Die Fußwaschung (Joh. 13,14)
(Auszug aus dem Buch „In der Schule Christi“ von David Gooding. Es handelt sich dabei um eine Auslegung zu Johannes 13 bis 17; es soll 2013 bei CLV erscheinen.)
Wenn wir Fortschritte in der Heiligung machen wollen, reicht es nicht aus sorgsam und beständig unser Leben von den Verschmutzungen durch unreine Haltungen und Handlungen zu reinigen, obwohl das natürlich notwendig ist. Wir müssen auch entschieden und aktiv danach streben unseren Mitmenschen und besonders den Mitgläubigen zu dienen.
Denn nachdem unser Herr seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, legte er seine Kleider wieder an, setzte sich und wandte sich von der geistlichen Bedeutung der Fußwaschung der praktischen Anwendung zu: „Wenn ich als Herr und Lehrer eure Füße gewaschen habe, solltet ihr euch ebenso gegenseitig die Füße waschen“ (13,14).
Wie sollen wir diese Anweisung verstehen? Manche Christen denken, sie sollten von Zeit zu Zeit in einer Zeremonie anderen tatsächlich die Füße waschen. Aber die ersten Christen verstanden die Anweisung des Herrn konkreter. Paulus erörtert zum Beispiel in seinem Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus die Gewohnheit der ersten Gemeinde sich um die Witwen zu kümmern und sie finanziell zu unterstützen. Dadurch bestand allerdings die Gefahr, dass jüngere Witwen diese Gewohnheit missbrauchten, indem sie sich von der Gemeinde durchfüttern ließen anstatt selbst zu arbeiten. Damit das nicht geschah, schlug Paulus vor, dass erst das Leben einer Witwe geprüft werden sollte, ob sie „ein Zeugnis hat in guten Werken, wenn sie Kinder auferzogen, wenn sie Fremde beherbergt, wenn sie der Heiligen Füße gewaschen, wenn sie Bedrängten Hilfe geleistet hat, wenn sie jedem guten Werk nachgegangen ist“ (1. Timotheus 5,10). Danach konnte sie diese Unterstützung erhalten. In diesem Zusammenhang kann „der Heiligen Füße gewaschen“ durchaus bedeuten, dass diese liebe Frau nach dem Brauch der damaligen Zeit tatsächlich die Füße ihrer christlichen Besucher gewaschen hat. Aber der Ausdruck kann ebenso demütiges Dienen gegenüber anderen bedeuten.
Zur Zeit unseres Herrn war das Waschen der Füße normalerweise eine niedere Aufgabe, die von einem sehr niederen Diener oder sogar einem Sklaven ausgeführt wurde. Indem unser Herr seine Jünger anweist, einander die Füße zu waschen, sagt er allen seinen Nachfolgern, dass sie die Gesinnung eines Dieners annehmen müssen. Sie müssen bereit sein, auf alle notwendige Art und Weise Menschen praktisch zu dienen. Denn Heiligung ist nicht nur eine theologische Lehre; sie schließt eine Gesinnung und Herzenshaltung ein, die nach Möglichkeiten Ausschau hält anderen zu dienen, und die keine Aufgabe als unwürdig betrachtet.
Die Autorität unseres Lehrers
Anderen auf diese Weise zu dienen ist eine sehr schwierige Aufgabe. Was soll uns dazu antreiben und motivieren?
Als erstes die Autorität unseres Lehrers: Als er seine Stellung unter ihnen am Tisch zusammenfasste, sagte er: „Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer…“ (13,13-14). Wir bemerken sofort eine Änderung der Reihenfolge der Wörter. Die Jünger neigten dazu, Jesus in Gedanken und Gesprächen zuerst „Lehrer“ und dann „Herr“ zu nennen. Als Christus von sich selbst zu ihnen redet, dreht er die Wörter um: zuerst „Herr“ und als zweites „Lehrer“. Der Unterschied mag winzig erscheinen, aber wenn es um unsere Haltung gegenüber Christus und seinen Geboten geht, ist dieser Unterschied von großer praktischer Bedeutung. Allzu oft kommen wir zu Christus als Lehrer und hören, was er zu sagen hat. Dann entscheiden wir, ob wir seine Lehre annehmen und sie ausführen oder nicht. Aber das ist weder ein angemessenes Verhalten für einen Gläubigen in der Schule Christi noch der beste Weg um Fortschritte in der Heiligung zu machen. Wir sollten zuerst zu ihm als dem Herrn kommen, entschlossen ihm zu gehorchen und das zu tun, was er uns lehrt. Dann sollten wir in dieser Gesinnung auf ihn als Lehrer hören.
Wenn das die erforderliche Haltung ist, wird Christus dann nicht zu einem Tyrannen? Nein! Betrachten wir als Nächstes sein Vorbild.
Die Kraft seines Vorbilds
„Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit, wie ich euch getan habe, auch ihr tut“ (13,15). Ein fähiger Lehrer weiß, dass das Lehren am erfolgreichsten ist, wenn die Theorie praktisch veranschaulicht wird. Also gab der perfekte Lehrer seinen Jüngern ein Beispiel demütigen, liebevollen und praktischen Dienens. Dieses war so anschaulich, dass sie sofort die allgemeine Bedeutung begreifen und für den Rest ihres Lebens nicht mehr vergessen würden. Aber da war noch so unendlich viel mehr. Er war nicht nur ein Lehrer. Er war nicht in erster Linie der perfekte Lehrer. Er war in erster Linie ihr Herr, der Herr des Universums. Sie hatten keinen Anspruch darauf, dass er ihnen diente, und kein Recht, es zu erwarten. Im Gegenteil, es war bereits ein schwerer Fehler, dass sie nicht eilig ihrer Pflicht nachgekommen waren und ihm, ihrem Herrn, die Füße wuschen. Es war erstaunlich, dass er, ihr Herr und der menschgewordene Schöpfer, an ihrer Stelle seine Kleider ablegte, sich wie ein geringer Sklave mit einem Handtuch gürtete, zu ihren Füßen niederkniete, ihnen diese wusch und mit dem Handtuch trocknete, das sein Leib gewärmt hatte. Nachdem er ihnen dies getan hatte, wie konnten sie sich an seinem Gebot stoßen, dass sie auf dieselbe Weise anderen dienen sollten? Christus sagte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch ein Gesandter größer als der, der ihn gesandt hat“ (13,16).
Die Zeit kam, als er sie als seine Apostel mit apostolischer Autorität in die Welt aussandte. Aber es bestand die Gefahr, dass ihr hohes Amt in der Gemeinde sie ihre Pflicht vergessen ließ, ihren Mitgläubigen demütig zu dienen und stattdessen zu erwarten, dass sich diese vor ihnen niederbeugen und ihnen dienen. So sollten sie sich immer daran erinnern, dass Christus, den sie repräsentierten, wie ein geringer Sklave die niedere Aufgabe erfüllt und ihnen die Füße gewaschen hatte. Wie konnten sie danach hochmütig und stolz werden und sich so verhalten, als wären sie größer und wichtiger als ihr Herr? Sie würden nie das Gefühl von Christi Händen an ihren Füßen vergessen. Es war ein stiller Tadel ihres Stolzes, ein nicht zu unterdrückender und nicht zu leugnender Ruf als Diener des Niedrigsten der Menschen zu handeln.