Gemeinde & Mission

Christi Vermächtnis: Friede, Freude und Sieg – Teil II

von Gooding David

(Auszug aus dem Buch „In der Schule Christi“ von David Gooding. Es handelt sich dabei um eine Auslegung zu Johannes 13 bis 17, die bei CLV erscheinen soll.)

Friede inmitten der Kämpfe und Stürme des Lebens

Nach dem Vermächtnis des Heiligen Geistes (Joh 14,25.26) verheißt der Herr den Jüngern Frieden. „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz werde nicht bestürzt, sei auch nicht furchtsam“ (14,27). Wir dürfen nicht mehr in dieses Vermächtnis hineinlegen als ursprünglich gemeint war, so wunderbar es auch ist. Manchmal hören wir, wie ein Christ diese Verse gegenüber einem anderen zitiert, als ob damit gemeint wäre, ein Christ dürfe zu keiner Zeit beunruhigt, bekümmert oder betrübt sein, als ob jeder Christ immer völlig gelassen sei. Christen, die von Kummer oder Enttäuschung überwältigt werden, meinen demzufolge, sie seien unwürdig. Und statt Trost durch die Verheißung unseres Herrn zu finden, vergrößert ihr (scheinbares) Versagen es zu verwirklichen ihren Kummer.

Deshalb müssen wir unbedingt daran denken, dass der Erlöser, der diese Worte gesagt hat, den Jüngern eine halbe Stunde vorher „im Geist erschüttert“ ankündigte, dass einer von ihnen ihn verraten wird (13,21). Er spricht offen davon, dass er „im Geist erschüttert“ war, und dennoch spricht er im nächsten Atemzug von seinem Frieden. Offensichtlich sieht er darin keinen Widerspruch. Kurz bevor er den Obersaal verlässt und im Garten Gethsemane sehr bestürzt und beängstigt wird, sagt er: „Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod“ (Markus 14,33-34). Dennoch dürfen wir nicht denken, dass der Friede, von dem er gesprochen hat, plötzlich durch seinen Kummer im Garten fortgespült wurde.

Nein, eigentlich hat er ihnen durch das Hinterlassen des Friedens nach orientalischer Sitte „Auf Wiedersehen“ gesagt und ihnen gleichzeitig seine Liebe, Treue und sein ewiges Anliegen für sie zugesichert. So konnten sie nach seinem Weggang absolut sicher sein, dass er sie nicht verlassen hat, sondern treu zu ihnen stehen wird. Durch ihr Vertrauen in seine Liebe und Treue werden sie einen tiefen Frieden in ihrem Herzen haben. Auch wenn die Oberfläche ihrer Emotionen durch Sturm und Wind aufgewühlt wird, wird dieser tiefer liegende Friede fest und sicher bleiben. Christus verweist darauf, dass er in diesem Sinn anders als die Welt ist. Die Welt ist bekannt für ihre Wankelmütigkeit und Untreue. Sie verspricht dir heute ihren Frieden und morgen hat sie dich vergessen oder verraten, ebenso wie Judas Christus verraten hat.

Die Welt hat in Wirklichkeit keine Grundsicherheit, denn die Welt ist per Definition ein Gedankengebäude und eine Lebensweise, die jedes Gottvertrauen verloren hat. Obwohl Gott den Menschen alle wunderbaren Dinge des Lebens geschenkt hat, ist Gott für sie eine Bedrohung, nicht eine Quelle der Sicherheit sondern der Unsicherheit. Sie sind wie das Kind, das aus dem Gefrierschrank die Eiscreme genommen hat, die die Mutter fürs Abendessen vorbereitet hat. Die Mutter beabsichtigte dem Kind das Eis zur geeigneten Zeit zu geben. Sie ging weg und sagte zum Kind, es solle die Eiscreme nicht nehmen, bevor sie zurück sei. Aber als die Mutter fort war, konnte das Kind der Verlockung nicht widerstehen und nahm das Eis. Anstatt sich nun auf die Rückkehr der Mutter zu freuen, empfindet es die Rückkehr als Bedrohung und mögliche Bestrafung. So sieht die Welt Gott. Seit Satan Eva versuchte, die Frucht entgegen Gottes Verbot zu nehmen, empfindet der gefallene Mensch Gott als Bedrohung und versucht deshalb, so viel Sicherheit wie möglich in sich selbst und in seiner kleinen Welt um sich herum zu finden. Er versucht sein Leben zu verbarrikadieren, um Gott vom Eindringen abzuhalten. Aber seine Welt ist sehr zerbrechlich. Sie ist umgeben von gewaltigen Naturkräften, die er nicht beeinflussen kann. Die leere Hülle seiner kleinen Welt kann durch Krankheit oder Unglück leicht einbrechen. Und der Tod steht immer vor der Tür, bereit einzutreten. Da der Mensch Gott nicht vertrauen kann, ist er letztlich der Auffassung, dass er seinem Mitmenschen nicht vertrauen kann. Er schwebt ständig am Abgrund der Unsicherheit. Die Welt hat keinen Frieden und kann letztlich keinen geben. Nur in Gott dem Schöpfer ist Rettung und Sicherheit und deshalb ist auch nur in Gott Frieden zu finden.

