Antiochia – eine inspirierte Fallstudie über die Aussendung von Missionaren
Als junger Christ fand ich die Praxis mancher Gemeinden entmutigend: Gebetskärtchen von jungen und nicht so jungen Damen und von kinderreichen Missionarsfamilien hingen an ihren Anschlagbrettern, aber die Gemeinden wuchsen nicht und evangelisierten kaum. Viele Älteste waren müde geworden, waren keine Visionäre mehr und hatten längst aufgehört, Impulsgeber zu sein. Evangelisation war nicht ihr Lebensstil. Folglich ging ihre Missionsstrategie nicht auf. Die Verbindung zwischen der Außenmission und der Missionierung der unmittelbaren Umgebung fehlte. Die Vision für die Weltmission in unserer Generation war halbdunkel geworden. Offenbar engagierten sich manche Geschwister (oft ältere Schwestern) sehr im Gebet für ihre Missionare. Geld wurde auch für das Werk in Übersee aufgetrieben. Aber der Großteil der Heiligen begnügte sich mit der Feststellung: „Ich bin halt nicht in die Mission gerufen.“In meinem Frust und meiner Dummheit reagierte ich: „Der Herr sagte: ‚Gehet!‘ Christen brauchen keinen Ruf in die Mission, sondern einen Fußtritt dort, wo die Sonne nicht hin scheint!“
Im Verlauf meiner Sturm-und-Drang-Zeit erlebte ich eine gewisse Ernüchterung, als ich etwas von den Problemen auf den Missionsfeldern erfuhr. Eines der Hauptprobleme waren die Missionare selbst. Von dem, was mir zu Ohren kam und dem, was ich selbst auf dem Feld erlebte, schien es mir, dass manche kaum auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden. Anderen wiederum mangelte es an Eignung für das Werk. Manche schleppten ungelöste charakterliche Probleme mit ins Ausland. Andere brachten die erforderliche Begabung zu ihrem Dienst nicht mit. Ein Fußtritt in den Hintern kann doch nicht die Lösung sein, wenn die Falschen dadurch in Bewegung gesetzt werden! Könnte es sein, dass manchmal die falschen Leute auf die emotionalen Appelle bei Missionstagungen reagieren? Ich fragte mich erneut, wie es sich mit dem Ruf in die Mission oder in den vollzeitlichen Dienst verhält.
Ein neutestamentliches Vorbild -die Gemeinde in Antiochia
Lukas wusste sich von dem Heiligen Geist gedrängt, uns die Gemeinde Antiochias vorzustellen, denn er berichtete mehr über sie als über alle anderen mit Ausnahme der Jerusalemer Gemeinde. Offenbar soll Antiochia uns als ein vielsagendes Vorbild dienen.
Schon die Gründung der Versammlung in Antiochia war ein Meilenstein in der Weltmission. Bisher hatten die Judenchristen das Evangelium nur innerhalb der jüdischen Volksgemeinschaft verkündigt. In Antiochia überwanden sich die Brüder, die Botschaft auch den Heiden zu predigen. Ihr Leben war von Evangelisation geprägt (Apg 11:19-20). Gott segnete ihr Bemühen, und viele aus den Nationen bekehrten sich (Apg 11:21). Hier entstand die erste Gemeinde, deren Glieder mehrheitlich aus den Nationen kamen (Apg 11:22-26). Die jungen Christen in Antiochia zeichneten sich aber auch durch die Bruderliebe aus, als sie eine großzügige Gabe zur Linderung der Not ihrer Geschwister in Judäa sandten (Apg 11:27-30). Somit zeigten sie ihre Dankbarkeit gegenüber den Judenchristen, von denen sie das Evangelium erfahren hatten und trugen Wesentliches zur Bewahrung der Einheit der Gemeinde Gottes bei. Es war in der Gemeinde in Antiochia, wo Paulus um der Reinheit des Evangeliums willen den Gesetzeslehrern und selbst dem Apostel Petrus widerstand (Gal 2:11-21); und es war die Gemeinde in Antiochia, die die endgültige Klärung dieser Frage dadurch erzwang, dass sie eine Gesandtschaft nach Jerusalem schickte. Somit tat sie einen wichtigen Dienst an allen zeitgenössischen Gemeinden. Auch wir stehen tief in ihrer Schuld (Apg 14:26-15:35; Gal 2:5).
Obwohl das Vorbild der Geschwister in Antiochia, nämlich ihr evangelistischer Lebensstil, ihre tätige Bruderliebe und ihre Bereitschaft, um die Reinheit des Evangeliums zu kämpfen, mehr Aufmerksamkeit verdient, wollen wir uns jetzt mit einem anderen geschichtsträchtigen Ereignis in Antiochia beschäftigen, das uns bei der Frage der Aussendung von Missionaren weiterhilft. Die Aussendung von Barnabas und Saulus ist von besonderer Bedeutung, weil es sich weder um den Einsatz eines Einzelnen unter der Führung Gottes (Apg 8:26-40, 10:1-41), noch um die Verkündigung von Christen, die durch Verfolgung verstreut waren (Apg 11:19-21), handelte. Die Aussendung der ersten Missionare und die sogenannte „erste Missionsreise“ erfolgte nach einem sorgfältig überlegten Gemeindebeschluss unter der Führung des Heiligen Geistes. Die inspirierte Berichterstattung ist mit wegweisenden Prinzipien für die heutige Mission befrachtet. Dazu lesen wir zwei kurze Abschnitte:
Apg 13:1-5 Es waren aber in Antiochia, in der dortigen Gemeinde, Propheten und Lehrer: Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Lucius von Kyrene, und Manaen, der mit Herodes, dem Vierfürsten, auferzogen worden war, und Saulus. * Während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe. * Da fasteten und beteten sie; und als sie ihnen die Hände aufgelegt hatten, entließen sie sie. *Sie nun, ausgesandt von dem Heiligen Geist, gingen hinab nach Seleucia, und von dort segelten sie nach Zypern. * Und als sie in Salamis waren, verkündigten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden. Sie hatten aber auch Johannes zum Diener.
