Gemeinde & Mission

Was ist bloß aus der Sünde geworden?

von Colson Charles W.

Für die meisten von uns beschwört das Wort „Buße“ Bilder von mittelalterlichen Mönchen in Sack und Asche oder von alttestamentlichen Propheten herauf, die ihre Gewänder in Pein zerreißen. Oder wir meinen, Reue sei etwas, das nur wirklich „Gottlose“ betrifft.
Buße aber ist mehr als Selbstgeißelung, mehr als ein Bedauern, mehr als eine tiefe Traurigkeit wegen in der Vergangenheit begangener Sünden; jeder braucht sie. Das biblische Wort für Buße heißt im Original-Griechischen „metanoia“. „Meta“ bedeutet Veränderung und „noia“ Geist. Wortwörtlich heißt es also „Geistesveränderung“. Ein Kirchengelehrter beschreibt Reue als „diese mächtige Veränderung von Geist, Herz und Leben, die durch den Geist Gottes herbeigeführt wird.“
Buße ist folglich mit radikalen Auswirkungen verbunden, da eine grundlegende Veränderung unserer Geisteshaltung uns nicht nur von unserer sündigen Vergangenheit abwendet, sondern unsere Lebenspläne, Wertmaßstäbe, Moral und Handlungen umgestaltet, wenn wir die Welt zunehmend mit Gottes, nicht mehr mit unseren Augen betrachten. Diese Art von Verwandlung erfordert die endgültige Selbstaufgabe.
Der Aufruf zur Buße – ob Einzelpersonen oder Gruppen von Menschen betroffen sind – ist eines der am häufigsten in der Schrift behandelten Themen. Das Alte Testament beinhaltet lebhafte Berichte über Könige und Propheten, Priester und Menschen, die vor Gott niederfallen, um Gnade bitten und versprechen sich zu ändern. Die Forderung nach Buße wird in den Befehlen Gottes an Mose deutlich, und Davids wohlgesetztes Bußgebet ist durchzogen von ihrer untröstlichen Realität und Leidenschaft. Auch die Propheten wiederholten ständig ihren Aufruf zur Buße.
Buße ist auch der Leitgedanke des Neuen Testaments. Die einzige Botschaft Johannes des Täufers lautete: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe ge¬kommen.“ Und eines der ersten Worte Jesu, die er an die Öffentlichkeit gerichtet hat, ist gemäß dem Markusevangelium: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ Die letzten Anweisungen, die er den Jüngern vor seiner Himmelfahrt erteilte, enthielten die Weisung, dass „in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden [soll] allen Nationen.“ Insgesamt kommen die Worte „bereuen“ oder „Buße“ mehr als 50-mal im Neuen Testament vor.
Buße ist eine zwangsläufige Folge der Erneuerung, ein unbedingt erforderlicher Teil des Umkehrprozesses, der unter der überführenden Kraft des Heiligen Geistes stattfindet. Buße ist aber auch ein stetiger Geisteszustand. Wir werden bei¬spielsweise aufgerufen Buße zu tun, bevor wir am Abendmahl teilnehmen. Gläubige „stellen Buße auch durch ihre Taten unter Beweis“. Ohne eine fortwährende Haltung der Buße – den beharrlichen Wunsch, uns von unserer Natur abzuwenden und nach Gottes Wesen zu trachten – ist ein Wachstum in Christus unmöglich, und ebenso unmöglich ist es Gott lieb zu haben.
Wenn dies alles stimmt, dann mag manch einer fragen: „Warum wird Buße so selten gepredigt und warum so wenig begriffen?“ Ich glaube, es gibt hierfür drei Gründe:

DER AUFRUF DES MODERNEN EVANGELIUMS
Der bekannte Kirchenhistoriker J. Edwin Orr resümiert den ersten Grund dieses Missstandes: Das moderne Evangelium ruft nicht dazu auf, „Buße zu tun, sondern Mitglieder zu werben“.
Die Botschaft Buße zu tun, kann bedrohlich sein – und das ist auch richtig so. Das Evangelium muss zuerst die schlechte Nachricht von der Verurteilung der Sünde übermitteln, ehe es die gute Nachricht der Erlösung predigen kann. Da die Botschaft für viele mittelständische Gemeinden, die sich ganz auf ihren Lebensstil des Wohlstands konzentrieren, schwer zu verdauen ist, bewegen sich viele Pastoren, die mit einem normalen Selbsterhaltungstrieb ausgestattet sind, vorsichtig auf Zehenspitzen um das Thema herum.
Folge all dessen ist eine verwässerte Botschaft, die zum großen Teil Aufschluss über die heutzutage stattfindende, epidemische Verbreitung eines leichten Glaubens gibt, eines kostenfreien christlichen Glaubens, oder „billiger Gnade“, wie es der deutsche Märtyrer Dietrich Bonhoeffer vor einer Generation so passend bezeichnete – Gnade, „die keine Buße kennt, noch weniger den echten Wunsch, von der Sünde erlöst zu werden … Gnade, die das lebendige Wort Gottes ablehnt, ja sogar die Menschwerdung Christi.“

FEHLENDE BEREITSCHAFT PERSÖNLICHE SÜNDE ZU SEHEN
Der zweite Grund dafür, dass das Wort Buße so oft ignoriert oder falsch verstanden wird, kommt dem Kern des Problems schon näher: Oft sind wir einfach nicht bereit oder unfähig, die Realität der persönlichen Sünde und damit die Notwendigkeit der Buße zu erkennen.
Warum fällt es uns so schwer, eigene Sünde zu sehen? Dass das schon immer so gewesen ist, veranschaulicht König David wortgewandt.
Bald nachdem er zum König gekrönt worden war, beging David nicht nur die Sünde des Ehebruchs mit Batseba, sondern auch die des Mordes, da er ihren Mann in den sicheren Tod aufs Schlachtfeld schickte. Obwohl er als ein Mensch nach Gottes Herzen beschrieben wurde und Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit übte, war David blind für seine eigenen Vergehen. Er erkannte erst, was er getan hatte, als der von Gott gesandte Prophet Nathan seine Sünde in Form einer Parabel beschrieb und sie jemand anders zuschrieb. Nathan bat David, ein Urteil über den Mann zu fällen: David verurteilte ihn zum Tod. Erst dann offenbarte Nathan David, dass es sich um seine eigene Sünde handle. Was David an anderen zu schnell verurteilte, konnte er bei sich selbst nicht erkennen.

