Gemeinde & Mission

Die Eigenschaften von Ältesten (Titus 1,6-9)

von Lennox Gilbert

Über den Titusbrief – Teil 5

übersetzt von Christian Odenwald

Welche Art von Leuten sucht Gott aus, die für seine Gemeinde sorgen sollen? Es ist Gottes Absicht Menschen mit wunderbarem Charakter zu bilden. Die Ältesten sind Gottes Mitarbeiter bei diesem Werk. Es ist also keine Überraschung, dass die Ältesten der Gemeinde selbst ein Vorbild sein sollen in dem, was sie in anderen hervorbringen wollen.

Sie sollten auch den Menschen in der Welt durch einen attraktiven, christusähnlichen Charakter ein Beispiel davon sein, was das christliche Evangelium bewirkt, wenn es angewendet wird. Diejenigen, die außerhalb der Gemeinde sind, werden auf die bekanntesten Gemeindeglieder schauen und die Wahrheit des Evangeliums daran beurteilen, was sie in deren Leben sehen. Aber wenn sie offensichtliche Widersprüche zwischen der Botschaft der Gnade auf der einen Seite und dem Verhalten der Gemeindeleiter auf der anderen sehen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie von der Botschaft angezogen werden. Was wäre das für eine Botschaft, wenn eine Person anscheinend daran glaubt und weiterhin so lebt wie vorher, ausschweifend, betrügerisch oder sogar brutal? Durch das Verhalten gottloser Gemeindeleiter ist sehr großer Schaden für das Werk Christi entstanden.

Deshalb muss Titus bei der Wahl der neuen Ältesten sehr sorgfältig sein. Wenn das Evangelium keine oder wenig Auswirkung im Leben eines möglichen Ältesten hat, so ist es unwahrscheinlich, dass sich das nur durch seine Einsetzung ändern wird. Die Einsetzung einer solchen Person ist wohl eher ein Risiko, das sich nicht lohnt.

Die folgenden Worte sind vor allem an die Ältesten gerichtet, aber sie sind für uns alle von Bedeutung. Zum einen, weil sie uns die Art von Menschen zeigt, denen wir gehorchen sollen. Sicher meinen manche von uns, dass wir uns als Jünger Christi niemandem unterwerfen müssen. Können wir nicht einfach Christus folgen? Natürlich müssen wir Christus folgen und uns ihm als unserem Herrn unterwerfen. Aber wenn Gott es für angebracht hielt den Ortsgemeinden Hirten zu geben, dann muss der Grund wohl sein, dass wir gehütet und geführt werden müssen! Es ist nicht Gottes Absicht, dass wir durchs Leben gehen und dabei nur auf unsere eigenen Ideen vertrauen oder auf unsere Vorstellungen, wie wir leben sollen. Wir sollen nicht ohne Leitung, Beratung, Unterstützung, Lehre oder Zurechtweisung sein, wenn das nötig sein sollte. Das ist ein wichtiger Beitrag zu unserem Wachstum als Christen. Deshalb sollen wir den richtigen Hirten folgen.

Der zweite Grund, warum diese Worte auch uns betreffen, ist, dass uns Paulus in seiner Beschreibung der Eigenschaften von Ältesten jenes Leben zeigt, das wir nachahmen sollen. Die meisten der hier erwähnten Eigenschaften sollen im Leben eines jeden von uns vorhanden sein und aufblühen. Die Ältesten sind dazu bestimmt unsere Vorbilder in göttlicher Schönheit des Charakters zu sein. Sie sollen durch ihr eigenes Leben zeigen, wie alle Gemeindemitglieder Fortschritte machen können. Sie sollen uns ein Beispiel eines Lebens geben, das wir alle anstreben sollten. Die Ältesten einer Gemeinde sollten die Art von Männern sein, von denen Eltern sich wünschen, dass ihre Söhne so werden oder dass ihre Töchter solche Männer heiraten!

