Gemeinde & Mission

Der Mentor: Die Strategie des Meisters

von Davis Ron Lee

DAS TÄTIGKEITSFELD EINES MENTORS

Ein Mentor hat eine hohe und edle Berufung. Die Rolle des Mentors ist entscheidend. Das Leben eines Mentors ist riskant. Die Belohnung der Arbeit des Mentors ist groß, aber nicht greifbar. Die Tätigkeit eines Mentors ist anspruchsvoll:

1. Ich bin bereit, die notwendige Zeit zu investieren, um eine äußerst tiefgehende Beziehung zum Lernenden aufzubauen.

2. Ich verpflichte mich, an die Leistungsfähigkeit und Zukunft des Lernenden zu glauben, dem Lernenden mitzuteilen, welch vielversprechende Zukunft ich vor ihm oder ihr liegen sehe, die Aussichten in seinem oder ihrem Leben vor Augen zu haben und diese in Worte zu fassen.

3. Ich bin gewillt, vor dem Lernenden offen und transparent zu erscheinen, ihm nicht nur meine Stärken und Erfolge offenzulegen, sondern auch meine Schwächen und Misserfolge, meine Zerbrochenheit und meine Sünden.

4. Ich bin willens, den Fehlern, der Schuld und den Bereichen der Unreife des Lernenden ehrlich und dennoch positiv unterstützend zu begegnen.

5. Ich verpflichte mich, dem Lernenden in Prüfungen beizustehen — selbst in Prüfungen, in die der Lernende sich infolge von Unwissenheit oder einem Fehler selbst hineinmanövriert hat.

6. Ich verpflichte mich, dem Lernenden zu helfen, Ziele für sein geistliches Leben, seine Berufslaufbahn oder seinen Dienst zu setzen und diese zu erreichen.

7. Ich bin bereit, den Fortschritt des Lernenden, den er oder sie in Richtung des gesteckten Ziels zeigt, objektiv zu bewerten.

8. Ich verpflichte mich vor allem dazu, alles, was ich lehre, wortgetreu auszuleben.

Sieben grundlegende Regeln für einen liebevollen, aber hart durchgreifenden Mentor

Regel Nr. 1: Seien Sie ehrlich und direkt

Liebevoll zu sein heißt nicht, diplomatisch oder taktvoll zu sein, eine beschönigende Sprache zu benutzen, »wie die Katze um den heißen Brei herumzuschleichen« und »den Schock zu mildern«. Wir sollten stattdessen sagen, was zu sagen ist, und das mit deutlichen und unmissverständlichen Worten. Ein effektiv arbeitender Mentor spielt mit offenen Karten, wie David Augsburger sagt: »Wenn Sie lieben, sind Sie ehrlich.«

Ein Wort zur Warnung: Ich habe Menschen erlebt, die Worte wie »Liebe« und »Ehrlichkeit« benutzt haben, um eine Vielzahl von Sünden zu verschleiern. Ich habe erlebt, wie Menschen im Namen der »Liebe« angeschrien, fertiggemacht und verbal beschimpft wurden. Ich habe Menschen erlebt, die vor jemand anderem ihrem Ärger im Namen der »Ehrlichkeit« Luft gemacht haben.

Wir haben nicht das Recht, die Auseinandersetzung mit jemandem zu suchen, ehe wir nicht sorgsam und ehrlich nach dem Beweggrund, der uns zu diesem Schritt veranlasst, geforscht haben. Als Mentor sollten wir die Konfrontation nicht um jeden Preis suchen. Wir sollten dem Lernenden ehrlich und offen gegenübertreten, aber dennoch freundlich. Es sollte stets unser aufrichtiger Wunsch sein, das Beste von Gott im Leben des anderen Menschen herbeizuführen. Es ist weitaus Christus ähnlicher, einem anderen Menschen mit Tränen oder in Traurigkeit zu begegnen als mit lauter, verärgerter Stimme.

Regel Nr. 2: Treten Sie dem Lernenden mit bedingungsloser Liebe und Anerkennung entgegen.

Unsere Ehrlichkeit sollte auf liebevoller Zuwendung, Bestätigung des anderen und vorbehaltlosem Engagement für den Lernenden und die Mentoren-Beziehung beruhen. Nehmen wir an, Sie sind Mentor einer jungen Frau namens Janice, die in Ihrem Betrieb arbeitet. Sie stellen fest, dass ihr Umgang mit den Kunden problematisch ist. Janice beabsichtigt nicht, diesen Leuten Unrecht zu tun, aber sie tut es — unbewusst — dennoch. Sie hat eine schroffe Art an sich, die die Leute abstößt. Wie kann man Janice dieses Problem liebevoll, aber deutlich nahelegen?

