessierte ihn nicht im Geringsten. Seine Mutter und sein Vater waren verzweifelt. Sie wollten nicht wahrhaben, was sie schon seit Längerem befürchteten. Als seine Mutter eines Tages Steves Zimmer aufräumte, fand sie eine Wasserpfeife und anderes Drogen-Zubehör. Nun hatten sie den schrecklichen Beweis: Ihr Sohn war drogensüchtig. Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, hatte Steve angefangen zu stehlen. Als dies nicht mehr ausreichte, begann er zu dealen. Das Ende kam abrupt mit einem Anruf von der Polizei: Steve war an einer Überdosis gestorben; die Eltern wurden zur Identifizierung ins Leichenschauhaus gebeten.
11. Auch hier geht es dem Vater um die Wahl des Umgangs. Falsche Freunde drängen einen jungen Mann, sich ihnen anzuschließen. Ihr Timing ist perfekt, denn der Jugendliche ist in einem Alter, in dem man gern „dazugehören“ und von seinen Altersgenossen akzeptiert werden möchte. Deshalb ist sein Verlangen groß, trotz elterlicher Warnungen ein Mitglied der Gruppe zu werden. Geködert wird er vom Reiz der Gewalt, den spannenden Heimlichkeiten und dem Nervenkitzel der Macht.
Die Bande verschweigt nicht, dass auch Mord auf dem Programm steht. Der Jugendliche weiß also, dass er zum Mörder werden könnte.
12. Ihre unschuldigen Opfer werden in den Scheol und in die Grube hinabfahren. Scheol könnte hier das Grab oder den leblosen Zustand an sich bezeichnen; die Grube ist der Ort der Toten. Beide Ausdrücke verdeutlichen die unklaren und verworrenen Vorstellungen der Menschen zur damaligen Zeit. Sie hatten ein sehr beschränktes und unklares Bild davon, was nach dem Tod geschehen würde. Heute wissen wir darüber genau Bescheid, durch „Jesus Christus, der den Tod zunichte gemacht, aber Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium“ (2.Tim 1,10).
13. Hier wird versprochen, dass man schnell und mühelos zu Geld kommen wird. Die Bande ist überzeugt davon, Unmengen an kostbaren Gütern zu erbeuten.
14. Der Wunsch des jungen Mannes nach „Zugehörigkeit“ wird noch verstärkt durch das Versprechen, eine gemeinsame Kasse zu haben. Doch beachte, dass noch immer kein Wort über Festnahme, Gerichtsverfahren, Verurteilung, Gefängnis und mögliche Todesstrafe gefallen ist.
15. Der Vater rät seinem Sohn, sich von diesen Bösewichten und ihren schändlichen Absichten fern zu halten. Es ist wichtig für junge Menschen, ihre Freunde mit Weisheit auszuwählen.
16. Denn sobald sich der junge Mann zu den falschen Freunden gesellt, wird er schnell in Verbrechen und in das Vergießen von unschuldigem Blut verwickelt werden. Beachte die Wortwahl laufen und eilen. Es geht schnell. Dem Nachdenken über die Konsequenzen wird keine Zeit eingeräumt.
17. Diese Bösewichte haben keine Zeit, ihre Taten sorgfältig zu überdenken. Nicht einmal ein Vogel würde in ein Netz fliegen, wenn er die Gefahr darin erkennen könnte.
18. Doch diese Männer stürmen voran, angetrieben von ihrer Gier nach Geld, und bedenken nicht, dass ihre Verbrechen sie ins Gefängnis oder gar auf den Friedhof bringen können. Eine dumme Person wird manchmal als Spatzenhirn bezeichnet. Das ist eine Beleidigung der Spatzen, denn sie würden niemals absichtlich in ein Netz fliegen, das sie das Leben kosten könnte. Spatzen sind klüger als diese Gesetzesbrecher, die keine Einsicht zeigen, obwohl sie die Gefahr kennen. „Ich habe keine Angst!“, verkünden sie. Doch das sollten sie.
19. Dies ist das typische Verhalten von Sündern, die sich unrechtmäßig bereichern. Sie zerstören nicht nur das Leben ihrer unschuldigen Opfer, sondern auch ihr eigenes. Wenn junge Männer die elterlichen Ermahnungen in den Wind schlagen und als Kriminelle enden, werden die Eltern oft gefragt, wie das passieren konnte. Eine häufige Antwort ist: „Er ist in schlechte Gesellschaft geraten.“ Doch dies ist keine ausreichende Erklärung. Er wusste, dass es nicht richtig war. Er wusste, dass es riskant war. Warum hat er nicht genug Mut gehabt zu sagen: „Nein danke, ich bin nicht interessiert.“? Wieso fehlte ihm die Einsicht, mit einem alten Liedvers zu antworten:
Ich will nicht mit dir in die Hölle gehn,
Ich will in den Himmel und Jesus sehn.
Anonym