Die grundlegende und oft wiederholte Eigenschaft ist, dass Älteste „untadelig“ sein sollen. Das bedeutet nicht, dass sie sündlos sein müssen, denn das ist niemand außer Christus. Es bedeutet vielmehr, dass es in ihrem Charakter und in ihrem Verhalten in jedem Lebensbereich keine offensichtliche größere Schwäche gibt. So eine Schwäche würde sie disqualifizieren. Mit den generellen Voraussetzungen im Hinterkopf beschreibt Paulus jetzt drei verschiedene Lebensbereiche, wo sie untadelig sein sollen: In ihrer Ehe und Familie, in ihrem Verhalten unter Druck und in ihrem Umgang mit Gottes Wort.

Der Älteste zu Hause

Wie kommt der angehende Älteste mit seiner eigenen Zuneigung zurecht? Ist es deutlich, dass er seiner Ehefrau – und nur ihr – treu ist und sie liebt? Ist er ein „Mann einer Frau“? Die Bedeutung von liebender Treue in einer von Zügellosigkeit bestimmten Kultur ist offensichtlich. Die Leute müssen sehen, dass das Evangelium im Leben eines Menschen sogar in der intimsten Beziehung Auswirkungen hat. Wenn das Evangelium sich hier nicht auswirkt, dann hat es gar keine Auswirkung!

In vielen Familien auf Kreta scheint Ungehorsam üblich gewesen zu sein, neben Ausschweifung und Zügellosigkeit. Das Familienleben eines angehenden Ältesten muss anders sein. Titus musste nach diesem Unterschied suchen. Er musste Fragen stellen, zum Beispiel: „Wie ist die Atmosphäre in dieser Familie? Kann man Liebe und Lachen ebenso finden wie Strenge? Respektieren und ehren die Kinder ihren Vater in Bezug auf seine Aufgaben in der Gemeinde? Können die Kinder ihre eigene Persönlichkeit entwickeln? Gehorchen die Kinder beiden Eltern?“

Paulus schreibt an Timotheus: „Wenn aber jemand dem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?“ (1. Timotheus 3,5). Kein Vater kann garantieren, dass seine Kinder gläubig werden. Das liegt an der persönlichen Entscheidung jedes Kindes, wenn es erwachsen wird. Aber wilde, ungehorsame und respektlose Kinder könnten neben anderen möglichen Gründen ein Hinweis darauf sein, dass in der Erziehung irgendetwas falsch gemacht wurde. So ein Vater sollte nicht mit dem Hüten der Gemeinde betraut werden.

Verhalten und Reaktionen des Ältesten

Ein Ältester ist Gottes „Verwalter“ (1,7). Uns mag das Konzept eines „Verwalters“ vielleicht nicht vertraut sein, aber sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ist es von Bedeutung. So lesen wir beispielsweise in 1. Mose 39, wie Joseph in Ägypten Potiphars Verwalter wird und was das alles beinhaltet. Potiphar hat ihm sein gesamtes Eigentum anvertraut – alle seine Arbeiter, seinen Reichtum und seinen Betrieb. Joseph sollte diesen Besitz in Potiphars Namen und zu seinem Nutzen verwalten und entwickeln.

Das ist das Konzept hier. Älteste müssen sich selbst als Verwalter sehen, denen nicht nur Gottes Werk, sondern auch sehr kostbarer Reichtum anvertraut ist. Gott legt sowohl den Schatz seines Wortes als auch den Schatz seines Volkes in die Hände der Ältesten. Älteste sollen dieses Eigentum Gottes im Namen des Besitzers verwalten. Dabei dürfen sie weder seine Autorität an sich reißen noch ihre eigene Verantwortung scheuen.

