Gemeinde & Mission

Motivation

von Hendricks Howard G.

Es ist das größte Problem eines Lehrers heutzutage, seine Schüler zu motivieren, um sie zum Handeln zu bewegen. Je länger ich unterrichte, desto mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass der M.Q. eines Menschen — sein Motivations-Quotient — wichtiger als sein I.Q. ist.

Der Unterricht ist am effektivsten, wenn der Lernende richtig motiviert wird. Das Wort richtig soll in dieser Definition hervorgehoben werden, weil es darauf hinweist, dass es auch so etwas wie eine fehlgeleitete Motivation gibt, die verheerende Folgen haben kann.

Eine Form davon bezeichne ich als »Lutscher-Motivation«. „Mein Junge, wenn du dich heute morgen in der Gemeinde benimmst, bekommst du ein Eis.“ Oder: „Wenn du 200 Bibelverse auswendig lernst, darfst du eine Woche aufs Ferienlager.“ Das klingt gut, und diese „Versprechungen“ können Schüler dazu bewegen, etwas Gutes zu tun. Es ist aber möglich, dass dies negative Folgen nach sich zieht.

Eine andere fehlgeleitete Motivation ist das Einreden von Schuld. Auch aus diesem Grund lernen Menschen Bibelverse auswendig: „Ich kann kein guter Christ sein, wenn ich diese Verse nicht auswendig lerne.“ Dies ist in der Tat die gängigste Art der Motivation, die in christlichen Kreisen benutzt wird. Die Schuldgefühle werden immer höher geschraubt, so dass die Leute schön nach der Pfeife tanzen. Sie gehorchen aufs Wort, jedoch aus der falschen Motivation heraus.

Eine weitere Art fehlgeleiteter Motivation beruht auf einer Täuschung — bewusst oder unbewusst angewandt. Wenn ich ihnen erzählte, dass ich ein Erfolgsrezept kenne und Sie davon überzeugte, dass wenn Sie es sofort ausprobierten, es Ihr Leben total revolutionieren würde, würden Sie es wahrscheinlich versuchen, aber nur einmal. Es muss beim ersten Mal funktionieren oder das wäre das letzte Mal, dass Sie mir zugehört hätten.

Deshalb, lieber Freund, hören wir doch auf, den Leuten mehr zu versprechen als ihnen der christliche Glaube verspricht, mehr als ihnen die Schrift verspricht. Sagen Sie nicht: „Wenn du dich zu Christus bekehrst, werden alle deine Probleme gelöst.“ Dadurch werden die Menschen desillusioniert. Sicher, Christus wird ihren Bedürfnissen gerecht werden, aber er orientiert sich nicht an Ihrer „Schrift“ oder an dem von Ihnen festgesetzten Zeitpunkt oder an der von Ihnen bestimmten Art und Weise.

Zwei Ebenen von Motivation

Es gibt zwei Ebenen der Motivation. Die erste ist die extrinsische Motivation – Motivation von außen her. Die zweite ist bedeutender — die intrinsische Motivation, aus eigenem Antrieb. Bei aller extrinsischen Motivation besteht Ihre Aufgabe darin, die intrinsische Motivation auszulösen. Sie wünschten, Sie könnten in einen Schüler hineinkriechen, dort herumstöbern, um den Auslöseknopf zu finden und ihn zu drücken. Aber Sie können es nicht. Sie müssen von außen her arbeiten, damit sich von innen her etwas tut.

Es gibt zu viele Eltern und Lehrer, die meinen, es sei das Hauptziel der Erziehung artige Kinder großzuziehen. Dabei sollte es ihre Aufgabe sein, den Kindern zu einem starken Eigenantrieb zu verhelfen. Es gibt zu viele Menschen um die vierzig, die noch immer brave Jungs und Mädchen sind. Als Lehrer können Sie Menschen helfen, diesen Selbstantrieb zu entwickeln. Die Kinder sollten handeln, nicht weil Sie sie dazu zwingen oder weil Sie sie darum bitten, sondern weil sie selbst sich dazu entschieden haben. Eine der besten Methoden, die Entscheidungsfähigkeit des Lernenden zu fördern, ist, ihm zu helfen sich seiner Bedürfnisse bewusst zu werden.