DAS „FEHLEN“ DER SÜNDE IN DER GESELLSCHAFT
Der dritte Grund für unser oberflächliches Verständnis von Buße ist das „Fehlen“ der Sünde in unserer Gesellschaft. Sie hat der Sünde ihre Existenz abgesprochen. Selbst Christen, die die grundlegende Wahrheit der Bibel verstanden haben sollten, nämlich dass wir alle Erben der Sünde Adams und damit alle Sünder sind, werden oft durch humanistische Wertmaßstäbe beeinflusst und verblendet.
Der Humanismus nahm seinen Anfang im Garten Eden, als der Versucher Eva aufforderte, „wie Gott“ zu sein. Seither hat er uns dazu angespornt das zu glauben, was unser sündhaftes Wesen uns glauben machen will – dass wir von Natur aus gut sind, durch Wissenschaft und Erziehung besser werden und durch unser eigenes Bemühen perfekt und Herr unseres Schicksals werden können. Wir können unser eigener Gott sein.
In den letzten Jahrzehnten haben weitverbreitete politische und gesellschaftliche Überzeugungen die Realität der persönlichen Sünde aus unserem nationalen Bewusstsein ausradiert. Nehmen Sie z. B. das leidenschaftlich vertretene Argument, dass die Gesellschaft, nicht das Individuum, für das Böse in unserer Mitte verantwortlich sei: Einzelpersonen begingen Straftaten, weil sie dazu gezwungen würden, nicht weil sie sich dazu entscheiden. Armut, Rassendiskriminierung, Slums, Hunger – das seien die wahren Schuldigen; in Wirklichkeit sei der Übeltäter das Opfer.
Nicht ein politisches Lager besitzt das Monopol, diesen Mythos aufrechtzuerhalten. Politiker sagen den Leuten, was diese hören wollen, und die Menschen mögen es, wenn man ihnen sagt, dass sie wirklich „gut“ sind. Deshalb erntet solche Art von „Vertröstung“ todsicher Applaus. Gute Politiker jedoch können schlechte Theologie machen; und wenn wir anfangen, unseren eigenen Presseverlautbarungen zu glauben, werden wir Opfer unserer eigenen Illusionen.
Was ist nur aus der Sünde geworden? Karl Menningers sensationeller Buchtitel bezieht sich auf die brennendste Frage, die man in Bezug auf die Kirche heute stellen könnte. Die Antwort ist in jedem von uns verborgen, aber um sie zu entdecken, müssen wir dem Menschen, der wir wirklich sind, ins Auge sehen. Dieses verborgene Ich liegt tief in unserem Herzen begraben, und das menschliche Herz ist (Jeremia warnt uns davor) in erster Linie betrügerisch. Es ist eine fürchterliche Entdeckung, diesem wahren Ich gegenüberzutreten.
Da ich die größten politischen Umwälzungen dieses Jahrhunderts hautnah miterlebt habe, ließ ich meine Sünden – wahre und erfundene – erbarmungslos auf den Titelseiten dieser Welt verteilen, in lebendiger Farbe auf Leinwand und Fernsehbildschirm nachspielen und in Hunderten von Büchern zerpflücken. Ich werde folglich oft gefragt, welche meiner Watergate-Perfidien ich am meisten bereue.
Meine unveränderliche Antwort: „Keine. Ich bereue am tiefsten die versteckten Sünden meines Herzens, die weitaus schlimmer sind“, verblüfft die Medien entweder oder macht sie wütend.
Aber die Antwort ist ehrlich. Meine Watergate-Missetaten könnten als politischer Fanatismus oder politische Zweckdienlichkeit ausgelegt (obwohl nicht gerechtfertigt) werden, als unangebrachter Idealismus, als blinder Gehorsam gegenüber höherer Autorität oder sogar als Kapitulation vor der natürlichen Versuchung des menschlichen Willens, der, so Nietzsche, nach Macht über andere strebt, mehr als über alles andere.
Als ich im Gefängnis saß und die Ereignisse meines Lebens vor meinen Augen vorbeizogen, wurde ich mir der schmerzvollen Realität des menschlichen Herzens bewusst und betrachtete mich selbst: Ich war ein Sünder, und meine Sünde manifestierte sich in einzelnen, von mir ausgeführten Handlungen. Das Schlimmste war, dass mir dies große Freude bereitet hatte.
Der eigentliche Kampf wird genau in diesem Bereich ausgetragen. Er wird nicht gekämpft zwischen „guten“ und „bösen“ Menschen, wie im Spiel „Räuber und Gendarm“; nicht zwischen „guten“ und „bösen“ Regierungen, wie der der USA und der Sowjetunion. Er wird nicht ausgetragen, bloß um nationale oder internationale Gewinne zu erzielen. Der Krieg, der alle Kriege beenden wird, ist ein um ewige Gewinne ausgetragener Kampf zwischen geistlichen Mächten – und er wird in Ihnen und in mir geführt.
Wenn wir wirklich den Gestank der Sünde in uns riechen, dann treibt er uns hilflos und unwiderstehlich zur Verzweiflung. Aber Gott hat für uns einen Weg bereitet, der uns von dem Bösen in uns befreit: Wir müssen durch die Tür der Buße gehen. Wenn wir unsere eigene Natur wahrhaftig begreifen, ist Buße keine trockene Lehre, keine furchterregende Botschaft, keine krankhafte Form der Selbstgeißelung. Sie ist, wie die frühen Kirchenväter sagten, ein Geschenk, von dem Gott sagt, dass es zum Leben führt. Sie ist der Schlüssel zur Tür der Befreiung, zur einzig wahren Freiheit, die wir je erhalten können.

Mit freundlicher Genehmigung aus: Bruce Wilkinson, „Wie mach ich’s richtig“, S. 375-379, Copyright Christliche Verlagsgesellschaft, 35683 Dillenburg.