Armut bekämpfen
(Auszug aus dem Buch „Giving Wisely?“ mit Genehmigung des Autors, Fortsetzung aus dem letzten Heft. )
Armut zu bekämpfen ist ein edles Ziel. Lieder handeln davon. Regierungen reden darüber. Gemeinden beten dafür.
Es wäre wirklich schön, wenn die Armut aufhören würde. Die Kommunisten hatten einen einfachen Weg, den Unterschied zwischen arm und reich zu aufzuheben – sie machten alle gleich arm. Und so lange die Leute nichts anderes kannten, waren sie vielleicht glücklich. Das wäre ganz gut gelaufen. Aber sie lebten im Informationszeitalter, wo sie sahen, dass es anderen anderswo viel besser ging.
Was ist arm?
Was bedeutet es, arm zu sein? Wann ist jemand reich? In Amerika werden Leute offiziell für arm erklärt, wenn sie unter der „Armutsgrenze“ leben. Vor kurzem wurde diese für eine vierköpfige Familie auf 21.200 Dollar festgelegt. Trotzdem hat so eine Familie einen riesigen Flachbildschirm und jeder hat 50 Pfund Übergewicht. Ist das arm? Nach welchem Maßstab?
Wer in einer Kultur als reich angesehen wird, gilt in einer anderen als arm.
Ein Vergleich im Sudan
Im Sudan messen die Dinkas ihren Reichtum an ihrer Viehherde. Ein bestimmter Dinka war sehr reich, er hatte mehrere hundert Stück Vieh. Deswegen war er ein wichtiger Mann in der Gesellschaft und er hatte in dieser Kultur eine große Autorität. Wie viele Dinkas war er über 1,90 Meter groß, und weil er so reich war, wog er ca. 100kg. In seiner Kultur ist es ein großes Kompliment, wenn jemand als „fett“ bezeichnet wird. Seine Lehmhütte war mit Gras gedeckt. Sie hatte keinen Strom, aber zwei Räume, sie war doppelt so groß wie andere Hütten. Zwei kleine Hütten waren aneinander gebaut und so hatte seine sechsköpfige Familie ca. 90m² Wohnraum. Darin war auch der einzige Gegenstand, der uns bekannt vorkommt: ein kleiner eiserner Kochtopf. Der Mann trägt Stofftücher, die um seinen Leib gewickelt sind, gewoben von der Wolle seiner eigenen Schafe. Er ist stolz. Er ist reich und weiß es auch.
Plötzlich wird es laut. Ein Gedröhn. Es ist ein Auto. Es hält vor seiner Hütte. Aus dem Auto springt ein anderer Sudanese, ein alter Freund. Er kommt aus der Stadt im Nachbarland zurück, wo er einen Haufen Geld verdient hat. Dieser Mann ist wirklich fett, ein runder Bauch hängt über seinem Gürtel, wie bei den meisten von uns im Westen. Er begrüßt seinen reichen Freund, den Viehbesitzer.
Der reiche Viehbesitzer schaut das Auto an. Er schaut die Armbanduhr an. Er bemerkt die Ringe an den Fingern und die Kette am Hals seines Freundes, die farbige Kleidung und die Hose mit einem breiten Gürtel und einer modischen Schnalle. Das Hemd steckt in der Hose und betont den Bauch wie eine Trophäe.
Jetzt ist alles anders. Der Viehbesitzer ist plötzlich überhaupt nicht mehr reich. Er ist ein armer Mann. Und er weiß es.
Vergleich in den USA und in Asien
Stellt euch vor, Bill Gates würde mich besuchen. Unser Haus hat 200m². Er sieht meinen drei Jahre alten PC und den kleinen Fernseher, der schon 15 Jahre alt ist. Auf dem Hof hat er unsere beiden Autos bemerkt, beide mit über 160.000 km und etlichen Beulen. Wahrscheinlich würde ich ihm leidtun. Aber auch wenn ich Bill Gates leidtue, würde mich das nicht zu einem armen Mann machen. Es zeigt eher, wie reich er ist. Vielleicht würde ich mich wohl fühlen, wenn er mich aus Mitleid beschenkt, aber eigentlich bin ich gar nicht in Not.
Auf dieselbe Art könnte ich eine uigurische Familie besuchen. Das ist ein muslimischer Stamm im Nordwesten Chinas. Acht Personen teilen sich 100m². Sie haben kein Auto sondern einen Eselskarren, mit dem sie in die Stadt fahren. Vielleicht tun sie mir leid. Aber das macht sie nicht arm, sondern zeigt nur meine Werte. Es zeigt, wie materialistisch ich bin.
Wir haben also gesehen, dass ich ärmer als Bill Gates bin, aber dass ich nicht arm bin. Die uigurische Familie, an die ich dachte, ist ärmer als ich, aber das bedeutet auch nicht, dass sie arm ist. In ihrer Gesellschaft sind sie eigentlich recht gut gestellt.
Was ist arm? Was ist reich? Sollten wir auch hier Einsteins Relativitätstheorie anwenden? Bevor wir herumgehen, die Armen bemitleiden und ihnen Geld geben, ist es wichtig, dass uns klar wird, wer wirklich arm ist.
Genug haben
Ist Armut einfach eine Sache des Vergleichs? Jemand hat mehr Geld und Besitz als andere? Die Bibel antwortet nach meiner Überzeugung mit einem klaren „Nein“. „Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, so soll uns das genügen“ (1.Tim 6,8). Genug bedeutet nach der Bibel, dass wir Nahrung und Schutz vor der Witterung haben. Wenn wir nicht genug zu essen haben, dann ist das Armut. Wenn wir dem Wetter schutzlos ausgesetzt sind, dann sind wir arm. Wenn es keinen Schutz vor Hitze, Regen und Kälte gibt, wenn die Umgebung Krankheit und Tod bringt, wenn es keine Hilfe für Kranke und Sterbende gibt, dann herrscht dort Armut.
In der Bibel werden wir immer wieder aufgefordert, uns um die zu kümmern, die sich nicht selbst versorgen können: die Witwen, die Waisen, die Fremden, die Unterdrückten, die Kranken.
Die Witwe
Diese Frau hat alle Möglichkeiten verloren, sich selbst zu versorgen. Sie ist allein. Sie muss sich um ihre Kinder und um ihren Lebensunterhalt kümmern. Das ist eine Last. Wegen dieser Situation ist sie meistens finanziell arm, aber sie ist oft auch allein, verarmt, was die Beziehungen betrifft.
Hier gibt es einen geistlichen Vergleich. Die Ehe soll die Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde widerspiegeln. Wenn eine Frau ihren Ehemann verliert, wird dieses Bild zerrissen. In unserer Kultur lässt eine Scheidung die Frau ganz verletzlich zurück. Dann sollte die Gemeinde eingreifen und dieser Frau helfen, wie der Herr Jesus der Gemeinde beisteht. Das ist kein Vorschlag. Die Bibel verlangt es von uns. Wir müssen das machen.
Die Waise
Wie der Witwe ist diesem Kind genommen, was es für sein Wohlbefinden braucht. Wenn jemand seine Eltern verliert, so wäre das wie wenn die Gemeinde, die Kinder Gottes, Gott, den Vater verlieren würden. Diese Beziehung zwischen den Eltern und Kindern ist heilig, und wenn sie aufhört, muss die Gemeinde eingreifen und handeln. Diese Kinder müssen versorgt werden, sonst werden sie nie begreifen, wer der himmlische Vater ist. Die Waise ist wirklich bedürftig.
Aids macht mehr Kinder zu Waisen als wir uns vorstellen können, besonders in Afrika. Wir sollten uns bemühen kulturell geeignete Wege zu finden diesen Kindern zu helfen. Manchmal überholt unser Mitgefühl unsere Weisheit. Wir sollten großzügig sein und nach bestimmten Prinzipien handeln. (In späteren Kapiteln des Buches werden diese Prinzipien behandelt.) Immer wenn wir den Einheimischen beistehen sich nachhaltig um andere Einheimische zu kümmern, ist unsere Gabe sehr gut investiert.
Unterschätzt nie die Fähigkeit der Leute, sich um ihre Landsleute zu kümmern! Sie haben immerhin die Fähigkeit, in ihrer Kultur durchzukommen, wir aber nicht. Sie wollen es schaffen, und brauchen manchmal Starthilfe. Wenn sie diese Hilfe bekommen, kannst du ihnen beim „Fliegen“ zusehen.
Ich war erstaunt, wie die einheimischen Gemeinden in Burundi und Ruanda sich um die Waisen gekümmert haben. Das sind zwei der ärmsten Länder der Welt. Die Gemeinden wurden dabei weise unterstützt. Unsere Gaben können gut in Projekte investiert werden, wo solche Waisenkinder sich durch Arbeit selbst versorgen können. Es gibt christliche Organisationen, die mit den einheimischen Gemeinden arbeiten und sie wirklich dabei unterstützen, sich um die Vaterlosen zu kümmern, um sie mit Arbeit für ihren Lebensunterhalt zu versorgen.
Der Fremde, der Flüchtling
Die Witwe hat ihren Mann verloren, die Waisen haben ihre Eltern verloren, aber der Flüchtling hat seine Heimat verloren.
Auch in dem Wort „Heim“ liegt etwas Heiliges. „Fremde“ bezieht sich in der Bibel auf Leute, die heimatlos nach Israel kamen, oft wegen Krieg, Verfolgung, Hungersnot oder Unruhen in ihrem eigenen Land. Manchmal zogen diese Fremden einfach durch, manchmal wollten sie auch bleiben. In beiden Fällen gebot der Herr dem Volk Israel die Fremden aufzunehmen. Wenn sie eine neue Heimat suchten, so war es die Verantwortung der Israeliten dafür zu sorgen, dass sie arbeiten und sich selbst versorgen konnten (wie im Buch Ruth).
Wahrscheinlich ist niemand so verloren und so verlassen wie die Flüchtlinge, die die Grausamkeit des Krieges und des Todes miterlebt haben. Jetzt suchen sie Zuflucht in einem Land, das nicht ihre Heimat ist. Viele von ihnen leben unter uns, in unserem eigenen Land. Gottes Herz ist erschüttert über solches Leid. Auch unser Herz sollte erschüttert sein. Unsere Mitarbeiter und unsere Gaben sollten unter diesen scheinbar Verlorenen und Vergessenen wirken.
Der Unterdrückte
Er ist der Gerechtigkeit beraubt. Wer versklavt ist, hat vielleicht genug zu essen und ein Dach über dem Kopf. Aber er wird von Gott auf die gleiche Stufe gestellt wie die leiblich Armen. Dazu gehören Prostituierte, die von ihren Zuhältern gefangen gehalten werden, Kinder, die zur Arbeit gezwungen oder als Sexsklaven verkauft werden, Gläubige, die wegen ihrem Glauben an den Herrn Jesus eingesperrt werden und wegen ihrem Zeugnis heftig verfolgt werden. Der Herr Jesus sagt, dass wir sie besuchen sollen. Wenn sie in einem anderen Land leben, sollten wir alles dafür tun, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Es gibt Christen, die sich zu Organisationen zusammengeschlossen haben, um solche Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Unsere Gemeinden sollten mit ihnen zusammenarbeiten, denn sie nehmen den Herrn beim Wort. Unsere Gaben können hier gut eingesetzt werden. Das liegt Gott sehr am Herzen.
Die wirklich Armen
Die wirklich Armen sind die Hungernden, die Durstigen und die Kranken.
„Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben dargelegt hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben darzulegen. Wer aber der Welt Güter hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit“ (1. Joh 3,16-18).
Wenn unsere Brüder und Schwestern verhungern und an Krankheiten sterben, können unsere reichhaltigen Mittel ihnen das Leben retten. Wenn wir aber nichts tun, so stellt der Apostel Johannes in Frage, ob wir überhaupt gerettet sind. Er fragt: „Wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?“
Die offensichtliche Antwort auf diese Frage ist: „Sie bleibt nicht in ihm.“ Wir haben nicht die Möglichkeit uns abzuwenden. Wir müssen handeln.
„…denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr tränktet mich; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir.“ (Mt 25,35-36)
Der Herr Jesus gab sein Leben für uns, als wir geistlich verloren waren. Wenn wir zu ihm gehören, werden wir handeln. Das betonen sowohl der Herr Jesus als auch der Apostel Johannes.
Wenn Gemeinden sich nicht um solche Angelegenheiten kümmern, hat der Herr strenge Worte für sie.