Leben in der Schule der Gnade
übersetzt von Christian Odenwald (Fortsetzung des Kommentars zum Titusbrief)
„Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen,
und unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in dem jetzigen Zeitlauf, indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus erwarten. Der hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken.“ Titus 2,11-14
Paulus muss sich nun mit der zweiten großen Schwäche im Charakter der Kreter auseinandersetzen, mit ihrer zerstörerischen Neigung zu fauler Zügellosigkeit (vgl Tit 1,12). Er nimmt das in Angriff und weist dazu auf die Offenbarung von Gottes Gnade hin, die wir in dem Opfer Jesu Christi, unseres großen Gottes und Retters, sehen. Der Zweck dieser großartig selbstlosen Tat war nicht nur unsere Erlösung, sondern auch das Entstehen eines Volkes, das als Gottes Volk erkennbar ist, weil es völlig darauf ausgerichtet ist, Gutes zu tun. Wie werden wir zu solchen Menschen? Gott hat uns in die Schule der Gnade aufgenommen, wo die Gnade Gottes die Grundlage unserer Erziehung ist. Die Gnade Gottes lehrt uns, „Nein“ zum Schlechten und „Ja“ zum Guten zu sagen.
Es kann leicht passieren, dass die Offenbarung der Gnade Gottes für uns nicht über ein theoretisches Verständnis hinausgeht. Wir erkennen sie an, stimmen ihr zu und genießen sogar das Konzept und die angenehmen Gefühle, die sie in uns weckt. Aber sie wird nie in die Realität umgesetzt in Bezug auf das, wie wir leben und was wir tun. Das Konzept von Gnade wird für manche Leute sogar mehr zu einer Entschuldigung für ihre Zügellosigkeit, die die Gnade eigentlich bloßstellen und verändern soll.
Wenn wir von faulen Fressern verändert werden sollen zu Menschen, die begeistert gute Werke tun, dann müssen praktische Schritte eingeleitet werden. Im ersten Kapitel ist der grundlegende Schritt, den Titus machen soll, ausreichend qualifizierte Männer als Älteste in der Gemeinde einzusetzen. Diese konnten besonders als Vorbilder das Leben vorleben, das Gott sich für uns alle wünscht. Sie waren auch dazu da, falsche Lehrer zurechtzuweisen. Jetzt in Kapitel 2 ist der wichtige praktische Schritt, sich mit besonderer Sorgfalt auf die Qualität und den Inhalt der Erziehung in der Gnadenschule zu konzentrieren.
Der praktische Lehrplan
Im Gegensatz zu den falschen Lehrern sollte Titus und jeder andere Lehrer „reden, was der gesunden Lehre ziemt“ (2,1).
Paulus verwendet das Wort „gesund“ ziemlich oft in seinen Briefen an Titus und Timotheus. Gesunde Lehre ist eine Lehre, die geistliche Gesundheit hervorbringt und fördert. Falsche Lehre erzeugt keine Gesundheit. Und alles Lehren der Bibel, das geistliche Gesundheit nicht fördert, ist betrügerisch, egal wie beeindruckend es klingen mag. Das Hauptanliegen von echter Lehre (und echten Lehrern) ist es, die geistliche Gesundheit in der Gemeinde zu fördern.
Die falschen Lehrer in Kreta haben ganz besonders in der Familie Verwirrung gestiftet. Sie ist das Herz und die Einheit, auf der die Gesellschaft aufbaut. Sie haben mit ihren leeren Spekulationen und bewusst provokativen Ideen und Theorien ganze Haushalte durcheinandergebracht. Ihre Lehren haben Autorität und Beziehungen untergraben. Die Menschen wurden dadurch nicht heiliger, sondern eher verunsichert und gerieten schneller in Konflikte miteinander. Es ist deshalb verständlich, dass Paulus Titus beauftragte, auf das Familienleben und die zwischenmenschlichen Beziehungen besonders und sorgfältig achtzuhaben.
Das Ziel dieses praktischen Lehrplans wird in Vers 10 genannt: Dass wir in jedem Bereich des Lebens angehalten sind, die Lehre über Gott, unseren Retter, attraktiv zu machen. Christen haben das erstaunliche und doch ehrwürdige Vorrecht, Jesus Christus in dieser Welt darzustellen. Christen waren eine kleine Minderheit – und an vielen Orten ist es auch heute so. Die Leute haben sie oft mit Neugier oder Misstrauen betrachtet. Manche ihrer Gewohnheiten schienen seltsam, zum Beispiel Brot und Wein als Symbole für den Körper und das Blut Jesu Christi zum Abendmahl zu nehmen. Manche warfen ihnen Kannibalismus vor! Andere beschuldigten sie, Atheisten zu sein, weil sie den Regenten nicht als Gott verehrt haben. Andere behaupteten, sie seien Unruhestifter und Staatsfeinde. Kurz, die Welt beobachtete sie. Es war wichtig, wie die Gläubigen die Gnade Gottes in ihren Familien, in ihrer Arbeit und in der ganzen Gesellschaft auslebten. So konnten die Verdächtigungen ausgeräumt und der positive Einfluss des Evangeliums demonstriert werden.
Unser Leben sollte das Evangelium „zieren“. Das Evangelium ist an sich schön. Es ist die wunderbarste Nachricht der Welt. Wie wir als Christen, die diese Botschaft glauben, leben, wird entweder seine Schönheit steigern oder sie beeinträchtigen in den Augen derer, die noch nicht glauben. Wir sind dazu angehalten, so zu leben, dass die Menschen in uns die Schönheit des Evangeliums sehen.
In Christus hat Gott uns ein schönes Leben gezeigt. (Wer fühlt sich von Christi Leben nicht angezogen?) Das Evangelium handelt von unserem großen Gott und Retter Jesus Christus, der sich selbst für uns hingab. Wir sind dazu berufen, das Evangelium durch unsere eigene freudige Hingabe zu repräsentieren. Es ist ein Evangelium der Gnade. Wir sind dazu berufen, diese Gnade darzustellen. Es ist ein Evangelium der Hoffnung, dass Jesus eines Tages wiederkommt. Wir sind dazu aufgerufen, die Realität dieser Hoffnung darzustellen. Christus gab sich selbst für uns, um uns von aller Sündhaftigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Eigentumsvolk zu reinigen, das eifrig ist in guten Werken.
Das ist im Widerspruch zu vielen Slogans, die uns in der westlichen Gesellschaft prägen. Slogans wie „Gönn es dir!“ oder „Gib dir das einfach!“ Die andauernde Bombardierung mit solchen Slogans und Werbesprüchen bestärkt uns, unsere Zügellosigkeit zu rechtfertigen. Das Evangelium fordert diese Kultur heraus. Es fordert uns zu einem schönen Leben auf, aber ganz anders, als es die heutige Kultur beworben wird.
Das Evangelium steht im Widerspruch zu der Verschiebung von einer Betonung der Pflichten zu einer Betonung der Rechte. Es lehrt uns, dass es noch mehr gibt, als auf unseren Rechten zu bestehen – und zwar, uns selbst für andere zu geben. Wenn wir Leuten nur beibringen, ihre Rechte einzufordern, so werden wir sehr selbstsüchtige Leute hervorbringen, die kein Interesse an guten Werken haben. Wenn hingegen unsere Lehre gesund ist und in Einklang mit der Lehre der Gnade, so werden wir Menschen hervorbringen, die von ihrer Hingabe und ihrem Dienst für Andere gekennzeichnet sind – Leute, die offensichtlich zu Jesus gehören.
Das Evangelium in der Familie attraktiv machen
Titus soll also hauptsächlich über das Leben und die Beziehungen in der Familie lehren, einschließlich der weitreichenderen Familie der Gemeinde. Von dieser Grundlage ausgehend leitet Paulus zu dem Bereich der täglichen Arbeit über. In Kapitel 3 geht er noch weiter zum Leben in der Gesellschaft insgesamt.
Wenn wir das Wort „Familie“ oder „Haushalt“ hören, so ist es ganz natürlich, dass wir an das denken, was wir aus unserer eigenen Erfahrung als Familie kennen und nicht an das, was diese Begriffe in Kreta bedeutet hätten. Zurzeit von Titus war eine Familie oder ein Haushalt normalerweise eine größere Einheit als heute im Westen. Größere Haushalte umfassten sowohl Haussklaven als auch das, was wir heute die Großfamilie nennen: Großeltern, Onkel, Cousins und so weiter. Zusätzlich haben sich Gemeinden normalerweise in Privathäusern getroffen, also wurde der „normalen“ Familie noch die weitreichendere Familie Gottes hinzugefügt.
Alle sind eingeladen zuzuhören, wenn nun Paulus diese Familienthemen für Titus darlegt. Wir stellen dabei fest, dass unterschiedliche Altersgruppen und Geschlechter unterschiedliche Dinge hören sollen, oder zumindest unterschiedliche Dinge für sie betont werden.
Ältere Männer
„Lehre die alten Männer, dass sie nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, im Ausharren.“
Jedes Alter hat seine Möglichkeiten und Herausforderungen, seine Stärken und Schwächen. Ältere Männer sollen die Art von Menschen sein, die jeder ohne Weiteres bewundern und respektieren kann. Sie sollen würdevoll und verantwortungsvoll sein, mit einer Selbstkontrolle, die für ihr Alter angemessen ist. Ein älterer Mann, der seine Zunge nicht unter Kontrolle hat, ist keine gute Werbung für das Evangelium! Auch nicht ein älterer Mann, der denkt, er könne aufgrund seines höheren Alters sagen, was er will. Der sich nicht zurückhält mit sexuellen Anspielungen und Flirts mit Frauen, der dem Alkohol etwas zu stark zugeneigt ist, der sich selbst erlaubt, selbstsüchtiger und fordernder zu werden.
So sieht es aus, wenn man es negativ ausdrückt. Paulus aber betont in positiver Weise, wie ältere Männer sein sollen, und hebt die wesentlichen Kennzeichen geistlicher Gesundheit hervor: Glaube, Liebe und Ausharren. Sie sollen vernünftig oder gesund im Glauben sein. In anderen Worten: Sie sollen ein gesundes Verständnis davon haben, was sie glauben und sollen ein geistlich gesundes Leben führen, das seine Grundlage im Evangelium hat. Ältere Männer sollen sich leidenschaftlich für den Glauben interessieren und sollen Verständnis unter Beweis stellen, das über die Jahre gereift ist. Sie sollen außerdem für ihre fortwährende und reife Liebe für andere bekannt sein. Und sie sollen bekannt sein für ihre Beständigkeit und ihre Fähigkeit, weiterzumachen und nicht verzweifelt aufzugeben.
Ältere Männer müssen nicht unbedingt Älteste sein in dem Sinn, wie sie in Titus 1 beschrieben werden. Älteste werden eingesetzt, ältere Männer erhalten ihren Status durch ihr Alter! Aber sie können in der Gemeinde eine entscheidende Rolle spielen als Glaubensvorbilder, vor allem für junge Männer.
Alle jüngeren Männer brauchen ältere Vorbilder – und manche erkennen diese Tatsache sogar! Sie müssen Männer sehen, die es zunehmend erbaulich und erfüllend finden, Jesus im zunehmenden Alter nachzufolgen, trotz aller Probleme, die das Älterwerden mit sich bringt. Junge Männer müssen wissen, dass es möglich ist, den Druck am Arbeitsplatz und im Familienleben im Glauben zu überleben. Sie müssen sehen, dass man dabei sogar wachsen kann. Ältere Männer in der Gemeinde zu haben, denen es an Selbstbeherrschung mangelt, die bestenfalls unbeständig in ihrer christlichen Hingabe sind und die zunehmend selbstbezogen geworden sind und ständig nur an sich denken – das ist entmutigend für alle, die dabei zusehen, aber besonders für die jungen Männer.
Paulus schlägt nicht vor, dass Männer erst mit 55, 60 oder 70 plötzlich anfangen sollen, selbstbeherrscht und geistlich reif zu handeln. (Es wird gar kein genaues Alter angegeben, wann eine Person plötzlich zur Kategorie „älter“ gehört.) Alle diese Eigenschaften brauchen Zeit, um entwickelt zu werden. Zeit in der Gnadenschule, in der wir der Gnade erlauben uns zu lehren, wozu wir entweder „Ja“ oder „Nein“ sagen sollen in unserem Lebenswandel. Auch wenn es nie zu spät ist anzufangen, ist es auch nie zu früh. Wir Männer werden allesamt, sofern wir lang genug leben, ältere Männer sein! Lasst uns nicht bis dahin warten, diese positiven Merkmale zu festen Charaktereigenschaften zu machen. Sonst werden wir feststellen, dass es sehr viel schwerer ist, die falschen Gewohnheiten eines ganzen Lebens zu ändern, wenn wir alt sind.