Evangelisation gestern und heute
„Die Nacht ist vorgerückt“
Im Herbst 1966 tagte in Berlin der Weltkongress für Evangelisation. Aus über 100 Ländern kamen fast 2000 Teilnehmer. Die neuntägige Konferenz endete am 4. November, dem 48. Geburtstag von Dr. Billy Graham. In seiner Schlussansprache erklärte er: „Menschlich gesehen reicht meine Kraft noch etwa 10 Jahre aus, den Dienst der Evangelisation zu tun. Auch im Blick auf die Weltlage mögen nur noch 10 Jahre lang die Türen für die Evangelisation offen sein. Wahrscheinlich treten in den nächsten zehn Jahren entscheidende Ereignisse ein, wie sie das Christentum in seiner Geschichte noch nie erlebt hat. Die Zeit ist kurz!“
Ja wirklich, die Zeit eilt auf ihr Ende hin!
Die große Frage und die Sprachlosigkeit
Unsere geistige Situation ist geprägt durch einen gigantischen Umbruch im Denken. Traditionelle Werte, oft seit Jahrhunderten gültig, werden in Frage gestellt und abgewertet. Das entstehende Vakuum verursacht Unzufriedenheit: So findet man keinen Sinn im Leben, das Fragen wird immer bohrender – gerade auch bei der jungen Generation: „Was gibt meinem Leben Sinn?“, „Worauf kann ich mich noch verlassen?“ Was ist die Antwort angesichts dieser tiefgreifenden Fragen, die nicht immer geäußert werden, aber unterschwellig umso aufrührerischer sind? Volkshochschulen haben ein vielfältiges Spektrum von Angeboten dafür. In manchen Seminarangeboten gibt es geradezu einen Wildwuchs von Kursen, die sich mit Übersinnlichem, Psycho- und Esoterik-Praktiken abgeben. Das Unbehagen an dieser Entwicklung wächst. Was ist die Antwort der Kirchen auf die Sinnfrage? Sie haben viel Kritisches zu vermelden bei Themen, bei denen sie wenig Kompetenzen aufweisen: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik. Doch das Wesentliche ihres eigentlichen Auftrages bleibt vielfach vergessen: den Menschen im Namen Gottes eine Perspektive für das Leben zu vermitteln.
Wie kann nun das Evangelium, das heißt die gute Nachricht, unserem Leben Sinn geben und unser Handeln umgestalten, bis in die privaten Bereiche hinein?
Persönliche Gedanken
Oft scheint es, dass die Zeit der großen Evangelisten hinter uns liegt, wenn ich daran denke, dass ich die Zeit miterleben durfte, wie die Botschaft gesegneter Evangelisten viele Menschen zur Hingabe ihres Lebens an Jesus führte. Billy Graham, Anton Schulte, Leo Janz, Gerhard Bergmann kannte ich alle noch persönlich. Wilhelm Busch lernte ich nicht kennen und immer noch stehen folgende Brüder im Dienst: Wilhelm Pahls, Werner Gitt, Peter Hahne und Ulrich Parzany.
Geschichte der Evangelisation
In der Verkündigung durch mutige Zeugen offenbarte sich eine gewaltige göttliche Dynamik. Diese tat und tut sich immer noch durch die Kraft des Heiligen Geistes mit schöpferischer Lebendigkeit durch verschiedene Bewegungen kund. Dazu gehören auch die Evangelisationsbewegungen des letzten Jahrhunderts. Sie bildeten einen sichtbaren Fortschritt in der Verwirklichung des Reiches Gottes.
Evangelisation beginnt im eigenen Herzen:
Wenn ein Christ von der Gerechtigkeit Gottes, von der ewigen Hölle und der Herrlichkeit, die auf die Erlösten wartet, überzeugt ist, dann möchte er unbedingt andere Menschen zum Herrn Jesus führen.
Keine Erweckung ohne Buße
Wie steht es mit der Mission? Was tun wir für die Länder jenseits des Meeres, die in der Nacht des Heidentums sind? Hat uns die Tatsache jemals ernstlich bewegt, dass Massen von Menschen verloren gehen? Was tun wir mit dem gewaltigen Reichtum, den uns der Herr anvertraut hat? Denken wir z.B. an die Vereinigten Staaten von Amerika, die mehr Geld für die Mission ausgeben als andere Staaten. Wie viele Gläubige geben Gott nicht einmal den Zehnten von dem, was er ihnen gibt! Denken wir an die Schulen und Universitäten, wo die Bibelkritik gelehrt wird. Wie viele wahrhaftige Christen leben ein wahres Christusleben vor den Menschen? Wie sind wir doch der Welt gleich geworden! Wie wenig Widerstand finden wir? Wo sind die Verfolgungen, die die Gemeinde der ersten Christen zu erdulden hatte?
Die Gemeinde als Missionsgemeinde
Mit der Botschaft vom vollen Heil ist die Gemeinde in die Welt gegangen. Zeuge von Christus zu sein, ist ein harter Beruf hier auf Erden. „Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ (Apg 1,8). Darum werden die Christen auch „Himmelslichter“ genannt, die in der Dunkelheit der Nacht scheinen: „Damit ihr tadellos und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter dem ihr leuchtet wie Himmelslichter in der Welt.“ (Phil 2,15). „Ihr seid das Licht der Welt; eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht eine Lampe an und setzt sie unter den Scheffel, sondern auf das Lampengestell, und sie leuchtet allen, die im Hause sind. So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen.“ (Mt 5,14-16). Die Gemeinde ist Zeuge und Bekenner, Botschafter und Mund Gottes, also Missionsgemeinde ihrem ganzen inneren Wesen nach.
Warum missioniert die Gemeinde immer wieder? Warum muss und warum darf sie es tun? Wir missionieren, weil Jesus Christus der einzige Retter der Welt ist. Wir missionieren, weil Christus es befohlen hat. Das Evangelium wird „nach Befehl des ewigen Gottes“ kundgemacht: „… nach der Offenbarung des Geheimnisses, das… jetzt aber offenbart und durch prophetische Schriften nach Befehl des ewigen Gottes zum Glaubensgehorsam an alle Nationen bekanntgemacht worden ist.“ (Römer 16,26). Wir missionieren, weil Mission der Dank für Golgatha ist: „Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. (Mt 28,18-20).
Die Reformation gab der Kirche die missionarische Botschaft, aber nicht den missionarischen Weitblick. Sie hat auch keine missionarische Dynamik hervorgebracht. Die missionarische Schau und die missionarische Dynamik wurden im Pietismus geboren. Philipp Jakob Spener (1635 – 1705), August Hermann Francke (1663 – 1727), Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 – 1760) und die Herrnhuter Brüder wurden die wahren Pioniere der modernen Mission. Diese Bewegungen waren zutiefst im Gebet verwurzelt. Von Herrnhut her wurden in großem Maße die Führer des Methodismus beeinflusst, und das Ergebnis war 1744 eine Neubelebung des Gebets für die nichtchristliche Welt.
Einen großen Mangel erkenne ich in den heutigen Gemeinden darin, dass viel zu wenig über die Mission informiert wird. In dem Buch „Gottes Spur ist überall“ finden sich unter anderem viele interessante Anmerkungen, wie z.B. über die Herrnhuter Brüdergemeinde. Die Herrnhuter Gemeinde war eine Missionsgemeinde. Keine Kirche hat so viele Missionare hervorgebracht. Ihr Gründer, Graf von Zinzendorf, war nur von einer Leidenschaft beseelt: „Seelen zu gewinnen für das Lamm.“ Herrnhuter sind in alle Teile der Erde gezogen und oft als Märtyrer gestorben. Es ist unmöglich alle Orte zu nennen, an denen sie gewirkt haben. In ihren Predigten stand Jesus stets im Mittelpunkt. „Märtyrerschaft und der Kampf für Christus sind das Öl, welches das Feuer der Gemeinde speist“, sagte einer von ihnen. Und eine ihrer bekanntesten Losungen lautete: „Die ganze Erde ist das Arbeitsfeld“.
1741 – 1742 besuchte Graf von Zinzendorf die Missionare unter den Indianern. Er gab deshalb folgende Weisungen: „Es ist nicht die Absicht, dass die Sendboten mit dicken Büchern, mit neuen Landkarten oder neuen Erfindungen heimkehren, sie sollen mit geretteten Seelen zurückkommen. Unsere ganze Arbeit ist verwurzelt in Gottes Allmacht und Allwissenheit. Es ist ein Wunder, wenn eine Seele gerettet wird. Beginnt nicht mit öffentlichen Zusammenkünften, sondern sucht Kontakt mit den einzelnen Seelen. Es geht um die Rettung und Bekehrung der einzelnen Seelen und der Sammlung einer Gemeinde lebendiger Christen.“ Die ersten Herrnhuter Missionare waren der Zimmermann David Nitschmann und der Töpfer Leonhard Dober. Sie gingen 1732 auf die kleine Insel St. Thomas. Der große Missionshistoriker Gustav Warneck sagt von den Herrnhutern: „Die kleine Brüdergemeinde hat in zwei Jahrzehnten mehr Missionare ausgesandt, als der gesamte Protestantismus in zwei Jahrhunderten.“