Gemeinde & Mission

Auf ihren Grund und Boden – Teil 10

von Short Tom

Tom Short ist Straßenevangelist und Autor von „Fragwürdig“. Hier ein Auszug aus seinem neuen Buch, worin er beschreibt, wie man das Evangelium auf die Wellenlänge der Verlorenen bringt. Der Originaltitel ist „Takin´ it to their Turf“.

Übersetzt von Veronika Sattlecker

 Auch wenn du nicht auf der Straße oder an einer Universität predigst, wird es dir Mut machen, was Tom schreibt. Du kannst das verwenden, wo auch immer du über das Evangelium redest. Fortsetzung folgt.

Ein Sprung ins kalte Wasser

Amsterdam

Die Initiative zu ergreifen, nach draußen zu gehen und mit einem Fremden über Christus zu sprechen, ist bei vielen Christen unbeliebt. Sie tun das selbst nicht gern und mögen es auch nicht, wenn andere es tun.
Einige Christen (einschließlich vieler Pastoren) glauben nicht, dass diese Art der Evangelisation funktioniert. Andere fühlen sich unwohl, weil sie denken, dass es unhöflich ist und zu viele soziale Normen verletzt. Für sie ist es in Ordnung, Leute in die Gemeinde einzuladen oder mit einem Freund über das Evangelium zu sprechen. Aber mit Fremden über Religion zu reden liegt zu weit außerhalb ihrer Komfortzone.
Auf der Straße zu evangelisieren mag manchen Leuten zwar unangenehm sein, aber offensichtlich nicht so unangenehm, als sich mir gegenüber verantworten zu müssen, wenn sie es nicht tun. Ich weiß nicht, warum sie so empfinden. Ich neige nicht dazu, die Leute damit zu konfrontieren, aber es sollte sich zeigen, dass ich einen gegenteiligen Ruf genieße.

Ich befand mich auf einer Vortragsreise in Europa und plante, mir in einer bestimmten Stadt ein paar Sehenswürdigkeiten anzusehen. In diesem Zusammenhang wollte ich eine Gemeinde besuchen, in der ich den früheren Pastor kannte. Der neue Pastor erfuhr, dass ich kommen würde; er hatte schon vorher von mir gehört. Überzeugt davon, dass ich ihn in Sachen Evangelisation herausfordern würde, beschloss er, einen Nachmittag lang in einem Park in der Stadt zu evangelisieren. Er erwartete nicht, dass etwas Gutes passieren würde; er wollte einfach eine Antwort haben, falls ich ihn danach fragen sollte. Er nahm einen Begleiter mit und ging auf eine junge Frau zu, die sich im Park erholte. Zögerlich begann er ein Gespräch mit der Fremden und stellte ihr einige vorbereitete Fragen einer Umfrage, die darauf abzielten, ein Gespräch über das Evangelium zu beginnen. Es stellte sich heraus, dass sie Atheistin war, und ihre erste Reaktion war nicht positiv. Es dauerte jedoch nicht lange, bis das Gespräch sehr gehaltvoll wurde. Sie unterhielten sich dann fast eine Stunde lang. Am Ende sagte die junge Frau: „Es war wirklich cool, dieses Gespräch zu führen. Machen Sie das oft?“ Der Pastor und sein Begleiter mussten zugeben, dass dies das erste Mal seit Jahren war, dass sie ein solches Gespräch begonnen hatten. „Das sollten Sie öfter machen“, meinte sie. „Die Leute müssen sich wirklich über solche Dinge unterhalten!“ Der Pastor musste über ihre Ermahnung schmunzeln und er genoss es, mir diese Geschichte zu erzählen, als ich in der folgenden Woche in die Stadt kam.