Hier ein Vorschlag, wie man an Janice herantreten könnte: »Janice, ich muss dir etwas sagen. Ich weiß, dass das für keinen von uns beiden leicht ist, aber da ich dich achte, will ich es dir ohne Umschweife sagen. Du liegst mir am Herzen, ich setze mich für unsere Beziehung ein, und ich möchte, dass du dein Bestes für Jesus Christus gibst. Janice, das Problem ist, dass du eine Art an dir hast, die die Leute manchmal verärgert. Du bist zeitweise ein bisschen schroff, und manche Leute fassen das als Unfreundlichkeit auf. Ich weiß, dass du es nicht so meinst und dir wahrscheinlich dessen noch nicht einmal bewusst bist. Ich dachte deshalb, ich müsste dich darauf aufmerksam machen.«

Janice weiß, dass es für Sie nicht leicht war, auf sie zuzugehen. Sie ist sich bewusst, dass Sie sie hart, aber liebevoll zurechtgewiesen haben, weil Ihnen ein gutes Verhältnis und ihr Fortschritt wichtig sind. Was Janice am meisten bedeutet: Sie fühlt sich angenommen und geliebt ungeachtet ihrer Schwächen und Fehler.

Regel Nr. 3: Drücken Sie sich genau aus und verallgemeinern Sie niemals.

In Ihrem Gespräch mit Janice wäre es wichtig, ihr exakt zu sagen, wann sie sich anderen Menschen gegenüber schroff verhalten hat. Es bringt nichts, ihr an den Kopf zu werfen, sie sei ständig schroff und unfreundlich. Sie sollten konkret werden: »Gestern warst du Frau Jones gegenüber barsch. Sie ist später zu mir gekommen und fragte mich, was sie falsch gemacht hätte, da du offensichtlich gekränkt warst. Ich musste ihr sagen, dass sie es nicht persönlich nehmen soll. Ich erklärte ihr, du seist wirklich eine warmherzige und nette Person, aber dass man dies nicht immer so merken würde.«

Wenn Sie sich über den Charakter, die Schwächen oder Angewohnheiten eines Menschen verallgemeinernd äußern, verteidigt er sich normalerweise. Das ist verständlich. Solche Verallgemeinerungen greifen die Person eines Menschen an, anstatt sein Verhalten auf konstruktive Weise zu rügen. Zudem gibt die Ungenauigkeit solcher Verallgemeinerungen dem Lernenden keinen Anhaltspunkt, was er tun sollte, um zu wachsen und sich zu ändern. Beziehen Sie sich jedoch auf bestimmte Verhaltensweisen und Ereignisse, hat der Lernende etwas Greifbares in der Hand, auf das er reagieren und an dem er arbeiten kann.

Regel Nr. 4: Zeigen Sie Einfühlungsvermögen.

Eine der wichtigsten Wesensmerkmale eines effektiv arbeitenden Mentors ist die Fähigkeit, sich in die Rolle des Lernenden zu versetzen. Der Romanschriftsteller John Erskine stellte einmal fest: »Wir sind erst einen Schritt weiter, wenn wir den Standpunkt eines anderen Menschen nachvollziehen können.«

Vor einiger Zeit bekam ich einen Anruf. Ich sollte einen Mitarbeiter in seinem Dienst zurechtweisen. Ich fuhr zu seinem Büro — nicht bloß in der Person des leitenden Pastors, sondern als Mentor und Freund — und legte ihm die Bereiche dar, in denen er seinem Dienst nicht so nachkam, wie er sollte. Es war für uns beide sehr schwer, und uns kamen während des Gesprächs die Tränen.

»Ich möchte, dass du weißt, dass ich dein Anwalt, nicht dein Gegner bin«, sagte ich ihm. »Ich wünschte, du wüsstest, wie sehr ich möchte, dass du in deinem Dienst erfolgreich bist.«

»Ich weiß das«, entgegnete er. »Ich weiß das wirklich. Ich kann Kritik zurzeit nur schwer verarbeiten. Ich habe immer wieder mit einem Problem zu kämpfen, das bis in meine Kindheit zurückreicht. Ich habe mich in meiner Familie nie angenommen gefühlt. Man hat mich ständig kritisiert und mir gesagt, wie nutzlos und dumm ich bin. Ich glaube, ich kann Kritik zurzeit nicht richtig einordnen.«

Regel Nr. 5: Bauen Sie auf die Stärken, Gaben und den Charakter des Lernenden, indem Sie ihn positiv ermutigen.