Apg 14:26-28 und von da segelten sie ab nach Antiochia, von wo sie der Gnade Gottes befohlen worden waren zu dem Werk, das sie erfüllt hatten. * Als sie aber angekommen waren und die Gemeinde zusammengebracht hatten, erzählten sie alles, was Gott mit ihnen getan, und dass er den Nationen eine Tür des Glaubens aufgetan habe. * Sie verweilten aber eine nicht geringe Zeit bei den Jüngern.
Am Anfang der Heidenmission ging eine missionsorientierte und missionierende Gemeinde auf die Knie.
Die Evangelisation der Heiden begann in einer Gebetsstunde einer missionierenden Gemeinde. Jawohl, Menschen mit einem missionierenden Lebensstil waren nach Antiochia gekommen (Apg 8:4; 11:19-21). Das Evangelium hatte unter den dortigen Heiden Fuß gefasst. Begabte Leiter der Gemeinde in Antiochia kamen zusammen, um dem Herrn heiligen Dienst im Gebet zu verrichten. Dabei unterstrichen sie die Ernsthaftigkeit ihres Flehens mit Fasten. Wahrscheinlich beteten sie über die Aussendung von Mitarbeitern aus ihrer Mitte, und das im völligen Einklang mit des Herrn eigenem Anliegen:
„Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte“ (Matt 9:37-38).
Als der Herr sah, dass die Gemeindeleitung wirklich hören wollte, sprach Sein Geist ein deutliches Wort in ihre Zusammenkunft hinein, vielleicht eine prophetische Botschaft durch Simeon (ein Farbiger), Lucius oder Manaen:
„Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe.“
Der Herr der Ernte sendet Arbeiter aufgrund der Gebete seines Volkes aus.
Die Aussendung der Zwei von Antiochia weist deutliche Parallelen zu der Aussendung der Zwölf für Israel auf.
Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. * Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter aber sind wenige; * Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte. (Matthäus 9:36-38).
Die verzweifelte geistliche Lage Seiner Mitmenschen gab unserem Herrn einen Stich tief ins Herz. Ein bloßer Anblick der Menschenmassen brach das Herz des guten Hirten. Der Herr Jesus will, dass wir Seine Bürde für eine verlorene Menschheit teilen, dass sie auf unserem Herzen lastet, dass sie unsere Perspektive verändert, dass sie unsere Augen für eine riesengroße Ernte öffnet. Der Herr der Ernte will, dass wir die Dringlichkeit der Lage erkennen – so viel Arbeit – so wenig Arbeiter! Aus dieser Herzenslast, aus dieser Vision für die Dringlichkeit der Ernte wird das Gebet geboren „Oh, Herr der Ernte, sende Arbeiter, Arbeiter aus unserer Mitte, in Deine Ernte!“ Der große Indienmissionar Henry Martyn formulierte es so: „Der Geist Christi ist der Geist der Mission. Je ähnlicher wir Christus werden, desto missionarischer werden wir.“
Wer sendet den Missionar eigentlich?
Christliche Arbeiter oder Missionare bekennen oft: „Ich bin von der Gemeinde ABC oder von der paragemeindlichen Organisation XY ausgesandt.“ Sehr oft handelt es sich hier nicht nur um eine Frage der Semantik. Man muss leider feststellen, dass nicht wenige dieser Geschwister von ihrer Organisation sehr eingenommen sind. Man kann eben leicht das Ohr für den Ruf des Herrn verlieren, und dann einem Gemeindeverband oder einer Organisation dienen. Ihre Loyalität gehört einer Gemeinde oder einem Sendungsorgan ihres Gemeindeverbandes. Solche Arbeiter ziehen von einer Stadt in die andere um – eine Versetzung, angeordnet durch ihre Organisation. In solchen Fällen tritt die Gemeinde, Denomination oder Organisation an die Stelle des Herrn. Obwohl ich zahlreiche Beispiele erwähnen könnte, führe ich nur eines an. Einmal fragte ich einen Bruder, wie es dazu kam, dass er in den Dienst ging. Wie aus der Pistole geschossen kam seine Antwort: „Ich erhielt meinen Ruf von dem Brüderrat der DDR.“
Man begegnet aber anderen, die scheinen auf der anderen Seite vom Pferd gefallen zu sein. Sie erkennen nur die Aussendung des Herrn an. „Kein Mensch sandte mich aus, sondern der Herr!“ Hinter dieser Ausdrucksweise steckt ein einseitiges Verständnis und nicht selten der Eigensinn. Diese Charakterschwäche erschwert die Zusammenarbeit mit anderen Missionaren auf dem Feld und mit einheimischen Gemeinden und Mitarbeitern. Woher soll der Arbeiter, der die Autorität der Gemeinde nicht anerkennt, die nötige Korrektur bekommen?
Wer sendet also den Arbeiter aus? Nach dem Neuen Testament hat die Antwort zwei Komponenten – eine göttliche und eine menschliche.
Der Herr der Ernte ergreift die Initiative und sendet Arbeiter in Seine Ernte aus.
Der Herr ruft den Missionar (wörtlich: der Gesandte) in Seinen Dienst. Wie der Herr in vergangenen Zeiten seine Propheten (Jes 6:8 u.a.m.), den Herrn Jesus selbst (Joh 3:16; Heb 10:7) und seine Apostel (Joh 20:21; Matt 28:18-20) berufen und entsandt hat, so sendet der Herr Jesus in der jetzigen Zeit (Matt 9:38) durch den Heiligen Geist Arbeiter aus (Apg 13:2.4).