Darf ich dich in ein Geheimnis einweihen? Fast niemand evangelisiert gern auf der Straße – zumindest bis er es wirklich tut! Es ist erstaunlich, wie oft ein völlig Fremder sich dir gegenüber öffnet, mit dir über persönliche Gefühle redet und sich sogar von seiner verletzlichen Seite zeigt. Menschen denken über Gott nach und wollen mit jemandem über Ihn reden, aber sie sind genauso überzeugt wie wir, dass es gesellschaftlich inakzeptabel ist in der Öffentlichkeit über Ihn zu reden!
Für mich kommt es ganz darauf an, wie man anfängt. Wenn man erst einmal im Gespräch ist, ist es großartig. Aber wie bricht man das Eis? Eine vorgedruckte Umfrage oder ein paar gute Einleitungsfragen können helfen ein Gespräch in Gang zu bringen. Natürlich ist es auch hilfreich, von Natur aus kontaktfreudig zu sein. Aber ich bin überzeugt, dass es für die meisten von uns, mich eingeschlossen, gar nicht einfach oder natürlich ist ein Gespräch über Gott zu beginnen. Ich denke oft, dass der Beginn eines evangelistischen Gesprächs so ist, als ob man schwimmen geht. Wie kommt man an einem heißen Sommertag ins Schwimmbecken? Wenn man jung und sorglos ist, springt man einfach hinein und genießt es. Wenn du erwachsen bist und dich etwas reifer verhältst, dann bist du durchaus vorsichtiger. Du schaust dir das Wasser an, testest es mit dem großen Zeh, gehst zu verschiedenen Stellen des Beckens und versuchst zu erkennen, wo das Wasser am wärmsten ist. Die Jüngeren planschen herum, haben viel Spaß und drängen dich dazu mitzumachen, aber du und ich sind viel zu kultiviert dafür. Also laufen wir herum, beobachten und berechnen die Kosten für einen Sprung ins kalte Wasser.
Nach einer Weile kommen wir zu dem Schluss, dass es keinen einfachen Weg gibt, langsam ins Wasser zu gleiten. Wir müssen hineinspringen. Also wagen wir den Sprung und unsere Befürchtungen, dass das Wasser kalt ist, bestätigen sich. Wir zittern und stoßen einen kleinen Schrei aus. Aber dann beginnen wir uns an die Wassertemperatur zu gewöhnen. Das Wasser fühlt sich immer besser an. Die ganze Erfahrung wird tatsächlich recht angenehm und wir wünschen uns, wir wären früher hineingesprungen.
Genauso ist es, wenn wir ein geistliches Gespräch beginnen. Anfangs ist das etwas unangenehm, aber wenn wir erst einmal in Gang gekommen sind und uns daran gewöhnt haben, wird es wunderbar. Wir denken dann, dass wir das viel öfter tun sollten. Mein lieber Freund und Leser, komm´ doch rein! Das Wasser ist großartig! Du wirst es genießen!

