Auf ihren Grund und Boden – Teil 6
Tom Short ist Straßenevangelist und Autor von „Fragwürdig“. Hier ein Auszug aus seinem neuen Buch, worin er beschreibt, wie man das Evangelium auf die Wellenlänge der Verlorenen bringt. Der Originaltitel ist „Takin´ it to their Turf“. Übersetzt von Veronika Sattlecker.
Auch wenn du nicht auf der Straße oder an einer Universität predigst, wird das, was Tom schreibt, dir Mut machen. Du kannst das verwenden, wo auch immer du über das Evangelium redest. Fortsetzung folgt.
Zu gebildet, um Christ zu sein?
An der Georgia Universität
Hast du gewusst, dass deine Moralvorstellungen deine Theologie bestimmen? Oder anders gesagt: Wenn du etwas nur stark genug glauben möchtest, wirst du es schließlich glauben.
An einem kalten Januartag predigte ich an der Universität von Georgia. Es war nur eine kleine Menge zusammengekommen, doch ein junger Mann stand dort und hörte aufmerksam zu. Nach einer kurzen Predigt sprach ich ihn persönlich an. „Du wirkst sehr interessiert an meiner Botschaft“, begann ich. „Das macht mich neugierig – bist du Christ?“
Ich werde seine Antwort niemals vergessen. Selbstsicher richtete er sich auf – Bauch rein, Brust raus, Kinn hoch – und stellte fest: „Ich war Christ, doch dann kam ich an die Uni.“
Wie bereits erwähnt war es ein kalter Tag und ich wollte nicht länger als notwendig draußen herumstehen, doch ich fasste seine Aussage als persönliche Herausforderung auf. Wenn er Christ war, bevor er so gebildet wurde, was sagte das dann über mich aus? Anscheinend dachte er, dass ich ein ignoranter Trottel sei; mit dieser falschen Auffassung würde ich ihn nicht nach Hause gehen lassen!
Er schien mehr daran interessiert zu sein zu reden als mir zuzuhören. Er hatte eine lange Liste mit Gründen, warum das Christentum falsch sei und hatte Freude daran, mir diese Informationen auszubreiten. Es war eiskalt – zu kalt, um Zeit für diese Konversation zu verschwenden, ich wollte lieber auf den Punkt kommen.
„Du bist also „zu gebildet“, um an Gott oder Christus zu glauben?“, fragte ich skeptisch. „Darf ich dich fragen, wie du an diesen Punkt gekommen bist?“
„Nur zu, ich habe nichts zu verbergen,“ sagte er mit einem selbstsicheren Grinsen.
„Wie lange schon bist du „zu gebildet“, um Christ zu sein?“, fragte ich.
Er kratzte sich am Kinn und dachte kurz nach. „Ich vermute seit etwa drei Jahren.“
„Darf ich noch eine andere, persönlichere Frage stellen?“
„Aber klar doch“, meinte er, „ich werde alles beantworten, das Sie wissen wollen.“
„Okay“, sagte ich und schaute ihm geradewegs in die Augen, „lebst du ein sexuell unmoralisches Leben?“ Das war nicht das, was er erwartet hatte. Die Frage erwischte ihn unvorbereitet und ich war mir sicher, ins Schwarze getroffen zu haben. Er wollte über Dinge sprechen wie die Evolution, Bibelübersetzungen, andere Religionen – Bereiche also, in denen man „zu gebildet“ sein konnte, um Christ zu sein. Ich wollte die Sache anders angehen, denn ich wusste, dass unsere Moralvorstellung auch unsere Vorstellung von Gott bestimmt. Er stammelte etwas herum, bevor er schließlich antwortete.
„Nun, Sie würden wohl sagen, dass ich ein unreines Leben führe.“ Er war sehr schlau darin seine Schuld nicht einzugestehen, sondern sie als meine „veraltete, prüde Moral“ abzutun.
„Okay, wie lange hast du auf diese Weise gelebt?“, fragte ich.
