Das Wesen der göttlichen Führung
aus dem Kommentar zur Apostelgeschichte (S. 355 – 361, CLV; siehe Rezension auf S. xxx)
Lydia suchte den wahren und lebendigen Gott und er setzte Himmel und Erde in Bewegung, um sicherzustellen, dass sie ihn fand. Der Schöpfer hat die Zeiten für uns, seine Geschöpfe, und die genauen Orte, an denen wir leben sollen, bestimmt. Wir sollen ihn suchen und uns nach ihm ausstrecken, dann werden wir ihn auch finden. Er gab folgende Zusicherung, als er selbst unter uns lebte: »Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden … Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet …« (Mt 7,7-8).
Wir sollten deswegen über die Art von Gottes Führung nachdenken – zumindest, soweit sie in der Erfahrung von Paulus und seinen Gefährten zu dieser Zeit zu sehen ist. Wie wir bereits festgestellt haben, änderten drei Fälle göttlichen Eingreifens den Verlauf ihrer Reise und brachten sie so nach Philippi. Dabei stellen sich folgende Fragen: Welches Verhältnis besteht zwischen dieser Art von direkter Führung und der eigenen Entscheidungskraft der Menschen, ihrem gesunden Menschenverstand, ihrem moralischen und geistlichen Urteilsvermögen und ihrer letztendlichen Verantwortung für die von ihnen getroffenen Entscheidungen? Sollten alle Christen diese Art von Führung erwarten, und wenn ja, wie oft? Jeden Tag in der Woche? Bei jeder Entscheidung oder zumindest dann, wenn sie wichtig ist? Oder nur gelegentlich? Natürlich müssen wir uns davor hüten, aus der besonderen Erfahrung von Paulus und seinen Gefährten bei dieser Gelegenheit zu viel zu verallgemeinern. Aber bestimmte Grundsätze treten dennoch deutlich hervor: Erstens sagt Lukas nicht, dass diese zweite Missionsreise mit einer besonderen Führung durch den Geist begann. Bei der ersten Missionsreise des Paulus war dies der Fall (Apg 13,1-3), aber bei dieser zweiten Reise ging es eher darum, dass er bestimmte Überlegungen anstellte. Dazu müssen wir auf Kap. 15,36 verweisen: »Nach einigen Tagen aber sprach Paulus zu Barnabas: Lass uns nun zurückkehren und in jeder Stadt, in der wir das Wort des Herrn verkündigt haben, die Brüder besuchen und sehen, wie es ihnen geht.« Mit anderen Worten: Sie kamen ihrer allgemeinen seelsorgerlichen Aufgabe nach, die auf ihrer früheren Reise gläubig gewordenen Menschen in geistlicher Hinsicht zu leiten und zu versorgen. Dafür brauchten sie keine besondere Führung vom Himmel. Die Anweisungen des Herrn in Bezug auf die Evangelisierung der Welt und die Belehrung sowie die Leitung der Gemeinde galten fortwährend. Normalerweise würde man daher von ihnen erwarten, dass sie diese Aufträge ausführten, denn solange sie nicht vom Herrn widerrufen wurden, stellten sie seine Führung dar, ohne dass ein weiteres oder ständiges direktes Eingreifen erforderlich gewesen wäre. Schließlich brauche ich nicht jede Woche ein persönliches Schreiben von allerhöchster Stelle, das mich anweist, meine Einkommenssteuer zu zahlen. Das wäre zumindest nicht angemessen. Das gleiche Prinzip gilt für alle Gläubigen. Gott hat uns gesagt, was sein großes Ziel für uns ist: Wir sollen in das Bild seines Sohnes umgestaltet werden. In der Zwischenzeit und zu diesem Zweck hat er ausdrücklich unsere allgemeinen Pflichten festgelegt. Wir sollen den Herrn, unseren Gott, lieben mit ganzem Herzen, ganzem Verstand, ganzer Seele und ganzer Kraft und unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Wir sollen in jedem Aspekt unseres Lebens zuerst seine Königsherrschaft anstreben. Wir sollen arbeiten, um unser tägliches Brot zu verdienen; wir sollen unsere Familien lieben und für sie sorgen. Wir sollen in der Welt Zeugnis für den Herrn Jesus und für Gottes Heilsweg ablegen; wir sollen uns nach unseren Gaben und Möglichkeiten an der weltweiten Evangelisation beteiligen; wir sollen unsere Glaubensbrüder in der Gemeinde lieben, unterstützen und ermutigen. Wir sollen den »Machthabern« in der Welt gehorchen; wir sollen unsere Rechnungen und Steuern bezahlen; wir sollen allen Menschen Gutes tun und so weiter. Das sind gewissermaßen unsere Daueraufträge. Wir brauchen keine besondere Anleitung, die uns sagt, ob wir sie ausführen sollen oder nicht. Welche Mutter würde unter normalen Umständen ernsthaft zum Herrn beten, er möge ihr direkt sagen, ob es sein Wille ist, dass sie ihr Baby beim Frühstück versorgt?
