Probleme sind dein täglich Brot
(Der Artikel wurde für Leiter geschrieben. Vielleicht kennt nicht jeder von euch die darin erwähnten Probleme, aber die Einstellung ist für jeden hilfreich, der irgendwo Verantwortung hat.)
Es war vor circa 30 Jahren. Mein langjähriger Mentor, Jean Gibson, war bei uns zu Besuch. Seine Worte von damals kann ich nicht vergessen, sie hallen noch in meinen Ohren.
Wir machten eine Bestandsaufnahme der letzten vier Jahre unserer Missionsarbeit. Die Gemeinde in St. Johann war stabil und die Gründung der neuen Gemeinde in Salzburg schritt voran. Mir ging es zu langsam und ich war unzufrieden. Da sprach mein Freund die für mich unvergesslichen Worte: „Fred, du meinst, dass irgendwann alles klappen wird, dass dann alle Schwierigkeiten beseitigt sein werden. Aber Probleme sind dein täglich Brot. Es ist deine Aufgabe sie zu lösen. Sie werden nicht aufhören. Stell dich darauf ein!“
Also, Probleme sind mein täglich Brot! Jeans Beobachtung wird durch das Lesen der Paulusbriefe bestätigt, sogar wenn man sie nur überfliegt. Für uns Gemeindegründer und Älteste gehören Probleme und Schwierigkeiten zum Tagesgeschehen.
Wenn ich die vergangenen 33 Jahre Revue passieren lasse, kommt es mir vor, dass ich in der Brandung stehe. In einer ununterbrochenen Aufeinanderfolge läuft Welle auf Welle heran, und die Wellen kommen fast immer von jenseits des Atlantiks. In den USA hatte ich mich schon mit der 4. Welle beschäftigt. Damals erschütterten Impulse ausgehend von Willow Creek die nordamerikanischen Brüdergemeinden. Auf einer Konferenz in Deutschland hielt ich zwei Reden für führende Mitarbeiter. Sie gähnten gelangweilt: „Das wird es in Deutschland nicht geben!“ Ein Jahr später lud mich dieselbe Gruppe ein, vor allen ihren Mitarbeitern darüber zu reden.
Dann kam die 3. Welle in Form der „Geschäftsleute des vollen Evangeliums“. Sie wollten die jungen Gemeinden im Land Salzburg mit dem Heiligen Geist „infiltrieren“. Ich war damals der Meinung, die Zeichengaben hätten aufgehört, aber das genauere Studium des 1. Korintherbriefes belehrte mich eines Besseren. Viele Tage verbrachte ich in Fasten und Gebet mit meinem NT. Allmählich fand ich doch festeren Boden unter den Füßen und heute sind eine ganze Reihe dieser ehemaligen „Geschäftsleute“ Glieder oder Leiter der Versammlungen hier im Land Salzburg.
Während die Gemeindegründungsarbeit gedieh, schnappten junge begabte Brüder Ideen von christlichem Rekonstruktionismus auf, dann von Realisierter Eschatologie und neuerdings die Lehren von N.T. Wright. Es ist gut, wenn die Brüder lesen und denken. Die Herausforderung für den Ältesten ist dabei Folgendes: Wenn die jungen Leute nachzudenken beginnen, sorgt dafür, dass sie nicht zu früh damit aufhören! Man sollte sie als Ratgeber eine Strecke begleiten und mitdenken. Bei manchen Ansichten ist doch etwas zu lernen. Haben wir vielleicht etwas übersehen?
Und dann gibt es die Mischung des Weltlichen mit dem Geistlichen. Der „christliche“ Feminismus zwingt uns erneut zum Bibelstudium. „Christliche“ Psychologie – so ein Unding – „Freud kommt in die Gemeinde!“ Und was sollen wir sagen noch sagen über Piper, Sproul, White … und den neuen Calvinismus, zu der Emerging Church, etc., etc.?
Über die Jahre brachten uns nette Urlauber Exklusivismus und importierten Sonderthemen wie „Darf ein Christ einen Christbaum haben?“ Zur Zeit des Neuen Testaments kamen auch Irrlehrer zu Besuch, aber heute sind sie nur einen Mausklick entfernt. Manchmal kann man zumindest darüber lachen: Während Älteste darüber berieten, ob es vertretbar sei einen guten, fundierten Kurs von Kay Arthur zu machen (Kay ist eine Frau), lauschen die Schafe unter ihrer Obhut Joyce Meyer im Internet.
Heute ist Gemeindegründung vergleichbar damit, ein Zelt in einem Orkan aufzuschlagen! Das soll uns nicht überraschen. Paulus beschreibt unmündige Christen (und Gemeinden?) als kleine Segelboote „hin und her geworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre, durch die Betrügerei der Menschen…“ (Eph 4,14).
Paulus wäre also nicht überrascht. Als dieser vorbildliche Gemeindegründer die Ältesten der Gemeinde aus Ephesus zu sich rief, warnte er vor Gefahren von außen und von innen. Die Wölfe bringen ihre gefährliche Irrlehre. Sogar Älteste würden die Herde mit ihren eigenwilligen Sonderbetonungen polarisieren und spalten (Apg 20,29-30). Später musste Paulus den Timotheus in Ephesus zurücklassen, um die Verbreitung fremder Lehren zu unterbinden (1. Tim 1,3), um Älteste unter Gemeindezucht zu stellen, sie vermutlich ihres Amtes zu entheben (1. Tim 5,19-25) und neue Älteste anzustellen (1. Tim 3,1ff).
Gottes Antwort auf die Herausforderung der ungesunden Lehre ist eine engagierte, biblische Ältestenschaft. Der Älteste ist zuallererst ein Hirte. Das Leitbild eines Ältesten oder Pastors ist nicht der Geschäftsführer eines Unternehmens (Willow Creek usw.), außerdem ist der biblische Aufseher auch kein getaufter Psychologe. Seine Aufgabe ist das Hüten der kostbaren, bluterkauften Herde (Apg 20,28). Der Aufseher muss deswegen dafür sorgen, dass die Herde gute, gesunde Nahrung erhält, und auch die nötige Ruhe hat um sie zu verdauen. Zudem muss er sie vor Gefahr schützen. Der Aufseher passt auf die Herde auf.
Um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, müssen wir Leiter auch aufeinander achthaben (Apg 20,28). Jeder kümmert sich zunächst um seinen eigenen geistlichen Zustand. Er bleibt im Wort und hütet seine Beziehung mit Gott. Außerdem bilden wir gemeinsam ein Ältestenteam und wir begleiten einander. Wir schützen einander.
Spürst du nicht den Schock, in den Paulus’ Weissagung die Ältesten versetzte? „Paulus verlässt uns, die Wölfe kommen und sogar einer von uns wird …“ Die Abschiedsworte des Apostels müssen ihnen dann ein Trost gewesen sein. Er erinnerte sie an sein Vorbild und befahl sie Gott und dem Wort seiner Gnade an.
Gott wird das Seine tun, und wir? Wir müssen das Wort durchsuchen, während der Heilige Geist uns durchsucht. Wir müssen das Wort selbst anwenden und systematisch lehren. Möge das Wort Christi reichlich in unseren Gemeinden wohnen! Nur wenn Christen im Wort befestigt sind, wenn sie die Wahrheit in Liebe festhalten, sind sie einigermaßen sicher, wenn die Winde und Wellen der verschiedenen Lehren über sie hereinbrechen.
Jawohl, Probleme sind dein täglich Brot.