Gemeinde & Mission

Als Familie in der Gemeinde – die Gemeinde als Familie Teil 1

von Loidl Martin

Wir erfahren im Neuen Testament von einigen Familien, die Gastgeber von Gemeinden waren. Wahrscheinlich waren Häuser und Gutshöfe in den allermeisten Fällen der Versammlungsort der Gläubigen. Namentlich wissen wir von Aquila und Priszilla als Gastgeber einer Gemeinde in Rom (Röm 16,5) und Ephesus (1. Kor 16,19), Nymphas in Kolossä oder Laodizea (Kol 4,15) und Philemon wahrscheinlich ebenfalls im Lykostal (Phim 1,2).

Auch der Dienst des Herrn Jesus fand oft in privaten Haushalten statt. Für manche war es ein Problem, dass Jesus bei Menschen herbergte, die gesellschaftlich geächtet waren (Lk 19,7). Wie wichtig aber diese familiären Orte waren, sehen wir an der Geschwister-WG von Martha, Maria und Lazarus in Betanien, die Jesus auf seinen Reisen öfters aufsuchte (Lk 10,38 ff., Joh 11,1 ff.).

Es ist wohl keine Übertreibung festzustellen, dass Gedeih und Verderb von Gemeinden unmittelbar mit Familien verbunden sind und umgekehrt. Es ist eine wechselseitige Beziehung. Gesunde Familien tragen zu gesunden Gemeinden bei und in gesunden Gemeinden ist die Förderung gesunder Familien zentral. Der chinesische Prediger Watchman Nee brachte es auf den Punkt: „Eine intakte Gemeinde wird von intakten Familien getragen und eine gute Ehe wird maßgebend dabei beteiligt sein, Schwierigkeiten in der Gemeinde zu vermeiden.“ („Zur Ehre Gottes leben“, S. 94). Der Hebräerbriefschreiber bettet nicht umsonst in seine Ausführungen zum Gemeindeleben die Anweisung ein: „Die Ehe sei ehrbar in allem.“ (Hebr 13,4).

Ich möchte im Folgenden herausarbeiten, welchen großen Stellenwert Familien für unsere Gemeinden haben (müssen) und umgekehrt, wie sehr wir von der Gemeinde auch als Familie denken sollen.

Oikos – die Bedeutung des Haushalts

Wie eng die Verbindung zwischen Gemeinde und Familie ist, sehen wir unter anderem im dritten Kapitel des ersten Briefes an Timotheus. Das Thema des Kapitels und eigentlich des ganzen Briefes wird uns in zwei Versen verraten:

„Dies schreibe ich dir in der Hoffnung, bald zu dir zu kommen; wenn ich aber zögere, damit du weißt, wie man sich verhalten soll im Haus Gottes, das die Versammlung des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit.“ (1. Tim 3,14-15)

Die „Gemeinde des lebendigen Gottes“ wird hier als Haus oder eigentlich als Haushalt (griechisch oikos) bezeichnet. Es geht also nicht in erster Linie um ein Gebäude aus Stein oder Holz, sondern um die Personen, die darin wohnen und deren Beziehungen zueinander. Das Oberhaupt dieses Haushaltes ist unzweifelhaft Gott selbst. Es ist seine Gemeinde!

Im Epheserbrief beschreibt Paulus wie man Teil dieses Haushalts wird. Alle, die an den Herrn Jesus glauben, haben den gleichen Geist und damit den gleichen Zugang zum Vater. Egal woher sie kommen, sie sind dadurch nicht mehr fremd, sondern Teil der Gemeinschaft der Heiligen und Gottes Hausgenossen (Eph 2,18-19). Als Gläubige sind wir in den Haushalt Gottes, in seine Familie hineinadoptiert. Wir sind nicht als Sklaven Teil des Haushalts geworden, sondern als Söhne (Gal 4,6-7). Was für ein wunderbares Evangelium!

Paulus erinnert nun Timotheus an diese herrliche Tatsache. Die Gemeinde ist kein Verein, keine Institution und kein Gebäude. Nein, sie ist ein Haushalt und der Charakter dieses Hauses ist wunderbar, bedingt durch den Charakter des Hausherrn. Die Gemeinde hat die Aufgabe, das Wesen des Hausherrn darzustellen und die Wahrheiten über Gott zu verkünden. Da ist es nur allzu verständlich, dass es Paulus ein großes Anliegen ist, dass sich alle Mitglieder dieses Haushalts – also auch wir – der noblen Aufgabe bewusst sind und sich auch entsprechend verhalten.