Missionare brauchen mehr als „…einen Fußtritt dort, wo die Sonne nicht hin scheint“. Der Missionar braucht einen deutlichen Ruf des Herrn zu seinem Dienst. A.H. Simpson beschreibt den Ruf in den Missionsdienst: Der Ruf „ist mehr als ein Interesse an der Heidenevangelisation, mehr als die Erkenntnis ihrer Not, mehr als das Verlangen, ihnen zu helfen, mehr als das Anfachen der Emotionen durch eine herausfordernde Rede oder ein Missionsappell. Der Ruf ist die Stimme Gottes, die einen zu einem besonderen Dienst ruft….“
An dieser Stelle ist eine gewisse Vorsicht geboten. Die heutige Praxis des öffentlichen Aufrufs zum Missionsdienst ist ein zweischneidiges Schwert. Dabei sollen die Hörer ihren Entschluss für die Mission öffentlich bekunden. Viele verspürten ihren Ruf, andere eine Bestätigung dessen bei solchen Appellen. Diese Methode hat ihre Berechtigung, indem sie an die Hingabe der Gläubigen appelliert. Sie ist aber keine Hilfe, was ihre Eignung anlangt. Der ehemalige Direktor von Overseas Missionary Fellowship (früher China Inland Mission), Michael Griffiths gibt zu bedenken:
„…vor allem die Gefühlvolleren reagieren…. Die Erfahrung zeigt jedenfalls, dass die Zahl der Meldungen kaum in Beziehung zur Eignung steht. Unter solchen Freiwilligen gibt es Menschen, die ein regelrechtes Arsenal pathologischer Merkmale darstellen. Andere sind von ihrer Veranlagung her völlig ungeeignet für den Dienst in abgeschiedenen Weltgegenden. Wieder andere sind zu phlegmatisch oder zu sehr mit Zweifeln an sich selbst erfüllt, um sich überhaupt angesprochen zu fühlen. Sie bleiben auf ihren Stühlen.“
Wie sieht der Ruf in den Missionsdienst eigentlich aus? Aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgte die Aussendung von Barnabas und Saulus durch eine prophetische Botschaft (Apg 13:1-2). Des Herrn Diener sind aber verschieden und Gott hat sich nicht an ein detailliertes Patentrezept in der Heiligen Schrift gebunden, wenn Er Menschen zu einem besonderen Dienst ruft. Es handelt sich hier um eine persönliche Erfahrung mit Gott. Der bereitwillige Christ wird die Stimme des Herrn wahrnehmen. Untersucht man die Heilige Schrift und die Erfahrungen bewährter Menschen Gottes, stellt man fest, dass Gott oft Ereignisse, Erfahrungen, das Pflichtgefühl, den Rat von weisen Geschwistern und besonders Sein Wort verwendet, um seine Kinder zu führen. Reife Diener Gottes stimmen überein, dass der Herr besonders während der täglichen Bibellese oder während des regelmäßigen Bibelstudiums Seinen Willen offenbart. Wer es aber gewohnt ist, die Bibel „zufällig“ aufzuschlagen, um Gottes Willen zu erfahren, überlässt gewissermaßen sein Wohlergehen dem Zufall. Der Herr kann auch so sprechen, aber die Gefahr der Selbsttäuschung steigt bei dem Glücksspiel. Jedenfalls wird Gott reden und – wenn notwendig – auch wiederholt reden (1 Sam 3:1-10), um seinen Ruf kundzutun. Das Resultat ist die tiefgründige, unerschütterliche Überzeugung, dass Gott gesprochen hat.
Das Bewusstsein, vom Herrn selbst ausgesandt zu sein, ist von ungeheurer Wichtigkeit. Ohne einen klaren Auftrag von Gott in den Missionarsdienst zu gehen, kann gefährlich sein. Viele Möchtegern-Missionare erleiden einen physischen, moralischen oder geistlichen Zusammenbruch. Der von Gott Ausgesandte kann mit dem Beistand des Herrn in Schwierigkeiten und Prüfungen rechnen (1 Tim 1:12; 2 Tim 4:17). Die felsenfeste Überzeugung, von dem Herrn selbst berufen zu sein, ist eine entscheidende Hilfe, um die Trübsale im Dienst zu überwinden (Apg 4:17-21; 2 Kor 3:6; 4:1). Ein weiterer Grund für die Wichtigkeit der göttlichen Aussendung ist der unsagbare Schaden auf den Missionsfeldern, der durch das Versagen mancher Missionare angerichtet wird. Einmal stellte ein Redner die rhetorische Frage aus Psalm 2: „Warum toben die Heiden?“ Die Antwort ließ nicht auf sich warten: „Wegen der Missionare!“
Die Gemeinde entbindet ihren Mitarbeiter von seinen Aufgaben in ihrer Mitte, damit er des Herrn Ruf folgen kann.
Auch wenn der Herr den Arbeiter persönlich ruft, ist die Aussendung in die Mission nicht Privatsache, sondern eine Familienangelegenheit. Nicht nur Barnabas und Saulus vernahmen den Ruf des Herrn. Andere begabte Leiter der Gemeinde in Antiochia hörten auch die Stimme des Geistes (Apg 13:1-3). Der Herr der Ernte wollte (und will) die Gemeinde an der Aussendung seiner Arbeiter Anteil haben lassen. Er sendet zwar aus (Matt 9:38; Apg 13:2.4), aber die örtliche Gemeinde erhält die Aufgabe, seinen Ruf zu erkennen, zu bestätigen und den Arbeiter zu seinem Werk zu entlassen (Apg 13:23). Nicht einmal Paulus, der schon längst von dem Herrn Jesus zum Missionsdienst berufen wurde (Apg 9:15), trat seine erste Missionsreise ohne Zustimmung der örtlichen Gemeinde an!
Biblische Begriffe für die Aufgabe der Gemeinde
Einige Begriffe helfen uns, die Aufgabe der Gemeinde angesichts der Aussendung von Arbeitern genau zu verstehen. Zunächst wurden die Zwei in Antiochia von der Gemeinde zu einem besonderen Dienst „ausgesondert“ (Apg 13:2). Dasselbe Wort kommt in Römer 1 vor. Paulus, der von Jesus Christus berufene Apostel, wurde „abgesondert zum Evangelium Gottes“, die Nationen zum Glaubensgehorsam zu rufen. Die Aussonderung besagt, dass die Gemeinde in Antiochia erkennt und bestätigt, dass zwei aus ihrer Mitte von Gott zu einem besonderen Auftrag – die Missionierung der Heiden – bestimmt sind.
