Den Mutterinstinkt überwinden „Finanziell eigenständig – wie erreicht man das?“
(Auszug aus dem Buch „Giving Wisely?“ von Jonathan Martin, mit freundlicher Genehmigung des Autors)
„Haltbar!“
(Ford, Autohersteller)
„Was du von mir in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, vertraue treuen Männern an, die wiederum im Stande sein werden, andere zu lehren.“
(Paulus in 2. Tim 2,2)
Manchmal denken wir, dass eine Gemeinde in einem armen Land unser Geld braucht. Aber das stimmt gar nicht. Jeder Gläubige in jeder Kultur muss lernen zu geben. Sobald jemand aus dem Ausland anfängt zu geben, hört die gefühlte Notwendigkeit zum Geben in der örtlichen Gemeinde sofort auf.
Als China seine Tore nach Westen 1949 verschloss, gab es keine Unterstützung aus dem Westen mehr für die Gemeinde. In diesem extrem armen China hat sich die Gemeinde wie ein Waldbrand ausgebreitet.
Unsere finanzielle Unterstützung einer Gemeinde oder ihres Pastors raubt den Gläubigen die Sicht, dass es ihre Gemeinde ist. Dann gibt es keine finanzielle Verantwortlichkeit mehr innerhalb der Gemeinde. Wir sollten unser Geld besser dafür ausgeben den Einheimischen beizubringen, wie sie einander eigenständig unterstützen können.
Hier in den extrem reichen Ländern gehen wir oft arrogant davon aus, dass wir immer reich sein werden und dass wir immer bestimmte Projekte unterstützen können. Aber unsere Wirtschaft könnte schon morgen zusammenbrechen. In diesem Fall zählt nur das, was wir dazu beigetragen haben, dass die Missionsarbeit eigenständig wird. Nur die eigenständigen Arbeiten werden in unserer Abwesenheit weiterlaufen.
Missionare aus dem Westen und Hilfsorganisationen, die den Armen helfen, müssen oft das Land verlassen, wenn dort politische Spannungen auftreten. Sie müssen vor Krieg oder vor Unruhen fliehen. Es ist also völlig unklar, wie wir uns in jedem dieser Länder weiter einbringen können. Es ist nur eine kulturelle Vermutung oder vielleicht sogar Arroganz, die es wagt, andere von unserer Großzügigkeit abhängig zu halten. Genau diese Arroganz verhindert, dass solche Organisationen auf das Ziel zuarbeiten, dass die Arbeit finanziell eigenständig wird.
Gewiss gibt es Projekte wie eine Bibelübersetzung, die nicht finanziell eigenständig werden können. Dazu gehören auch die Hilfe in Hungerkrisen und vielleicht die Versorgung von Witwen und Waisen in ganz armen Ländern. Aber sogar in diesen Fällen wäre es am besten, wenn wir so geben könnten, dass eine örtliche finanzielle Eigenständigkeit entstehen kann.
Und Waisenhäuser?
Vor kurzem traf ich mich mit einem Freund, den ich lange als Mentor betreut habe. Er verlor seine Eltern im Bürgerkrieg in Liberia. Alle Ausländer flohen um ihr Leben aus dem Land und für zehn Jahre war das Leben die Hölle. Mein Freund Kerkula musste als Kind mit ansehen, wie seine Freunde erschossen wurden, als sie direkt neben ihm gingen. Er musste über unzählige Leichen auf den Straßen steigen. Seine Mutter hat alles versucht, ihre acht Kinder vor dem Verhungern zu beschützen. Dafür hat sie sich selbst zu Tode gehungert und starb an Erschöpfung. Die Verwandten haben die Kinder aufgeteilt, aber sie hatten nicht mal genug für ihre eigenen Kinder. Schließlich wurden sie in ein Waisenhaus aufgenommen. Später ließ der Krieg etwas nach und eine Familie aus den USA hat Kerkula und seine Geschwister adoptiert. Ich fragte ihn, wie das Waisenhaus finanziert wurde, das ihn aufgenommen hatte.
Es wurde ausschließlich von Einheimischen geleitet und finanziert. Es gab keine andere Möglichkeit. Alle Ausländer waren geflohen und hatten ihr Geld mitgenommen. Die Waisenhäuser, die aus dem Ausland finanziert wurden, waren nutzlos, als die Ausländer fliehen mussten. Die aber von den örtlichen Gläubigen und Gemeinden unterstützt wurden, funktionierten weiter und retteten Leben, als das Geld aus dem Ausland versiegte.
Der Herr beruft die örtlichen Gemeinden, sich um die Witwen und Waisen zu kümmern, sogar in Ländern, die nach unseren Vorstellungen arm sind.