Zweitens ist es aufschlussreich zu sehen, was bei der besonderen Führung, die Paulus und seine Gefährten bei den ersten beiden Gelegenheiten (d. h. in Kap. 16,6 und 16,7) erhielten, der Fall war: Dort wird gesagt, was ihnen nicht gestattet war. Das göttliche Eingreifen zielte darauf ab, sie davon abzuhalten, dorthin zu gehen und zu predigen, wo sie sonst hingegangen wären und evangelisiert hätten. Zunächst wurde ihnen vom Heiligen Geist verboten, in der Provinz Asia das Wort zu verkündigen. Aber offensichtlich enthielt das Verbot keine detaillierten Vorabinformationen darüber, was ihr letztendliches Ziel sein sollte, denn als sie an die Grenze von Mysien kamen, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen, und der Geist Jesu erlaubte es ihnen nicht (16,7). Sie hätten das natürlich nicht versucht, wenn sie im Voraus gewusst hätten, wohin sie gehen sollten.
Das zeigt: Die besondere göttliche Führung lüftet nicht unbedingt für lange Zeiträume im Voraus den Schleier, der über der Zukunft liegt. Sie lässt uns oft von einem Tag auf den anderen das Nächstliegende tun, wenn wir unsere Anweisungen ausführen, die nach wie vor gelten. Sie greift nur dann ein, wenn wir anderenfalls einen Weg einschlagen würden, der mit einem bestimmten, vom Herrn beabsichtigten Ziel in Konflikt geraten würde. Selbst als die Missionare davon abgehalten wurden nach Bithynien zu reisen, wurde ihnen nicht gesagt, dass der Herr Mazedonien und Philippi im Sinn hatte. Sie gingen einfach hinunter nach Troas, und erst dort erhielten sie die letzte besondere Weisung in Form einer Erscheinung, derzufolge sie nach Mazedonien übersetzen sollten. Wie lange sie für den Weg von Derbe nach Troas gebraucht hatten, wird nicht gesagt, aber es ist offensichtlich, dass sie nicht jeden Tag in der Woche eine besondere Führung erhielten. Gott greift auf diese direkte Weise nur dann ein, wenn es notwendig ist. Anderenfalls würde er nämlich seine Diener auf die Ebene von Kindern herabziehen, die man nicht einfach bitten kann, z. B. das Blumenbeet zu jäten, sondern denen man stets sagen muss, ob es sich jeweils um ein Unkraut oder eine Blume handelt. Gott will, dass die von ihm in den Dienst Gestellten im geistlichen Sinne Erwachsene sind, denen er zutraut, innerhalb des großen Rahmens von Dienstanweisungen selbstständig Detailentscheidungen zu treffen – natürlich immer unter der Voraussetzung, dass er eingreift, wenn es nötig ist.
