Das Evangelium und fremde Kulturen(Apg 16,6-40)
aus dem Kommentar zur Apostelgeschichte (Seite 344 – 350), CLV
Es ist eine Tatsache, dass für Millionen von Menschen, vor allem in Asien, das Christentum nach wie vor eine westliche Religion ist, die ihrer Weltanschauung fremd und mit ihrem nationalen Ethos unvereinbar ist. Sie mögen es aus der Ferne respektieren, aber es missfällt ihnen, wenn christliche Missionare versuchen sie zu bekehren.
Sie empfinden dies als eine Beleidigung ihrer eigenen Religionen und Kulturen, als eine unsensible – um nicht zu sagen arrogante – Form des westlichen Imperialismus.
An dieser Reaktion ist die Christenheit zum Teil selbst schuld, da ihre Missionare in der Vergangenheit das Evangelium oft mit den jeweiligen Kirchen oder gar mit den Regierungen ihrer Heimatländer in Verbindung gebracht haben, sodass die Menschen in anderen Ländern verständlicherweise den Eindruck gewonnen haben, das christliche Evangelium sei ein Arm des westlichen Kolonialismus. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass es den Missionaren manchmal nicht gelingt, das von ihnen gepredigte Evangelium von den Merkmalen der westlichen Kultur, von Musik und Architektur, von Gottesdienstformen usw. zu unterscheiden, die sich im Laufe der Jahrhunderte in den Heimatländern der Missionare im Umfeld des Evangeliums herausgebildet haben. Andere Nationen fürchten daher das Christentum als etwas Fremdes, das die Entfaltung ihrer nationalen Wesensart unterdrücken würde.
Diese Fehler sind natürlich weithin anerkannt und werden heute offen zugegeben. Ja, es besteht die Gefahr, dass die Reaktion darauf die Menschen in das Extrem der religiösen Beliebigkeit treibt. Überall wird zunehmend der Eindruck erweckt, dass der Versuch, Andersgläubige zum christlichen Glauben zu bekehren, dem Geist Christi zuwiderlaufe.
Er sei eine bedauerliche Form des religiösen Fundamentalismus, der sich einbilde, dass er – und nur er – die Wahrheit besitze. Das wahrhaft Christliche sei es, alle exklusiven Ansprüche auf die Einzigartigkeit Christi fallen zu lassen und einen wirklich offenen Dialog mit Menschen anderer Religionen zu führen. Das bedeutet, die grundsätzliche Gültigkeit aller großen Religionen anzuerkennen, die Grenzen aller Religionen – einschließlich des Christentums – einzugestehen und sich gemeinsam auf die Suche nach der letzten Wahrheit zu begeben. Nur so kann dieser Argumentation zufolge das Christentum den Respekt der Menschen in Asien und Afrika gewinnen und den bisher gültigen Vorwurf vermeiden, es sei eine westliche Religion, die von dem Wunsch des Westens durchdrungen ist, den Rest der Welt zu beherrschen.
Tatsache ist jedoch Folgendes: Als Paulus und Silas das Evangelium nach Europa brachten, lehnten die allerersten Europäer, denen sie begegneten, dies heftig ab, eben weil das Evangelium ihrem nationalen Ethos widersprach, wie Lukas gleich zeigen wird. Der einzige Unterschied zwischen ihrer Reaktion und der heutigen besteht darin, dass ihre Anklage etwas anders lautete als die modernen Beschuldigungen: Während man heute das Evangelium als Gedankengut aus dem westlichen Kulturkreis ablehnt, wurde es damals als jüdische, mit der eigenen Lebensweise unvereinbare Lehre zurückgewiesen. Hätte Paulus diesen Einwand als triftigen Grund dafür akzeptiert, Menschen anderer Glaubensrichtungen und anderer Kulturen nicht zu Christus zu führen, hätte er seine Bemühungen Europa zu evangelisieren, an Ort und Stelle eingestellt, seine Sachen zusammengesucht und wäre nach Hause zurückgekehrt.
