Gemeinde & Mission

Ich sah ein Lamm sterben

von Mac Donald William

Angst und Sinnlosigkeit

Einmal sah ich, wie ein Lamm starb. Eigentlich war es kein Lamm, es war ein Schaf. Es starb in einer Stadt – in der Stadt Istanbul in der Türkei. Es geschah in Zusammenhang mit einem muslimischen Fest. Sie sagten, es sei zur Erinnerung daran, dass Abraham Ismael auf dem Berg Morija geopfert hat.

Das Schaf wurde aus einem Hinterhof auf den Gehsteig gezerrt, auf dem ganzen Weg wehrte es sich und blökte traurig. Spürte es die drohende Gefahr? Wusste es, was mit ihm passieren würde? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass seine Augen Angst und Trauer widerspiegelten. Für diejenigen unter uns, die wussten, was passieren würde, war der Anblick Mitleid erregend.

Einige von den Männern zwangen das Schaf zu Boden und banden zuerst seine Vorderbeine zusammen, dann die Hinterbeine. Das arme Tier strampelte krampfhaft, protestierte blökend gegen seine Fesseln.

Die ganze Szene war grotesk – ein hilfloses Schaf, das in der Stadt auf einem Gehsteig lag, an dem Chevrolet-Taxis vorbeiflitzten. Männer und Jungen standen herum, die sich lebhaft unterhielten, aber scheinbar gleichgültig waren gegenüber dem Opfertier zu ihren Füßen. Ein unschuldiges Geschöpf war kurz davor zu sterben – als Erinnerung an ein Opfer, das niemals stattgefunden hat.

Der Metzger trat mit seinem blitzenden Messer nach vorne. Niemand versuchte ihn zu stoppen. Es musste so sein. Mit einem flinken Stoß trennte er die Halsschlagader durch. Viel Blut strömte auf den Gehsteig. Das Schaf zuckte ein oder zwei Mal, dann lag es regungslos da.

Sobald der Todeskampf beendet war, wurde der Körper an einen Baum gehängt und zerschnitten. Sie erklärten uns, dass das Fleisch an Arme oder Freunde und Nachbarn ausgeteilt würde. Das würde das Ende sein.

Mein Freund drehte sich weg, bevor das Tier geschlachtet wurde. Er konnte nicht zusehen. Es war zu tragisch, zu bewegend, zu traurig. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich zusehen konnte und so unbewegt blieb.

Ich fragte mich: „Warum diese Verschwendung?“ Das Blut hatte keinen sühnenden Wert. Keine Sünden wurden weggewaschen. Die Opfernden bekamen in Bezug auf ihre Sünden kein vollkommenes Gewissen. Der Tod des Schafes war sinnlos.

Mitleid und ewige Erlösung

Einmal sah ich, wie ein Lamm starb. Eigentlich war es kein Lamm, es war ein Mann.

Es war nicht bloß ein Mann; es war Gott, der Sohn. Er starb draußen, vor den Mauern einer Stadt – der Stadt Jerusalem in Israel. Es geschah zur Zeit des jüdischen Passahfestes. Die Opferung Isaaks durch Abraham auf dem Berg Morija ist ein Vorbild dafür.

Das Lamm wurde hinaus zu dem Platz der Hinrichtung gestoßen, an einen Ort namens Golgatha. Dort wurden die Verbrecher hingerichtet. Leute, die in die Stadt gingen um das Passah zu feiern, zogen vorüber. Das Lamm leistete keinen Widerstand; er ging willig mit. Wie ein Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, still wie ein Schaf, das geschoren wird. Er tat Seinen Mund nicht auf. Er wusste genau, was geschehen würde. Er wusste es schon in der ganzen Ewigkeit, und nun war die Zeit gekommen. Der Anblick war Mitleid erregend. Aber die Augen des Lammes waren voller Liebe und Mitgefühl – keine Angst, kein Hass, nur Liebe.

Auf Golgatha angekommen, nagelten sie seine Hände und Füße an ein Kreuz aus Holz. Es gab keinen Widerstand, keine Klage, kein Heer von Engeln um Ihn zu retten. Er war wegen diesem Augenblick in die Welt gekommen.

Die ganze Szene war grotesk! Hier war das Lamm Gottes, das für die ganze widerspenstige und rebellierende Menschheit starb, für die Geschöpfe, die ihren Schöpfer ablehnten. Menschenmassen strömten in die Stadt um ihr Passahlamm zu essen, während vor der Stadt das wahre Passahlamm ermordet wurde. Der Gerechte starb für die Ungerechten, dass er sie zu Gott führte. Der Heilige starb für die Unheiligen, der Sündlose für die Sünder.

Die ganze Szene war äußerst ergreifend. Er war so unschuldig, so rein, so heilig. Dennoch war er willig beides zu dulden, den Zorn Gottes und die Grausamkeit der Menschen. Er hatte nur Gutes für sein Volk getan, dennoch ertrug er unbeschreibliche Schande und Demütigung. Obwohl er mit Mitleid für andere erfüllt war, waren nur wenige mitleidige Blicke auf ihn gerichtet.

Nach sechs Stunden voller tiefer Qualen gab er sein Leben freiwillig. Dann stach ein Soldat in seine Seite, aus der eine große Fontäne aus Blut und Wasser strömte.

Als ich das sah, wunderte ich mich über mich selbst, „dass ich dies alles ansehen konnte und nicht dazu bewegt wurde ihn mehr zu lieben.“ Ich dachte an die Zeilen:

„Oft staun´ ich selber über mich.

Ich seh´ das Lamm, Herr Jesu, Dich

Und weiß um Deiner Leiden Heer

Und bleibe kalt und liebeleer.

Bin ich ein Stein, hab ich kein fühlend Herz?

Ich sah den Herrn am Kreuze leidend im Gericht

Und sah das Blut und sah den Schmerz

– und weinte trotzdem nicht.“

Und dann betete ich.

„Oh Herr, ich bitte dich, dreh dich um zu mir und schau mich noch einmal an, und schlage diesen Fels, mein Herz.“

Aber sein Tod war nicht nutzlos. Sein kostbares Blut hat die Kraft die Sünden der Welt wegzuwaschen. Gott ist vollkommen zufrieden mit seinem Werk am Kreuz. Das machte Gott deutlich, indem er ihn von den Toten auferweckte. Nun können diejenigen, die an ihn glauben, ein vollkommenes Gewissen haben. Sie wissen, dass die Frage der Sünde ein für alle Mal gelöst wurde. Jetzt ist die Sprache unserer Herzen:

„Kein anderes Lamm,

Kein anderer Name,

Keine andere Hoffnung

in Himmel oder Erde oder Meer,

Keine anderen Verstecke

vor Schuld und Scham,

Keiner außer Dir.“