Gemeinde & Mission

Es kommt eine Zeit der völligen Wiederherstellung (Apg 1,6-8)

von Gooding David

(Auszug aus dem Kommentar zur Apostelgeschichte, der bei CLV erscheinen soll.)

Als unser Herr den Jüngern das nächste Mal erschien, hatten sie eine Frage an ihn: „Herr, stellst du in dieser Zeit dem Israel das Reich wieder her?“ (Apg 1,6). Das schien eine sehr vernünftige Frage zu sein. Das Alte Testament hatte verheißen, dass Gott beim Kommen des Messias viele wunderbare Werke durch ihn tun würde und der Herr Jesus hatte bereits einige von ihnen gewirkt: Er war gestorben und aus den Toten auferstanden. Er kündigte jetzt an, dass er in wenigen Tagen den Heiligen Geist ausgießen werde. Aber die volle Wiederherstellung, von der das Alte Testament zeugt, beinhaltet noch mehr. Zuerst versprach der Herr in der berühmten Stelle im Propheten Joel, dass der Heilige Geist ausgegossen wird. Das sollte Petrus bald zitieren, zu Pfingsten (Joel 3,1–5). Danach folgt in Joel die Ankündigung vom kommenden großen und furchtbaren Tag des HERRN, an dem Gott die Geschicke Judas und Jerusalems wenden würde (4,1–21). Dann würde Gott die heidnischen Völker mit apokalyptischen Gerichten heimsuchen, ihre Herrschaft über Israel zerschlagen und Jerusalem als das Zentrum der göttlichen Gegenwart wiederherstellen.

Das weckte natürlich die Frage: Wann sollten diese Dinge in Erfüllung gehen?

Warum die Frage der Wiederherstellung für uns wichtig ist

Nach dem jüdischen Verständnis des Alten Testaments würde der Messias nur ein Mal kommen. Wenn man nun von den Christen verlangte, dass sie an ein zweimaliges Kommen desselben Messias glauben sollten, war es für die Apostel wichtig zu wissen, welche Teile des angekündigten Programms sich wann erfüllen sollten. Sie waren schließlich die Leute, die den Auftrag hatten, dieses Programm allen Menschen zu predigen. Das Gleiche gilt auch für uns. Wenn wir an ein zweimaliges Kommen des Messias glauben und das auch predigen sollen, müssen wir genau wissen, welche Teile der verheißenen großen Wiederherstellung bei seinem ersten Kommen in Erfüllung gingen, was erst bei seinem zweiten Kommen erfüllt werden kann, und was in der Zwischenzeit erfüllt werden muss. Haben wir hier falsche Vorstellungen, werden wir sowohl in unserer persönlichen Erwartung verwirrt sein als auch in der Verkündigung Verwirrung anrichten. So eine Verwirrung kam unter den Christen im ersten Jahrhundert tatsächlich vor, so dass einige dachten, der von Joel angekündigte große und herrliche Tag des HERRN sei schon vor dem zweiten Kommen Christi da (2. Thes 2,1– 12).

Wir können den Aposteln darum danken, dass sie diese Frage stellten. Von gewissen Leuten sind sie dafür aber schwer kritisiert worden, und bis zum heutigen Tag wird die Bedeutung ihrer Frage und der Antwort des Herrn ausführlich debattiert. Schauen wir uns daher zum Einstieg den betreffenden Abschnitt in der Apostelgeschichte an: „Sie nun, als sie zusammengekommen waren, fragten ihn und sagten: Herr, stellst du in dieser Zeit dem Israel das Reich wieder her? Er sprach aber zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ (Apg 1,6–8).