Keine Sekunde Langeweile
Virginia Tech University

Andrew war ein 22-jähriger Physikstudent an der Virginia Tech University. Er war ziemlich clever und offensichtlich intelligent. Er war Atheist.
Kurze Zeit nachdem ich anfing zu predigen, stellte er die erste Frage des Nachmittags.
„Wenn Christen daran glauben, dass Christus bald wiederkommt, und dass es das Wichtigste ist, Menschen für den Himmel zu gewinnen, warum sollten sie sich dann darum kümmern, was hier auf der Erde passiert? Woher käme die Motivation sich um die Umwelt zu kümmern, sich für den Frieden zu engagieren, Krankheiten zu heilen oder sich für irgendwelche guten Dinge hier einzusetzen?“[1]
Das war eine gut durchdachte Frage – die erste von vielen, die er an diesem Tag stellte. Jedes Mal hörte er sich meine Antwort aufmerksam an und dachte über das nach, was ich gesagt hatte. In manchen Fällen stimmte er mir zu, in anderen nicht, doch er blieb die ganze Zeit höflich und respektvoll.
Etwa um fünf Uhr nachmittags forderte ich ihn auf: „Erzähl mir doch, wie du Atheist wurdest!“
„In meiner Kindheit ging ich regelmäßig mit meiner Familie in die Kirche. Doch als ich etwa 14 Jahre alt war, beschloss ich, dass das alles keinen Sinn für mich machte. Ich glaubte nicht und wurde Atheist. Seitdem bin ich nicht mehr in die Kirche gegangen.“[2]
„Warte mal“, sagte ich etwas ungläubig. „Du warst seit acht Jahren in keiner Kirche und doch bist du hier die letzten fünf Stunden gesessen und hast mir zugehört?“
„Nun, du bist interessant!“, sagte er.
Diese Worte waren eines der nettesten Komplimente, die ich je erhalten hatte und eine der treffendsten Anklagen gegen viele moderne Kirchen, die, um ehrlich zu sein, ziemlich langweilig sind. Schon lange denke ich, dass es nichts Schlimmeres gibt als einen langweiligen Lehrer von Gottes Wort. „Gottes Wort ist lebendig.“ (Hebräer 4,12). „Es macht uns sehend und erquickt die Seele.“ (Psalm 19, 8-9). Es ist wie Wasser für die Durstigen und Brot für die Hungernden. Als Jesus zu den Menschen redete „und ihnen die Schriften öffnete, da brannte ihr Herz in ihnen.“ (Lukas 24,32). Wenn du dich langweilst, wenn die Bibel gelehrt wird, dann liegt das nicht an der Bibel. Der Fehler liegt dann ganz klar beim Lehrer.
In den ersten Jahren meines Predigtdienstes an der University of Maryland erkannte ich, dass ich mir nie eine Sekunde Langeweile leisten durfte, um die Zuhörermenge nicht zu verlieren. Manche Studenten schwänzten ihre Kurse, um mir zuzuhören. Manchmal kamen sie zu spät zur Arbeit oder zu einer Verabredung, um bei der Predigt dabei zu sein. Heute gibt es so viele Dinge, die die Studierenden online oder mit ihren Handys tun können, wenn sie sich beim Zuhören langweilen.
Die Bibel ist relevant. Prediger müssen nicht den letzten Film oder die aktuelle Hitliste kennen, um relevant zu sein. Sie müssen nur das ansprechen, worüber die Menschen nachdenken, und ehrliche, direkte Antworten aus Gottes Wort geben. Wie kommt es, dass ich die Aufmerksamkeit junger Leute tagtäglich für mehrere Stunden aufrechterhalten kann, wenn dieselben Leute Probleme haben, einer 30-minütigen Predigt zu lauschen? Die Antwort ist einfach und Andrew hatte recht: „Du bist interessant.“ Hier ist also mein Tipp an alle Prediger und Bibellehrer auf der ganzen Welt: „PREDIGE SO, ALS OB DU WIRKLICH GLAUBEN WÜRDEST, DASS DIE BIBEL DAS LEBENDIGE WORT GOTTES IST!“


[1]Obwohl es verschiedene theologische Denkweisen darüber gibt, wie sehr sich Christen investieren sollten, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, ist die einfache Antwort auf Andrews Frage, warum sich Christen um vergängliche Dinge kümmern sollten: „Weil wir andere Menschen lieben.“

[2]Ich habe schon unzählige Atheisten gefragt, wann sie aufhörten an Gott zu glauben. Die Mehrheit gab an, dass das im Alter zwischen 14 und 15 Jahren geschah. Das ist auch das Alter, in dem Gott für viele Gläubige real und persönlich wurde. Wenn du selbst Kinder hast oder mit Jugendlichen arbeitest, dann unterschätze nicht die Wichtigkeit dieser Altersgruppe! Lege die Messlatte für diese Kinder hoch – ziele nicht nur darauf ab, sie zu unterhalten oder sie von Problemen fernzuhalten. Du kannst sie auf einem tieferen, geistlichen Niveau herausfordern. Vielleicht ist das deine letzte Möglichkeit!