Gemeinde & Mission

Als Familie in der Gemeinde – die Gemeinde als Familie -Teil 2

von Loidl Martin

Fortsetzung aus dem letzten Heft

Wir finden in der ganzen Bibel bemerkenswerte Vorbilder, die sich samt ihrer Familie ganz der Sache Gottes verschrieben haben. Ich denke an Josua (Jos 24,15 – übrigens wird hier im griechischen AT auch der Begriff oikos verwendet), die bereits erwähnten Aquila und Priscilla (Apg 18) oder die Empfängerin des 2. Johannesbriefs. Umso mehr tut es mir leid, wenn Familien, in denen Mann und Frau wiedergeborene Christen sind, die Gemeinde als Konkurrenz zum Ehe- und Familienleben sehen. Warum ist das so? Ich vermute, dass es an der ungesunden Einteilung unseres Lebens in ein Arbeits-, ein Familien- und ein so genanntes „geistliches Leben“ liegt. Sollten wir nicht eigentlich unser gesamtes Leben für den Herrn leben? Ist nicht auch unsere Arbeit im Haushalt, am Acker, an der Werkbank, am Wickel- oder Schreibtisch ebenso ein Dienst für Gott (Kol 3,23) wie unser Beitrag zur Erbauung der Gemeinde beim Zusammenkommen (1. Kor 14,26), unser Lob oder unsere finanziellen Gaben (Hebr 13,15-16)? Die Heilige Schrift ist hier ganz klar und fordert uns heraus zu überlegen, was unser Platz – durchaus auch als Familie – in der Gemeinde ist. Hier gibt es kein Patentrezept, sondern jeder muss seinen Beitrag im Haushalt Gottes vor dem „Herrn des Hauses“ bewegen. Gleichwohl tappen wir dabei nicht im Dunkeln, sondern die Bibel zeigt, wo unsere Prioritäten liegen sollen. Schauen wir, was zwei Apostel dazu sagen:

„Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben.“ (1. Joh 3,16)

„Also nun, wie wir Gelegenheit haben, lasst uns das Gute wirken gegenüber allen, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens.“ (Gal 6,10)

Der Apostel Johannes spricht hier von einer Schuldigkeit und nicht von einer Empfehlung! Die Geschwister zu lieben, ja unser Leben für sie hinzugeben ist keine Option, sondern eine konkrete Aufforderung. Johannes lässt sie aber nicht unbegründet. Er erinnert uns, dass wir selbst Nutznießer der selbstlosen Liebe des Christus geworden sind. Anders ausgedrückt sagt er, dass wir so viel Liebe vom Herrn Jesus empfangen haben, dass wir genug haben, um reichlich weiterzugeben. Paulus stößt in ein ähnliches Horn. Er weist darauf hin, dass die Güte, mit der wir uns begegnen, eine ausgezeichnete Investition für Christen ist. Besonders fordert uns Paulus auf, den Hausgenossen des Glaubens – wenig überraschend taucht wieder das Konzept des oikos auf (!) – Gutes zu tun. Das umfasst jede Form von Hilfe, Freundlichkeit und Unterstützung. Die Verse davor machen das klar. Was werden wir nun ernten, wenn wir Gutes säen? Gott wird sich nicht verspotten lassen. Er selbst bürgt dafür, dass niemand zu kurz kommt. Siehst du, wie viel wir verpassen können, wenn wir die Gemeinde als Konkurrenz zur Familie erachten?

Ich möchte uns herausfordern mit anderen Augen auf die Gemeinde zu schauen, um das große Privileg zu erkennen, als Familie ein Teil davon zu sein; jeder soll – wie er kann – mitarbeiten. Das beginnt bei so einfachen Aspekten, wie wir am Esstisch über Geschwister oder das Zusammenkommen am Sonntag reden. Es geht weiter mit der Einstellung, die wir gegenüber konkreten Diensten an den Tag legen. Überlege dir, welches Bild deine Kinder von Nachfolge und Mitarbeit erhalten, wenn der Aufbruch zum Hauskreis, zum Gemeindeputzen oder zur Kinderstunden-Mitarbeiterbesprechung unter Ächzen und Stöhnen erfolgt. Und es geht bis zu ganz grundlegenden Fragen des Gemeindeverständnisses. Sind wir Gottesdienstbesucher, die sich am Sonntag sehen lassen, oder ist unsere Familie, unser Haushalt ein Ort an dem mit Geschwistern gelacht, geweint, wo ihnen geholfen, wo diskutiert und beraten wird? Ich möchte vom großen Gewinn Zeugnis ablegen, als Familie in der Gemeinde präsent zu sein und die Gemeinde als selbstverständlichen Teil des Alltags zu integrieren. Das bereichert unser Leben, erweitert den Horizont, lehrt uns und unseren Kindern zahlreiche Lektionen, ist manchmal anstrengend, aber in jedem Fall lohnend!