Gestatten Sie sich, einen Menschen in bestimmten Dingen zurechtzuweisen. Bestätigen Sie den Lernenden zu 97 %, damit bei den verbleibenden drei Prozent, in denen Sie hart sein müssen, Ihre liebevolle Zuwendung und Bestätigung glaubhaft wirkt. Woher soll der Lernende wissen, dass Sie auf seiner Seite stehen, wenn die einzige Beurteilung, die Sie je abgeben, negativ ausfällt?

Kemp Smeal, der in unserer Gemeinde für den musikalischen Bereich verantwortlich ist, äußert sich über unsere Beziehung folgendermaßen: »Ron ist als Mentor für mich wie der Wind, der meinen Flügeln Auftrieb gibt — eine Art Freund und Mutmacher, der mich hochzieht und lehrt, alleine zu fliegen. Er lobt mich vor anderen Menschen. Er verbringt privat Zeit mit mir, festigt die Freundschaft und gibt mir das Gefühl, wertgeschätzt zu sein. In Zeiten, in denen er meine Leistung objektiv bewerten oder kritisieren muss, tut er dies mit Anstand und mit aufrichtiger Besorgnis um den einzelnen Menschen.«

Regel Nr. 6: Schenken Sie einem Menschen in Anwesenheit anderer Personen Bestätigung; korrigieren Sie ihn, wenn Sie unter vier Augen sind.

Ziel des Mentors ist es, einen Menschen aufzubauen, nicht fertigzumachen. Wenn Sie jemanden öffentlich zurechtweisen, demütigen Sie ihn, bringen ihn in Verlegenheit und stellen ihn bloß. Sie verzögern den Prozess des Wachstums.

Schenken Sie aber einem Menschen in Anwesenheit anderer Personen Bestätigung, fördern Sie die Selbstachtung, die Zuversicht und den Ansporn. Diese Bestätigung sollte realistisch und ehrlich sein und nicht einfach aus leeren Worten des Lobes bestehen. Durch eine aufrichtig und öffentlich ausgesprochene Bestätigung pflanzen Sie im Lernenden die Saat zum Wachstum.

»Ron weist mich zurecht, in dem Moment, wo ich es brauche«, sagt mein Kollege, Peter Hiett, »aber immer auf liebenswürdige Art und unter vier Augen. In Anwesenheit anderer Menschen lobt er mich. So wichtig das Erwerben von Fertigkeiten auch ist, Ron legt mehr Wert darauf, Charakter und emotionale Ausgeglichenheit aufzubauen. Ich versuche diesen Schwerpunkt in meine Betreuung anderer Menschen als Mentor einzubringen.«

Regel Nr. 7: Bleiben Sie Beziehungen treu und nicht Regeln.

Ich habe festgestellt, dass Menschen im Allgemeinen dazu neigen, sich entweder auf die Beziehungen zu anderen Menschen oder auf Regeln zu konzentrieren. Das heißt, sie kümmern sich in erster Linie um andere Menschen und deren Gefühle und um die Qualität der Beziehung, oder sie richten ihre Aufmerksamkeit auf Regeln, Programme, ein Pensum, Aufgaben und Ergebnisse. Ein effektiv arbeitender Mentor stellt Beziehungen immer seinen übrigen Verpflichtungen voran.

Mein Vater war ein solcher Mentor, sowohl in seiner eigenen Familie als auch in der Gemeinde, deren Pastor er 25 Jahre lang war. Ich hörte ihn oftmals sagen: »Der einzelne Mensch ist immer wichtiger als die Erfüllung der Aufgaben«. Er lebte täglich nach diesem Grundsatz und prägte mein Leben dadurch. Ich versuche heute diesen Grundsatz an andere Menschen weiterzugeben.

Mit freundlicher Genehmigung aus: Bruce Wilkinson, „Wie mach ich’s richtig“, S. 328 – 332, Copyright 1998 by Christliche Verlagsgesellschaft, 35683 Dillenburg.