Zweitens hat die örtliche Gemeinde die Mitarbeiter zu „entlassen“ (Apg 13:3). Die Entlassung der Arbeiter, heißt u.a., dass sie von ihren bisherigen Verantwortungen in der örtlichen Gemeinde entbunden sind, damit sie zu einem anderen Werk losziehen können, zu dem die Gemeinde sie ausgesondert hat. Entlassung ist die genaue Entsprechung der Aussendung. Der Herr sendet aus. Die Gemeinde entlässt.
Das Neue Testament redet auch davon, dass die Gemeinden Mitarbeiter aussandten. Die Jerusalemer Gemeinde zum Beispiel entsandte Mitarbeiter nach Samaria und Antiochia, um zu erkunden und bei den neuen Aufbrüchen dort zu helfen (Apg 8:14; 11:22). Aufgrund eines Gemeindebeschlusses von Antiochia reisten Paulus, Barnabas und andere nach Jerusalem, um die gesetzlichen Lehrer auf eigenem Territorium zu konfrontieren (Apg 15:2). Epaphroditus war der Abgesandte der Gemeinde in Philippi. Seine Aufgabe: dem Paulus finanzielle Gemeinschaft zu überbringen und ihm während seiner Inhaftierung behilflich zu sein (Phil 2:25; 4:10ff). Die Gemeinden Mazedoniens entsandten Brüder, die die Sammlung und Überbringung von Geldern nach Jerusalem überwachen sollten (2 Kor 8:23). Diese „Gesandten der Gemeinden“ waren von ihrer Gemeinde betraut, einen bestimmten Gemeindebeschluss auszuführen, eine klar umrissene Aufgabe zu erfüllen. In der Regel kehrten sie nach der Erfüllung ihrer Aufgabe zurück. Aber als Saulus und Barnabas Antiochia verließen, wurden sie von dem Herrn der Ernte zu ihrem Lebenswerk (zur Heidenmission) ausgesandt. Genau genommen waren sie nicht so sehr Gesandte der Gemeinde als Entlassene derselben. Daher spricht die Bibel in diesem Fall nicht von der Aussendung der Gemeinde, sondern von der Entlassung.
Lukas verbindet die Entlassung der zwei mit der Handauflegung. Manche kirchlichen Ausleger sehen hier die Ordinierung oder Weihung von Missionaren. Das kann nicht sein. Barnabas war längst im Dienst bestätigt und Saulus wurde schon Jahre zuvor als Apostel berufen (Apg 9). Heute haben andere aufgrund des Missbrauchs vieler Charismatiker Angst vor der Handauflegung. Angst vor unbiblischem Irrtum ist wohl berechtigt, aber alte biblische Praktiken können auch in unserer Zeit in einem schriftgemäßen Rahmen angewandt werden. Wieder andere argumentieren gegen die Handauflegung aus Überlegungen einer übertriebenen Haushaltungs-Lehre. Sie meinen, dass die Handauflegung der alten Dispensation angehört; d.h., dass sie eine jüdische, nicht eine christliche Sitte ist. Das ist nicht so. Es handelt sich hier um die Aussendung von zwei Dienern des Neuen Bundes (2 Kor 3:6) in die Heidenmission. Diese Aussendung findet in einer Gemeinde statt, die sich großteils aus den Nationen bekehrt hatte. Nicht einmal alle Leiter der Gemeinde waren Juden (Apg 13:1). Später legten Paulus und die Ältestenschaft Lystras dem jungen Timotheus die Hände auf (2 Tim 1:6; 1 Tim 4:14). Jahre danach warnt Paulus den Timotheus vor der vorschnellen Einsetzung von Ältesten mit diesen Worten: „Die Hände lege niemand schnell auf und habe nicht teil an fremden Sünden“ (1 Tim 5:22).
An dieser Stelle finden wir eine entscheidende Hilfe, um die Bedeutung und die Wichtigkeit der Handauflegung zu verstehen. Warum ist Vorsicht bei der Ältesten-Anerkennung geboten? Das Prinzip der Einsmachung wirkt in beiden Richtungen. Als der Hohepriester im Alten Bund seine Hände auf den Sündenbock legte und Israels Sünden bekannte, machte er sich eins – identifizierte er sich mit dem Ziegenbock. Die Sünden wurden sozusagen auf den Bock übertragen, und er nahm sie hinweg (vgl. 3 Mose 16:21-22). Aber es geht auch umgekehrt. Wenn Timotheus einen Mann als Ältesten öffentlich einsetzt, indem er ihm seine Hände auflegt, nimmt er sozusagen an den Sünden des Ältesten teil, wenn er fallen sollte. Er hatte sich mit dem Mann angesichts dessen Eignung (vgl. 1 Tim 3:1-7) eins gemacht. So völlig identifizierte sich Timotheus mit ihm, dass er (Timotheus) – wenn der Bruder sich als untauglich erweisen sollte – durch die Identifikation der Handauflegung sozusagen an Sünden teilnehmen würde, die der andere (daher „fremde Sünden“) begangen hat. Dann wäre er einbezogen.
Jetzt kehren wir zurück zur Entlassung des Missionars. Wenn die Gemeindevorsteher ihre Hände dem Bruder, der Schwester, dem Ehepaar auflegen, um sie zu entlassen, ist ihre Gestik vielsagend. Somit machen sie sich mit dem neuen Missionar eins. Eigentlich sagen sie, „Du bist einer von uns. Du kommst aus unserer Mitte. Und wir sind überzeugt, dass der Herr dich zu Größerem gerufen hat. Wir entlassen dich zwar zu einem anderen Werk, aber überall, wo du hinkommst, sollst du wissen, dass einer von uns dort ist. Wir sind in die Sache einbezogen. Unsere Gemeinde leistet einen Beitrag in dem fremden Land, und wir stehen voll und ganz hinter einem von uns!“ Die entlassende Gemeinde ist wahrlich einbezogen. Die Unkosten sind finanzieller Art, aber sie sind auch mehr. Die Gemeinde entlässt von den besten Mitarbeitern. Das ist ein Opfer. Sie hat nun einen Dienst auf einem anderen Feld.
Drittens lesen wir, dass die Gemeinde betete (Apg 13:3) und sie der Gnade Gottes anbefahl (Apg 14:26; vgl. auch Apg 15:40). Die Anbefehlung bedeutet zunächst, den Arbeiter der Gnade, der Gunst, der gütigen Fürsorge Gottes anzuvertrauen. Sie ist ein Gebet um den besonderen Schutz und Beistand des Herrn.
