Gemeinde & Mission

Junge Männer und der Arbeitsplatz: Verändert durch Gnade

von Lennox Gilbert

(Fortsetzung des Kommentars zum Titusbrief)

Das zentrale Problem für junge Männer ist die Selbstbeherrschung: die Kontrolle der Leidenschaften, der Zunge, des Temperaments, der Begierden, des Sexualtriebs und des Ehrgeizes. Titus sollte Selbstbeherrschung predigen und durch seine Predigt und sein Vorbild dazu ermutigen. Junge Männer brauchen gute Vorbilder. Wir alle brauchen das, aber ganz besonders, wenn wir jung sind. Als Kinder lernen wir durch Nachahmung. Wir machen nach, was wir um uns herum sehen und hören. Wenn wir älter werden, sind wir einer größeren Zahl an (guten und schlechten) Vorbildern ausgesetzt und beginnen selbst Entscheidungen zu treffen, aber wir fahren auch fort sie zu imitieren.

Titus wird wahrscheinlich nicht sehr lange in Kreta gewesen sein, aber während seiner Anwesenheit dort hatte er die Möglichkeit, für die jungen Männer ein Vorbild in Bezug auf Werte und Lebensstil zu sein, welches sie zu ihrem eigenen machen sollten. Als Paulus umreißt, was Titus genau vorleben soll, vermittelt er ein Bild, wie ein selbstbeherrschtes Leben eines jungen Mannes bezüglich seiner generellen Lebensweise und im Besonderen bezüglich seines Lehrens aussieht.

Was seine generelle Lebensweise angeht, liegt die Betonung abermals auf „guten Werken“, d.h. das zu tun, was gut ist. Wir werden wieder daran erinnert, warum sich Christus selbst für uns hingab: „…damit wir eifrig seien in guten Werken.“ Junge Männer müssen hier einen großen Beitrag leisten. Sie haben normalerweise keinen großen Druck durch eine eigene Familie oder durch ihren Beruf. Sie haben Energie und Kraft, die verbraucht werden muss. Sie haben ein großes Potenzial für gute Werke. Es ist entscheidend, dass ihre Vorstellungen und ihre Wünsche von dem Guten eingenommen werden, das sie tun könnten, und dass sie voll und ganz mit Dienen beschäftigt sind. Sonst werden sie letztendlich so leben, wie es jungen Leuten oft vorgeworfen wird: zügellos und unsozial. Titus sollte ihnen in dieser Sache ein Beispiel sein.

Er sollte außerdem ein Beispiel in seinem Lehren sein. Ein zentraler Bestandteil von Titus´ Leitung war, die jungen Männer von der Schrift zu begeistern, sodass sie zumindest einen Teil ihrer Energie dafür aufwenden, die Bibel zu erforschen und mit anderen zu teilen. In seinem Lehren sollte Titus Integrität, Würde (oder Ernst) und vernünftiges (gesundes) Reden vorleben, das nicht verurteilt werden kann. Diese Anweisung an Titus ist nicht nur für junge Männer hilfreich, sondern für alle, die am Lehren beteiligt sind.

Zuerst brauchte er Integrität, seine Lehre und sein Leben mussten übereinstimmen. Wenn sein Leben nicht mit dem zusammenpasste, was er lehrte, dann war entweder seine Lehre falsch oder er glaubte nicht wirklich daran. So oder so würden sein Leben und die Wahrheit selbst untergraben werden.

Zweitens sollte es durch seine Art, wie er lehrte, offensichtlich sein, dass er ernst nahm, was er sagte. Wie könnte er von seinen Zuhörern verlangen ernst zu nehmen, was er sagte, wenn es nicht offensichtlich war, dass er es selbst auch tat? Das schließt den Gebrauch von Humor nicht aus, aber es sollte Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit ausschließen.

Drittens sollte der Inhalt seiner Lehre gesund sein. Wie wir gesehen haben, ist das eine wiederholte Betonung im Titusbrief. Jede biblische Unterweisung sollte geistliche Gesundheit fördern und auslösen, statt in eine trockene, leblose Orthodoxie hineinzurutschen.