Die Einwohner von Philippi waren stolz auf den Status ihrer Stadt als römische Kolonie und auf ihre eigene Stellung als Römer. Sie waren äußerst aufgebracht, als Paulus und Silas vor Gericht standen, und begründeten dies wie folgt: »Diese Männer, die Juden sind, verwirren ganz und gar unsere Stadt und verkündigen Gebräuche, die anzunehmen oder auszuüben uns nicht erlaubt ist, da wir Römer sind.« (Apg 16,20-21). Der zweite Teil ihrer Anschuldigung war natürlich nicht wahr, wie Lukas später zeigen wird, indem er das vom Prokonsul Gallio in Korinth gefällte Urteil aufzeichnet (18,12-16). Und der erste Teil der Anklage war nur zur Hälfte wahr: Paulus war zwar ein Jude, aber er war auch ein römischer Bürger, der jedem Mann und jeder Frau in Philippi gleichgestellt war, und das galt auch für Silas. Aber weder die Menge noch die Richter gaben ihnen Gelegenheit, diese Tatsache zu erwähnen, oder wenn doch, dann nahmen sie diese nicht zur Kenntnis. Man peitschte sie aus und schleppte sie ins Gefängnis.
Tatsache ist, dass den Römern das Verhalten der Juden im Allgemeinen missfiel, wie wir aus den lebhaften Äußerungen des späteren römischen Satirikers Juvenal erfahren. Er fühlte sich abgestoßen von ihrem (für ihn) barbarischen Ritus der Beschneidung, von der Einhaltung ihres Sabbats und von ihrem unergründlichen Gesetz des Mose, mit dem sie sich von den kulturellen Normen der römischen Gesellschaft abhoben. Er prangerte ihre Weigerung an, die Verehrung anderer Götter neben der Anbetung ihres eigenen Gottes zu akzeptieren; und er hatte nichts als Verachtung für ihre kleinen Gebetshäuser übrig, die versteckt in Seitenstraßen lagen und keinem Vergleich mit den großen und ästhetisch prächtigen Tempeln der römischen Staatsreligion standhielten.
Nun gab es in Philippi vielleicht ein jüdisches »Gebetshaus« (oder zumindest eine Gebetsstätte), wo einige Frauen zusammenkamen, und soweit wir wissen, hatten die örtlichen Bürger sie unbehelligt gelassen, wie es das römische Gesetz verlangte. Doch als Paulus und Silas dem Treiben einer der Wahrsagerinnen der Stadt ein Ende setzten, entlud sich die Wut der Bewohner. In ihrem ethnischen Stolz verletzt, nahmen die Philipper die Missionare – in Missachtung ihres eigenen Gesetzes – in Haft.
Wenn sie ruhiger nachgedacht hätten, wäre den Philippern jedoch klar geworden, dass ethnischer Stolz und nationale Kultur für die Frage, ob die von Paulus und Silas verkündigte Botschaft der Wahrheit entsprach, irrelevant waren. Paulus versuchte nicht, wie die Athener anfangs dachten (17,18), fremde Götter in die einheimische Kultur einzuführen, und er gab auch nicht auf überhebliche Weise seinen eigenen nationalen Göttern den Vorzug gegenüber denjenigen Göttern, die in Philippi verehrt wurden. Vielmehr verkündigte er in erster Linie den einen und einzigen Schöpfer der ganzen Menschheit, der für die Philipper ebenso da war bzw. da ist wie für jedes andere Volk.
Das Judentum glaubte sicherlich an ihn, während keiner der Götter der Philipper behauptete, ein solcher Schöpfer zu sein. Aber der Schöpfer war weder aus den Glaubensvorstellungen der Juden hervorgegangen, noch konnten sie ihn für sich allein beanspruchen. »Oder ist Gott der Gott der Juden allein?«, wie Paulus sagen würde. »Nicht auch der Nationen? Ja, auch der Nationen, denn es ist der eine Gott …«, dessen Heilsbedingungen für alle gleich sein müssen (Röm 3,29-30). Zweitens trat Paulus nicht für das Judentum als Glaubensrichtung ein, sondern predigte Christus als die höchste und letzte Selbstoffenbarung Gottes gegenüber der ganzen Menschheit. Die Glaubenspraxis Israels, wie sie ursprünglich von Gott gegeben wurde, war rein und heilig, aber Paulus drängte diese Praxis den Heiden nicht einmal auf. Das heutige Judentum hat zwar viele edle Züge der ursprünglichen Glaubenspraxis Israels bewahrt, aber andere ins Verderben gerissen und Gottes Sohn offiziell verworfen und ermordet. Gott wird das offizielle Judentum eines Tages dafür richten. Paulus trat den Philippern gegenüber gewiss nicht für das Judentum als Religion ein. Und wir sollten sogleich Folgendes hinzufügen: Wenn man unter dem Begriff »Christentum« das weltumspannende religiös-politische System versteht, das sich um den Namen Christi herum entwickelt hat (wie es sich sehr häufig in den etablierten Kirchen findet), dann kann es für Christen heutzutage nicht darum gehen, Nichtchristen zum Christentum in diesem Sinne zu führen. Diese Form des Christentums hat oft viele Dinge enthalten, die selbst nach dem Urteilsvermögen eines Kindes dem Geist Christi und der Lehre des Neuen Testaments widersprachen, und dies ist bis heute so geblieben. Auch das wird Gott richten – vielleicht strenger als alles andere.