Eine niemals versiegende Quelle der Freude

Nun weist unser Herr die Jünger auf die Ursache unbegrenzter Freude hin. Sein Fortgang wird sich ihnen als Quelle der Freude und nicht des Kummers erweisen, wenn sie ihn richtig verstehen. Christus sagt: „Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und ich komme zu euch. Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28).

Natürlich müssen wir fragen, in welchem Sinn sein Fortgang sich als Quelle der Freude erweisen kann. Und wie er „der Vater ist größer als ich“ gemeint hat. Diese zwei Dinge sind miteinander verbunden. Seinem Wesen entsprechend war unser Herr eins mit dem Vater. Aber während seines irdischen Lebens war unser Herr seinem Vater nicht gleichgestellt, wie Paulus in Philipper 2 darlegt. Er hat sich freiwillig den Begrenzungen des menschlichen Körpers unterworfen, der zu jedem Zeitpunkt nur an einem Ort sein kann. Der Vater ist nicht auf diese Weise eingeschränkt. Außerdem konnte Christus, wie wir bereits gesagt haben, nicht in seinen Jüngern sein, während er auf den Körper aus Fleisch und Blut beschränkt war. Der Vater war nicht auf diese Weise eingeschränkt. Die Herrlichkeit des neuen Zustands liegt in zwei Dingen: Der Herr ging zum Vater mit allem, was das bezüglich der Verherrlichung seines menschlichen Körpers und der Befreiung von den Einschränkungen des irdischen Lebens bedeutete. Aber er ging nicht nur zum Vater: Er würde von Zeit zu Zeit zu ihnen kommen und dabei nicht länger darauf beschränkt sein zu einem Zeitpunkt nur an einem Ort zu sein oder jeweils nur bei einem Menschen. Wie der Vater würde er bei seinem ganzen Volk an jedem Ort und zu jeder Zeit gegenwärtig sein können – in seinem ganzen Volk überall, in jedem Augenblick und in jeder erdenklichen Lage.

Manchmal meinen wir, es wäre besser für uns, wenn wir den Herrn körperlich bei uns hätten, wie er während seines irdischen Lebens bei den Aposteln war. Aber das ist falsch. Es soll keine Beleidigung gegenüber den Aposteln sein, wenn wir an ihr Verhalten denken, das manchmal sehr zu wünschen übrig ließ, und zwar zu der Zeit, als der Herr körperlich unter ihnen anwesend war. Petrus‘ gröbstes Versagen beispielsweise ereignete sich nicht, nachdem der Herr die Apostel verlassen hatte und in den Himmel zurückgekehrt war, sondern während der Herr noch bei ihnen war. Wir sind nun eigentlich in einer unendlich besseren Situation als die Apostel damals. Der Herr ist uns nun näher, als er den Aposteln vor Golgatha je hätte sein können. Das ist möglich, indem er zum Vater ging und in seinem Geist zu uns kam. Und er ist beständig bei uns auf eine Weise, wie es für ihn nicht möglich war, als er physisch auf der Erde gegenwärtig war. Das ist per Definition eine Quelle der Freude, die uns niemals genommen werden kann.

Das alles muss für die Apostel ebenfalls sehr schwer zu verstehen gewesen sein. So schwer, dass wir uns vielleicht fragen, warum der Herr ihnen genau dies zu diesem Zeitpunkt erzählt hat. Aber das war mit weiser Absicht: „Und jetzt habe ich es euch gesagt, ehe es geschieht, damit, wenn es geschieht, ihr glaubt“ (14,29). Zu Pfingsten, wenn der Heilige Geist kommen und in ihnen Wohnung nehmen wird, werden sie sich daran erinnern, was der Herr ihnen im Obersaal gesagt hat, und ihr Glaube an ihn wird gestärkt werden. Sie werden immer wieder sagen: „Er hatte recht. Er sagte die Wahrheit. Es ist genau so geschehen, wie er es verheißen hat.“ Wir für unseren Teil werden mit der Zuversicht erfüllt, dass sich die Gemeinde nach dem Tod Christi all das Wunderbare, das wir in diesen Kapiteln gehört haben, nicht ausgedacht hat. Christus lehrte sie, während er noch hier auf der Erde war.