Viertens sollte er seine Sprache sehr sorgfältig wählen und vermeiden, unnötige Beleidigungen auszusprechen. Die Wahrheit selbst wird für die Menschen manchmal zwangsläufig beleidigend sein, aber wir sollten nicht zulassen, dass die Sprache, in der wir sie kommunizieren, beleidigend ist, denn sonst lenkt das die Aufmerksamkeit von der Wahrheit weg.

Wieder einmal erinnert Paulus Titus daran, dass die Leute immer zuschauen. Titus sollte nicht so sprechen oder sich so benehmen, dass er irgendjemandem Munition für Kritik am Evangelium oder an der Gemeinde liefern könnte.

Das Evangelium am Arbeitsplatz attraktiv machen

Schließlich wendet sich Paulus dem zu, was wir vielleicht als Arbeitsplatz beschreiben würden. Er spricht diejenigen an, die als Diener in einem großen Haushalt arbeiteten; hier werden sie „Sklaven“ genannt.

Das erinnert uns daran, dass sich die soziale Struktur des Römischen Reiches grundlegend von der heutigen sozialen Struktur in vielen Ländern unterscheidet. Im Westen gehört diese Art von Haushaltsdienern weitgehend oder sogar vollkommen der Vergangenheit an. Für die meisten Menschen befinden sich ihre direkten Vorgesetzten oder Chefs in einem Unternehmen, einer Firma oder einer öffentlichen Dienstleistungsorganisation. In vielen Ländern der Welt gibt es Gesetze und Strukturen, die die Arbeitskräfte schützen sollen (obwohl es immer noch zu Amtsmissbrauch und harter Behandlung von Arbeitern kommt). Wir dürfen also nicht versuchen, erzwungene Parallelen zwischen der Welt der Haushaltssklaven des ersten Jahrhunderts und dem heutigen Arbeitsplatz zu finden.

Außerdem lässt das Wort „Sklave“ die meisten von uns im 21. Jahrhundert an den schlimmen Sklavenhandel denken, wie er vor allem in Afrika und Nordamerika im 17., 18. und 19. Jahrhundert praktiziert wurde. Die Sklaverei im ersten Jahrhundert war im Allgemeinen davon verschieden. Sicher gab es Misshandlungen und Sklaven wurden oft sehr schlecht behandelt. Aber viele Sklaven ließen sich freiwillig versklaven, nicht weil sie Kriegsgefangene oder Opfer von Entführungen waren, sondern weil die Sklaverei die Vorteile von Nahrung, Unterkunft und Bildung für ihre Kinder mit sich brachte. Viele Sklaven waren gut versorgt und konnten zu verantwortungsvollen und geachteten Positionen aufsteigen.

Es ist daher sehr schwierig, eine direkte Verbindung von den sozialen Bedingungen, die im ersten Jahrhundert in Kreta herrschten, und den sozialen Bedingungen, die wir in unserem eigenen Land erleben, zu ziehen. Aber wir können die Prinzipien zeigen, die den Lehren von Paulus zugrunde liegen und sie in unserem eigenen Umfeld anwenden.

Titus wurde angewiesen, die Sklaven zu unterweisen (die Mehrheit der Menschen im Römischen Reich waren Sklaven) „…ihren eigenen Herren sich in allem unterzuordnen, sich wohlgefällig zu machen, nicht zu widersprechen, nichts zu unterschlagen, sondern alle gute Treue zu erweisen.“ Das Ziel dieses Verhaltens war, dass „sie die Lehre unseres Retter-Gottes in allem zieren!“ (2,9-10). Wiederum haben wir die Erinnerung, dass die Welt zuschaut, dass unser Verhalten wichtig ist und dass wir im täglichen Leben die Möglichkeit haben, Menschen für das Evangelium zu gewinnen oder sie davon abzuhalten.

Die erste Verhaltensweise, die gelehrt und gefördert werden muss, ist Unterordnung. Wenn wir nicht selbständig sind oder selbst Chefs sind, haben die meisten von uns einen direkten Vorgesetzten oder Chef. Wir müssen lernen, als Christen in diesem Rahmen zu leben und zu arbeiten, und herausfinden, was es bedeutet uns unterzuordnen. Wir dürfen der Autorität über uns nicht einfach sagen: „Jesus Christus ist mein Chef, also muss ich nicht tun, was du sagst!“

In unserer Unterordnung sollen wir positiv sein. Es ist keine widerwillige Unterordnung, sondern eine Unterordnung, mit der wir versuchen, unseren Vorgesetzten mit guter Arbeit zu gefallen. Wir dürfen nicht auf eine trotzige Art und Weise arbeiten. Verschiedene Dinge sind uns in der Arbeit anvertraut, die nicht uns gehören. Die dürfen wir nicht missbrauchen. Wir sollen nicht stehlen, sondern Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit zeigen.

