Gemeinde & Mission

Die Auferstehung – auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24)

von Gooding David

(Auszug aus dem Kommentar zum Lukasevangelium von David W. Gooding. Dieses Buch soll im Mai bei CLV erscheinen.)

Zwei Jünger verließen Jerusalem und kehrten heim. Die Gründe dafür waren schwerwiegend. Sie hatten gefolgert, dass die Hinrichtung Jesu durch die Obrigkeit bewiesen hatte, dass Jesus doch nicht der König sei (Lukas 24,19–21).
Sie waren daran nicht nur Jerusalem zu verlassen, sondern damit auch alle Hoffnung aufzugeben, die sie in Christus gesetzt und die sie bezeugt hatten, als sie ihn beim Einzug in die Stadt begleitet hatten. Christus konnte es deshalb nicht zulassen, dass diese Reise wieder in Emmaus endete; er musste sie nach Jerusalem zurückführen.
Als König von Zion war er mit Jerusalem noch nicht fertig. Gewiss, die religiösen Führer hatten ihn „aus dem Weinberg hinausgeworfen und getötet“ (20,14.15); aber das war nicht das Ende der Geschichte. Sein Tod in Jerusalem war die von ihm bewusst befolgte Strategie gewesen, um den Neuen Bund und sein Reich aufzurichten. Jetzt, da sein Passahopfer dargebracht worden war, musste er seinen Ausgang erfüllen (9,31). Er würde sich nicht als gescheiterter und besiegter König aus Jerusalem zurückziehen und seinen Weg in den Himmel von anderswo in Palästina fortsetzen. Sein Ausgang sollte, wie zuvor dem Mose und Elia angekündigt, in Jerusalem erfüllt werden. Er war als König nach Jerusalem gekommen; er sollte die Erde als siegreicher Herr von Jerusalem aus verlassen. Darum erschien er den Jüngern in Jerusalem und gab ihnen dort die Anweisungen zur Weltmission (24,36–39). Diese Stadt musste der Ausgangspunkt für die Verbreitung des Evangeliums sein (24,47). In Jerusalem würde der Heilige Geist kommen, um sie für ihre Mission mit Kraft auszurüsten, und sie sollten dort auf dessen Kommen warten (24,49). Der Herr würde sie aus Jerusalem hinausführen, um vor ihren Augen in den Himmel aufzufahren (24,50); dorthin, nach Jerusalem, würden sie wieder zurückkehren (24,52), und zwar in den Tempel, wo sie sich von der Himmelfahrt an bis Pfingsten allezeit versammelten.

Warum der Herr die Jünger begleitet
So freundlich ist der Herr: Nachdem er aus Galiläa gekommen und in Jerusalem als König eingezogen war, reiste er jetzt mit zwei seiner Jünger zurück, stieg mit ihnen den ganzen Weg der zerschlagenen Hoffnungen hinab und hörte sich alle Gründe an, warum sie inzwischen daran zweifelten, dass er der König sei. Vor ihrem Aufbruch hatten sie von den Frauen den Bericht vom leeren Grab und die Botschaft der Engel gehört, und sie konnten Jesus berichten, dass einige der Apostel beim Grab gewesen seien und es leer vorgefunden hätten; dann sagten sie, während sie dem Fremden in die Augen schauten, mit großartiger, aber unfreiwilliger Ironie: „Aber ihn sahen sie nicht“ (24,24). Sie sagten dem Fremden sogar, dass es inzwischen der dritte Tag seit der Kreuzigung Jesu war (24,21), und doch kam ihnen der Gedanke nicht, dass die Auferstehung möglicherweise stattgefunden haben könnte. Warum nicht?

Warum die Jünger nicht mit der Auferstehung rechneten
Zunächst war da die Tatsache, dass die Meinung der Priester und der religiösen Obrigkeit für die gewöhnlichen Menschen immer noch ungeheures Gewicht hatte. Die religiösen Führer wiesen jene Zeichen und Beweise ab, auf welche die Jünger ihre Hoffnungen gesetzt hatten, und ließen Jesus hinrichten. So wurde der Glaube der Jünger an Jesus als Messias erschüttert (24,19.20).
Noch schwerer wog der Umstand, dass Tod und Auferstehung nicht zu ihrer Vorstellung vom Amt und vom Programm des Messias passten; das war der wirkliche Grund, warum sie alles, was Jesus über seinen Tod angekündigt hatte, nicht wirklich „verdaut“ hatten. Sie hofften auf einen Messias, der das Joch der Römer mit Waffengewalt zerschlagen würde. Was nützte ein Messias, der sich von den Obersten der Juden verhaften und von den Römern hinrichten ließ, noch bevor er anfangen konnte, einen Guerillakrieg, Aufruhr oder offenen Krieg zu organisieren? Wenn das Alte Testament einen Befreier ankündigte, der nicht sterben, sondern siegen würde, dann war Jesus disqualifiziert: Er war gestorben. Nach einem solchen Ende war alles Reden von der Auferstehung eigentlich bedeutungslos.