Paulus predigte also nicht das Judentum, sondern den einen wahren Gott, den Schöpfer aller Menschen; er predigte nicht das östliche oder westliche Christentum – natürlich nicht –sondern Christus. Indem er die Menschen aller ethnischen Gruppen und Nationalitäten aufforderte, ihre von Menschen erfundenen Götter und ihre vom Götzendienst ausgehenden Interpretationen des Universums aufzugeben, forderte Paulus sie lediglich dazu auf, das zu tun, was seine eigenen Vorfahren in den vergangenen Jahrhunderten tun mussten. Und natürlich würden wir, die sogenannten westlichen Christen, freimütig zugeben, dass auch unsere Vorfahren allesamt Anbeter von Gottheiten waren, die von der menschlichen Vorstellungskraft ersonnen worden waren. Doch dann kam das Evangelium von Asien nach Europa. Es rief die Menschen dazu auf, die Realität anzuerkennen und zum ursprünglichen Glauben der Menschheit an den einen Schöpfer zurückzukehren, der Leben in sich selbst hat, und sich dann seiner Selbstoffenbarung in Jesus Christus zu unterstellen.
Es gibt keinen wirklichen Grund für verletzten ethnischen Stolz oder kulturelle Ressentiments. Wenn es um rein kulturelle Fragen ging, war Paulus (wie wir anhand seiner Schriften wissen) der anpassungsfähigste Mensch, der bereit war, als Jude unter Juden oder als Grieche unter Griechen zu leben (1. Kor 9,19-22). Aber er hätte niemals der Behauptung zugestimmt, dass es bei der Wahl zwischen Monotheismus und Polytheismus einfach darum geht, was man bevorzugt – je nach der traditionellen Art und Weise, welche Lehre man im Blick auf die Entstehung des Universums vertritt. Nie wäre er der Ansicht gewesen, dass Gottes einzigartige und endgültige Selbstoffenbarung in Christus ungestraft abgelehnt werden kann, wenn sie nicht zu dem passt, was man in nationaler, ethnischer oder kultureller Hinsicht bevorzugt.
Aber kommen wir zu den Philippern zurück: Vielleicht fiel ihnen das ruhige Nachdenken an diesem Punkt auch aus anderen Gründen schwer. Indem er berichtet, wie Paulus eine Wahrsagerin aus Philippi von einem bösen Geist befreit hat (Apg 16,16-18), legt Lukas den Finger auf zwei sehr sensible Bereiche des Heidentums. Der eine verdient kein Mitleid, der andere ruft zumindest nach mitfühlendem Verständnis.
Die Wahrsagerin wurde von bestimmten Herren kontrolliert, die sie und ihren Zustand ausnutzten, um selbst eine Menge Geld zu verdienen. Als Paulus die Frau davon befreite, weiterhin durch den bösen Geist beherrscht zu werden, schnitt er die betreffenden Herren von ihrer Einkommensquelle ab (16,19). Natürlich führten sie dies nicht als Grund dafür an, gegen die Missionare gerichtlich vorzugehen, sondern sie nutzten lieber die Vorurteile und den ethnischen Stolz des Pöbels und der Richter aus. Aber die Bedrohung ihrer finanziellen Interessen durch das Christentum war der wahre Grund für ihre heftige Reaktion.
