Dienen unter Tränen
Auszug aus dem Buch „Reißende Wölfe kommen“, das von der Christlichen Verlagsgesellschaft herausgegeben wurde, mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Es ist eine lebendige Auslegung der Rede des Paulus an die Ältesten in Ephesus, aber wir denken, dass nicht nur Älteste, sondern ihr alle Gewinn davon haben werdet.
„Ihr wisst, wie ich vom ersten Tag an, da ich nach Asien kam, die ganze Zeit bei euch gewesen bin und dem Herrn diente mit aller Demut und unter Tränen ….“ (Apg 20,18-19).
Paulus begann seine Abschiedsbotschaft damit, dass er die Ältesten von Ephesus daran erinnerte, wie er bei seinem Aufenthalt bei ihnen dem Herrn die ganze Zeit „mit aller Demut“ gedient hatte. Das Leben und der Dienst des Paulus waren von Demut geprägt. Derselbe Geist der Demut soll sich nun im Leben und im Dienst der Ältesten manifestieren. Paulus erinnerte sie auch daran, wie er dem Herrn gedient hatte, nämlich „unter Tränen und Versuchungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren“. Indem er von seinen persönlichen Erfahrungen, von seinen Tränen und Anfechtungen berichtete, wollte er die Ältesten auf Schmerzen und Verfolgungen vorbereiten, die ihnen unweigerlich bevorstanden. Wie Jesus war auch Paulus ein zutiefst mitfühlender Mensch.
Dem Herrn unter Tränen dienen
Wie Jesus hat Paulus geweint. Wie Jesus hatte auch Paulus ein barmherziges Herz. Wie Jesus gab Paulus sein Leben für die Schafe. Er führte seine Schafe – die Menschen, die sich durch ihn bekehrt hatten – „mit der herzlichen Liebe Christi Jesu“ (Phil 1,8).
Paulus wusste, was „weint mit den Weinenden“ bedeutet (Röm 12,15). Wie Jesus war Paulus ein zutiefst einfühlsamer Mensch.
Diese Fähigkeit mitzufühlen, die Empathie, ist eine sehr wichtige Tugend für einen Ältesten. Empathie ist „die Fähigkeit, die Gefühle, Gedanken und Motive eines anderen Wesens zu erkennen“ bzw. diese Gefühle nachzuempfinden. „Wer ist schwach, und ich bin nicht auch schwach?“, fragte Paulus. „Wem wird Anstoß bereitet, und ich empfinde nicht brennenden Schmerz?“ (2. Kor 11,29; SLT).
Paulus war kein unnahbarer, gefühlloser Leiter. Er war nicht emotionslos im Umgang mit seinen Mitmenschen. Er verhielt sich auch nicht wie ein Mietling, ein angeheuerter Hirte, der nur diente, wenn er für seine Arbeit bezahlt wurde. Nein! Niemals!
Paulus liebte die ihm anvertrauten Menschen, selbst wenn sie ihm schwer zu schaffen machten. An die Gläubigen in Korinth, die ihm viele Sorgen und schlaflose Nächte bereiteten, schrieb er: „Ich habe ja schon vorhin erklärt, dass wir euch auf Tod und Leben in unserem Herzen tragen“ (2. Kor 7,3; NeÜ). Im selben Brief sagt er später: „Ich suche nicht das Eure, sondern euch … Ich will aber sehr gern alles aufwenden und mich aufopfern für eure
Seelen“ (2. Kor 12,14-15).
Tränen, die durch falsche Lehrer und Abtrünnige verursacht werden
Paulus weinte über die unablässigen Angriffe der falschen Lehrer auf das Evangelium und seine Kinder im Glauben: „Denn viele wandeln, von denen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage, dass sie die Feinde des Kreuzes Christi sind.“ (Phil 3,18).