Dann können wir mit Gewinn betrachten, welche Formen die besondere Führung der Missionare annahm und mit welchen Begriffen sie beschrieben wurde. » …nachdem sie von dem Heiligen Geist daran gehindert worden waren« (16,6), sagt Lukas, und: »der Geist Jesu erlaubte es ihnen nicht« (16,7). Nun gibt es im Neuen Testament einige Stellen, an denen das Adjektiv »heilig« in Zusammenhang mit dem Geist verwendet wird, um seine heilige Wesensart zu betonen. Eine solche Stelle ist 1. Thessalonicher 4,8. Dort wird uns gesagt, was die Ablehnung von Gottes Weisung, ein heiliges Leben zu führen, bedeutet: »… wer dies verachtet, verachtet … Gott, der euch auch seinen Heiligen Geist gegeben hat.« An anderen Stellen scheint das Adjektiv »heilig« jedoch lediglich darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem betreffenden Geist um den Geist Gottes handelt, der sich von jedem anderen Geist unterscheidet. Das mag auch in unserem Text der Fall sein. Aber dann müssten wir immer noch die höchst ungewöhnliche Formulierung »der Geist Jesu« erklären. Natürlich können wir ohne Weiteres darauf hinweisen, was sie nicht bedeutet. Sie bedeutet nicht, dass der Mensch Jesus gestorben ist, aber sein Geist in der jenseitigen Welt weiterlebt und den Menschen, die seine Führung suchen, zur Seite steht. Das wäre die Sprache des Spiritismus, der Theosophie und einiger Formen des Buddhismus. Nein, Jesus ist zwar gestorben, aber er ist jetzt nicht tot. Die Apostelgeschichte bezieht sich von Anfang an auf seine leibhaftige Auferstehung von den Toten. Es geht also nicht darum, dass sein Geist überlebt hat, nachdem er körperlich gestorben ist. Der »Geist Jesu« ist nichts anderes als der Heilige Geist, der aber deshalb »Geist Jesu« genannt wird, weil Jesus nach seiner Himmelfahrt den Heiligen Geist Gottes, den „anderen Sachwalter“ (Joh 14,16-17), gesandt hat, um sein Volk zu lehren und zu führen. Aber der von dem Herrn Jesus gesandte Geist Gottes wird nie jemanden dazu veranlassen, etwas zu tun oder zu sagen, was der Wesensart des Herrn Jesus zuwiderläuft und was seinen Taten sowie seiner Lehre während seines Erdenlebens widerspricht. Der Heilige Geist ist nicht irgendeine Kraft, für die moralische Maßstäbe nicht maßgebend sind. Unser Innenleben wird bisweilen von starken Impulsen und Trieben bestimmt. Aber wir sollten nicht annehmen, dass sie alle vom Heiligen Geist kommen. Wir sind dafür verantwortlich, bei deren Prüfung unser moralisches und geistliches Urteilsvermögen einzusetzen. Zu diesem Zweck gibt uns das Neue Testament Prüfmöglichkeiten an die Hand, die wir auf unsere Gedanken, Impulse und Triebe anwenden können, um festzustellen, ob sie vom Heiligen Geist kommen oder nicht (z. B. Röm 8,15; 2. Tim 1,7; 1. Kor 12,1-3; 1. Joh 4,1-3). Nicht zuletzt gehört dazu die Frage: Sind diese Impulse oder diese Gedanken, die ich habe, mit der Wesensart, dem Verhalten, der Führung und den Geboten des Herrn Jesus vereinbar? Wahre Führung durch den Heiligen Geist entbindet uns nicht von unserer Verantwortung, unser moralisches und geistliches Urteilsvermögen an den entscheidenden Stellen einzusetzen, um zu beurteilen, inwieweit wir recht geführt worden sind. Vielmehr ist deren Wahrnehmung eine unabdingbare Voraussetzung dafür. Schließlich war da noch die Führung, die Paulus in Form einer nächtlichen Erscheinung in Troas erhielt (Apg 16,9-10). Diesmal ging es nicht darum, woran er gehindert