Wieder kratzte er sich am Kinn und dachte lange nach. Dann sagte er: „Hmm, also ich denke so etwa drei Jahre und zwei Mo… Warten Sie mal! Mein sexuelles Verhalten hat nichts damit zu tun, dass ich nicht länger Christ bin. Ich habe den Glauben verworfen, weil die Bibel von einem Haufen unzuverlässiger Männer geschrieben wurde. Und außerdem ist das diskriminierend! Wussten Sie, dass die Wissenschaft die Bibel schon lange widerlegt hat?“
„Nein, das stimmt nicht“, entgegnete ich. „Du hast die Bibel aus einem einfachen Grund verworfen.“ Ich streckte meine Hände in beide Richtungen aus und sagte: „Du weißt, dass die Bibel dir sagt so zu leben“, und zeigte auf meine rechte Hand. „Aber du willst so leben“, sagte ich und zeigte auf die linke. „Ein wahrer Christ wird sein Leben an das anpassen, was er glaubt. Du hast deinen Glauben an die Art und Weise angepasst, wie du leben willst.“
Woher ich das wusste? Römer 1 sagt uns, dass es keine Entschuldigung gibt, nicht an Gott zu glauben. Wenn Menschen Gott ablehnen, dann eher aus moralischen als aus intellektuellen Gründen. Natürlich werden die meisten diese moralischen Gründe nicht gleich offen zugeben, doch meistens ist das der wirkliche Grund, warum sie Gott ablehnen.
Das zeigt auch ein weiteres Beispiel. Ich war Mitte der 90er-Jahre an der North Carolina State Universität. Eine kleine Gruppe von Unruhestiftern hatte sich um mich versammelt. Sie widersprachen allen Dingen, die ich sagte. Der Wortführer hatte eine Vielzahl von Gründen nicht zu glauben und ich entgegnete jedem seiner Einwände gewissenhaft. Als alle seine Argumente aufgebraucht waren, wurde er ernst und platzte heraus: „Möchten Sie den eigentlichen Grund hören, warum ich kein Christ bin?“
„Nun, nachdem ich zwei Stunden lang mit dir diskutiert habe, würde ich schon gerne wissen, was der wahre Grund ist“, antwortete ich.
„Ich bin aus einem einfachen Grund kein Christ“, bellte er mich an. „Ich werde mir von niemandem sagen lassen, wie ich zu leben habe. Nicht von Ihnen, nicht von irgendeinem Buch und auch Gott selbst kann mir nicht vorschreiben, wie ich leben soll.“ Als seine wirklichen Beweggründe durchschienen, wurde klar, dass seine Moral seine Theologie bestimmte. Nichts was ich seinem Verstand sagte, würde sein verstocktes und rebellisches Herz beeinflussen.
Ich möchte behaupten, dass es zwei Gründe gibt, warum jemand Christus ablehnt: (1) der Grund, der gut klingt und (2) der wahre Grund. Wenn wir erfolgreiche Evangelisten sein wollen, müssen wir 1. Petrus 3,15 anwenden: „ Seid aber jederzeit bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der Rechenschaft von euch über die Hoffnung in euch fordert.“
Doch wir müssen auch den wahren Grund herausfinden, warum jemand Christus ablehnt und dürfen uns nicht von seiner Fassade täuschen lassen. Egal ob dein Gegenüber es weiß oder nicht: das Problem ist fast nie intellektuell. Die meisten verweigern Gott in ihrem Leben Herr zu werden wegen der moralischen Auswirkungen, die seine Herrschaft mit sich bringt.
„Ihr Evangelisten tut niemand etwas Gutes!“
An der Cincinnati Universität
Viele Menschen haben negative Vorurteile Evangelisten gegenüber. Ich begegne solchen Menschen jeden Tag. Doch einmal traf ich einen Menschen, der gewillt war, etwas dagegen zu tun.
Es war am Freitag vor dem „Memorial-Day[1]“-Wochenende und nur wenige Studenten waren am Campus der Universität von Cincinnati zurückgeblieben. Ich hatte auch nur wenige Zuhörer, aber da kam ein Typ vorbei und setzte sich direkt vor mich. Sein Äußeres war sehr auffällig. Mit seinem langen, ungewaschenen Haar, dem ungepflegten Bart, abgeschnittenen Jeans und einem zerbeulten Rucksack sah er aus wie ein Überbleibsel der Hippie-Generation.