Was die Gegenstimmen zur Wiederherstellung sagen

Die Kritiker der Apostel zeigen in ihrer Kritik natürlich viel Verständnis: Der Heilige Geist sei ja noch nicht da gewesen um sie besser zu unterweisen. Dennoch hätten die Apostel der Unterredung eine unglückliche und enttäuschende Wendung gegeben. Der Herr hatte eben vom Kommen des Heiligen Geistes gesprochen, um seinem Volk ein richtiges geistliches Verständnis der alttestamentlichen Verheißungen zu geben (Apg 1,4). Und die Apostel wussten nichts Besseres zu tun, als eine Frage aufzuwerfen, die auf einem grob buchstäblichen Verständnis dieser Verheißungen beruhte. Der Herr war daran, die Tür zum neuen Zeitalter des Geistes aufzustoßen; jetzt sollten geisterfüllte Zeugen das geistliche Reich Christi in der ganzen Welt aufrichten und allen Völkern auf Erden geistliche Segnungen bringen (1,8), nicht etwa bloß dem privilegierten Volk Israel. Und alles, woran die Apostel denken konnten, war die fleischliche, engstirnige, nationale Hoffnung Israels auf ein irdisches, politisches Reich. Ihre Frage zeuge also von Unverstand, doch habe unser Herr sie gnädig auf die rechte Spur gebracht, indem er zuerst ihre Erwartungen zurückwies: Es werde nie eine Wiederherstellung eines irgendwie gearteten Reiches für Israel als Nation geben. Dann lenkte er unvermittelt ihre Gedanken auf bessere Bahnen (1,8). Die „Wiederherstellung des Reiches“, das Gott den Propheten verheißen hatte, beziehe sich auf sein (d. h. Christi) eigenes geistliches Reich. Durch seinen Tod und seine Auferstehung bereits begonnen, müsse es nun durch die missionarische und pastorale Arbeit der Gemeinde (Kirche) in diesem Zeitalter in der ganzen Welt aufgerichtet werden (1,8). Es werde mit dem Kommen des Heiligen Geistes beginnen.

Die Kritiker der Apostel kommen schließlich doch dazu die Apostel zu rühmen, oder vielmehr das Kommen des Heiligen Geistes, welches ihnen eine vollständig neue Blickrichtung gab. E. M. Blaiklock sagt dazu: „Die Veränderung von jenem Geist, der zur Frage von v.6 drängte, zum Geist, in dem Petrus (Apg 2,38.39) Buße und Vergebung für alle, die Herr berufen würde, predigte, ist einer der stärksten Beweise für das Wunder von Pfingsten.“[1]

Was der Herr nicht über die Wiederherstellung sagt

Diese Deutung schafft aber massive Schwierigkeiten, und zwar erstens auf der grundlegenden Ebene des Sinnzusammenhangs oder des Gedankenflusses von Frage und Antwort zwischen den Aposteln und dem Herrn. Nehmen wir als Erstes einmal an, Christus habe wirklich sagen wollen, das Reich werde für Israel nie wiederhergestellt werden. Man beachte, wie sich die Unterredung dann anhören würde:

Jünger: „Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?“

Christus: „Ich kann euch die Zeit, wann die Wiederherstellung geschehen soll, nicht sagen, weil der Vater all diese Dinge für sich vorbehalten hat. Und zudem wird das Reich für Israel ohnehin nie wiedergestellt werden.“

Wir merken: Das ergäbe keinen Sinn. Wenn das Reich nie wiederhergestellt werden sollte, gäbe es auch keine Zeiten und Zeitpunkte, die man erfahren könnte; auch der Vater selbst wüsste von keinen.

Machen wir einen zweiten Versuch. Nehmen wir diesmal an, der Herr habe sagen wollen: „Ja, ich werde für Israel das Reich wiederherstellen, aber nicht in diesem engen Sinn, den ihr erwartet. Die verheißene Wiederherstellung des Reiches für Israel, richtig verstanden, bezieht sich auf die Aufrichtung meines geistlichen Reiches von Pfingsten an.“ Wie würde das in den Gedankenfluss passen?

Jünger: „Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?“

Christus: „Ich kann euch nicht sagen, wann die Wiederherstellung des Reiches für Israel stattfinden wird, weil der Vater alle Einzelheiten des Fahrplans für sich vorbehalten hat. In Wirklichkeit bezieht sich die Wiederherstellung des Reiches auf die Aufrichtung meines geistlichen Reiches hier und jetzt, und ich kann euch selbstverständlich sagen, wann das stattfinden wird: Es wird in wenigen Tagen passieren, nämlich wenn zu Pfingsten der Heilige Geist kommt.“

Auch das ergäbe keinen Sinn. Obwohl es also wichtig ist, die Logik des Gedankenflusses richtig zu erfassen, müssen wir uns größeren Fragen stellen. Die Verheißung der Wiederherstellung des Reiches wird nirgends klarer angekündigt als in Micha 4,8, das inmitten eines der bekanntesten Abschnitte im Alten Testament steht. Wir lesen die Verheißung im gesamten Kontext:

„Und es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg des Hauses des HERRN feststehen auf dem Gipfel der Berge und erhaben sein über die Hügel. Und Völker werden zu ihm strömen; und viele Nationen werden hingehen und sagen: Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berge des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs! Und er wird uns lehren aus seinen Wegen, und wir wollen wandeln auf seinen Pfaden. Denn von Zion wird ausgehen das Gesetz, und das Wort des HERRN von Jerusalem; und er wird richten zwischen vielen Völkern und Recht sprechen mächtigen Nationen bis in die Ferne. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugmessern schmieden und ihre Speere zu Winzermessern; nicht wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen. Und sie werden sitzen, ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und niemand wird sie aufschrecken. Denn der Mund des HERRN der Heerscharen hat geredet. Denn alle Völker werden wandeln, ein jedes im Namen seines Gottes; wir aber werden wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewig. An jenem Tag, spricht der HERR, werde ich das Hinkende sammeln und das Vertriebene zusammenbringen, und dem ich Übles getan habe. Und ich werde das Hinkende zu einem Überrest und das Weitentfernte zu einer gewaltigen Nation machen; und der HERR wird König über sie sein auf dem Berg Zion, von nun an bis in Ewigkeit. Und du Herdenturm, du Hügel der Tochter Zion, zu dir wird gelangen und zu dir wird kommen die frühere Herrschaft, das Königtum der Tochter Jerusalem.“ (Micha 4,1–8).

Hier haben wir, für jedermann klar ersichtlich, die Verheißung der Wiederherstellung der Herrschaft. Aber für den Augenblick drängen größere und dringlichere Fragen sie beiseite. Was sollen wir anstellen mit dieser glühenden Verheißung, dass eines Tages Kriege aufhören sollen, Gerechtigkeit sich durchsetzen und unsere Welt universalen Frieden erfahren wird? Ist das nur die poetische Formulierung eines Ideals, das man immer anstreben sollte, das aber nie erreicht werden kann? Oder ist es eine konkrete Verheißung Gottes? Und falls es eine solche Verheißung samt der Garantie der kommenden Erfüllung ist, was genau bedeutet sie? Wie muss man sie interpretieren? Und vor allem: Wann soll sie nach Gottes Absicht in Erfüllung gehen?

Wir scheinen zumindest wieder teilweise auf die Frage der Apostel zurückgefallen zu sein „Stellst du in dieser Zeit…?“ Nur fragen wir jetzt in einem anderen, handgreiflichen und praktischen Kontext. Als verantwortungsvolle Zeugen des Herrn Jesus Christus müssen wir so exakt wie irgend möglich wissen, welche Verheißungen des Herrn wir auf das gegenwärtige Zeitalter des Geistes anwenden müssen und welche nicht, welche Ergebnisse wir von unserer Evangelisation und unserem diakonischen Dienst erwarten dürfen und welche nicht. Wir dürfen keine von Gott gegebene Hoffnung herunterschrauben; aber ebenso wenig dürfen wir Luftschlösser bauen. Wie muss der Abschnitt also interpretiert werden?

Was die sogenannte „geistliche“ Erklärung der Wiederherstellung sagt

Versuchen wir eine „geistliche“ Interpretation: Die Verheißung, dass die Tochter Zion zur Herrschaft wiederhergestellt werden soll (Micha 4,8), bezieht sich auf die Aufrichtung des geistlichen Reiches Christi in der Gemeinde zu Pfingsten. Micha 4,6 kündigt an, dass diese „Wiederherstellung“ geschehen werde „an jenem Tag“, was im Kontext heißt, an dem Tag, an dem viele Nationen jeglicher Kriegsführung abgeschworen haben. Offensichtlich kann man das nicht buchstäblich verstehen, denn: Welche größeren Nationen haben vor oder zu oder nach Pfingsten für immer abgerüstet? Man muss das also im bildlichen Sinn verstehen als eine Beschreibung der Dinge, die von da an mit Einzelnen geschehen sind und immer wieder geschehen, wenn jemand an das Evangelium glaubt und mit Gott versöhnt wird. Damit haben diese „die Waffen gestreckt und ihre Rebellion gegen Gott beendet“, um fortan in Frieden in der Gemeinde zu leben und nie mehr mit den Mitchristen zu streiten. Es bezieht sich folglich auf die Gemeinde, denn die Nationen haben nach Pfingsten nicht aufgehört, Kriege gegeneinander zu führen. Zudem bezieht es sich nicht auf die Christen in ihrem Leben außerhalb der Gemeinde. Im letzten Weltkrieg haben Tausende von wahren Gläubigen als Angehörige entweder der Alliierten oder der Achsenmächte gegeneinander gekämpft und sich gegenseitig getötet, wie es im Lauf der Jahrhunderte Millionen andere schon getan haben und noch tun.

