Gemeinde & Mission

Mutlosigkeit: Ursachen und Mittel zur Heilung

von Swindoll Charles R.

Hohe Erwartungen, psychischer Stress und Probleme können uns im Dienst für den Herrn einschüchtern: Lohnt sich die Mühe? Werde ich überhaupt gebraucht? Ein Seelsorger zeigt Ihnen, warum Mutlosigkeit keine »unheilbare Krankheit« ist.

Bei näherer Betrachtung stellen wir vier Gründe für Mutlosigkeit fest, die Israel widerfuhr, als Nehemia es anleitete, die Mauer von Jerusalem wiederaufzubauen.

URSACHEN DER MUTLOSIGKEIT

  1. Kraftverlust. In Nehemia 4,4 lesen wir: »Und das Volk von Juda sagte: Die Kraft der Lastenträger schwindet.« Beachten Sie das Wort schwinden. Im Grundtext steht dort stolpert – taumelt- wankt. »Diese Menschen, Nehemia, haben lange gearbeitet und sind müde geworden.« Die Frische hatte nachgelassen.
    Lassen Sie mich das veranschaulichen. Sagen wir, Sie haben das schwierige Unternehmen gestartet, Ihre Wohnung neu zu tapezieren. Zu welchem Zeitpunkt ist dieses Vorhaben am entmutigsten? Gewöhnlich tritt dieser Moment ein, wenn Sie mitten in der Arbeit sind und die Unordnung so groß wird,  dass Sie ihrer nicht mehr Herr werden. Auf halber Strecke zwischen Start und Ziel tritt Mutlosigkeit auf. Die zunehmende Ermüdung unseres Körpers wirkt  sich emotional aus.
  2. Das Ziel vor Augen verlieren. Haben Sie bemerkt, was Juda sagte? »Und es ist noch so viel Schutt da« (Nehemia 4,4). Die Kraft der Lastenträger ging zur Neige. Dennoch wurden die Trümmer trotz aller Arbeit nicht weniger. »Nehemia, alles, was wir um uns herum sehen können, ist Schutt – Schmutz, zerbrochene Steine, harte, getrocknete Mörtelbrocken. Wir können nicht mehr. Es ist zu viel Schutt.«
    Die Bauarbeiter hatten die Vision der vollendeten Mauer aus den Augen verloren. Ein gutes Bild zur Veranschaulichung dieser Kurzsichtigkeit ist das einer jungen Mutter, der es vorkommt, als würde sie ihr Kind an die 50 bis 60 Mal am Tag wickeln. Sie betrachtet ihre Situation: »Zu viel Abfall, zu viel Unordnung, zu viele Windeln, zu viel Arbeit.« Was hat sie verloren? Weil sie nur auf die Mühe sieht, hat sie die Sicht auf die Erfüllung in ihrer Rolle als Mutter verloren.
  3. Verlust der Zuversicht. Die vielleicht verheerendste Ursache für Mutlosigkeit ist der sichtliche Verlust der Zuversicht. Nehemias Arbeiter waren müde und desillusioniert. Die Mauer war zur Hälfte wiederaufgebaut. Sie brachten ihre Gefühle zum Ausdruck und bemerkten traurig: »Wir allein sind unfähig, die Mauer wieder zu errichten« (Vers 4b). Wenn Ihnen die Kraft schwindet und Sie das Ziel nicht mehr vor Augen haben, dann verlieren Sie auch die Zuversicht. Die Mutlosigkeit holt Sie bald ein. Sie verlieren den Mut; Sie haben keine Motivation mehr.
  4. Verlust des Sicherheitsgefühls. Eine letzte Ursache für die Mutlosigkeit der Juden war der Verlust ihres Sicherheitsgefühls. In Kapitel 4,5 lesen wir: »Unsere Bedränger aber sagten sich: Sie sollen es nicht erkennen und sollen nichts von uns sehen, bis wir mitten unter sie gekommen sind und sie erschlagen und das Werk zum Stillstand bringen.« Was für eine erschreckende Taktik! Der Feind sagte: »Wir haben einen Plan. Wir werden ihn niemandem verraten; wenn ihr es am wenigsten erwartet, dann werden wir zuschlagen! Wir werden uns anschleichen und ein Ende mit euch machen. Ehe ihr euch verseht, haben wir unseren Plan schnell und gründlich durchgeführt.« Die Arbeiter versanken in Mutlosigkeit, nachdem sie ihr Sicherheitsgefühl verloren hatten.
    Es gibt viele Bereiche im Leben, in denen wir uns nach greifbarer Sicherheit sehnen. Möglicherweise stehen Sie unmittelbar vor einer Gelegenheit oder Veränderung. Sie haben Ihre Kraft verloren. Sie haben Ihre Zuversicht verloren. Sie haben das Ziel aus den Augen verloren. Und Sie haben Ihr Gefühl der Sicherheit verloren. Tief in Ihrem Innern fühlen Sie: »Es lohnt sich nicht. « Und dennoch: Sie könnten kurz vor den besten Jahren Ihres gesamten Lebens stehen.