Schließlich dient die Entlassung als eine Art Empfehlung an andere Christen oder christliche Gemeinden. Das sehen wir im Falle von Apollos in Ephesus (Apg 18:27-28) und von Phöbe, einer Dienerin der Versammlung in Kenchreä (Röm 16:1-2). Die Empfehlung scheint die übliche Praxis unter den Gemeinden zur neutestamentlichen Zeit gewesen zu sein, auch wenn die Korinther sie erwartungsgemäß missbrauchten (2 Kor 3:1). Somit bekennt die empfehlende Gemeinde, „Bitte, nehmt zur Kenntnis, dass diese Geschwister von uns ausgesondert und für den Namen ausgegangen sind. Wir bestätigen hiermit, dass sie wirklich von Gott berufen und ausgesandt sind. Wir empfehlen sie euch. Sie sind würdig! Sie nehmen keine Finanzhilfe von den Heiden an. Nehmt sie auf, lasst sie unter euch dienen, steht ihnen bei, unterstützt sie mit euren Mitteln, damit ihr Mitarbeiter der Wahrheit werdet!“ (3 Joh 5-8)
Die Gemeinde entlässt begabte Arbeiter, denn Aussendung setzt Begabung voraus.
Im 1. Jahrhundert war die christliche Mission eine charismatische Bewegung. „Es waren aber in Antiochien, in der dortigen Versammlung, Propheten und Lehrer“ (Apg 13:1). Aus ihrer Reihe kamen die ersten Missionare und Gemeindegründer in der Heidenmission. Die Propheten und Lehrer gehören zu den „größeren Gnadengaben“, weil sie einen sehr wichtigen Beitrag zum Aufbau der Gemeinde leisten (1 Kor 12:31; Eph 4:11-12). Es ist daher ersichtlich, dass Barnabas und Saulus die nötigen Voraussetzungen (ihre Gaben) in ihren Dienst der Gemeindegründung mitbrachten. Wenn Paulus Timotheus ermutigt, seinen Dienst zu erfüllen, erinnert er ihn an die Gaben, die er von Gott erhalten hatte (1 Tim 4:13-16; 2 Tim 4:5).
Einmal diskutierten einige Österreich-Missionare die Eignung ihrer Kollegen im Allgemeinen. Sie schätzten, dass 50% „das Zeug“ dazu hätten. Ihr Gespräch wurde beendet, als ein österreichischer Ältester ihre Schätzung nach unten korrigierte. Wir würden unser Kind doch nicht zur Drogerie senden, Shampoo um 100 Schilling zu besorgen und ihm bloß 50 mitgeben! Ebenso entsendet der Heilige Geist niemand in einen Dienst, dem Er nicht die dazu erforderliche Begabung beschert.
Die Gemeinde entlässt bewährte Arbeiter, denn Aussendung setzt Bewährung voraus.
Die ersten zwei Heidenmissionare waren bewährte Mitarbeiter. Beide Männer hatten schon im Segen gewirkt, waren schon wirksam im Lehrdienst und hatten entscheidend zur Befestigung der Gemeinde Antiochias beigetragen (Apg 11:22-26). Lukas beschreibt Barnabas als „ein guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens“ (Apg 11:24). Er war mit Sicherheit der reifste und angesehenste Leiter der Gemeinde. Saulus war der fähigste. Das spricht Bände über die Gemeinde in Antiochia und über das Thema der Aussendung. Antiochia war bereit, ihre besten Mitarbeiter zu entlassen! Wen sollen wir entlassen? Wer kommt in Frage? Diejenigen, auf die wir kaum verzichten können!
Was taten Barnabas und Saulus auf ihrer 1. Missionsreise? Nichts Neues! Alle wesentlichen Missionstätigkei-ten wurden schon in Jerusalem, Damaskus und Antiochia ausgeübt. Sie waren erfahrene, bewährte Arbeiter. Dasselbe kann von Apollos (Apg 18:27-28) und von den Zwölfen gesagt werden.
Michael Griffiths klagt: „Umsonst bitten die Missionsgesellschaften um Menschen mit den Fähigkeiten der „Gemeindegründung“ und „Mitarbeiterschulung“. Es melden sich Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer und andere; die Schlüsselfiguren bleiben aus.“ Rückblickend sehen wir die Weisheit der Ältesten von Fairhaven Bible Chapel, als sie mich fragten: „Was ist leichter? Eine Gemeinde in den U.S.A. oder in Europa zu gründen?“ Dann schlugen sie vor, dass Peggy und ich unsere Überzeugungen durch eine Gemeindeneugründung in den U.S.A. erproben sollten. Die paar Jahre zusätzlicher Erfahrung und Erprobung vor unserer Abreise nach Europa haben wir noch nie bereut.
Die Verantwortung der empfehlenden Gemeinde
Gott betraute die örtlichen Gemeinden mit der Aufgabe, den Ruf und die Aussendung der Arbeiter zu bestätigen. In der Apostelgeschichte liest man von einem Hauptquartier kein Wort. Die Brüder in Antiochia brauchten kein grünes Licht von Jerusalem. Die Apostel dort erfuhren die vollendeten Tatsachen erst Wochen später. Hier findet man kein Vorbild für das Sendungsorgan eines Gemeinde-Verbandes. Das wurde erst später in der Kirchengeschichte erfunden. Wären solche Einrichtungen der Wille des Geistes, hätten die Brüder in Antiochia sich nie an den Aposteln in Jerusalem vorbei getraut.
Und welch große Verantwortung hat Gott der empfehlenden Gemeinde anvertraut! Sie ist zunächst Gott gegenüber Rechenschaft schuldig. Bewegt sie das Anliegen des Herrn der Ernte im Gebet, Arbeiter auszusenden? Ist sie, sind ihre Vorsteher in Kontakt mit Gott? Sind sie überhaupt ansprechbar? Hören sie den Ruf Gottes an eine Schwester, an einen Bruder in ihrer Mitte mit? Denken sie mit?