Wo lernt man nun eigentlich das angemessene Verhalten? Handelt es sich um eine christliche Etikette, die man wie das feine Verhalten in einer Tanzschule lernt? Oder braucht es den Drill des Grundwehrdienstes? Mitnichten! Paulus verrät uns im gleichen Kapitel, wo und wie man das rechte Verhalten im Haushalt Gottes, der Gemeinde, erlernt:

„Das Wort ist gewiss: Wenn jemand nach einem Aufseherdienst trachtet, so begehrt er ein schönes Werk. Der Aufseher nun muss untadelig sein, der Mann einer Frau, nüchtern, besonnen, bescheiden, gastfrei, lehrfähig; nicht dem Wein ergeben, kein Schläger, sondern milde, nicht streitsüchtig, nicht geldliebend, der dem eigenen Haus wohl vorsteht, der seine Kinder in Unterwürfigkeit hält mit allem würdigen Ernst (wenn aber jemand dem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Versammlung Gottes Sorge tragen?), nicht ein Neuling, damit er nicht, aufgebläht, ins Gericht des Teufels falle. Er muss aber auch ein gutes Zeugnis haben von denen, die draußen sind, damit er nicht in Schmach und in den Fallstrick des Teufels falle. […] Die Diener seien Mann einer Frau, die ihren Kindern und den eigenen Häusern wohl vorstehen.“ (1. Tim 3,1-7+12)

Ich möchte an dieser Stelle nicht über Ältestenschaft oder Diener reden, sondern auf ein zentrales Argument des Apostels Paulus im Zusammenhang mit unserem Thema hinweisen. In Vers 15 begegnete uns bereits das Konzept des Haushalts (oikos) als vom Haus Gottes, der Gemeinde des lebendigen Gottes, die Rede war. Das exakt gleiche Wort wird nun auch im Zusammenhang mit Ältesten und Dienern verwendet. Der Haushalt (oikos) dieser Männer ist das Umfeld, in dem sie sich für ihre Aufgabe qualifizieren. Das bedeutet nichts anderes, als dass das Verhalten in der Familie von den gleichen Prinzipien geprägt sein muss wie das Verhalten in der Gemeinde. Nicht wenige überblättern gerne dieses dritte Kapitel im ersten Timotheusbrief, weil es für sie ohnehin nicht in Frage kommt Ältester oder Diakon zu werden. Ich halte das für einen groben Fehler. Hier lernen wir nämlich in erster Linie, worauf wir in unseren Familien achten sollen. Wir erfahren, was in unseren Aufgaben als Ehemänner, Väter und indirekt natürlich auch als Ehefrauen, Mütter und sogar Kinder wichtig ist.

Die Aufforderungen bzw. die beschriebenen Charaktereigenschaften sind keinesfalls nur für Älteste oder Diakone von Bedeutung. Es sind auch keine Fähigkeiten, die nur einigen wenigen gegeben sind, oder die man in speziellen Seminaren oder an der Hochschule lernt. Nein, es handelt sich um äußerst praktische, täglich erlebbare Eigenschaften, und sie betreffen jeweils zum allergrößten Teil den ganzen Haushalt. Das bedeutet, die Bewährung der hier erwähnten Aufseher und Diener zeigt sich einerseits in ihrem Charakter und andererseits in ihren Beziehungen zum Rest der Familie. Charakter und Beziehungen können nicht durch formale Ausbildung erwirkt werden. Hier geht es nicht um Äußerlichkeiten!

Wie kann man nun aber das richtige Verhalten für den oikos der eigenen Familie und der Gemeinde lernen? Ich würde sagen, die in diesen Versen angeführten Wesenszüge entspringen einem von Christus geprägten Charakter. Uns werden Personen vorgestellt, die selbstlos handeln und die das Wohl des anderen aktiv in den Mittelpunkt stellen. So gesehen betreffen diese Eigenschaften nie nur einen Einzelnen. Sie wirken sich automatisch auf andere aus, brauchen aber auch andere, um zur Entfaltung kommen zu können. Nimm zum Beispiel die Aufforderung gastfrei zu sein (1. Tim 3,2). Nutznießer von Gastfreundlichkeit sind immer andere. Um Gastfreundschaft praktizieren zu können, ist die Bereitschaft und positive Einstellung des ganzen Haushalts notwendig. Stell dir vor, nur der Ehemann lädt gerne andere Menschen ein, während die Kinder streiken und die Ehefrau sauer über den Wirbel zuhause ist. Ich denke nicht, dass sich hier irgendjemand als Gast wohlfühlen würde. Hinter dem Qualifikationskriterium eines Ältesten gastfrei zu sein, steht also die Notwendigkeit zu Hause eine entsprechende Kultur zu stiften und zu fördern. Geh doch einmal die Aufzählung der – wenn ich richtig gezählt habe – 16 Eigenschaften in den ersten sieben Versen durch und überlege dir, inwiefern andere in der Familie und darüber hinaus davon profitieren. Und dann spinne den Gedanken weiter und überlege, wo du als Haushaltsmitglied gefordert bist am gleichen Strang zu ziehen. Bitte Gott, dass er dir hilft darin zu wachsen, in welcher Rolle auch immer. Diese Übung funktioniert nicht nur für (angehende) Älteste oder Diakone, sondern wird jeder Familie und jedem Haushalt eine hilfreiche Herausforderung sein (ich denke beispielsweise an die verschiedenen WGs von jungen Geschwistern).