WIE KÖNNEN WIR MIT DER MUTLOSIGKEIT UMGEHEN?

Der Aufbau Jerusalems sollte kein leichtes Unterfangen werden! Die Mutlosigkeit griff um sich. Satan war sehr erfolgreich. Nehemia aber sah nicht über die Mutlosigkeit hinweg. (Sie können Mutlosigkeit nicht einfach ignorieren. Das wäre, wie wenn Sie einen platten Reifen unbeachtet ließen. Beten Sie, was Sie wollen; fahren Sie so viel damit, wie Sie wollen; Sie werden die Luft nicht in den Reifen zurückbringen. Sie müssen ihn flicken. Genauso funktioniert das mit der Mutlosigkeit.)

Als ein guter Führer packte Nehemia mit an und kümmerte sich um die Entmutigten. Ich habe fünf Techniken festgestellt, die er dabei anwandte. Sie funktionierten damals und werden auch heute noch funktionieren.

  1. Richten Sie Ihre Bemühungen auf ein Ziel aus. »Da stellte ich an Stellen, die niedriger waren als der Platz hinter der Mauer, an den offenen Stellen — da stellte ich das Volk auf, nach Sippen geordnet mit ihren Schwertern, ihren Lanzen und ihren Bogen« (Nehemia 4,7).
    Die Bauarbeiter waren auf ganz Jerusalem verstreut und arbeiteten mit Steinen, Wasser und Mörtel; sie waren von ihren Familien getrennt. Nehemia sammelte sie nach Familien und nannte allen ein gemeinsames Ziel: Sie sollten zusammenhalten. Er lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Feind. Beachten Sie, dass Nehemia die Arbeit ruhen ließ. Manchmal ist es am besten, sich in Zeiten der Mutlosigkeit ein wenig Zeit zu gönnen. Es gibt einen alten griechischen Spruch, der sagt: »Der Bogen wird dir zerbrechen, wenn du ihn immer gespannt lässt.« Wie fest ist Ihr Bogen gespannt? Wann haben Sie ihn das letzte Mal entspannt und sind für ein paar Tage weggefahren?
  1. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Herrn. Als Nächstes richtete Nehemia ihre Aufmerksamkeit auf den Herrn (4,8). Anstatt auf den Schutt zu schauen, sollten sie ihren Blick auf den Herrn richten. »Und als ich ihre Furcht sah, da machte ich mich auf und sagte … „Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denkt an den Herrn, den großen und furchtbaren!“«
    Der Ausdruck »denkt an den Herrn« klingt gut, aber wie funktioniert das? Erinnern Sie sich an Gottes Aussagen. Rufen Sie sich fünf oder sechs Verheißungen in Erinnerung, die auch Ihnen gelten. Halten Sie bei Angriffen des Teufels lebendige Worte bereit, mit denen Sie sich verteidigen können — das Schwert des Geistes, Gottes Wort. Ein Christ muss sich in der Schrift auskennen. Nehemia vereinigte die Israeliten um dasselbe Ziel. Dazu musste er die Arbeiten unterbrechen, um ihre Aufmerksamkeit auf den Herrn konzentrieren zu können.
  1. Denken Sie nach, aber handeln Sie auch. Was unternahm Nehemia als nächstes zur Bekämpfung der Mutlosigkeit? Er ermutigte die Juden zum Handeln. »Jetzt müsst ihr kämpfen«, befahl er. »Es gibt viel zu tun. Zieht die Schwerter!« (4,8-11). Nehmen Sie sich in acht vor wohlklingenden Lehren, die Ihnen vorgaukeln, Gott tue alles für Sie, und Sie könnten die Hände in den Schoß legen. Die Bibel ermahnt uns ständig, aufrecht zu stehen, für den Glauben zu kämpfen, im Kampf stark zu sein und ein guter Soldat zu sein. Wir müssen verstehen, dass unser Glauben und unser Handeln gleich wichtig sind.