Familien sind im besten Fall das Rückgrat von Gemeinden. Sie werden vielleicht nicht durch die größte Spontanität, Flexibilität und Dynamik auffallen. Dafür bringen sie Stabilität und Erfahrung mit ein. Sie sind Dreh- und Angelpunkt des Gemeindelebens. In und um die Familien werden die so wichtigen Beziehungen gebaut. Meine damals noch zukünftige Frau und ich waren sehr aktiv in der Studentenarbeit. Wir hatten ein Anliegen, Zeit und viel Energie. Aber wir profitierten von Familien, die uns zum Essen einluden, ihre Häuser öffneten, uns Einblick in ihr Leben schenkten, uns einteilten auf ihre Kinder aufzupassen und uns mit Rat und Tat zur Seite standen. Als wir planten zu heiraten, durften wir uns mit einem Ehepaar treffen, um von ihnen zu lernen. Ihr damals kleiner Sohn im Volksschulalter bekochte uns mit Toast und Frankfurter Würstchen. Jahre später ist er Mitarbeiter in der Jugendarbeit und ein Vorbild für unsere eigenen Kinder. Jetzt sind wir an der Reihe und dürfen die einen oder anderen jungen Paare auf den Weg ins Eheleben begleiten. Vielfach sind es Geschwister, die schon als Singles bei uns ein- und ausgingen, die unsere Familie schon eine Weile kennen. Und mittlerweile passen wiederum unsere Kinder auf die Kinder ihrer früheren Babysitter auf.

Ich denke, es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass der Dienst des Apostels Paulus und letztendlich das Wachstum der ersten Gemeindegeneration durch Familien ermöglicht wurden, die ihre Häuser öffneten. Schauen wir, wie sehr Paulus einen solchen Haushalt adelt:

„Denn ich hatte große Freude und großen Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind.“ (Phim 1,7)

Es ist eine besonders schöne Aufgabe für eine Familie, der Gemeinde und Geschwistern Familie sein zu dürfen! Bei Philemon sind Geschwister ein und ausgegangen – offensichtlich kaum einmal, um ohne Erquickung den Heimweg antreten zu müssen. Gibt es ähnliche Familien in unserer Gemeinde? Wollen wir selbst so eine Familie sein? Wie gesagt, wäre es schade, wenn wir die Gemeinde als Konkurrenz zu unserem Ehe- und Familienleben sehen würden.

Gemeinde als Familie

Wir leben in einer Gesellschaft der radikalen „Vereinzelung“. So viele Menschen um uns kommen aus kaputten Familien und haben eine traurige Liste zerbrochener Beziehungen. Ich denke an Scheidungskinder, einsame Senioren, verlassene Ehemänner oder -frauen, Ausgestoßene und Zurückgelassene. In jedem Fall sind sie beziehungsarme Mitmenschen. Dabei hoffe ich doch sehr, dass wir Menschen mit solchen oder ähnlich gelagerten Biografien mit dem Evangelium erreichen können. Es ist eine kostbare Aufgabe für eine Gemeinde, diesen Mitmenschen ein Stück Familie bieten zu können.

Im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte erhalten wir wertvolle Einblicke in das Leben und das Selbstverständnis der ersten Gemeindegeneration. Sie zeichneten sich unter anderem durch das Pflegen von Gemeinschaft (Apg 2,42) und das Teilen ihrer Güter zur Versorgung der Gruppe (Apg 2,44) aus. Als Familien und als Gemeinde haben wir sehr viel zu teilen: Anteilnahme, Liebe, Unterstützung, Korrektur, Ermutigung, Verständnis oder Begleitung. Hier sollte wirklich niemand mit leeren Händen dastehen.

Selbstverständlich hat die Gemeinde nicht nur eine Verantwortung für Menschen, die sich aus einem Umfeld, wie es oben geschildert wurde, bekehren. So müssen alleinstehende Geschwister in der Gemeinde Familienleben erfahren können. Wo findet die alleinstehende Mittdreißigerin Rat oder eine Schulter zum Anlehnen? Bei wem verbringen Witwer den Weihnachtsabend? Wer hilft der alleinerziehenden Mutter beim Umzug? Wo erhalten junge Singles eine Vorstellung vom christlichen Familienalltag? Wer lädt die Studenten-WG zum Mittagessen ein? Wer begleitet den allein gekommenen Flüchtling bei Behördengängen? – Es gibt wirklich viele Möglichkeiten, dass wir uns in der Gemeinde auch als Familie bewähren. Neben dem Vorrecht Geschwistern auf diese oder ähnliche Weise konkret zu dienen, können wir in einer familiär geprägten Gemeinde mit einem dichten Beziehungsnetz den Aufforderungen aus Tit 2 viel besser nachkommen. Siehst du, wie sehr es auch dort um Beziehungen, um gegenseitige Hilfe und Anteilnahme und um Aufgaben geht, die jeweils typisch für die unterschiedlichen Lebenssituationen sind? Manchmal frage ich mich, wo in unserer Gemeinde die älteren Schwestern sind, die die jüngeren in Alltagsfragen unterweisen. Oder wie ich den jungen Männern ein Vorbild sein kann. Immerhin macht der Text unmissverständlich klar: Es geht um nichts weniger als dafür zu sorgen, dass Gottes Wort nicht verlästert wird und dass „die Lehre unseres Heiland-Gottes geziert“ wird (Tit 2,5.10). Der generationenübergreifende Aspekt in einer familiären Gemeinde steht auch im Mittelpunkt von Paulus‘ Anweisung an Timotheus:

„Eine Witwe werde verzeichnet, wenn sie nicht weniger als sechzig Jahre alt ist, die Frau eines Mannes war, ein Zeugnis hat in guten Werken, wenn sie Kinder auferzogen, wenn sie Fremde beherbergt, wenn sie der Heiligen Füße gewaschen, wenn sie Bedrängten Hilfe geleistet hat, wenn sie jedem guten Werk nachgegangen ist.“ (1. Tim 5,9-10)

Vor diesen Versen macht Paulus klar, dass die Aufgabe der Witwenversorgung natürlicherweise bei der eigenen Familie liegt (1. Tim 5,4). Wenn dies aber nicht möglich ist, fällt die Verantwortung der Gemeinde zu. Aber beachte dabei, dass die Versorgung der Witwen durch die Gemeinde an Bedingungen geknüpft ist: Die Witwe musste sich zeit ihres Lebens als Dienerin an den Geschwistern in der Gemeinde erwiesen haben. In einer Zeit ohne staatliches Sozialsystem war die gelebte Geschwisterliebe die beste Altersvorsorge. Ich wüsste nicht, warum das heute anders sein sollte. Stelle heute dein Leben in den Dienst der Sache Gottes, investiere dich in seinem oikos und du wirst nie zu kurz kommen!

Wir haben uns zuvor über die große Wichtigkeit von Familien in der Gemeinde Gedanken gemacht. Ich möchte hier als weiteren Aspekt anfügen, dass die Gemeinde selbst wie eine Familie betrachtet und gelebt werden soll. Augenscheinlich bedingen sich diese beiden Anliegen gegenseitig und verstärken sich. Letztlich liegt es in unser aller Interesse, dass wir einerseits alles zur Förderung gesunder Familien unternehmen und andererseits die Gemeinde als Familie begreifen. Hier können wir alle mithelfen, ganz egal ob Jung oder Alt, allein, verheiratet oder verwitwet. Wir sind „Gottes Hausgenossen“ (Eph 2,19).

Gemeinde und Familie in dieser Welt

Wenn es uns gelingt als Familien Einheiten zu sein, die von Liebe, Ordnung, Freundlichkeit, Offenheit und Fröhlichkeit geprägt sind und wenn sich das in unserem Umgang miteinander in der Gemeinde widerspiegelt, wird dieses Zeugnis in der Welt nicht ohne Folgen bleiben. Mich berührt die Wahrnehmung der frühen christlichen Gemeinde:

„Obwohl sie (Anm.: die Christen) griechische und barbarische Städte bewohnen […] und die einheimischen Sitten in Kleidung, Nahrung und sonstiger Lebensführung befolgen, zeigen sie eine erstaunliche, und, wie allgemein zugegeben wird, ungewöhnliche Beschaffenheit ihres bürgerlichen Zusammenlebens. Sie bewohnen zwar jeder seine Vaterstadt, aber wie Einwohner ohne Bürgerrecht; sie nehmen an allem teil wie Bürger und ertragen alles wie Fremde […] Sie heiraten wie alle Menschen und haben Kinder; aber sie setzen die Neugeborenen nicht aus. Einen gemeinsamen Tischbieten sie allen an, aber das Bett haben sie nicht gemeinsam.“ ( Diognetbrief 5)

In einer Gesellschaft, die zunehmend jede Solidarität verliert und in der die Angst vor Einsamkeit um sich greift, gibt es wenig, was attraktiver ist, als eine familiäre Atmosphäre. Ein Esstisch in einem offenen Haus und eine Gemeinde mit liebevollen Beziehungen sind die wahrscheinlich wichtigsten „Methoden“ der Evangelisation. Wie komme ich dorthin? Ich hoffe, es ist klar geworden, dass alles von der Qualität meiner Beziehung zum Herrn Jesus abhängt. Denn nur mit seiner Hilfe ist es mir möglich eine gute Ehebeziehung zu pflegen, meinen Kindern ein Vater zu sein, wie Gott ihn sich vorstellt, die Geschwister zu lieben und meinen Beitrag zu einer familiären Atmosphäre in der Gemeinde zu leisten. Nehmen wir diese Herausforderung doch an! Der Herr Jesus selbst trägt es uns auf:

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh 13,34-35) Wir haben begonnen mit der Gemeinde als „Gottes Haushalt“ (oikos), die unter anderem als „Grundpfeiler oder Säule der Wahrheit“ bezeichnet wird. Schließen wir mit der Frage an uns selbst, welche Wahrheiten über Gott wir verkündigen, wenn Menschen unseren Haushalt daheim und den unserer Gemeinde sehen.