oder was ihm verboten wurde, sondern darum, was er tun sollte – um eine Aufforderung. Paulus hatte einige Erscheinungen, wie zum Beispiel diejenige, die im weiteren Verlauf dieses Abschnitts erwähnt wird (18,9-10). Da sprach der Herr selbst unmittelbar zu Paulus. Aber das war nicht immer so, auch nicht in dieser Erscheinung in Troas. Paulus sah, wie ein Mann aus Mazedonien dastand und ihn bat – und seine Haltung unterstützte und verstärkte den Appell nachdrücklich: »Komm herüber … und hilf uns« (16,9). Paulus wäre ein eigenartiger Evangelist gewesen, wenn ihm auch ohne das Mittel einer Erscheinung der stumme Appell der Tausenden Männer und Frauen »da draußen« in der großen, weiten Welt, die sich in der Finsternis befanden, nicht bewusst gewesen wäre. Der Inhalt der Erscheinung war daher kaum überraschend, aber die Lebendigkeit der Erscheinung vermittelte den Eindruck, dass dies nun eine besondere Führung durch den Herrn sein könnte. Dennoch entschied Paulus nicht sofort nach dem Erwachen, dass es so war. Er beriet sich mit seinen Gefährten, und dann heißt es: »… wir schlossen«, sagt Lukas, »dass Gott uns gerufen habe, ihnen das Evangelium zu verkündigen « (16,10). Hier müssen wir das Thema vorläufig verlassen. Wir werden jedoch darauf zurückkommen, wenn wir die Art der Führung betrachten, die der Herr gebrauchte, um Paulus und Silas genau zu führen: Es ging um den rechten Ort und um die entsprechenden Umstände, sodass sie einem anderen Menschen begegnen und ihn für den Glauben an Christus gewinnen konnten. Gemeint ist der Kerkermeister, den Gott im Blick hatte und der für das Gefängnis in Philippi verantwortlich war.
In der Zwischenzeit könnten wir die bisherige Lektion zusammenfassen: In den Angelegenheiten des täglichen Lebens und insbesondere in der wunderbaren Gemeinschaft, die Gott in der Beziehung zwischen sich und seinem Volk ermöglicht hat, hat Gott uns ausführlich seine letztendlichen Ziele und Absichten mitgeteilt und ebenso umfangreiche Anweisungen gegeben, die uns beim Erreichen dieser Ziele leiten sollen. Innerhalb dieses gesteckten Rahmens erzieht er uns zur Reife, indem er uns gestattet, die detaillierten Entscheidungen des Lebens und der Arbeit zu treffen. Dabei sollen wir unseren gesunden Menschenverstand sowie unser moralisches und geistliches Urteilsvermögen einsetzen, wobei sein wachsames Auge über uns ist und wir unsere Entscheidungen im Lichte seiner letztendlichen Ziele und seiner Anweisungen treffen. Wenn wir nie etwas entscheiden dürften, sondern durch ständige göttliche Eingriffe immer »direkte Führung« erleben und damit kontrolliert werden würden, müssten wir moralische und geistliche Säuglinge bleiben. Aber dann, wenn seine Pläne oder unsere Bedürfnisse es erfordern, greift er in seiner Gnade mit besonderer Führung in der einen oder anderen Form ein. Doch selbst dann, wenn die Führung eindeutig darin besteht etwas zu tun, wird unser moralisches und geistliches Urteilsvermögen niemals umgangen oder unterdrückt. Wir können uns niemals der Verantwortung für Sünde oder Ungehorsam gegenüber Gottes Wort entziehen, indem wir behaupten, dass der Heilige Geist uns dazu geführt habe. Er verlangt von uns, dass wir alles, was angeblich der Führung des Heiligen Geistes entspricht, anhand dieses Grundsatzes prüfen:
Nichts, wozu der Heilige Geist uns führt, wird jemals im Widerspruch zur Wesensart und zur Lehre des Herrn Jesus stehen.