Eine Zusicherung des Sieges

Die letzten Minuten der ersten Kurshälfte sind angebrochen und bald wird unser Herr die Jünger bitten aufzustehen, den Obersaal zu verlassen und ihm in die Straßen Jerusalems zu folgen. Unser Herr wusste um den bevorstehenden Widerspruch, aber er wollte seine Jünger davor versichern, dass er des Sieges völlig sicher war. Ganz am Anfang der Lektionen über Heiligkeit (13,1-4) haben wir von seiner absolut festen Überzeugung gehört, trotz des Widerstands Satans die Heiligkeit seines Volkes zu beginnen und zu vollenden. Nun, nach der Hälfte der Lektionen, spricht er erneut davon: „Der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir“. Der folgende wütende Konflikt würde ihm nur noch wenig Zeit für weitere Unterhaltungen mit den Aposteln lassen. Aber sehen wir uns die Gründe für seine Siegessicherheit an. „Der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir; aber damit die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und so tue, wie mir der Vater geboten hat. – Steht auf, lasst uns von hier weggehen!“ (14,30.31)

Wir erkennen sofort, dass das Geheimnis seines Sieges die unbeirrbare und absolut feststehende Liebe des Vaters war. Nun reden wir gewöhnlichen Menschen oft und manchmal relativ leicht von unserer Liebe zu Gott, obwohl unser Verhalten unseren Liebesbeteuerungen oft widerspricht. Beim Erlöser war es anders. Seine Liebe zum Vater war beständig, vollkommen und echt. Dennoch lesen wir im ganzen Evangelium nur ein einziges Mal davon, dass unser Herr gesagt hat: „Ich liebe den Vater“. Dieses eine Mal ist hier. Das ist von Bedeutung. Denn nun war der Zeitpunkt gekommen, wo er vor der Welt und vor dem Himmel, der Erde und der Hölle zeigen musste, dass seine Liebe zum Vater vollkommen und unerschütterlich war.

Eva war im Garten Eden von all den Freuden umgeben, die Gott in seinem schöpferischen Einfallsreichtum und in seiner Liebe gegeben hat. Dort wurde sie irregeführt zu denken, dass Gott gegen sie war. Sie wählte die verbotene Frucht statt Gott und sein Wort. Sie liebte sich und die Welt mehr als den Vater. Nun traf unser Herr auf Satan, den Fürsten dieser Welt, der seine gesamte boshafte Macht einsetzen würde, um Christus alles zu nehmen, bis zum letzten Stofffetzen. Er würde ihm all das zufügen, was er niemals verdiente: Die Schmerzen und Qualen auf Golgatha, die Christus vermeiden hätte können, wenn er nur die Liebe zum Vater aufgegeben hätte. Aber der Fürst dieser Welt hatte nichts in Christus – keine Sünde, keine Schwachheit, die seinen Schmeicheleien oder Anfeindungen nachgab. Christus würde dem gesamten Universum zeigen, was er über den Vater dachte. Als er vor der Wahl stand zwischen den Königreichen dieser Welt mit all ihrer Pracht in Verbindung mit der Untreue zum Vater, und auf der anderen Seite die Treue gegenüber dem Vater gemeinsam mit all den Qualen, die diese Welt zufügt, wählte er das zweite. Seine Liebe zum Vater war unerschütterlich und unerschüttert.

Das ist Heiligkeit, und mit einem Mal wird uns bewusst, dass unser Herr, der uns bisher durch Gegenstandslektionen und Anschauungen Heiligkeit gelehrt hatte, kein bloßer Theoretiker noch ein von Gott befähigter Lehrer war. Er war die wahre Heiligkeit in Person. Wir haben früher gesehen, als wir betrachteten, wie unser Herr den Bissen an Judas reichte, dass wahre Heiligkeit nicht einfach im Halten von Regeln und Bestimmungen liegt. Wahre Heiligkeit ist die Hingabe des Herzens an Gott. Hier wird diese Heiligkeit in ihrer höchsten Herrlichkeit und als fantastisches Wunder vor unseren Augen dargestellt. Unser Herr lehrte nicht das eine und tat etwas anderes. Er war das, was er lehrte. Er tat das, wozu er seine Jünger ermahnte. Eines Tages wird unsere immer noch so unvollkommene Liebe vollkommen sein. Aber in der Zwischenzeit wird unsere Hoffnung jemals vollkommen heilig zu sein, in ihm gefunden, der uns liebte wie der Vater ihn liebte. In ihm, der uns liebte, als wir, anders als er, noch fehlerhaft und nicht liebenswert waren. Er wird uns auch nicht gehen lassen, bis seine Liebe uns zu dem gemacht hat, wozu er uns bestimmt hat.

Vor der allerersten Schulstunde und bevor der Herr seine Lektionen über Heiligkeit begann, schilderte uns Johannes kurz den Hintergrund der Umstände und der Haltung unseres Herrn gegenüber seinen Jüngern und seinen Lehren: „… da er die Seinen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende“ (13,1). Wenn wir nun anfangen zu verstehen, was diese heilige Liebe für ihn beinhaltete, können wir anfangen, die Vollkommenheit seines treuen Abschieds besser zu verstehen: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz werde nicht bestürzt, sei auch nicht furchtsam“. Denn eines Tages wird sein Sieg vollständig der unsere sein!