„Interessierst du dich für Jesus Christus?“, fragte ich.
„Nein, überhaupt nicht. Ich bin Atheist“, antwortete er.
„Warum sitzt du aber dann hier?“, fragte ich.
„Ich habe solche Campus-Prediger wie dich schon oft gesehen“, sagte er. „Ich bin hier, um Geduld zu üben.“ Schon bald merkte ich den Grund für seine Übung. Schnell verlor er die wenige Geduld, die er besaß und fing an mir und meiner Botschaft zu widersprechen. Nach den typischen Vorwürfen und Argumenten wurde er richtig zornig und begann mit einer Schimpftirade. „Ihr Evangelisten seid zu nichts nütze. Ihr tut niemand etwas Gutes! Warum versorgst du nicht einfach hungerleidende Menschen oder tust etwas Sinnvolles?“, schrie er.
„Nun, ich würde mich freuen, wenn ich einem Bedürftigen hier ein Essen ausgeben könnte“, antwortete ich. „Doch niemand hier scheint arm oder hungrig zu sein.“
„Oh doch, diese Menschen sind hier überall“, versicherte er. (Die Universität von Cincinnati liegt in einer sehr ärmlichen Gegend der Stadt.) „Warte hier und ich hole dir Menschen, die du versorgen kannst!“
Ich predigte weiter und etwa eine Stunde später tauchte er wieder auf – allein. Obwohl er genügend arme Leute getroffen hatte, behauptete er, dass wegen seines seltsamen Erscheinungsbildes niemand mit ihm kommen wollte. Doch das hielt ihn nicht auf. „Du wirst dich heute trotzdem noch um die Hungernden kümmern!“, sagte er. „Du wirst zu ihnen gehen, und ich werde dabei sein, um sicher zu gehen, dass du das wirklich machst.“
Es wurde schon spät und so beendete ich meine Rede, sprach noch mit ein paar einzelnen Personen und dann machten wir uns gemeinsam auf den Weg. Zu diesem Zeitpunkt wäre er schon zufrieden gewesen, wenn ich eine Geldspende an eine Suppenküche gemacht hätte, doch ich hatte eine bessere Idee. Ich bin überzeugt, dass Wohltätigkeit, wann immer möglich, persönlich sein soll und diesmal, da war ich mir sicher, würde es das auch sein.
Wir gingen zum örtlichen Supermarkt und fuhren mit dem Einkaufswagen die Gänge auf und ab, auf der Suche nach gesunden und nahrhaften Lebensmitteln. Obwohl er immer wieder vorschlug, was ich kaufen sollte, schien er nicht im Geringsten daran interessiert zu sein, auch etwas davon zu bezahlen. Das war meine alleinige Verantwortung. Vielleicht machte mir das ganze Unterfangen deshalb so viel Freude, doch er wirkte nicht allzu glücklich.
Als der Einkaufswagen gefüllt war, stellten wir uns an der Kasse an und ich fragte die Kassiererin, ob sie irgendwelche armen Leute kenne. Etwas überrumpelt sagte sie: „Na klar,“ und erkundigte sich nach dem Grund meiner Frage. Ich legte den Arm um die Schulter meines neuen Freundes und sagte: „Wir kaufen das Essen hier aus Liebe zu Jesus Christus und wollen es Armen und Bedürftigen schenken. Kennen Sie da jemand?“
Obwohl sie freudig überrascht über unseren großzügigen Plan war, fiel ihr niemand ein, der unsere Hilfe gebrauchen konnte. Ich glaube mein neuer Freund fragte sich, wo er sich da hineingeritten hatte. Er wirkte plötzlich nervös und unsicher.