Unsere Tagesarbeit bietet einen sehr wesentlichen Bereich, in dem die „Lehre unseres Retter-Gottes geziert“ wird. Es ist oft der wichtigste – und der schwierigste – Ort, um den Unterschied zu zeigen, den es macht, Gott in unserem Leben als Erlöser zu kennen. Dies gibt der Arbeit, selbst der niedrigsten Arbeit, einen bemerkenswerten Rang und eine große Würde in Gottes Universum. Unser Leben in unserer täglichen Arbeit kann das Evangelium auf attraktive und schöne Weise darstellen. Wie ein Künstler eine Leinwand ziert, um Ordnung, Schönheit und Ausgewogenheit hervorzubringen, müssen wir an unsere tägliche Arbeit so herangehen, dass wir daraus etwas Anziehendes schaffen, das auf den Schöpfer selbst hinweist. Unsere tägliche Frage sollte lauten: „Wie kann ich die heutigen Aufgaben so ausführen, dass das Evangelium für meine Mitmenschen real und attraktiv wird?“

Das gibt uns eine ganz andere Motivation für die tägliche Arbeit als nur Geld zu verdienen. Leider ist es leicht sich anzugewöhnen, unsere tägliche Arbeit einfach um des Geldes willen und für die Dinge zu tun, die man mit Geld kaufen kann. Jesus lehrte uns, dass das eigentliche Ziel der Arbeit darin besteht, nach Gottes Herrschaft und Gottes Gerechtigkeit zu trachten (Matthäus 6,31-33). Wie er erklärte, ist die heidnische Welt um uns herum mit Essen und „Bedeckung“ (Kleidung und Wohnen) beschäftigt. Danach trachten sie und darum machen sie sich ängstlich Sorgen. Unser himmlischer Vater weiß, dass diese Dinge wichtig sind, das Leben wäre ohne sie unmöglich. Aber sie sind immer nur das Nebenprodukt der Arbeit, nicht das Ziel. Das vorrangige Ziel in der täglichen Arbeit – wie im gesamten Leben – ist es, nach Gottes Reich, nach seiner Herrschaft in unserem Leben und nach seiner Gerechtigkeit zu trachten.

 

Zurück in die Gnadenschule

Das zu tun ist schwierig, besonders wenn unser Chef kein Mitgefühl hat und uns schlecht behandelt. Was wird uns motivieren und zum Weitermachen bringen? Es ist „die Offenbarung der Gnade Gottes“ (Vers 11). Es gibt ein höheres Prinzip, als unsere eigenen Rechte am Arbeitsplatz oder anderswo einzufordern. Wir sind in der Gnadenschule und die tägliche Arbeit ist ein wichtiger Teil der Schule, ein wichtiger Bereich, in dem wir lernen können, was es bedeutet, von der Gnade motiviert zu sein.

Gottes Ziel ist es, Menschen mit einem schönen Charakter hervorzubringen. Wie die Kreter haben wir eine starke Neigung dazu, Zügellosigkeit und Faulheit und alles, was dazu gehört, zu schätzen. Wir können sogar das Ziel der Arbeit verdrehen, so dass wir es uns zum Ziel setzen, so viel Geld wie möglich zu verdienen, um unsere Zügellosigkeit zu nähren. Unser großer Gott und Erlöser Jesus Christus hat sich selbst für uns gegeben, um uns von der Hässlichkeit eines verschwenderischen, faulen, zügellosen Lebens zu erlösen. Er tat es auch, um uns zu reinigen, damit wir sein Volk seien, das das Evangelium für eine Welt, die aufmerksam beobachtet, attraktiv macht. Das soll durch unser positives Engagement und unsere Begeisterung für gute Werke im Haus und an unserem Arbeitsplatz geschehen.