Tränen des Kummers: Unter Tränen warnte Paulus die Ältesten in Ephesus wiederholt vor grausamen Wölfen, die die Herde zu spalten und zu verschlingen versuchten: „Darum wacht und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe, einen jeden unter Tränen zu ermahnen!“ (Apg 20,31).
Zu sehen, wie die Schafe Gottes von den Wölfen zerrissen wurden, erschütterte ihn zutiefst.
Tränen eines Hirten: Die Konflikte mit den eigenwilligen Korinthern verursachten bei Paulus großen emotionalen Schmerz und viele Tränen: „Denn aus viel Bedrängnis und Herzensangst schrieb ich euch mit vielen Tränen, nicht um euch traurig zu machen, sondern damit ihr die Liebe erkennt, die ich besonders zu euch habe.“ (2. Kor 2,4; siehe auch 2. Kor 12,21).
Abschiedstränen: Nach der Rede des Paulus berichtet Lukas: „Es entstand aber lautes Weinen bei allen; und sie fielen Paulus um den Hals und küssten ihn.“ (Apg 20,37). Gefühlsausbrüche dieser Art schienen bei solchen Verabschiedungen üblich gewesen zu sein (2. Tim 1,4). Tränen kamen in Paulus’ Dienst für den Herrn öfter vor und tiefe Zuneigung kennzeichnete seine persönlichen Beziehungen zu Gläubigen und Mitarbeitern im Evangelium.
Seien Sie auf Tränen gefasst
Wenn Sie ein großes Herz und ein offenes Ohr für Menschen haben, werden Sie angesichts der vielen Sorgen, Konflikte und Nöte Ihrer Mitmenschen oft weinen müssen. Sie werden weinen, weil sie mit zerbrochenen Ehen, zerrütteten Familien, hässlichen Konflikten zwischen Gemeindegliedern, vorzeitigen Todesfällen, lähmenden Krankheiten und schrecklichen Abhängigkeiten von Pornografie, Alkohol oder Drogen konfrontiert werden. Wie der weinende Prophet Jeremia werden auch Sie wegen der törichten Götzen und der sinnlosen Rebellion der Menschen gegen Gottes sinnvolle Gebote weinen.
Der Umgang mit den Sünden anderer: Eine tränenreiche Erfahrung, die ich nie vergessen werde, war der Fall eines älteren Mitältesten und Freundes, der im Ehebruch lebte, aber alles in seiner Macht Stehende tat, um dies zu leugnen. Fast ein Jahr lang mussten wir anderen Ältesten uns mit seinen wütenden Leugnungen, schlauen Lügen, Einschüchterungsversuchen, Androhungen von Gerichtsverfahren und falschen Anschuldigungen auseinandersetzen, nachdem er unter Gemeindezucht gestellt worden war.
Wie zu erwarten, stellten sich einige Leute auf die Seite des sündigenden Bruders und behaupteten wir würden ihn zu Unrecht beschuldigen, während andere die Ältesten unterstützten. Die unterschiedlichen Meinungen spalteten Familien und Freundeskreise, die wütend Partei ergriffen. Zeitweise schien es, als würde die Gemeinde auseinanderbrechen. Der Stress war überwältigend und führte zu vielen schlaflosen Nächten. Viele Monate lang konnte ich nicht anders, als über die Einzelheiten der Situation und die grausamen Dinge nachzudenken, die die Leute sagten – Leute, die nicht alle Fakten kannten oder sich von den dreisten Lügen und der charismatischen Persönlichkeit dieses Mannes täuschen ließen.
Sogar einzelne Menschen und christliche Organisationen außerhalb unserer Gemeinde beteiligten sich an den Angriffen auf die Ältesten. Die ganze Sache war ein riesiges Fiasko, aber meine Mitältesten und ich waren zuversichtlich, dass wir das Richtige für die Gemeinde, für den sündigenden Bruder und für seine Familie getan hatten, indem wir ihn aus der Gemeinde ausgeschlossen hatten, wie der Herr es geboten hatte: „Tut den Bösen von euch selbst hinaus!“ (1. Kor 5,13; auch Mt 18,17).