Ich traf einmal einen Theologiestudenten auf dem Universitätsgelände. Er war auf dem Weg zur Aula, wo er einen evangelistischen Vortrag halten sollte. Er bat mich darum, für ihn zu beten.

„Wofür soll ich beten?“, fragte ich. „Beten Sie, dass sie mir nicht an die Kehle springen“, entgegnete er. Ich sagte ihm, ich würde dafür beten, dass sie genau das tun. Am nächsten Tag sagte er zu mir: „Der Herr hat Ihr Gebet erhört.“ Sie hatten seinen Vortrag in der Luft zerrissen. Aber heute ist er einer der besten Studentenpfarrer in Amerika. Und er erinnert sich an diesen Tag zurück — zu diesem Zeitpunkt begriff er, dass er vieles noch nicht wusste.

Motivation durch Übung

Sie motivieren Menschen, wenn Sie die folgenden vier Übungsschritte vollziehen:

1. Erzählen. In dieser ersten Phase liegt gewöhnlich unsere Stärke. Ich empfehle, den Vortrag schriftlich und auf Band festzuhalten. Die Schüler sollen nicht davon abhängig sein, den Inhalt durch einmaliges Zuhören erfassen zu müssen; bringen Sie ihn in eine Form, anhand derer sie ihn überdenken können. Es wird ihnen helfen zu verstehen.

2. Veranschaulichen. In der nächsten Phase müssen Sie das Gesagte veranschaulichen. Sie sind der Darsteller, strengen Sie sich an. Ihre Schüler sollen Sie wie ein Tier im Zoo beobachten können. Machen Sie es wirklichkeitsgetreu. Veranschaulichung ist das, was Ihre Schüler brauchen.

In diesem Punkt hapert es oft. Hier ein Beispiel: Bei unseren Schulungen für Sonntagsschulmitarbeiter laden wir für die nächste Woche zu einem sehr wichtigen Vortrag über das Thema Geschichtenerzählen ein. Die Mitarbeiter kommen und der Dozent beginnt mit seinem Vortrag: „Geschichten sind sehr wichtig. Jesus erzählte Geschichten. Alle großen Lehrer haben Geschichten erzählt. Es gibt fünf Hauptteile einer Geschichte. Es sind folgende …“ Dann kommt er zum Ende seines Vortrags und gibt Zeit für Fragen. Aber wer sollte schon eine Frage haben? Selbst wenn jemand eine hätte, würde er sie nicht stellen. „Nächste Woche ist wieder eine interessante Mitarbeiterschulung. Ihr seid eingeladen.“ Und kaum einer kommt.

3. und 4. Handeln: unter Aufsicht und ohne Aufsicht.

In der dritten und vierten Phase geht es um das Handeln — jedoch auf verschiedene Weise: zunächst innerhalb von kontrollierten Situationen, dann in unkontrollierten, wirklichen Lebenssituationen. Ich habe noch nie von einem Fernkurs fürs Schwimmen gehört. Nein, man lernt Schwimmen, indem man schwimmt und nicht, indem man Bücher liest oder die Profis beobachtet, wie sie im Becken auf und ab schwimmen. Es geht nicht, ohne selbst dabei nass zu werden.

Ich habe sieben Kurse für persönliche Evangelisation besucht. Ich habe es irgendwann einmal nachgezählt. Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass mir keiner von ihnen auch nur irgendetwas gebracht hat. Bei einem Kurs an der Universität lernten wir eine Liste von Bibelversen auswendig, die auf die Einwände, die die Leute gewöhnlich gegen das Evangelium erheben, abgestimmt waren. Dann schickten sie uns auf die Straße. Der erste Typ, mit dem ich redete, brachte einen Einwand zur Sprache, der nicht auf dieser Liste aufgeführt war. Und ich war aufgeschmissen!

Training durch Verantwortung

Gutes Training beinhaltet außerdem das Übertragen von Verantwortung. Unser Problem in den Gemeinden ist, dass wir das nicht tun. Die Regierung der Vereinigten Staaten gibt Flugzeuge, die viele Millionen Dollar gekostet haben, in die Hände von 19-Jährigen. Aber wenn diese Jugendlichen zu uns in die Gemeinde kommen, lassen wir sie noch nicht einmal die Opfergabe einsammeln!