Von Personen, die in Verantwortung sind, heißt es oft, dass es unerheblich sei, wie sie privat leben, solange sie ihrer Rolle als Politiker, Geschäftsfrau, Sportler oder Künstlerin gerecht werden. In der Gemeinde darf es nicht so sein. Wir spielen hier keine Rollen und haben keine bloßen Funktionen. Das Argument im ersten Timotheusbrief ist vielmehr, dass dein Umgang in der Familie, in deinem oikos, zeigt, ob du geeignet bist, Verantwortung im oikos des lebendigen Gottes zu übernehmen. Dieses Prinzip gilt übrigens weit über Ältestenschaft hinaus. Diese Verbindung bewahrt uns alle vor einem gefährlichen Doppelleben und vor Heuchelei. Deine Kinder werden es sofort bemerken, wenn du zu Hause streitsüchtig und unbeherrscht bist, in der Gemeinde dann aber den frommen, fürsorglichen Vater mimst. Nicht nur, dass deine Autorität als Vater damit verloren geht, du erweist dich auch als untauglich, Verantwortung in der Gemeinde zu übernehmen! Ich denke, wir sollten, bevor wir jemandem Dienste in der Gemeinde anvertrauen, einen Blick in sein Familien- und Arbeitsleben werfen. Paulus weist darauf hin, wie wichtig es ist, in allen Bereichen des täglichen Lebens tadellos zu sein und sich in den jeweiligen Aufgaben zu bewähren. Wird jemand den Fleiß aufbringen, sich für die Bibelarbeit im Hauskreis sorgfältig vorzubereiten, der an seiner Arbeitsstelle für seine Faulheit bekannt ist? Kann jemand in der Gemeinde Leitungsverantwortung übertragen bekommen, der mit seinen Nachbarn oder Verwandten im Streit liegt? Wohl kaum.

Paulus erklärt Timotheus, dass die Familie, der eigene Haushalt, der Platz ist an dem wir lernen dürfen, wie man sich im Hause Gottes verhalten soll. Und es ist der Platz an dem wir uns für Aufgaben in der Gemeinde bewähren. Ich finde das Argument sehr nachvollziehbar. In meiner Familie haben sich nur zwei Personen ausgesucht zusammen zu sein. Meine Frau und ich. Wir haben uns unsere Kinder nicht ausgesucht und sie uns auch nicht. Gott hat uns so zusammengestellt. Jeder hat seine Eigenheiten, Vorzüge und Schwächen. Und nun sind wir herausgefordert als Familie in der Liebe zueinander zu wachsen und mit der Hilfe Gottes voranzugehen. Ist es in der Gemeinde nicht ähnlich? Wir sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen und als solcher herausgefordert, in liebevollen Beziehungen zu wachsen.

So wie wir unser Familienleben gestalten, wird es große Auswirkungen auf die Gemeinde und das geistliche Leben der Einzelnen haben. Ich möchte dir einige Beispiele geben, die im Kolosserbrief zu finden sind:

„Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich geziemt im Herrn. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie. Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn dies ist wohlgefällig im Herrn. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden.“ (Kol 3,18-21)

Wie unschwer zu erkennen ist, beinhalten diese Verse sehr direkte Aufforderungen für Ehefrauen, Ehemänner, Kinder und Väter. Schauen wir sie uns kurz näher an und überlegen uns dabei, wie Familie- und Gemeindeleben zusammenhängt.