Eine gute Ältestenschaft hat ein Anliegen für die Mission. Die Leiter der Gemeinde Antiochias waren so. Sie fasteten und beteten über die Mission. „Möchte der Herr doch Arbeiter aussenden. Ist jemand unter uns…?“ Als Paulus und Silas mit dem Evangelium auf der 2. Missionsreise weiter fort wollten, sprachen die Brüder in Lystra und Ikonium sie wegen Timotheus an. Sie sahen, dass des Herrn Hand auf diesem Jungen war. Er könnte Paulus entscheidend helfen. Die Ältesten sollen dauernd über die Schafe nachdenken, die der Herr ihnen anvertraut hat. Wer käme in Frage? Wer braucht unsere Ermutigung, in diese Richtung zu denken?
Zudem ist die Gemeinde gegenüber dem Missionarskandidaten verpflichtet. Gott will, dass der angehende Missionar einen Beistand und Schutz hat. Er schützt den Betreffenden vor übermäßiger Subjektivität und unreflektierter Selbsteinschätzung durch die Kontrolle der Gemeindeleitung. Können die Ältesten diesen Ruf nachvollziehen? Kennen sie den Bruder, die Schwester wirklich? Braucht er Ermutigung? Ist dieser Kandidat wirklich für die beabsichtigte Aufgabe geeignet? Hat er die erforderliche Ausdauer, die notwendige Charakterfestigkeit, den nötigen Glauben und die entsprechende Begabung, seinen Dienst zu vollbringen? Ist er körperlich und geistig fit? Lauern gefährliche Schwächen und Sünden auf seinem Weg? Ist er team- und anpassungsfähig? Wie sieht es mit der Motivation aus? Ist er fähig, eine Fremdsprache zu erlernen? Hat er sich im Dienst bewährt? Hat Gott seinen bisherigen Dienst mit Frucht gesegnet? Welche wichtigen Trainingserfahrungen soll er vor der Entlassung machen? Kein Wunder, dass die Gemeindeleiter in Antiochia beim Beten und Fasten gefunden wurden, als der Heilige Geist ihnen Seinen Willen kundtat. Sie waren sich ihrer Verantwortung bewusst!
Die empfehlende Gemeinde trägt auch eine Verantwortung gegenüber anderen Christen und Gemeinden. Auf ihre Empfehlung hin werden andere Christen den Ausgesandten aufnehmen und unter sich dienen lassen. Sie werden für ihn beten und ihn mehr oder weniger regelmäßig mit ihren hart verdienten Mitteln unterstützen. Einen ungeeigneten Arbeiter zu empfehlen, ist eine Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Christen.
Schließlich trägt die empfehlende Gemeinde eine Verantwortung den Mitarbeitern und Gemeinden auf dem Missionsfeld gegenüber. Welches Unheil ist auf den Missionsfeldern passiert, weil sie mit ungeeigneten Missionaren zwangsbeglückt wurden! Manche Missionare sind nicht für ihre Aufgaben begabt, andere nicht vorbereitet. Nicht wenige Missionare sind unfähig zur Teamarbeit. Manche lernen die Sprache nicht. Andere sind überheblich gegenüber Einheimischen und ihrer Kultur. Vielerorts herrschen Streit und Entzweiung. Menschen werden weder fähiger noch heiliger, wenn sie nach Übersee siedeln. Die Schwierigkeiten und die Gefahren werden aber größer. Ein beachtlicher Prozentsatz kehrt nach dem oder schon während des ersten Dienstabschnitt(es) in die Heimat zurück, um nie wieder aufs Missionsfeld auszureisen. Wie stand es wirklich um ihren Ruf in die Mission und ihre Aussendung?
Ich werde eine Begegnung in der Schweiz nie vergessen. Brüder in einer Gemeinde dort baten mich um Rat. Ein Missionar war von einer Gemeinde ausgesandt worden, um in ihrem katholischen Kanton zu evangelisieren. Er hatte viel Unruhe in ihrer Mitte gestiftet. Sie wandten sich an seine Heimatgemeinde, und erfuhren, dass die dortigen Verantwortlichen schon im Bilde waren. Sie gaben zu, dass sie der Aussendung des Bruders zugestimmt hatten, weil sie ein großes Problem loswerden wollten! Wenn aber ein Missionar Unruhe stiftet oder auf dem Missionsfeld Schiffbruch erleidet, zieht er das ganze Werk in Mitleidenschaft. Daher muss die Gemeinde dafür gerade stehen, dass der Arbeiter wirklich von Gott berufen und zum Dienst geeignet ist.
Der Diener des Missionars
Wenn wir von der Aussendung von Barnabas und Saulus lesen, gibt es eine Person, die wir leicht übersehen könnten – Johannes Markus. Lukas schreibt, als die zwei ausreisten: „Sie hatten aber auch Johannes zum Diener“ (Apg 13:5). Markus war vielleicht nicht ausgesandt im vollen Sinn des Wortes, aber er war ein Teammitglied. Er war ein Lehrjunge, der Saulus und Barnabas unterstützen sollte. Zumindest in diesem Stadium seines Lebens war ihm das Werk eine Nummer zu groß (Apg 13:13; 15:38; 2 Tim 4:11), aber er wird eine wertvolle Erfahrung gemacht haben.