  2. Bestimmen Sie einen »Sammelplatz«. Als Viertes sorgte Nehemia für einen Sammelplatz. Ich will erklären, was ich meine. Nehemia schreibt in 4,13-14: »Und ich sagte zu den Edlen und zu den Vorstehern und zum Rest des Volkes: Das Werk ist groß und weitläufig, und wir sind auf der Mauer zerstreut, jeder weitab von seinen Brüdern. An den Ort, woher ihr den Schall des Horns hört, dorthin sammelt euch zu uns! Unser Gott wird für uns kämpfen!«Vordergründig handelte es sich bei dem Sammelplatz um einen Ort, aber gleichzeitig weist die Bezeichnung auch auf einen Grundsatz hin. Nehemia befahl: »Wann immer ihr den Schall des Horns hört, rennt zu dem Ort, an dem der Bläser steht.« Der Grundsatz lautet: Versuchen Sie nicht, alleine zu kämpfen. Suchen Sie einen Gleichgesinnten, dem Sie sich anvertrauen können, der sich um ihre Seele und Bedürfnisse kümmert. Sie brauchen jemanden, bei dem Sie sich »sammeln« können. Nehemia sagte: »Wenn ihr den Schlachtruf hört, kommt dorthin, von woher die Trompete bläst.« Dort finden Sie Stärkung.
  3. Dienen Sie anderen Menschen. Als Fünftes und Letztes gab Nehemia diesen Menschen die Aufgabe, anderen zu dienen, um die Mutlosigkeit unter ihnen zu vertreiben. In 4,15 und 16 lesen wir, dass sie sich wieder an die Arbeit machten. »So arbeiteten wir an dem Werk — die Hälfte von ihnen hielt die Lanzen bereit — vom Aufgang der Morgenröte an, bis die Sterne hervortraten. Zu derselben Zeit sagte ich auch zum Volk: Jeder soll mit seinem Helfer die Nacht über innerhalb Jerusalems bleiben, sodass sie uns nachts als Wache dienen und tagsüber am Werk.« Im Wesentlichen sagte Nehemia: »Wir brauchen Hilfe. Ich bitte euch, euch gegenseitig zu dienen. Wir schaffen es nicht alleine.« In den folgenden Tagen, die sehr belastend waren (vgl. 4,17), hatten sie noch nicht einmal Zeit, ihre Kleider zu wechseln! Sie gingen mit ihrer Waffe zum Wasser hinunter, um sich zu waschen. Einer kümmerte sich um den anderen. Wie viel Aufmerksamkeit widmen Sie dem Leben anderer Menschen? Wie viel Zeit Ihres Lebens werden Sie diese Woche damit verbringen, anderen zu dienen? Oder dreht sich alles um Sie selbst? Jeder von uns sollte sein kurzes Leben eingehend betrachten und ein besonderes Augenmerk darauf legen, wie viel Zeit er in das Leben anderer Menschen investiert. Nehemia sagte: »Wir wollen nicht herumsitzen und unsere eigenen Wunden lecken. Wir müssen uns gegenseitig helfen. Wir wollen Sorge für unseren Nächsten tragen. Lasst uns einander dienen.«Ist das nicht genau das, was das Christsein ausmacht? Sollte ich nicht meine Rechte hintenanstellen und mich selbst verleugnen? Mutlosigkeit ist tatsächlich eine innere Krankheit, die uns lähmt zu handeln. Sie beginnt, wenn sich die Keime des Selbstzweifels einnisten. Bedingt durch Angst und negative Übertreibungen, fangen die Keime an zu wachsen und sich zu vermehren. Sobald wir unsere Blickrichtung verloren haben, werden wir schwach. Wir rennen davon und verstecken uns.
    Setzt sich dieser Prozess fort, werden wir unbrauchbar und ausgesprochen niedergeschlagen. Wir werden leichte Beute für den Feind unserer Seele. Er ergreift Besitz von uns und macht unsere Bemühungen zunichte. Das kann von einem auf den anderen Tag geschehen. Werfen Sie noch einmal einen Blick auf die fünf Techniken, die Nehemia benutzte, um die Mutlosigkeit im Lager des alten Jerusalems zu bekämpfen. Seine Methoden werden niemals veralten. Es kann sehr schwer sein, mit der Mutlosigkeit umzugehen, aber es ist sicher nicht unmöglich.

Denken Sie daran: Mutlosigkeit ist keine unheilbare Krankheit.

 

Mit freundlicher Genehmigung aus: Bruce Wilkinson, „Wie mach ich’s richtig“, S. 56-60,

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