Die Ausnutzung der Religion für finanzielle Zwecke war über die Jahrhunderte hinweg ein Skandal – und ist es noch immer. Auch die Christenheit ist davon nicht verschont geblieben: Die Aufdeckung der Korruption bestimmter Fernseh-Evangelisten ist nur ein weiteres Beispiel für den seit Langem bestehenden Missbrauch des Christentums in verschiedenen Kreisen, um im Namen Christi gewaltige Schätze und große Geldsummen anzuhäufen.
Aber das Vorgehen des Paulus, die Fähigkeit des Mediums zur Wahrsagerei zu unterbinden, traf auch einen tieferen Nerv im Heidentum: Es schnitt eine Quelle übernatürlicher Führung ab, nach der sich viele Menschen in der Stadt sehnten und die aus ihrer Sicht eine unverzichtbare Hilfe für ein erfolgreiches Leben war. Natürlich missfiel ihnen das außerordentlich.
Es gibt wohl nur sehr wenige Menschen, die nicht irgendwann in ihrem Leben den Wunsch verspürt haben, in die Zukunft sehen zu können. Diese Sehnsucht ist nicht notwendigerweise nur eine müßige Neugierde oder die reine Gier von Menschen, die – wie manche es tun – die Geister um Rat fragen oder die richtigen Zahlen wählen, um beim Glücksspiel zu gewinnen. Das Dasein stellt uns alle von Zeit zu Zeit vor unausweichliche Entscheidungen, die weitreichende Folgen für unser eigenes Leben oder das anderer Menschen haben. Die Qual liegt darin, dass wir uns entscheiden müssen, ohne sicher zu wissen, wie der von uns gewählte Weg verlaufen wird – ob er Erfolg mit sich bringt oder in der Katastrophe endet. Nun gibt es Menschen, die Gott nie als liebenden Vater kennengelernt haben. Sie haben nie persönlich erfahren, dass er rettet, vergibt, für uns sorgt und uns führt. Sie vertrauen weder seiner Weisheit dahin gehend, dass er alles genau im Voraus weiß, noch haben sie die Gewissheit, dass „alle Dinge zum Guten mitwirken für diejenigen, die ihn lieben.“ Sie wissen nichts von Gottes großem und über allem stehenden Ratschluss, der alle Einzelheiten des Lebens einschließt und ihnen einen Sinn gibt. Angesichts dieser Umstände ist es zumindest erklärbar, dass sie sich zu der Geisterwelt, zu Orakeln, Wahrsagern, Medien und Astrologen hingezogen fühlen, um diejenige Führung zu erhalten, nach der sie sich sehnen. Ähnlich verhält es sich mit den Hinterbliebenen. Diese Menschen haben nicht die Gewissheit und den Trost des Christen, wonach »ausheimisch von dem Leib« bedeutet, »einheimisch bei dem Herrn« zu sein (2. Kor 5,8). Sie können die Trauer über ihren Verlust verständlicherweise als unerträglich empfinden und werden die (in Wirklichkeit trügerischen) Informationen über den Verbleib ihrer verstorbenen Angehörigen als wahr annehmen wollen, wobei diese Informationen von bösen Geistern übermittelt werden, die sich der jeweiligen Medien bemächtigt haben.
Viele Menschen in der antiken Welt betrachteten diese Praktiken mit einer Mischung aus Unglauben und abergläubischer Angst. Pragmatisch eingestellte Philosophen lehnten alle Behauptungen ab, denen zufolge eine Kommunikation mit der jenseitigen Welt möglich sei. Aber nur wenige Menschen in der antiken Welt konnten sich mit Philosophie befassen, und für viele von ihnen – wie auch für Millionen von Menschen heute – war das alles sehr real. Als daher das Christentum die Beschäftigung mit dem Übersinnlichen radikal verbot (wobei es im Einklang mit dem wahren Judentum handelte) und diesen Bereich als teils falsch und teils allzu real, böse, gefährlich und entwürdigend anprangerte und bekämpfte, ist es verständlich, dass viele Menschen das Christentum als eine fremde, hartherzige, allzu strenge, sie bevormundende Religion ablehnten. Sie warfen ihm vor, kein Gefühl oder Verständnis für die seelischen Bedürfnisse des einzelnen Menschen zu haben, der in den erschreckend komplexen Situationen des Lebens gefangen war. Aber natürlich war das genaue Gegenteil der Fall.