Nach dieser Sicht gibt uns Micha 4,1–8 bei all seinen großartigen Verheißungen wenig Hoffnung für eine von Kriegen zerrissene Welt. Und welche Hoffnungen bietet der Abschnitt der Gemeinde? Hat man in der Christenheit keine Glaubenskriege geführt? Wir brauchen nicht fortzufahren. Wenn diese „geistliche“ Interpretation alles ist, was Michas Verheißungen beinhalten, dann haben die meisten von uns nur noch wenig Antrieb um anderen biblischen Verheißungen zu glauben. Und wer hat dann noch Freude, dieses Programm als eine realistische Hoffnung für die Welt zu predigen?

Aber versuchen wir eine mehr verfeinerte und nuancierte Interpretation: Die verheißene Wiederherstellung soll sich wieder auf die Errichtung des weltweiten geistlichen Reiches Christi beziehen. Die Errichtung des Tempels oder Hauses des Herrn auf dem „höchsten der Berge“ (Mi 4,1) bezieht sich wiederum auf die Gemeinde und auf den Rang weltweiter Dominanz, die sie seit Pfingsten schrittweise errungen hat. Gott hat also mit Micha 4,2–5 eine Weissagung über die Nationen geben wollen, nach der die Nationen als solche voller Dankbarkeit immer mehr auf die Lehren der Gemeinde hören werden und als Ergebnis werde man sich unter den Nationen mehr und mehr an Gottes Gesetz halten und dabei in wachsendem Maß von jedem Gebrauch der Waffen ablassen. Das also sei die Zukunftsschau, die der Herr vor Augen hatte, als er den Jüngern den Missionsbefehl gab.

Wenn das tatsächlich die von Gott beabsichtigte Bedeutung von Micha 4 ist, dann müssen wir uns fragen: Inwiefern entspricht die Wirklichkeit der Verheißung? Wenn der Herr den Aposteln tatsächlich diese Erwartung vermittelte, was kann uns dann heute vor Verzweiflung bewahren? Kein einziges Mal in allen Jahrhunderten seit Pfingsten und der Errichtung des geistlichen Reiches Christi hat die Predigt dazu geführt, dass eine einzige namhafte Nation abgerüstet hätte. Von weltweiter Abrüstung brauchen wir gar nicht zu reden.

Die sogenannten „christlichen Nationen“ sind vielmehr im Entwickeln immer wirksamerer Waffen der Massentötung führend gewesen; und sogar heute, wo Ost und West ihre Waffenarsenale abbauen, geschieht das nicht als Reaktion auf die Predigt des Evangeliums oder als Folge eines Vorsatzes unter den betroffenen Nationen sich an Gottes Gesetz zu halten. Die Hoffnung, dass die Weissagung Michas sich durch die Predigt des Evangeliums verwirklichen werde, hat sich bis zum heutigen Tag als eine gigantische Täuschung erwiesen. Man kann sich dieser Schlussfolgerung nur entziehen, wenn man die Aussagen Michas drastisch entwertet.

Das bedeutet nicht, dass wir als Christen zynisch werden müssen. Wir begrüßen es, dass die Vereinten Nationen Michas Weissagung als ihr Ideal formuliert haben. Wir begrüßen jedes ehrliche Bemühen Frieden zu schaffen und wir beten dafür. Wir anerkennen es auch und danken Gott dafür, dass in verschiedenen Weltgegenden erhebliche Fortschritte gemacht worden sind Richtung Frieden und Abrüstung.