Warum der Erlöser leiden musste
Daher musste der Herr, um Kleopas und seinem Gefährten die Tatsache seiner Auferstehung zu beweisen, als erstes zeigen, dass der Messias gemäß dem Alten Testament sterben musste, und zweitens, dass die Art Erlösung, die der Messias wirken sollte, nur durch sein Sterben geschehen konnte. Ihre Vorstellungen von einem siegreichen Messias waren natürlich falsch; aber sie beruhten darauf, dass die beiden sich nur auf ausgewählte Texte aus dem Alten Testament stützten. Sie klammerten sich an jene Abschnitte, die vom Sieg über die Feinde Israels und von der Wiederherstellung des Landes, des Königtums und der politischen Unabhängigkeit handelten. Mit den Texten, die das Leiden und Sterben des Messias ankündigten, konnten sie nichts anfangen. Falls sie diese Stellen überhaupt gelesen hatten, hatten sie sie nicht beachtet, denn sie passten nicht zu den Erwartungen, die sie vom Messias hegten. Sie hatten zwar geglaubt, aber sie hatten nicht an alles geglaubt, was die Propheten gesprochen hatten (24,25).
Also musste der Fremdling ausführlich und in Einzelheiten erörtern, dass das im Alten Testament niedergeschriebene Programm für den Messias besagte, dass „er sterben und in seine Herrlichkeit eingehen musste“ (24,26.27). Das bedeutet, dass sein Leiden das Mittel war, durch das er in die Herrlichkeit eingehen sollte. Sein Tod war nicht ein Hindernis auf dem Weg zur Erlösung Israels, sondern gerade die Methode, durch welche diese Erlösung gewirkt werden musste. Im Obersaal (22,14–20) hatte Christus auf die Typologie des Passah und auf Jeremias Weissagung vom Neuen Bund Bezug genommen. Nun ging er mit den beiden Jüngern alle Schattenbilder und Weissagungen des Alten Testaments durch, die zeigten, dass die Erlösung darin besteht, dass der Opfertod des Messias Vergebung der Sünden und Versöhnung mit Gott bewirken sollte.
Während der ganzen Zeit der Unterredungen waren jedoch den Jüngern die Augen gehalten, so dass sie den Fremden nicht erkannten. Was der Fremde dargelegt hatte, war ganz einfach die Tatsache, dass der Tod Jesu nicht bedeutete, dass er als möglicher Messias ausschied; es machte vielmehr seinen Anspruch darauf, der Messias zu sein, noch zwingender und den Bericht von der Auferstehung glaubwürdiger. Aber wenn es stimmte, dass Jesus lebte, wo war er dann? Und wie konnte man, wenn man ihn sehen sollte, sicher sein, dass es Jesus war?

Woran die Jünger den Herrn erkannten
Die letzte Frage ist vielleicht für uns von noch größerem Interesse als für die beiden Jünger. Wenn es weithin anerkannt war, dass der im Alten Testament verheißene Messias sterben und auferstehen sollte, was könnte einen religiösen Schwindler daran hindern, sich nach Jesu Tod wie Jesus zu verkleiden und die ersten Christen zum Glauben zu verführen, Jesus sei von den Toten zurückgekehrt? Wie überzeugte der Fremde, so fragen wir, die beiden Jünger, dass er Jesus war? Sicher nicht, indem er einfach sagte: „Ich bin Jesus.“ Das hätte jeder sagen können. Er tat es durch eine Handlung, die keinem Schwindler in den Sinn gekommen wäre; er tat es dazu auf eine Weise, die für ihn so bezeichnend war und die so unmissverständlich vom Herzstück all jener Dinge sprach, die er seinen Jüngern bei jenem geheimen Treffen über sich selbst gesagt hatte, dass kein Mensch es wissen und erst recht nicht tun hätte können.
Als er zu Tisch saß, nahm er Brot, dankte, brach es und gab es ihnen. Das lenkte ihre Aufmerksamkeit unweigerlich auf seine Hände, und dabei sahen sie vielleicht die Wundmale in den Händen. Als sie aber nachher vor den Aposteln standen, sagten sie nicht, dass sie den Herrn an den Wundmalen erkannt hatten, sondern am Brechen des Brotes: „Und sie erzählten… wie er von ihnen erkannt worden war am Brechen des Brotes“ (24,35).
Bei zwei Gelegenheiten von außergewöhnlicher Bedeutung hatte der Herr mit seinen Händen Brot gebrochen und es seinen Jüngern ausgeteilt: Zuerst tat er das bei der Speisung der Fünftausend (9,16). Die Jünger, die nahe genug waren und es sehen konnten, haben den überwältigenden Anblick, wie in seinen Händen die Brote gemehrt wurden, gewiss nie vergessen können. Zudem verwendete der Herr kurz danach das Wunder als ein Gleichnis darauf, dass er sein Fleisch und sein Blut für das Leben der Welt geben werde (Joh 6,32–59). Und jetzt nahm der Fremde, der in einem Überblick über das ganze Alte Testament gezeigt hatte, dass es Gottes Plan für den Messias war, seinen Leib für die Sünden seines Volkes hinzugeben, Brot in seine Hände, dankte, brach es und gab es ihnen. Sofort erkannten sie ihn: Es war eine unverkennbare Selbstenthüllung.
Die zweite Gelegenheit war im Obersaal beim Passahmahl und bei der Einsetzung des Herrenmahles gewesen. Kleopas war damals nicht dabei gewesen, vielleicht auch nicht bei der Speisung der Fünftausend, aber er hatte gewiss von beidem gehört. Die Apostel hatten die geheimnisvollen Worte, dass Christus seinen Leib und sein Blut dahingab, nicht fassen können, und Kleopas wäre es nicht anders ergangen: Er konnte sie nicht einmal nach Christi Tod begreifen, bis der Fremde gezeigt hatte, dass das Alte Testament voll von Weissagungen, Ritualen und Schattenbildern vom göttlich verordneten Opfertod des Messias war. Als Jesus noch einmal das Brot brach und es ihnen gab, wurde den beiden plötzlich alles verständlich und sinnvoll: „Ihre Augen wurden aufgetan, und sie erkannten ihn.“
Noch heute erkennen wir den Heiland der Welt an der gleichen Handlung, wenn auch auf einer tieferen Ebene: Kein anderer hat seinen Leib dahingegeben, um dich und mich zu erlösen.