Die Frauen werden aufgefordert, sich ihren Männern unterzuordnen. Das bedeutet, sie sollen sich der Verantwortung des Mannes für die Ehe bzw. Familie anvertrauen. Hier geht es nicht darum, Frauen als nicht vollwertig zu behandeln, oder ihren Wert und ihre Würde in Frage zu stellen. Wehe dem, der so denkt und handelt! Paulus erinnert uns vielmehr, dass wir als Männer und Frauen von Gott unterschiedliche Aufgaben erhalten haben. Nur wenn beide Partner in einer Ehe ihren jeweiligen, von Gott anvertrauten Aufgaben nachkommen, kann die Ehe als glückliche und erfüllende Einheit erlebt werden. Wir finden das genau gleiche Prinzip natürlich auch in der Gemeinde. Paulus widmet ihm ein ganzes, langes Kapitel (1. Kor 12). Was für ein Durcheinander würde in der Gemeinde (und in Familien!) herrschen, wenn jeder irgendetwas macht! Hier braucht es Unterordnung, erstens unter das Haupt der Gemeinde und zweitens an den Platz, den Gott uns jeweils zugeteilt hat. Oder anders gesagt, wir müssen uns denen anvertrauen, denen Gott eben gewisse Autorität gegeben hat. Du findest Unterordnung – in der Ehe oder in der Gemeinde – schwierig? Das ist nicht weiter verwunderlich. Wir brauchen Gottes Hilfe dabei. Gut, dass wir im Herrn Jesus ein Vorbild darin haben. Er war bereit, sich dem Willen des Vaters unterzuordnen, obwohl es ihn buchstäblich alles kostete (Mt 26,39).

Die Männer ermahnt Paulus ihre Frauen zu lieben und ihnen gegenüber nicht bitter zu sein. Wenn ich an die Art der Liebe denke, die Paulus hier meint, dann wird mir die Größe der Verantwortung bewusst. Die Latte liegt nämlich hoch: die Liebe des Ehemannes zu seiner Frau soll sich an der Liebe des Christus orientieren, der sich für seine Gemeinde aus Liebe aufopfernd hingab (Eph 5,25). Petrus setzt dem noch eins drauf und warnt vor verhinderten Gebeten, wenn wir ungebührlich mit unseren Ehefrauen umgehen (1. Petr 3,7). Ich würde behaupten, dass Männer, deren Gebete verhindert werden, für jede Gemeinde eine große Gefahr darstellen, und umgekehrt – Männer, deren Ehealltag von Liebe, Hingabe, Verständnis und Fürsorge geprägt ist, sind auch geübt in der Liebe zu Geschwistern in der Gemeinde. Genau dazu fordert uns Gott ganz unmissverständlich auf (Eph 5,1-2; 1. Joh 4,21).

Männer haben nicht nur ihren Ehefrauen gegenüber Verantwortung, sondern auch ihren Kindern gegenüber. Interessant, dass hier die Väter ganz direkt angesprochen werden. Ich glaube, darin liegt eine wichtige Botschaft für uns, die wir uns in so vielen Beschäftigungen aufreiben und dabei vergessen, dass es nicht die Verantwortung der Mütter, der Kinderstunden- oder Jugendkreismitarbeiter ist, unsere Kinder zu erziehen! Unser Umgang als Väter mit unseren Kindern hat sehr viel mit deren Vorstellung von Autorität im umfassenden Sinn zu tun. Sie sind aufgefordert zu gehorchen. Als Väter sind wir aufgefordert es ihnen leicht zu machen! Zynismus, Überheblichkeit und Tyrannei haben keinen Platz. Das sind auch nicht die Mittel, die Gott einsetzt, um uns dazu zu bringen sich unter seine Autorität zu stellen. Ich bin fest davon überzeugt, dass mein Verhalten in meiner Aufgabe als Vater mit darüber entscheidet, ob meine Kinder bereit sind, sich der Autorität des Herrn Jesus anzuvertrauen. Wenn wir hier versagen, treiben wir unsere Kinder in die Arme von Menschenfängern mit ihren Ideologien zur Selbstverwirklichung und Identitätsfindung. Was für ein Verlust für Gemeinden, wenn die junge Generation wegbricht!

Mein wichtigster Punkt bis hierher lässt sich so zusammenfassen: Familien sind eine Miniaturausgabe und ein Bewährungsfeld für die Gemeinde. Umgekehrt sind Gemeinden ein Spiegel unserer Familien. Wir sollten also alles in unserer Macht Stehende tun, um von Christus geprägte Familien zu fördern. Damit werden wir auch unserer Verantwortung nachkommen, Gottes Haushalt hier entsprechend darzustellen. Machen wir es konkret und überlegen wir uns in einem zweiten Schritt, welche Rolle Familien nun in der Gemeinde praktisch spielen können.

Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe