Gemeinde & Mission

Die Geburt Jesu in Bethlehem und der Besuch der Hirten (Lukas 2,1–21)

von Gooding David

(Ein Auszug aus dem Kommentar zum Lukasevangelium von David W. Gooding. Dieses Buch soll 2012 beim CLV erscheinen.)

Lukas berichtet zuerst von der Geburt, der Beschneidung und der Namensgebung des Vorläufers; dann von der Geburt, der Beschneidung und der Namensgebung des Messias. Sogleich sticht ein auffälliger Gegensatz zwischen den beiden ins Auge: Bei der Namensgebung des Johannes wird der Bruch mit der Familientradition stark betont; bei der Geburt Jesu wird ebenso stark hervorgehoben, dass die Familientradition gewahrt wurde. Dieser Gegensatz ist keineswegs bloß oberflächlich.

Als Vorläufer Christi sollte Johannes „die Stimme eines Rufers in der Wüste“ sein, eine Stimme, mehr nicht. Für seinen Dienst war es nicht von Belang, wer er war und welcher Familie er entstammte. Auf der anderen Seite war Johannes Anführer einer Volksbewegung, die anfänglich von Jesus unabhängig war und in gewisser Hinsicht unabhängig blieb, auch nachdem der Herr seinen öffentlichen Dienst begonnen hatte. Johannes selbst zählte nie zur Schar der Apostel Christi; seine Bekehrten galten als seine Jünger (siehe Lk 5,33), und obwohl immer wieder Jünger des Johannes diesen verließen, um sich Jesus anzuschließen (siehe Joh 1,35–37; 3,25–26), fuhr Johannes fort Jünger zu machen. Zudem war die Wirkung des Johannes auf das Volk so stark, dass viele sich fragten, ob er nicht der Messias sei. Das leugnete er in aller Deutlichkeit und bezeugte öffentlich, Jesus sei der Messias (siehe Lk 3,15–17; Joh 1,19–34). Aber damit nicht hier oder später Zweifel aufkommen, sorgte die Namensgebung durch den Engel dafür, dass die Abstammung des Johannes unwichtig blieb, während sie für den Messias von größter Bedeutung war. Es war nicht wichtig, wer der Vater des Täufers war.
Bei Jesus war die Wahrung der Familientradition aus offenkundigen Gründen von größter Wichtigkeit. Der Anspruch der Messias zu sein war gleichzeitig ein Anspruch darauf, der Sohn Davids und damit der Empfänger der David von Gott gegebenen Verheißungen zu sein. Daher umschreibt der Engel die Rolle von Marias Kind mit folgenden Worten: „Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und der Herr, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird über das Haus Jakobs herrschen ewig, und sein Reich wird kein Ende haben“ (Lk 1,32-33). Damit übereinstimmend, sagt Zacharias in seiner Weissagung Jesus sei ein „Horn des Heils“, das Gott im Haus Davids aufgerichtet hat (Lk 1,69). Hier handelte es sich nicht um ein kleines Detail aus der jüdisch-palästinischen Herkunft Christi, das seine Bedeutung verlieren sollte, sobald das Evangelium Christi in die Heidenwelt gelangte; nein, es blieb ein wesentlicher Bestandteil des Evangeliums. Paulus, der Heidenapostel, nennt das Evangelium „das Evangelium Gottes über seinen Sohn, der aus dem Geschlecht Davids gekommen ist dem Fleisch nach“ (Röm 1,1–3). Und Jahre später schreibt er an Timotheus: „Halte im Gedächtnis Jesus Christus, auferweckt aus den Toten, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium“ (2. Tim 2,8). Dass David in dieser Weise hervorgehoben wird, ergibt sich aus dem Wesen des Evangeliums selbst; denn das Evangelium ist nicht eine Sammlung allgemein gültiger Wahrheiten, die in der Sprache eines Mythos verfasst ist. Das Evangelium lautet, dass Gott vor Jahrhunderten mit Abraham und seinen Nachkommen und später mit David ein mächtiges Werk anfing, das genauso buchstäblich und historisch ist wie das Aufkommen des Römischen Reiches, und dass Jesus der Christus und Erlöser, der Höhepunkt dieses historischen Werkes ist. Er war nun gekommen um alle Verheißungen einzulösen, die David gemacht worden waren.
Es war daher unerlässlich, dass die Traditionen seiner königlichen Abkunft bei der Geburt Jesu gewahrt wurden, besonders eine Sache: Der Prophet Micha hatte vorhergesagt, dass der Messias in Bethlehem geboren werden sollte (Mi 5,2); darum musste Jesus in Bethlehem geboren werden. Man beachte, wie die beiden Berichte in Lukas 2 sogleich hervorheben, wo Jesus tatsächlich geboren wurde: in der Stadt Davids, in Bethlehem, in einer Krippe (Lk 2,4.7.11–12.15–16); aber man beachte als Nächstes, dass das Hauptanliegen vom ersten Bericht (Lk 2,1–7) darin besteht zu erklären, wie es dazu kam, dass er dort geboren wurde.
Es waren nicht Joseph oder Maria, die es so einrichteten, damit der Anspruch Jesu, Sohn Davids zu sein, zu seiner Zeit die nötige Glaubwürdigkeit hätte. Gott lenkte in seiner Vorsehung alles so, dass die oberste organisatorische Instanz der antiken Welt dafür sorgen musste, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde: Der Kaiser Augustus verordnete eine Volkszählung, und dabei musste jeder in die Stadt reisen, aus der seine Familie stammte, um verzeichnet zu werden. Weil Joseph zum Haus und zur Familie Davids gehörte, musste er in die Stadt Davids reisen. Er konnte damit der Familientradition gar nicht ausweichen; die Volkszählung zwang ihn dazu. Augustus ahnte natürlich nichts von der Auswirkung seiner Volkszählung, und nichts hätten er oder sein Vasall Herodes weniger gewünscht, als die Glaubwürdigkeit des Messias als des Anwärters auf den Thron Davids zu stützen. Als Augustus die Volkszählung anordnete, wollte er damit seine Herrschaft über die verschiedenen Teile seines Imperiums festigen. Aber gerade diese Maßnahme, mit der er den Griff über sein Riesenreich festigen wollte, gab ironischerweise den Anlass dazu, dass Jesus, der Sohn Marias, der Sohn Davids und Sohn Gottes in der Stadt Davids, seines königlichen Vorfahren, zur Welt kam, er, der verordnet war, auf dem Thron Israels und der Welt zu sitzen! Als Augustus unwissend die Erfüllung der Weissagung Michas einleitete, lieferte er dieses besondere Detail zum Anspruch Jesu, der Messias zu sein.

Der Bericht von den himmlischen Heerscharen und dem Besuch der Hirten (Lk 2,8–20) ist vielleicht der bekannteste Teil der Geburtsgeschichte. Die wunderbar reiche Bildersprache spricht die tiefsten Empfindungen des Menschenherzens an: Hirten, die über ihren Herden wachen; eine Mutter, die über ihrem Kindlein wacht; der himmlische Chor, der ins Dunkel der Erdennacht hereinbricht und den lange ersehnten Sonnenaufgang ankündigt und den Armen zusichert, dass Gott für sein Volk sorgt, was die Mächtigen der Welt auch treiben mögen, und dass er es mit seinem Hirtenherzen so gewollt hat, dass sein Sohn nicht in einem Palast, sondern in einer Krippe zur Welt kommen sollte.
Unser Hauptanliegen bei der Erklärung ist, soweit als möglich zu entdecken, inwiefern dieses Ereignis in den Zusammenhang der von Lukas verfassten Erzählung passt. Und es finden sich Hinweise: Wir haben bereits bemerkt, wie die beiden Berichte am Anfang von Lukas 2 hervorheben, wo Jesus geboren wurde: in der Stadt Davids, in Bethlehem, in der Krippe (siehe Lk 2,4.7.11–12.15–16). Aber es liegt folgender Unterschied vor: Der erste Bericht (Lk 2,1-7) erklärt, wie es dazu kam, dass Jesus an jenem Ort zur Welt kam. Der zweite Bericht (Lk 2,8-20) erklärt, wie einige Stunden nach seiner Geburt einigen Hirten der Ort genau bekannt war, so dass sie das Kind aufsuchen konnten: Ein Engel hat es ihnen gezeigt. Als Nächstes beachten wir die Wirkung dieses ganzen Geschehens, so wie Lukas selbst es zum Ausdruck gebracht hat. Gemäß seinem Bericht waren die Hirten die Einzigen, welche die Engel gesehen oder gehört hatten. Nachdem sie bei der Krippe gewesen und ihre Geschichte erzählt hatten, kehrten sie zurück und priesen Gott, und dann hören wir nichts mehr von ihnen. Die Leute, die dastanden und hörten, was die Hirten Maria sagten, sowie die Leute, die danach die Geschichte der Hirten hörten, „verwunderten sich“ (Lk 2,18); aber auch von denen hören wir nachher nichts mehr. Und dann hören wir von Marias Reaktion, die auch später betont wird (siehe Lk 2,33–35; 2,43–51): „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ (Lk 2,19).
Das verwundert uns nicht, denn diese Worte waren für sie ein unermesslicher Trost. Sich auf die Geburt eines gewöhnlichen Kindes vorzubereiten, besonders auf das erste, ist für die meisten Mütter Verantwortung und Bürde genug. Maria aber war eröffnet worden, ihr Kind sei der Sohn Gottes, durch ein Wunder gezeugt. Aber seit der Ankündigung war ihr kein Engel mehr erschienen, um ihr von Zeit zu Zeit Anweisungen zu geben, welche Vorbereitungen und Maßnahmen zur Geburt des Sohnes Gottes angemessen seien. Man versuche sich vorzustellen, wie besorgt sie gewesen sein muss! Wie sollte sie wissen, ob sie alles richtig machen würde?
