Das Erscheinen der Güte und das Wirken des Geistes
übersetzt von Christian Odenwald (Fortsetzung des Kommentars zum Titusbrief)
„Denn einst waren auch wir unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, dienten mancherlei Begierden und Lüsten, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst, einander hassend. Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Retter-Gottes erschien, rettete er uns, nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes. Den hat er durch Jesus Christus, unseren Retter, reichlich über uns ausgegossen, damit wir, gerechtfertigt durch seine Gnade, Erben nach der Hoffnung des ewigen Lebens würden. Das Wort ist gewiss; und ich will, dass du auf diesen Dingen fest bestehst, damit die, die zum Glauben an Gott gekommen sind, darauf bedacht sind, sich um gute Werke zu bemühen. Dies ist gut und nützlich für die Menschen.“ (Titus 3,3-8)
Zwei Arten von Reinigung
Eine Illustration aus dem Alten Testament mag uns dabei helfen, den Unterschied zwischen der Errettung durch die Bereitstellung des Opfers Christi und der Errettung durch die Wiedergeburt und das erneuernde Werk des Heiligen Geistes zu sehen.
Als Gottes Volk durch die Wüste reiste, gab Gott die Anweisung, ihm die Stiftshütte zu bauen, ein Zelt, einen transportablen Tempel. So konnte er auf ihrer Reise greifbar in ihrer Mitte sein. Gott hatte ihnen außerdem einen Entwurf für bestimmte Gegenstände und die besondere Einrichtung der Stiftshütte gegeben. Er hatte ihnen aufgetragen, diese herzustellen und in der Stiftshütte zu platzieren. Diese Einrichtungsgegenstände hatten eine sehr wichtige symbolische Bedeutung. Sie waren so gestaltet, dass Israel dadurch etwas über Gott lernen sollte. Diese Gegenstände belehrten sie über die Grundlage, auf der sie Gott kennen und mit ihm in Verbindung treten konnten.
Zwei Gegenstände waren im Vorhof der Stiftshütte platziert: Der Opferaltar und das Kupferbecken. Der Altar war – wie es der Name andeutet – der Ort, wo das Blut von Tieren für die Vergebung der Sünden vergossen wurde. Das Kupferbecken enthielt Wasser und diente zur Waschung oder Reinigung der Priester. Wenn Priester offiziell eingeweiht wurden, wurden sie ganz in Wasser aus dem Kupferbecken gebadet. Das passierte einmal im Leben des Priesters, zu Beginn seines Dienstes und musste nie wiederholt werden. Jedes Mal, wenn der Priester danach in die Stiftshütte kam, um Gott zu dienen, musste er zuerst zum Kupferbecken kommen und seine Hände und Füße waschen. Anders gesagt gab es in der Stiftshütte zwei Arten von Reinigung: Reinigung durch Blut und Reinigung durch Wasser.
Das Neue Testament spricht auch von zwei Arten der Reinigung: durch Blut und durch Wasser. Hebräer 9 erklärt, wie das Blut Christi uns reinigt. Es reinigt unser Gewissen von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen. Das Blut Christi reinigt also unser Gewissen. Wenn wir sündigen und Gott uns von unserer Sünde überführt, dann schlägt unser Gewissen an und wir werden an die Strafe für die Sünde erinnert, an den Tod. Was kann unser schlechtes Gewissen reinigen? Das Blut Christi. Das Blut ist das Symbol und der Beweis des Todes Christi. Er bezahlte die Strafe für uns und deshalb kann unser Gewissen vor Gott gereinigt und befreit sein. Er starb für unsere Sünden. Blut reinigt das Gewissen.
Die Reinigung durch Wasser ist etwas anderes. Es geht dabei nicht um die Vergebung der Sünde, sondern um die Umformung des Charakters durch den Heiligen Geist. Im Epheserbrief trägt Paulus den Ehemännern auf, ihre Frauen zu lieben „wie auch der Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, sie reinigend durch das Wasserbad im Wort…“ (Epheser 5,25-26). Wiederum liegt der Fokus nicht auf der Vergebung von Sünden, sondern auf der Umgestaltung des Charakters. Christi Absicht war es nicht nur, der Gemeinde zu vergeben. Er wollte sie auch mit allen ihren Fehlern und Schwächen in eine wunderschöne Braut umgestalten, die „nicht Flecken oder Runzel“ hat (Epheser 5,27).