Wir können einreisen und unsere Pläne ausführen, ein wunderbares Waisenhaus zu errichten und es ganz mit dem Geld der Touristen zu finanzieren. Aber es gibt ein ernstes Problem damit. Was passiert, wenn ein Krieg ausbricht und die Einheimischen nicht gelernt haben sich um die Notleidenden zu kümmern? Was passiert mit den 20.000 Waisen, die aus ihrer Kultur herausgerissen wurden und die nun nicht mehr hineinpassen? Solche Pläne enden in Katastrophen und es ist besser, dass sie gar nicht erst begonnen oder so bald wie möglich aufgegeben werden.
Bleibende Veränderung als Ziel
Einmal ging ich mit meinem muslimischen Freund spazieren. Dabei machte ich eine Bemerkung über die Bettler. Ich sagte, dass es hart für sie sein muss, dass sie arbeitslos sind. Er antwortete: „Sie sind nicht arbeitslos. Das ist ihre Arbeit, sie betteln.“ Ich fragte: „Wie meinst du das?“ – „Der Koran lehrt, dass wir Almosen an Bettler geben müssen. Das gehört dazu, wenn wir uns den Himmel verdienen wollen. Deswegen brauchen wir Bettler, damit wir ihnen Almosen geben können. Ihre Arbeit als Bettler ist genauso wichtig wie meine Arbeit als Zahnarzt.“
Stellt euch das vor: Du wirst Bettler und dadurch hilfst du anderen in den Himmel zu kommen!
In so einer Kultur gibt es keinen Grund jemandem zu helfen wieder auf die eigenen Füße zu kommen. Wir brauchen ihn, damit er die Almosen nehmen kann.
Als gläubige Christen sind wir berufen, die Dinge anders zu machen. Wir sind berufen, alles zu unternehmen, damit wir eine echte und bleibende Veränderung bewirken. Wir geben nicht einfach, weil wir durch diese guten Werke in den Himmel kommen. Wir wünschen uns die Einstellung des Herrn Jesus, voller Mitgefühl, ein Herz, das den Wunsch hat einen bleibenden und sogar ewigen Unterschied zu bewirken. Auch wenn wir dieses Mitgefühl nicht vollkommen in die Tat umsetzen können, sollten wir doch dieses Ziel verfolgen.
Wir müssen uns überlegen, wie unser Geld die Einheimischen ausbilden und befähigen kann, dass sie die Arbeit tun, zu der sie berufen sind. Sie kennen ihre eigene Kultur und wissen, wie man Leute dort ausbilden kann. Unser Geld kann unterstützen, beim Start helfen, ausbilden – aber wir müssen auf das Ziel hin arbeiten, dass die Arbeit finanziell eigenständig werden kann. Wenn sie dann eigenständig wird, können wir weiterziehen und andere ausbilden, in derselben Weise zu arbeiten. Dann wird unser Geld mehr Leben verändern als wir es uns jemals vorgestellt haben.
Mein Vater hat oft eine Geschichte erzählt, die er vor Jahren von seinem Professor in der Bibelschule gehört hat: Charles war nach Afrika gereist um befreundete Missionare zu besuchen. Er wohnte mit der Gruppe von Missionaren auf ihrer Missionsstation und hoffte, dass er sie ermutigen könnte. Gegen Ende seines Aufenthalts lud er die Missionare in ein Restaurant in der Stadt ein. Die Gruppe freute sich sehr, aber sie sagten, dass nicht alle mitkommen könnten. Jemand musste zurückbleiben und die Missionsstation bewachen.
„Könnt ihr nicht einen Einheimischen dazu bewegen, dass er das Haus und die Sachen bewacht?“, fragte Charles. „So einfach ist das nicht“, erwiderte der Stationsleiter. „Wir haben niemand, dem wir vertrauen können. Die Einheimischen sind nicht so zuverlässig.“
„Es gibt doch bestimmt wenigstens einen, dem ihr genug vertrauen könnt um hier aufzupassen, während wir für ein paar Stunden unterwegs sind?“, beharrte Charles. „Nein, eigentlich nicht. Wir haben es schon ausprobiert und jedes Mal bereut. Sie sind wirklich unehrlich und irgendetwas wird gestohlen oder geht kaputt. Sogar wenn sie ehrlich sind, wird jemand aus ihrer Familie auftauchen und Probleme machen.“
„Es gibt also niemand? Nicht einen einzigen Einheimischen, der die Station bewachen kann, wenn ihr weg seid?“
„Nein, niemand. Wir lassen immer jemand von uns zurück.“
So ließen sie jemand zurück und fuhren für den Abend in die Stadt. Charles fühlte sich furchtbar, weil einer zurückbleiben musste. Außerdem konnte er kaum glauben, dass es niemand gab, dem man die Station anvertrauen konnte, nicht mal einen Einheimischen. Deswegen stellte er später noch eine Frage. Er fragte den Stationsleiter: „Wie lange hat die Mission an diesem Ort gearbeitet?“ – „Einhundert Jahre.“
Was wurde eigentlich in diesen einhundert Jahren erreicht?
„Es gibt einen Weg, der einem Menschen gerade erscheint, aber sein Ende sind Wege des Todes.“ (Sprüche 16,25).