Waren Sie jemals in einem Gerichtssaal, in dem ein Testament verlesen wird? Der Richter, der es verliest, leiert es herunter, und jeder im Raum schläft fast ein, jeder, außer der Person, die in dem Testament als Begünstigter genannt ist.

Zur Anwendung: Wenn Ihr Schüler sich in Ihrem Unterricht wiederfindet, wenn er sich sogar persönlich durch die Geschichten der Bibel angesprochen fühlt, wird er ganz anders motiviert sein. Einige der besten Motivationskünstler lehren niemals in einem Klassenraum. Sie lassen sich in kein Schema pressen. Das sind Männer und Frauen, die Jüngerschaftsschulung betreiben und das Leben und die Perspektiven der anderen Menschen verändern. Warum? Weil sie bereit sind, sich in das Leben anderer Menschen hineinzuversetzen.

Ich bin überzeugt, dass jeder — ohne Ausnahme — zum Lernen motiviert werden kann. Aber nicht zur gleichen Zeit und nicht durch dieselbe Person und nicht auf die gleiche Weise. Das Timing ist entscheidend. Das Unterrichten ist vergleichbar mit dem Zusammenbau einer Zeitbombe in einem Klassenraum, die zur Explosion zu einem späteren Zeitpunkt und an einem anderen Ort bestimmt ist. Sie müssen daher im Glauben wandeln, um ein guter Lehrer zu sein, und Sie brauchen sehr viel Geduld. Aber sie können nicht jedem Menschen helfen. So verhält sich das bei dem Leib Christi. Sie können Menschen unterrichten, denen ich nicht im geringsten etwas beibringen kann. Und jemand anderes kann anderen etwas beibringen, denen weder Sie noch ich etwas lehren könnten.

Ich hatte das Vorrecht, sowohl Schüler aus der Oberstufe als auch Erwachsene jeden Alters zu unterrichten. Ich habe Karrieremenschen unterrichtet und Menschen, die unterprivilegiert sind. Ich habe Männer- und Frauengruppen unterrichtet. Ich habe Ärzte und Rechtsanwälte unterrichtet, und ich habe Kinder unterrichtet.

Jeder Einzelne in diesen Gruppen bringt unterschiedliche Interessen in den Unterricht ein, die kreativ genutzt werden können. Nehmen Sie zum Beispiel Teenager. „Wir können diese Kinder nicht für das Wort Gottes begeistern“, muss ich mir anhören. Aber das glaube ich nicht. Unser Problem ist, dass wir nicht ausreichend gewillt sind, uns mit unseren schöpferischen Neigungen auf ihre Interessen und Fähigkeiten einzustellen.

Sind Sie motiviert? 

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich einen Menschen motivieren kann. Ich antworte: „Wenn Sie jemandem 20.000 Volt verpassen, wird er sich nicht an Sie wenden und fragen: ,Haben Sie etwas gesagt?´ Nein, er wird sich bewegen.“ Die Schlüsselfrage ist, ob Sie motiviert sind. Denn nur motivierte Menschen können andere Menschen verändern.

In seinem Buch The Crisis in the University erwähnt Sir Walter Moberly den vergeblichen Versuch von Evangelisten, die Universitäten mit dem Evangelium zu durchdringen. Denen, die behaupten Christus nachzufolgen, sagt er: „Wenn ein Zehntel von dem, was Sie glauben, wahr ist, sollten Sie zehnmal so begeistert sein, wie Sie es sind.“ So viele Menschen in unseren Gemeinden hat nie die Leidenschaft ergriffen für die einzige Sache, die es letztendlich wert ist, Leidenschaft zu verursachen. Wenn diese Sache begeistern kann, dann lassen Sie sich begeistern!

Mit freundlicher Genehmigung aus: Bruce Wilkinson, „Wie mach ich’s richtig“, S. 328 – 332, Copyright 1998 by Christliche Verlagsgesellschaft, 35683 Dillenburg.