Flecken und Runzeln sind frustrierende Realitäten des Lebens. Wenn jemand ein Gegenmittel entdecken würde, dann würde diese Person sehr reich werden! Aber Paulus spricht nicht über physische Schönheitsfehler und Mängel. Sie sind Vergleiche für die Fehler und Mängel in unserem Charakter, die um einiges bedenklicher sind. Die Antwort auf diese Makel wird nicht in der Vergebung gefunden – die Antwort liegt in dem, was Paulus als das „Wasserbad im Wort“ bezeichnet.
Wasser und Geist
Paulus bezieht sich hier nicht auf den Gebrauch von tatsächlichem, physischem Wasser, wie z.B. in der Taufe. Es ist vielmehr ein Verweis auf den Heiligen Geist. Paulus spricht über die Wiedergeburt und die Erneuerung durch den Heiligen Geist. Physisches Wasser kann so eine geistliche Veränderung nicht erreichen.
In einer nächtlichen Unterhaltung mit Jesus hat einer der führenden Lehrer in Israel, ein Mann namens Nikodemus, behauptet, nicht zu verstehen, was Jesus mit Wiedergeburt oder „von neuem geboren“ meinte (Johannes 3). Vielleicht hat er es wirklich nicht verstanden, obwohl er als ein herausragender Lehrer in der Lage gewesen sein sollte, sich das zu erklären. Hunderte Jahre zuvor hatte Gott zu Hesekiel gesprochen: „Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein.“ (Hesekiel 36,25-27). Meinte Gott tatsächliches Wasser? Hatte er vor, eine Art Beregnungsanlage zu verwenden, um sein Volk zu reinigen? Natürlich nicht! Sogar in den Tagen Hesekiels war das eine Metapher. Gott hat auch den Wind beschworen zu kommen und neues Leben zu „atmen“. Das war nicht der tatsächliche Wind, sondern der göttliche Hauch, der Wind des Geistes Gottes. Mit anderen Worten war es eine Metapher dafür, dass Israel durch „Wasser und Geist“ wiedergeboren werden würde, und Nikodemus hätte das wissen sollen.
Wasser und Geist beschreiben die beiden Seiten der Wirkung des Geistes. Der Geist überführt uns von unserer Unreinheit und reinigt uns und außerdem, zur gleichen Zeit, gibt er uns neues Leben. Wir brauchen unbedingt beides. Es ist eine Sache, alte Knochen zu reinigen, aber sie zu reinigen bringt kein neues Leben. Wenn du jedoch eine Eichel in ein Grab pflanzt, wird dort neues Leben hervorkommen. Die „Waschung der Wiedergeburt“ beinhaltet sowohl Reinigung als auch das Einpflanzen neuen Lebens. Das ist Gottes Methode, uns zu Menschen mit einem schönen Charakter zu machen. Und es führt zu einer lebenslangen ständigen Erneuerung durch den Heiligen Geist, der sich um die „Flecken und Runzeln“ in unserem Charakter kümmert. Es ist der Geist, der uns neues Leben gibt. Es ist ebenso der Geist, der es zur Entfaltung bringt.
Diese ständige Erneuerung beinhaltet unsere praktische und tägliche Mitarbeit, indem wir dem Geist erlauben, uns die Mängel in unserem Charakter zu zeigen und ihn bitten uns davon zu reinigen und uns Christus ähnlicher zu machen. Es ist nicht genug, nur die Wahrheit zu bewundern, die Paulus lehrt. Wir müssen sie anwenden. Jakobus erinnert uns in seinem Brief daran, dass wir uns selbst betrügen, wenn wir dem Wort nur zuhören und nicht tun, was es sagt. Wir sind dann wie eine Person, die in einen Spiegel schaut und verschiedene Schönheitsfehler wahrnimmt, gegen die dringend etwas unternommen werden muss. Aber dann geht sie weg ohne irgendetwas getan zu haben und vergisst, was sie gesehen hat (Jakobus 1,19-27).
Wir müssen etwas unternehmen. Gott hat uns den Spiegel zur Verfügung gestellt (sein Wort), und ebenso ein Reinigungsmittel (den Heiligen Geist), aber wir müssen mitmachen. Wir werden nicht eines Morgens aufwachen und plötzlich feststellen, dass über Nacht alle unsere Flecken und Runzeln verschwunden sind und wir makellos schön sind! Wir können davon träumen, aber das wird einfach nicht passieren.