Zu Hause in Nazareth wird sie die sorgfältigsten Vorbereitungen auf die Geburt getroffen haben, und dann kamen die Volkszählung und die befohlene Reise, die alle Vorbereitungen über den Haufen warfen. Eine Reise und ein Aufenthalt in einer Herberge waren schlimm genug. Man stelle sich vor, wie niederschmetternd es gewesen sein muss, anzukommen und kein freies Zimmer zu finden! Das Haus in Nazareth war kein Palast, aber Joseph war Baumeister, und so wohnten sie sicher in angemessenem Komfort. Jetzt aber musste sie ihr Kind irgendwo halb öffentlich in einer Notunterkunft zur Welt bringen. Und wo sollte sie das Kind hinlegen, wenn es zur Welt gekommen war? Ihr erstes Kind! Und der Sohn Gottes! Wie sollte sie den Sohn Gottes in eine Futterkrippe legen?
Und dann kamen die Hirten und fragten, wo das Kind sei. Auf die Frage, woher sie denn gewusst hätten, wo sie es suchen mussten, antworteten sie, ein Engel des Herrn habe ihnen gesagt, dass der Retter, Christus der Herr, in jener Nacht in der Stadt Davids geboren worden sei.
Spätestens mit dieser Nachricht begann Maria langsam zu verstehen: Gabriel hatte ihr gesagt, dass das Kind den Thron seines Vaters David erben würde; und jetzt hört sie von einem Engel, der diese Hirten in die Stadt Davids gesandt hatte. Sie und Joseph hatten nicht die Absicht gehabt, nach Bethlehem zu kommen, aber der Erlass des Augustus hatte sie in die Stadt Davids genötigt. Nun erkannte sie den Ratschluss, der hinter Augustus und seiner Regierung stand; und einem Hirten gleich hatte dieser Ratschluss Joseph und sie nach Bethlehem geführt. Aber eine Frage war noch offen. Angesichts der im Zuge der Volkszählung plötzlich angeschwollenen Bevölkerung wäre es ja denkbar, dass in jener Nacht mehr als ein Kind in der Stadt Davids zur Welt gekommen war. Wie wussten die Hirten, dass Marias Kind das richtige war? Die einfache Antwort lautete: Der Engel hatte ihnen ein Zeichen gegeben; sie würden das richtige Kind ausgerechnet in einer Krippe finden.
Welche Frau legt schon ihren Erstgeborenen in eine Krippe? Für Maria muss es unbeschreiblich peinlich gewesen sein, das tun zu müssen. Aber da waren diese Hirten, und nach ihrer Aussage wussten die Engel, dass der Sohn Gottes in einer Krippe lag, und sie waren froh über diese Tatsache: Dieses Zeichen konnte einfache Hirten zum Heiland führen. Seither sind ungezählte Millionen für dieses Zeichen dankbar gewesen. Jesus ist in einer Krippe zur Welt gekommen und nicht in einem Palast. Diese Tatsache hat vielen geholfen zu verstehen, dass Jesus der Sohn Gottes und der Retter der Welt ist. Das konnte Maria natürlich nicht vorhersehen, aber etwas erkannte sie schon: Wenn die Engel ganz froh waren, die Krippe als Zeichen für die Hirten zu verwenden, dann musste es ein anderer Hirte gewesen sein, der zuvor sie und Joseph und ihr Kind zur Krippe geführt hatte. Es war also alles gut, und würde gut verlaufen: Die Verantwortung, dem Kindlein Hirte und Hüter zu sein, war in stärkeren Händen als in ihren.