Wir luden die Einkäufe in meinen Kofferraum. Da sagte er: „Hey, ich muss in die Arbeit. Ich kenne unten an der Straße eine katholische Kirche. Lass uns das Essen dort abgeben, die werden jemanden kennen, der sich darüber freut.“
Doch ich hatte andere Pläne. Einerseits, weil ich kein Katholik bin und andererseits, weil ich genau wissen wollte, was aus dem Essen werden würde, das ich gekauft hatte. „Weißt du was“, schlug ich vor, „lass uns über die Sache beten.“ Bevor er etwas dagegen einwenden konnte, senkte ich meinen Kopf und betete. „Oh Herr, wir haben diese Lebensmittel gekauft, um sie armen und bedürftigen Menschen zu geben. Ich bitte dich, führe uns zu der richtigen Person, die davon einen Nutzen hat und verherrliche dich selbst in dieser Sache. In Jesu Namen, Amen.“
Mein Freund sah nun aus als würde er sich sehr unwohl fühlen, doch dieser Atheist war kurz davor Teil eines wundersamen „Zufalls“ zu werden.
Wir fuhren die Straße entlang und waren erst ein paar Blocks weit gekommen, als wir eine Frau am Rand einer vielbefahrenen Kreuzung sahen, die dort stand und Hähnchen grillte. Es war eine gut gebaute Frau mittleren Alters, die gleichzeitig freudig und besorgt wirkte. „Fragen wir die Frau!“, schlug ich vor.
Mein Freund ließ das Fenster herunter und war gerade dabei ihr das Essen anzubieten, doch ich war schneller. Ich beugte mich über ihn und rief der Frau zu: „Ma’am, lieben Sie Jesus Christus?“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht rief sie zurück: „Ja, mein Lieber, ich liebe ihn von ganzem Herzen!“
„Kennen Sie irgendwelche armen Leute, die Essen benötigen?“
„Aber sicher doch. Wieso fragen Sie?“
„Wir haben etwas für Sie“, sagte ich, und fuhr an den Straßenrand. Dann öffnete ich den Kofferraum und nahm die Kartons mit den Lebensmitteln heraus. Ich erklärte ihr die Situation und dass es mein Wunsch war, dass Jesus durch diese Gabe verherrlicht würde.
Tränen füllten ihre Augen als sie antwortete: „Oh, Herzchen, ich kümmere mich um acht Waisenkinder in unserer Gemeinde. Wir haben nicht mehr genug zu essen. Deshalb veranstalte ich dieses Grillen – ich möchte das Geld, das ich einnehme, verwenden, um meine Waisen heute Abend zu versorgen. Sie können darauf wetten, dass ich das Essen gebrauchen kann. Ich werde es noch heute zubereiten!“
Wow! Obwohl ich sie gerade erst getroffen hatte, fühlte ich eine tiefe Verbindung zu dieser Schwester im Herrn. Wir waren nicht länger Fremde, denn wir wussten, dass Gott uns zusammengeführt hatte, um sich durch unsere Leben zu verherrlichen. All das erlebte mein neuer Freund aus erster Hand – meine Großzügigkeit, ihre aufopfernde Liebe und unsere Freude und Liebe füreinander. Wie würde das auf ihn wirken?
Nachdem er sah, dass seine Mission erfüllt war, hatte er sich zum Gehen gewendet. Ich hielt ihn für ein letztes Gespräch an. „Ich frage mich“, sagte ich, „glaubst du nun an Gott?“
Er wog seine Antwort ab, dann sagte er: „Nein. Aber ich bin überzeugt, dass du an ihn glaubst.“
Ich wünschte er wäre dort an Ort und Stelle auf seine Knie gefallen und hätte sein Leben Jesus übergeben. Leider tat er das nicht. Ich bin mir sicher, dass es andere Gründe gab, die ihm im Weg standen. Aber du weißt nie, wie eine einfache Tat wie diese das Leben eines anderen beeinflussen kann. Samen brauchen eine Weile, um zu keimen, doch ich vertraue darauf, dass der Same, der in seinem Herzen gesät wurde, eines Tages zum ewigen Leben aufsprosst!
[1]Der „Memorial Day“ ist ein nationaler Gedenktag in den USA zu Ehren aller im Krieg für ihr Vaterland Gefallenen. (Anm. der Übersetzerin)