Apostolische Arbeiter brauchen Helfer, und Paulus pflegte junge Männer zu diesem Zweck mitzunehmen. Wenn Apostelgeschichte 19:22 auch nicht der unbekannteste Vers im Neuen Testament ist, ist er zumindest oft in Vergessenheit geraten: „Er sandte aber zwei von denen, die ihm dienten, Timotheus und Erastus, nach Macedonien…“ Manchmal reiste Paulus mit einem großen Team: „Es begleitete ihn aber bis nach Asien Sopater, des Pyrrhus Sohn, ein Beröer; von den Thessalonichern aber Aristarchus und Sekundus und Gajus von Derbe und Timotheus und Tychikus und Trophimus aus Asien.“ (Apg 20:4) Paulus schreibt von der Bewährung des Timotheus im Dienst: „Ihr kennt aber seine Bewährung, dass er, wie ein Kind dem Vater, mit mir gedient hat an dem Evangelium.“ (Phil 2:22) Unterwegs mit dem Apostel lernte Timotheus, der Diener, Paulus‘ „…Wege, die in Christus sind, gleichwie ich überall in jeder Versammlung lehre.“ (1 Kor 4:17). Weil Timotheus Paulus begleitet und geholfen hatte, konnte sein Mentor ihm schreiben: „Du aber bist genau meiner Lehre gefolgt, meinem Lebenswandel, meinem Vorsatz, meinem Glauben, meiner Langmut, meiner Liebe, meinem Ausharren, meinen Verfolgungen, meinen Leiden: die mir in Antiochia, in Ikonium, in Lystra widerfahren sind.“ (2 Tim 3:10-11). Daher konnte Timotheus besser als alle anderen die Dinge, die er unter vielen Zeugen von Paulus gelernt hatte, nach dem Tod des Apostels treuen Lehrfähigen anvertrauen (2 Tim 2:2). Wenn wir einen vorbildlichen Missionar kennen, der bereit ist, einen Diener als Mentor anzuleiten, ist dies der beste Weg für einen jungen Menschen, den Missionsdienst kennenzulernen.
Die Kontrolle über die Missionare
Spielt die Gemeinde die Rolle eines Kontrollorgans über die Missionare, die sie zum Werk entlassen hat? Anders gefragt: Wer ist der Auftraggeber des Missionars? Die Antwort liegt auf der Hand: der Herr der Ernte, der ihn ausgesandt hat. Bei seiner Entlassung zum Werk befahl die Gemeinde ihn seiner Gnade, seiner Fürsorge, seiner Führung an. Der Herr trägt diese Verantwortung.
Das Neue Testament sagt sehr wenig über die Kontrolle der Missionare. Wir finden weder ein übergemeindliches Sendungsorgan, noch ein Vorbild dafür, dass eine Gemeinde Anordnungen an ihre Missionare weitergibt. In der Tat stellen wir das Gegenteil fest. Als Paulus unterwegs war, lesen wir, dass seine Bewegungen durch seine Gespräche mit Mitarbeitern (Apg 15:36; 16:10), die Sorge um die Gemeinden (Apg 15:36; 1 Thess 3:11; 2 Kor 2:12-13), das Wetter (Apg 27); durch Verfolgung (Apg 17:13-15; 20:1) oder durch heidnische Richter (Apg 25:12) gelenkt waren, aber vornehmlich durch Führung, die er direkt von dem Herrn selbst erhielt (Apg 9:15-16; 16:6-10; 18:21; 20:22-24: 21:10-14; 27:23-26; 2 Kor 1:15ff). Nach der Abreise von Barnabas und Saulus war es weder möglich noch erforderlich, dass die Missionare auf die Anweisungen Antiochias warteten. Die Gemeinde hatte sie schon entlassen und sie der Gnade Gottes anbefohlen.
Auch heute werden die Ältesten der Heimatgemeinde sich nicht so gut in dem Werk, der Kultur und besonderen Belangen eines fremden Landes auskennen, wie der Missionar und seine Mitarbeiter auf dem Feld. Es ist gut und auch weise, wenn der Missionar sie informiert und ihren Rat sucht. Entscheidungen über die Missionsstrategie und die Arbeitsweise können aber besser mit Mitarbeitern an Ort und Stelle entschieden werden. Der Herr ist auf dem Missionsfeld. Er kann führen. Diese Arbeitsweise erfordert beachtliches Vertrauen gegenüber den Ausgesandten. Daher soll die Gemeinde bei der Aussendung mit großer Sorgfalt vorgehen.
Aber was, wenn der Missionar versagt? Die Bibel lässt uns hier nicht im Dunkeln. Sie gibt uns ein Fallbeispiel. Männer von Judäa kamen nach Antiochia mit einem gesetzlichen Evangelium. Vielleicht beriefen sie sich auf Jakobus (vgl. Gal 2:12), sicherlich auf die Auffassung und Praxis der Gemeinde Jerusalems (Apg 15:1-2). Die Gemeinde Antiochias entsandte Paulus, Barnabas und einige andere nach Jerusalem. Sie verfolgten die gesetzlichen Füchse zurück in ihren Bau und erzwangen eine Stellungnahme der Apostel und Ältesten der dortigen Gemeinde. Nachdem die Apostel und die Ältesten die Irrlehre einstimmig verurteilt hatten, distanzierten sie sich von den Männern aus ihrer Mitte, „weil wir gehört haben, dass einige aus unserer Mitte euch mit Worten beunruhigt haben… denen wir keine Befehle gegeben haben“ (Apg 15:24). Wenn die Heimatgemeinde draufkommt, dass ihr Missionar fahrlässig lebt oder von der Wahrheit abirrt, trägt sie die Verantwortung, ihn zu korrigieren. Sollte der Arbeiter aufhören, ein Mensch Gottes zu sein, so soll die Unterstützung der Christen und Gemeinden ebenfalls aufhören. Seine Gemeinde hat ihn anderen Gemeinden empfohlen, dass sie ihn aufnehmen und unterstützen. Jetzt muss sie ihre Empfehlung rückgängig machen.
Die Unterstützung der Missionare
Wenn wir einen Arbeiter der Gnade Gottes anbefehlen, wollen wir, sofern es möglich ist, mit Rat und Tat (buchstäblich) hinter ihm stehen. Wir wollen in Kontakt bleiben. Heutzutage ist das relativ einfach. Wir wollen die Gemeinde eingehend informieren und für den Missionar und sein Werk regelmäßig beten. Nach unseren Möglichkeiten wollen wir ihn finanziell unterstützen. Wir informieren uns über sein Wohlergehen und über die Nöte seiner Familie. Wie können wir helfen? Braucht er zusätzliche Hilfe? Braucht seine Frau vorübergehend Hilfe mit den Kleinkindern? Wie geht’s mit dem Sprachstudium? Wer von unserer Gemeinde (Älteste oder Vertrauensperson) könnte die Familie auf dem Feld besuchen? Wie hoch liegen die Aufenthaltskosten in dem Land, in der Stadt? Und wenn er mit seiner Familie für einen Aufenthalt in der Heimat zurückkehrt, braucht er ein Auto? Welche Wohnung können wir zur Verfügung stellen? Wir haben dem Bruder, die Schwester die Hände aufgelegt. Wir wollen sie nicht aus den Augen verlieren. Herr, bewahre uns vor Gedankenlosigkeit dem Missionar gegenüber!