Als Verwalter oder Manager, die eine so große Verantwortung haben, müssen die Ältesten sich richtig verhalten. Es gibt keinen Platz für Überheblichkeit oder eigene Ziele. Die Gemeinde gehört nicht den Ältesten und sie selbst brauchen Gottes Gnade wie jeder andere. Ein Ältester muss selbstbeherrscht und diszipliniert sein. Er darf auch unter einem Druck nicht falsch reagieren, der bei vielen Männern zu Wutausbrüchen, Alkoholmissbrauch oder sogar zu körperlicher Gewalt führt.

Wenn wir Älteste bei ihrer täglichen Arbeit beobachten, sollten wir feststellen, dass sie nicht launisch oder schwierig im Umgang sind. Wenn sie Verantwortung haben, sollen sie diese zum Guten nutzen und nicht überheblich ihre Position zur Schau stellen. Sie sollen sowohl ihren Mitarbeitern gegenüber freundlich und hilfsbereit sein, als auch selbst fleißig arbeiten. Sie sollen nicht als jemand bekannt sein, der Klatsch verbreitet oder ständig auf die Uhr schaut. Sie sollen nicht auf andere treten um selbst an die Spitze zu kommen. Auch durch Frust und Schwierigkeiten in ihrer Arbeit lassen sie sich nicht gehen. Sie werden dadurch nicht gewalttätig oder verletzend und betrinken sich nicht, weder allein zu Hause noch in Gesellschaft.

Das Gemeindeleben ist voll von Druck. Wenn man mit Leuten zusammenarbeitet, die die Wahrheit geringschätzen oder faul oder zügellos oder anfällig für Wutausbrüche sind, werden Geduld, Weisheit und Selbstbeherrschung im größten Ausmaß auf die Probe gestellt. Ein Mann, der in der Arbeit oder zu Hause Ausbrüche von schlechter Laune hat, wird sich in der Gemeinde wahrscheinlich ähnlich verhalten, besonders unter Belastung. So eine Person sollte nicht eingesetzt werden. Ein Mann, der an seinem Arbeitsplatz überheblich und arrogant ist, wird wahrscheinlich seine Autorität in der Gemeinde missbrauchen um sein Ego zu befriedigen. Ein Mann, der Alkohol (oder Drogen) braucht um mit seinem Frust zurechtzukommen, selbst wenn er nur gelegentlich (oder auch häufig) zu viel genießt und darin offensichtlich kein Problem sieht, ist bereits eine Gefahr für sich selbst und für andere. Ein Mann, der aggressiv ist, auf den Gefühlen von anderen herumtrampelt oder mit Gewalt herrscht wirft ein schlechtes Licht auf die Gnade Gottes. Das gilt auch für jemand, der sich wichtig macht und gewalttätig und beleidigend gegenüber seinen Arbeitern oder seiner Frau und seinen Kindern ist. Solche Männer sollen nicht eingesetzt werden.

Älteste dürfen nicht geldliebend sein. Es geht nicht darum wie reich jemand ist, sondern es kommt auf die Herzenshaltung an. Jesus lehrte, dass dort, wo unser Schatz ist, auch unser Herz sein wird. Man kann also sehen, wo das Herz eines Menschen ist, wenn man darauf schaut, wo sein Schatz wirklich ist. Wenn jemand dafür bekannt ist, geizig statt freigiebig zu sein, so ist dies Grund genug, dass er nicht Ältester werden soll.

In einigen Kulturen ist es eine fast unumstrittene Annahme, dass der „Pastor“ einer Gemeinde von der Gemeinde finanziell unterstützt wird. Wenn wir aber das Vorbild und die Lehre im Neuen Testament untersuchen, so sehen wir, dass es diese Annahme in der frühen Gemeinde nicht gab. Es stimmt, dass Jesus seinen Jüngern ursprünglich auftrug, keine Geldtasche oder sonstige Vorsorge für ihre Sicherheit mitzunehmen, als er sie aussandte um Israel seinen Anspruch zu verkünden. Als Stellvertreter des Messias des Volkes hatten sie das Recht zu erwarten, dass das Volk für sie sorgen würde. Aber Jesus änderte diese Anweisungen, als er den Jüngern den Auftrag gab, mit dem Evangelium in die ganze Welt zu gehen. Jesus war vorerst abgelehnt worden und stand kurz davor getötet zu werden. In diesen Umständen des Widerstandes würden sie Vorsorge für sich treffen müssen. (Vergleiche Lukas 10 mit Lukas 22,35-38.)

Als Paulus die Ältesten der Gemeinde in Ephesus anspricht, ist er imstande sie an sein eigenes Vorbild zu erinnern. Als Apostel und Gemeindegründer hat er mit seinen Händen gearbeitet um seinen Lebensunterhalt und den seiner Mitstreiter zu verdienen. Er ermutigt die Ältesten es ihm gleichzutun (siehe Apostelgeschichte 20,33-35). Zu anderen Zeiten erhielt er finanzielle Unterstützung und es war ihm möglich, sich ganz der Arbeit am Evangelium zu widmen. Aber das war für ihn nicht selbstverständlich, selbst als Apostel. Einige Male hat er sogar finanzielle Unterstützung abgelehnt und lieber mit seinen eigenen Händen gearbeitet, damit er niemandem zur Last fallen würde und das Evangelium predigen könnte ohne den Vorwurf er suche finanziellen Gewinn. Es ist eindeutig, was das normale Schema für neutestamentliche Älteste/Pastoren/Aufseher  war und für alle, die an Gemeindegründungen beteiligt waren: Sie haben mit ihren eigenen Händen gearbeitet um für ihre eigenen Bedürfnisse und für die von anderen Gemeindemitgliedern zu sorgen. Paulus spricht das Thema in 2. Thessalonicher 3,6-15 an, wo er auch stark vor jeder Form von Faulheit warnt und zu harter Arbeit ermutigt.

Es kann sein, dass eine Gemeinde beschlossen hat, einen Ältesten finanziell zu unterstützen, damit er sich seiner Aufgabe in der Gemeinde besser widmen kann, besonders der Aufgabe der Lehre (1. Timotheus 5,17). In diesem Fall muss speziell auf die Motive des betroffenen Ältesten geachtet werden. Sie dürfen nicht finanzieller Natur sein, sondern sollten von dem Verlangen geprägt sein Gott zu gehorchen und anderen zu dienen. Die Lösung für dieses Problem ist nicht, die Leiter arm zu halten. Vielmehr sollte sichergestellt werden, dass sie in transparenter, gerechter und liebender Weise behandelt werden.

Ein Ältester soll sich durch seinen weisen und großzügigen Umgang mit finanziellen Mitteln auszeichnen. Er soll Gastfreundschaft üben und sein Herz und sein Haus sollen offen und großzügig für andere sein, besonders für Außenseiter und Neulinge. Ein Ältester soll dem Rest der Gemeinde diese großzügige Offenheit, das Interesse und das freundliche Auftreten gegenüber neuen Leuten vorleben. Dadurch enstehen Gelegenheiten das Evangelium zu erzählen.

Älteste sollen positiv eingestellt sein und das lieben, woran auch Gott selbst Freude hat: Dinge, die gut, gerecht und heilig sind. Es ist viel zu einfach, in einer korrupten und verdorbenen Welt negativ eingestellt zu sein. Natürlich gibt es eine negative Seite: Das Gute zu lieben und das Böse zu hassen. Aber das Positive sollte betont werden. Das Alte Testament redet von „heiliger Pracht“ (Psalm 29,2). Heiligkeit hat etwas mit Schönheit zu tun. Das ist eine positive und wunderbare Sache. Älteste sollten Freude haben an Güte, Schönheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit, wo auch immer sie zu finden ist. Sie sollten versuchen darin zu wachsen und diese Werte in anderen zu fördern.