Aber wir sollten uns nicht selbst betrügen. Die Geschichte hat gezeigt, dass weltweiter Friede wie der Stein des Sisyphos ist. Jedes Mal, wenn er den Gipfel fast erreicht hatte, rollte der Stein wieder zurück. Zudem kündigt uns die Bibel an, dass sich eines Tages eine bestimmte Art Frieden und Sicherheit durchsetzen wird. Aber es wir ein falscher Friede sein, bevor der schreckliche Sturm des „Tages des Herrn“ über eine unbußfertige Welt hereinbrechen wird (1. Thes 5,1–3).

Das ist alles sehr düster; aber wir müssen nicht verzweifeln. Wir haben eine echte Botschaft der Hoffnung für unsere von Kriegen, Terror und Hunger geplagte Welt. Micha hatte seine Verheißungen von Gott empfangen und sie werden in Erfüllung gehen und zwar so, dass man sie nicht im Glauben hinnehmen und gleichzeitig die Augen verschließen muss gegen die harten Fakten einer entgegengesetzten Wirklichkeit. Gerechtigkeit, Niederlegen der Waffen und Friede werden sich in der ganzen Welt durchsetzen. Alles, von dem Gott gesagt hat, es solle wiederhergestellt werden, wird wiederhergestellt werden (Apg 3,21), auch das Reich, das Gott Israel verheißen hatte. (Wir denken nicht an den zionistischen Staat Israel; denn es wird weder für Israel noch für sonst jemand Wiederherstellung geben, bevor der Messias kommt.) Wenn wir aber vor falschen Erwartungen und entsprechenden Enttäuschungen bewahrt bleiben wollen, müssen wir die Sache mit dem Fahrplan der Wiederherstellung richtig verstehen. Darum gehen wir noch einmal zurück zu der Frage der Apostel und der Antwort des Herrn.

Als erstes wollen wir das Offenkundige beachten, nämlich dass die Frage nicht lautete: „Herr, wirst du für Israel das Reich wiederherstellen?“ Eine solche Frage hätte die schlichte Antwort hervorgerufen: „Ja, das werde ich tun“, oder: „Nein, das werde ich nicht tun.“

Aber sie stellten eine ganz andere Frage, die zeigte, dass es für sie selbstverständlich war, dass er für Israel das Reich wiederherstellen würde. Sie wollten nur die Zeit wissen. Das Griechische ist in der Elberfelder Übersetzung ganz richtig getroffen: „Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?“[2]

Der Herr hat genau die Frage beantwortet, die sie gestellt hatten: „Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat.“ Er hat nicht abgestritten, dass er das Reich für Israel wiederherstellen wird. Er teilte ihnen einfach mit, dass ihnen der genaue Zeitpunkt dafür nicht mitgeteilt werden kann, weil der Vater die Angelegenheit von Zeiten und Zeitpunkten für sich selbst vorbehalten hat.

Die Antwort des Herrn erinnert uns an andere Stellen. In seiner berühmten prophetischen Rede hat der Herr ähnliche Ausdrücke benutzt, als er über den Zeitpunkt des zweiten Kommens sprach: „Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel der Himmel, sondern der Vater allein.“ (Mt 24,36). Auch in dem Abschnitt 1. Thessalonicher 5,1-3 benutzt Paulus den Ausdruck „Zeiten und Zeitpunkte“, wenn er über den Tag des Herrn spricht, das zweite Kommen Christi. Deswegen liegt die Vermutung nahe, dass Christus seine Antwort an die Apostel über die Wiederherstellung des Reiches für Israel mit dem unbekannten Zeitpunkt des zweiten Kommens verbindet. Diese Vermutung wird zwei Kapitel später bestätigt, als Petrus in einer Predigt genau erklärt, wie er die Antwort des Herrn verstanden hat. Seine Zuhörer waren Juden wie er selbst und sie verstanden den Begriff „die Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott versprochen hatte, sie wiederherzustellen.“ Sie meinten, dass diese Wiederherstellung auch die Wiederherstellung des Reiches für Israel bedeuten würde, wie es die Propheten vorhergesagt hatten. Petrus sagte seinen Hörern: So tut nun Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn, und er den euch zuvor bestimmten Christus Jesus sende, den freilich der Himmel aufnehmen musste bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.“ (Apg 3,19-21).

Als Nächstes sollte uns auffallen, dass unser Herr in Apg 1,8 abrupt das Interesse der Jünger an der Wiederherstellung des Reiches für Israel abwürgt und das Thema absichtlich auf etwas anderes lenkt, das nichts mit der Wiederherstellung zu tun hat. Wie Petrus seinen jüdischen Zuhörer erklärte (Apg 3,19-26), mussten sie Buße tun, wenn sie sich mit allen anderen Nationen auf das Kommen des Messias und auf die große Wiederherstellung vorbereiten wollten. Alle Völker überall, einschließlich Israel, sollten zu der notwendigen Buße und zum Glauben an Christus geführt werden. Das genau war das Ziel des Zeugnisses der Gemeinde, das mit der Kraft des Heiligen Geistes verfolgt werden sollte.

Die Orientierungspunkte des weltweiten Zeugnisses der Gemeinde

Die knappen, aber zurecht berühmten Worte Christi zur Aussendung seiner Jünger für ihre weltweite Mission waren nun zu Ende. Die letzten Worte hallten noch in der Luft, und sie schauten ihn immer noch an (wie man jemand ins Gesicht sieht, dessen Worte einen fesseln), als er plötzlich emporgehoben wurde. „…indem sie es sahen, und eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg. Und wie sie unverwandt zum Himmel aufschauten, als er auffuhr, siehe, da standen zwei Männer in weißen Kleidern bei ihnen, die auch sprachen: Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso kommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel.“ (Apg 1,9-11).

In diesem Moment empfingen sie die vollständige Antwort auf ihre Frage, die die Anweisung des Herrn hervorgerufen hatte: „Stellst du zu dieser Zeit dem Israel das Reich wieder her?“ Seine Himmelfahrt drückte die Antwort aus: Nein, nicht zu dieser Zeit. Jetzt muss er weggehen. Jetzt reist der reiche Mann aus dem Gleichnis in das „ferne Land“ (Lk 19,11-27).

Aber die Himmelfahrt war noch nicht vollständig. Christus war immer noch im Prozess des Auffahrens (Apg 1,10), als zwei Engel bei ihnen standen und ihnen versicherten, dass der Herr gewiss wiederkommen werde. Der reiche Mann wird zurückkehren. Das vervollständigte die Antwort auf ihre Frage, und sie erhielten damit auch die Orientierungspunkte für ihr Zeugnis und ihren Missionsauftrag. Die vollständige Wiederherstellung findet nicht jetzt statt: Es wird keine „Wiederherstellung des Reiches“ geben, bevor der Herr zum zweiten Mal kommt. Der Zeitpunkt dieses zweiten Kommens ist unbekannt, aber das Kommen ist sicher, und dann wird die vollständige Wiederherstellung stattfinden. Der Zweck des Intervalls bis zum zweiten Kommen war nicht die Wiederherstellung des Reiches für Israel, sondern ist das weltweite Zeugnis für Christus.

Die Engel gaben keinen Zeitpunkt bekannt, wann der Herr kommen würde, denn die Engel wussten nicht mehr darüber als irgendjemand sonst, mit Ausnahme des Vaters. Aber sie lenkten die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise, wie der Herr auffuhr, und versicherten den Aposteln, dass der Herr auf dieselbe Weise zurückkommen würde: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso kommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel.“ (Apg 1,11).

Die Himmelfahrt war vorüber, die Apostel kehrten in den Obersaal zurück und schlossen sich Maria, der Mutter Jesu, den anderen Frauen und den Brüdern des Herrn an. Sie warteten auf das Kommen des Heiligen Geistes, der sie für das Zeugnis des Herrn stärken würde. Und während sie warteten, beteten sie (Apg 1,12-14).

[1] E. M. Blaiklock, The Acts of the Apostles, Tyndale New Testament Commentaries (London: Tyndale Press,

1969), S. 50, zitiert aus J. R. Lumby, Cambridge New Testament, 1894, S. 83.

[2] Siehe H. Alford, „The Acts of the Apostles“, The Greek New Testament, Bd. 2 (London: Rivington, 1871), zur Stelle: „Das Schwergewicht der Aussage liegt auf den Worten, die zur Hervorhebung am Anfang des Satzes stehen, en tô chronô toutô. Dass das Reich in irgendeinem Sinne und zu irgendeiner Zeit für Israel wiederhergestellt werden sollte, war klar; der Herr stellt diese unausgesprochene Überzeugung auch nicht in Frage.“