Muss die entlassende Gemeinde für den ganzen Unterhalt eines Missionars aufkommen? In vielen Fällen ist das kaum möglich. Zur neutestamentlichen Zeit war das absolut unmöglich! In einer Zeit, als Reisen gefährlich, langsam und langwierig war, wie sollte da eine adäquate Unterstützung der Missionare gewährleistet werden, wenn die sogenannte „Sendungsgemeinde“ für den Unterhalt ihres Arbeiters allein verantwortlich gewesen wäre?
Die Praxis der Anbefehlung und Empfehlung bot ein wirksames Mittel für das Problem der Logistik. Wenn wir den Ausgesandten der Güte und Fürsorge des Herrn anbefehlen (Apg 13:3; 14:26), hat er dem Herrn zu glauben bezüglich seines Segens auf seine Arbeit, seiner Gesundheit, Führung und seines Auskommens, nicht seiner Heimatgemeinde. Wenn ein Missionar Gott nicht nach Matthäus 6:33 vertrauen kann, wie wird er ihm glauben bezüglich der Errettung von Seelen und der Entstehung von Gemeinden?
Obwohl Gott die Raben einzusetzen vermag, verwendet er in der Regel seine Leute, seine Gemeinden, um den Arbeiter zu versorgen. Wie einfach ist die im Neuen Testament beschriebene Einrichtung. Wir befehlen den Arbeiter unserem Herrn an, und wir empfehlen ihn unseren Mitbrüdern. Sie wissen, aufgrund unserer Empfehlung, dass es sich um einen würdigen Arbeiter handelt, der seines Lohnes wert ist (Lukas 10:7; 1 Tim 5:18), der für den Namen ausgegangen ist, der nichts von den Heiden nimmt (3 Joh 5-8), der nicht bei den Christen bettelt, sondern im Glauben lebt (Matt 6:33). Die einzelnen Christen und die Gemeinden suchen den Willen des Herrn angesichts ihrer Verwalterschaft. Sie geben im Glauben, und das Werk geht voran.
Wenn wir das Neue Testament lesen, fehlt von einer zentralen Kasse oder einem Sendungsorgan jede Spur. Der Apostel empfing seine Unterstützung direkt von der örtlichen Gemeinde und bedankte sich bei ihr (Phil 2:25; 4:10-20; Apg 18:5; 2 Kor 11:8; 3 Joh 5-8).
Die Praxis der „mehrfachen Empfehlung“
Manchmal werden Missionare von zwei oder mehreren Gemeinden empfohlen. Hin und wieder kommt man auf die Idee, weil die beiden Ehepartner aus zwei verschiedenen Gemeinden stammen. Häufiger geht es darum, dass die Gemeinden dadurch eine adäquate finanzielle Unterstützung gewährleisten wollen. Wenn eine Gemeinde alleine nicht in der Lage ist, den Missionar zu unterstützen, wird eine zweite, eine dritte gesucht.
Einige Fragen tauchen bei dieser Einrichtung auf: Ist der Missionar wirklich aus der Mitte von zwei, drei oder mehr Gemeinden ausgesondert worden? Ist er wirklich von allen zum Dienst entlassen worden? Kennen alle beteiligten Gemeinden ihn so gut, dass sie ihn (im Sinne von Apg 13:1-3; 18:27) empfehlen können? Zu welcher Ältestenschaft geht der Missionar, wenn er einen Rat braucht? Zu einer? Zu allen? Wenn Brüder von dem Missionsfeld eine Klage gegen den Arbeiter bringen (Apg 15:1-2), wer hört sie an? Wer urteilt? Was passiert, wenn eine der betreffenden Gemeinden sich nicht mehr mit seiner Arbeit identifizieren kann? Ist er dann 75% zu empfehlen? 66,66%? Diese Praxis mag scheinbare Vorteile haben, aber sie ist eine menschliche Erfindung ohne biblisches Vorbild, und sie ist mit möglichen Problemen gespickt.
Die Berichterstattung in der Gemeinde
Apg 14:26-27: „und von da segelten sie ab nach Antiochia, von wo sie der Gnade Gottes befohlen worden waren zu dem Werk, das sie erfüllt hatten. Als sie aber angekommen waren und die Gemeinde zusammengebracht hatten, erzählten sie alles, was Gott mit ihnen getan, und dass er den Nationen eine Tür des Glaubens aufgetan habe.“
Die moderne Praxis, einen „Freundeskreis aufzubauen“, wird oft von dieser Stelle abgeleitet. Aber die Situation hier war grundlegend anders. Paulus und Barnabas stellten nicht ein Werk in Aussicht, das getan werden sollte, wenn die Christen nur versprechen, ihnen regelmäßig die dafür erforderlichen Finanzen zur Verfügung zu stellen. Sie gingen viel mehr im bloßen Glauben aus. Jetzt berichteten sie von einer geleisteten Arbeit.
Das war ein unvergesslicher Freudentag in Antiochia. Auf diesen Moment hatten alle mit Spannung gewartet. Die geliebten Brüder waren wohlbehalten zurückgekehrt, um über den Triumph des Evangeliums unter den Nationen zu berichten. Die zwei werden der Gemeinde arg abgegangen sein. Die Gemeinde hatte auf ihre wunderbaren Dienste verzichtet, aber der Herr hat dafür den Nationen eine Riesentür des Glaubens aufgetan! Und die vorbildliche, missionierende, missionsorientierte Gemeinde ist auch zum weiteren Verzicht bereit. Gerne lässt die Gemeinde in Antiochia nun Johannes Markus mit Barnabas nach Zypern ziehen. Sie stellt Paulus den Silas zur Seite (Apg 15:39-40). Lass die nächste Reise beginnen!