Gott hat uns im Titusbrief einen Spiegel gegeben. Wenn wir da hineinschauen, werden uns Dinge auffallen, gegen die wir etwas unternehmen müssen. Beispielsweise werden wir in diesem Kapitel entdecken, dass einer der typischen Mängel der Menschheit eine falsche Einstellung gegen Autorität ist. Wenn wir darüber nachdenken, wird es uns womöglich auffallen, dass wir das gleiche Problem haben. An diesem Punkt können wir ignorieren, was der Geist durch das Wort Gottes aufgedeckt hat. Oder aber wir hören aufmerksam zu, stimmen der Diagnose des Geistes zu und suchen demütig seine Reinigung und seine Kraft, richtig damit umzugehen. Wenn wir uns um die „Flecken und Runzeln“ kümmern wollen, werden wir auf Gott reagieren und mit dem Heiligen Geist kooperieren müssen.
Gemeinschaft mit Christus
In Johannes 13 erhalten wir eine anschauliche Illustration von der Notwendigkeit, mit Gott in diesem Prozess zusammenzuarbeiten. Als die Jünger Jesu gerade das Passahmahl genießen wollten, beobachteten sie fassungslos, wie Jesus vom Tisch aufstand, sich wie ein Haussklave kleidete und sich hinunterbeugte, um ihnen die Füße zu waschen. Petrus protestierte vehement: „Du sollst nie und nimmer meine Füße waschen!“ Jesus antwortete ihm darauf: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir.“ – „Dann, Herr“, antwortete Petrus, „nicht meine Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!“ Jesus antwortete: „Wer gebadet ist, hat nicht nötig, sich zu waschen, ausgenommen die Füße, sondern ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er kannte den, der ihn überlieferte; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.“ (Johannes 13,8-11)
Wir können Petrus´ Protest verstehen – man kann sich nur schwer vorstellen, dass der Sohn Gottes die Aufgabe eines Sklaven tat! (Vielleicht war Petrus auch beschämt, weil er nicht daran gedacht hatte, es selbst zu tun.) Aber dann überraschte Jesus ihn weiter: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir.“[1]
Was meinte Jesus? Natürlich wollte Petrus Gemeinschaft mit Christus haben. Deshalb ging er ins andere Extrem: „Wenn es hier um Gemeinschaft mit dir geht“, sagte er faktisch, „dann wasche mich ganz!“ Aber anscheinend war das nicht notwendig, denn Petrus war bereits ganz gebadet. Alles was er brauchte, war die Waschung seiner Füße.
Dies ist offensichtlich ein vorgespieltes Gleichnis – eine Illustration dessen, was notwendig ist, um Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu genießen. Wir müssen sauber sein. Wir stellen fest, dass es zwei Arten der Reinigung dazu gibt. Klingt das bekannt? Der erste Teil ist das Bad – die vollständige Waschung, die uns rein macht. Wenn das einmal geschehen ist, muss es nicht wiederholt werden. Der zweite Teil ist die ständige Waschung der Füße.
Petrus ist durcheinandergekommen – also gibt es vielleicht auch für uns eine Entschuldigung, wenn wir etwas durcheinanderbringen! Petrus war bereits wirklich gläubig. Petrus war schon „rein“ wie die anderen Jünger – abgesehen von Judas, der Jesus betrog und damit zeigte, dass er niemals ein wahrer Gläubiger gewesen war. Das heißt Petrus war geistlich rein. Jetzt musste er Jesus erlauben, ihm „die Füße zu waschen“, sodass er mit ihm beständige Gemeinschaft genießen konnte. Jesus meinte damit nicht, dass Gemeinschaft mit ihm von einer tatsächlichen Waschung dreckiger Füße abhängig war. Das war ein Gleichnis. Es musste auf geistlicher Ebene angewandt werden.
Er wandte sich noch einmal an Petrus und informierte ihn, dass er, Petrus, Jesus drei Mal verleugnen würde. Petrus protestierte wieder. Das würde nie passieren; alle anderen mochten wegrennen, aber er niemals. Und doch tat er es. Er folgte Christus aus der Ferne und fand sich in unbekannter und möglicherweise feindlicher Umgebung wieder – im Hof des Hauses des Hohepriesters. Er wollte sich einfügen und unbemerkt bleiben. Aber ein junges Mädchen entdeckte ihn und forderte ihn heraus. Dann taten andere das Gleiche. Sein Dialekt verriet, dass er nicht aus Jerusalem war. Unter Druck verleugnete er drei Mal, dass er den Herrn Jesus kannte. Das zeigte eine Schwäche in seinem Charakter. Der Herr wusste die ganze Zeit, dass Petrus diese Schwäche hatte. Er wusste auch, dass diese Schwäche aufgedeckt und behandelt werden musste, wenn Petrus beständige Gemeinschaft mit Christus genießen wollte. Wie könnte Petrus ein wirksamer Zeuge für Christus sein, wenn er in bestimmten Umständen verleugnete, dass er Christus überhaupt kannte?
Unglücklicherweise entschloss sich Petrus zu protestieren und sich selbst zu verteidigen, statt Christi Analyse seiner Schwäche zu akzeptieren und um Hilfe zu bitten. Alle anderen mochten Christus verleugnen und davonrennen, er aber niemals. Er war bereit ins Gefängnis zu gehen und sogar mit Jesus zu sterben. Wir verstehen seine Reaktion vielleicht, denn es ist nicht leicht, eine Schwäche aufgezeigt zu bekommen. Unsere erste Antwort ist oft sie abzustreiten. Aber wenn wir nicht hören wollen, wenn uns der Sohn Gottes im Voraus sagt, dass wir Schwächen haben, dann müssen wir das auf dem harten Weg lernen wie Petrus, durch Versagen im wirklichen Leben. Das war keine angenehme Erfahrung. Und doch wurde er wiederhergestellt. Er erkannte, dass der Herr von seinem Versagen nicht überrascht war – er hatte es sogar vorausgesagt. Er entdeckte außerdem, dass der Herr ihn nicht aufgegeben hatte. Und nicht viel später stand Petrus mutig vor einer Menge in Jerusalem und hielt die erste öffentliche Rede über die frohe Botschaft.
Wenn wir Gemeinschaft mit Christus genießen wollen, dann müssen wir ihn unsere Füße waschen lassen. Statt zu protestieren, wenn ein Fehler in unserem Leben aufgezeigt wird, tun wir gut daran, die Analyse des Heiligen Geistes zu akzeptieren und uns an ihn um Hilfe zu wenden. Wenn wir das tun, müssen wir Furcht überwinden. Die Liebe Gottes gibt uns eine Plattform, die fest und groß genug ist, um darauf zu stehen, das Allerschlimmste über uns zuzugeben und seine erneuernde Kraft zu suchen. Durch seinen Heiligen Geist möchte Jesus immer noch nah zu uns kommen und unsere Füße waschen. Wie erstaunlich, dass er so engagiert ist, uns schön zu machen!
Zusammenfassung bis hierher
In seiner Güte und Gnade hat Gott zwei bedeutende Vorkehrungen für uns getroffen. Die erste ist das sühnende Opfer Christi, wodurch die Schuld unserer Sünde beglichen wird (Reinigung durch Blut). Die zweite Vorkehrung ist, dass Christus außerdem die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen hat, durch den wir gereinigt werden und neues Leben erhalten (Reinigung durch Wasser). Beides passiert in dem Moment, in dem wir Christus vertrauen – es sind zwei Aspekte der gleichen Begegnung mit Jesus, bei der wir gerettet werden.
Das Werk des Heiligen Geistes hat zwei Hauptaspekte. Der erste findet bei der Bekehrung statt, das ist unsere Wiedergeburt. Dabei empfangen wir Reinigung und neues Leben. (Das bedeutet, dass die größte Sache, die getan werden musste, um uns so heilig wie Christus zu machen, bereits getan ist!) Der zweite ist ein lebenslanger Prozess, in dem der Geist in Zusammenarbeit mit uns täglich in unserem Leben durch das Wort Gottes wirkt. Dabei wirkt er an den „Flecken und Runzeln“ in unserem Charakter und verändert uns, dem Herrn Jesus mehr und mehr ähnlich zu werden.
Heiligkeit ist nicht eine von
vielen Möglichkeiten für den Gläubigen. Wir müssen heilig sein. Punkt. Wir
werden in der Wiedergeburt durch die Kraft des Heiligen Geistes heilig gemacht
und dann müssen wir „die Heiligkeit
vollenden in der Furcht Gottes“ (2. Kor 7,1). In Titus 3 spricht Paulus von
Gottes Vorgehen, aus uns bewundernswerte Menschen zu machen.
[1] Manche Übersetzungen drücken das aus mit „kein Teil in mir“. Das ist falsch und irreführend. Das Thema ist hier nicht, ein Teil in Christus zu haben. Das haben wir durch den Glauben bei unserer Bekehrung erhalten und das kann nicht von uns weggenommen werden. Hier geht es darum, Teil mit ihm zu haben, das ist, in einer aktiven und effektiven Gemeinschaft mit ihm zu leben und zu arbeiten.