In diesem Fall kam dieser Bruder acht Jahre, nachdem er aus der Gemeinde ausgeschlossen worden war, gebrochen und reumütig zu uns und bat demütig um Wiederherstellung und Versöhnung. Die Wahrheit kam ans Licht, seine Reue war echt und unsere Gemeinschaft mit ihm wurde durch Gottes Gnade wiederhergestellt. Auch das war ein Grund für Tränen, aber jetzt waren es Tränen der Freude.
Hoher emotionaler Stress: In dieser von Sünde durchdrungenen Welt erleben wir oft Leid und weinen viele Tränen. Erst im Himmel werden alle Tränen für immer abgewischt werden. Aber im Hier und Jetzt geht die Aufgabe des Hirtendienstes mit einem hohen emotionalen Tribut einher. Wir bauen keine Computer oder entwerfen Websites. Wir haben es mit geliebten Familienmitgliedern, Brüdern und Schwestern in Christus und der unbezahlbaren Botschaft der ewigen Erlösung durch Jesu Tod und Auferstehung zu tun. Es steht viel auf dem Spiel; die Schmerzen und der Stress können unsäglich und unerbittlich sein.
Ohne die stärkende Gegenwart des Heiligen Geistes, der Sie für die Arbeit des Hirten ausrüstet und Ihnen Kraft gibt, kann ein so intensiver Kontakt mit den inneren Problemen und Sünden der Menschen eine Person emotional erdrücken.
Selbst wenn Sie zu den Menschen gehören, die nicht so schnell Tränen vergießen, werden Sie Trauer, emotionale Not, quälende Gedanken und schlaflose Nächte erleben. Die schwere Last der Sünden der Menschen wird eine tägliche gedankliche Last bedeuten.
Bereiten Sie sich also darauf vor, indem Sie Ihre Augen für die harte Wirklichkeit öffnen, die vor Ihnen liegt, wenn Sie die Herde Gottes in der fluchbeladenen Wüste dieser Welt hüten. Wie ein Freund von mir oft sagt: „Die Fingerabdrücke des Fluchs der Sünde sind überall zu sehen.“
Eine zutiefst sinnvolle Arbeit
Ja, die Hirten der Gemeinde Gottes werden mit Tränen und Kummer Erfahrungen machen. Aber ich muss sagen, dass man auch große Freude und Erfüllung erlebt, wenn man sich um Gottes Kinder kümmert. Die Freuden wiegen schwerer als der Kummer.
Das ist die Wahrheit, denn die Aufgabe Menschen zu begleiten, hat letztlich mit Aspekten zu tun, die ewige Konsequenzen haben. Wenn man sich um Gottes Herde kümmert, hat man das starke Bewusstsein den Willen Gottes zu tun und dem Herrn Jesus Christus zu gefallen. Für den Gläubigen gibt es nichts Sinnvolleres und Lohnenderes als dies: „Deshalb setzen wir auch unsere Ehre darein, ob ‚einheimisch‘ oder ‚ausheimisch‘, ihm [Christus] wohlgefällig zu sein. Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden.“ (2. Kor 5,9-10).
Denken Sie auch daran, dass der „Oberhirte“ genau weiß, was Sie durchmachen; er sieht jede Träne, die Sie für sein Volk vergießen. Er hat allen seinen Unterhirten versprochen, dass sie bei seinem Erscheinen „den unverwelklichen Siegeskranz der Herrlichkeit empfangen“ (1. Petr 5,4). Unser Herr wird niemandem etwas schuldig bleiben. Er belohnt seine Diener über alle Maßen.
Sie und ich werden viel mehr für unsere Arbeit erhalten, als wir jemals verdient hätten.
Wenn Ihnen Ihre Mitmenschen wichtig sind und Sie ihre Bedürfnisse wahrnehmen, werden Sie manchmal wegen des vielen Leids, der Konflikte und der Nöte weinen müssen.