Den ganzen Ratschluss Gottes verkündigen
Auszug aus dem Buch „Reißende Wölfe kommen“, das bei der Christlichen Verlagsgesellschaft erschienen ist, mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Es ist eine lebendige Auslegung der Rede des Paulus an die Ältesten in Ephesus, aber wir denken, dass nicht nur Älteste sondern ihr alle Gewinn davon haben werdet.
„Und nun siehe, ich weiß, dass ihr alle, unter denen ich umhergegangen bin und das Reich gepredigt habe, mein Angesicht nicht mehr sehen werdet. Deshalb bezeuge ich euch am heutigen Tag, dass ich rein bin vom Blut aller; denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen.“ (Apg 20,25-27)
Die Verantwortung des Wächters, das Wort des Herrn weiterzugeben
In der Vergangenheit hatten die Ältesten von Ephesus oft gehört, wie Paulus das Evangelium von der Gnade Gottes und dem Reich Gottes öffentlich verkündigt hatte. Aber jetzt würde sich das alles ändern, denn er sagt ihnen, dass sie sein „Angesicht nicht mehr sehen“ würden. Er würde nicht mehr bei ihnen sein, um sie zu belehren oder ihnen einen persönlichen Rat zu geben.
Auf diese entscheidende Aussage folgt die Konjunktion „deshalb“ (V. 26). Weil sie sein Angesicht nicht wiedersehen werden, „deshalb“ bezeugt er ihnen feierlich, dass er „rein [sei] vom Blut aller“. Trotz seines Weggangs wäre Paulus unschuldig an ihrem geistlichen Tod, falls jemand von den Menschen, die er belehrt hatte, in seinen Sünden umkäme. Wenn jemand von ihnen später nicht in der Lage war, die Gemeinde Gottes vor häretischen Lehren zu schützen, war das nicht Paulus’ Schuld. Denn er hatte es nicht versäumt, ihnen bei seinem Aufenthalt das ganze Wort des Herrn zu verkünden.
Der Wächter auf der Mauer
Die Vorstellung, „rein vom Blut aller zu sein“, geht auf das alttestamentliche Bild des Wächters auf der Stadtmauer zurück. In der Antike gab es noch keine Weltraumsatelliten oder Radarsysteme zur Überwachung einer Stadt. Der Wächter einer Stadt war für die Warnung vor Eindringlingen verantwortlich. Er hatte die Aufgabe, sorgfältig zu beobachten und zu lauschen, ob eine Gefahr drohte, und dann Alarm zu schlagen und die Menschen zu warnen, damit sie sich wehren konnten.
Stellen Sie sich vor, eine Invasionsarmee nähert sich im Dunkel der Nacht unbemerkt einer kleinen Stadt, um sie auszuplündern und ihre Bewohner zu entführen oder zu töten. Aber der Wächter schläft tief und fest oder ist mit einer banalen, persönlichen Angelegenheit beschäftigt. Als die Armee die Stadt überfällt, wird kein Alarm ausgelöst, und die Menschen werden im Schlaf getötet. Wer ist für diese Katastrophe verantwortlich? Der unaufmerksame Wächter ist verantwortlich für den Tod (= das Blut) all derer, die umkommen. Seine Strafe dafür, dass er eingeschlafen ist und nicht Alarm geschlagen hat, ist sein eigener Tod (= sein Blut).
Das Bild des Wächters
Das Bild des Wächters benutzte Gott, als er zum Propheten Hesekiel sprach: „Dich nun, Menschensohn, habe ich als Wächter für das Haus Israel eingesetzt. Du sollst das Wort aus meinem Mund hören und sie vor mir warnen. Wenn ich zu dem Gottlosen sage: „Du Gottloser, du musst sterben!“, du aber redest nicht, um den Gottlosen vor seinem Weg zu warnen, so wird er, der Gottlose, um seiner Schuld willen sterben; aber sein Blut werde ich von deiner Hand fordern. Wenn du jedoch den Gottlosen vor seinem Weg warnst, damit er von ihm umkehrt, er aber von seinem Weg nicht umkehrt, so wird er um seiner Schuld willen sterben; du aber hast deine Seele gerettet.“ (Hes 33,7-9; siehe auch 3,17-21; 33,1-6)
In Apostelgeschichte 18 lesen wir über Paulus in Korinth:
„…wurde Paulus durch das Wort gedrängt und bezeugte den Juden, dass Jesus der Christus sei. Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme auf euren Kopf! Ich bin rein; von jetzt an werde ich zu den Nationen gehen.“ (Apg 18,5-6)
Ein unschuldiger Mann: Wie der Prophet Hesekiel hatte Paulus den Menschen die Heilsbotschaft des Herrn treu verkündigt und gelehrt. Es klebte keine Blutschuld an seinen Händen. Er konnte vor Gott und vor den Ältesten in Ephesus feierlich bezeugen, dass er „rein“ sei am Blut aller. Niemand hätte Paulus vorwerfen können: „Du hast mir das Wort des Herrn nicht gesagt.“
Wachsam: Paulus war ein aufmerksamer Beobachter, der sowohl öffentlich als auch privat lehrte (V. 20) und „sowohl Juden als auch Griechen die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus bezeugte“ (V. 21). Er erfüllteden „Dienst“, den er von dem Herrn Jesus empfangen hatte, „das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen“ (V. 24). Die Ältesten in Ephesus hatten schon oft gehört, wie er allen Menschen mutig das Reich Gottes verkündigt hatte (V. 25). Obwohl diese Gemeindeleiter sein Angesicht bald nicht mehr sehen würden, konnten sie nicht später behaupten, dass sie nicht vor den Gefahren gewarnt worden wären. Sie hatten von Paulus die volle Botschaft von Gottes Erlösung in Christus gehört, er hatte sie gründlich auf ihre Aufgabe als Hirten vorbereitet.
Älteste müssen bereit sein, über Gottes Herde zu wachen
Wenn sie ihrer Gemeinde nicht die gesamte Botschaft Gottes weitergeben, wird das
Blut dieser Menschen von ihnen eingefordert werden. Wenn sie Gottes Botschaft aus Furcht oder einem anderen Grund verfälschen, laden sie eine Blutschuld auf sich.
Sie haben die ernste Verantwortung, allen, die ihnen anvertraut sind, die vollständige Botschaft des Evangeliums zu verkünden. Sie sind dafür verantwortlich Alarm zu schlagen,
wenn gefährliche Wölfe auftauchen. Sie sind die von Gott beauftragten Wächter und werden eines Tages vor ihm stehen, um Rechenschaft über ihren Dienst als Wächter seiner Herde abzulegen:
„Gehorcht und fügt euch euren Führern! Denn sie wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft geben werden, damit sie dies mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn dies wäre nicht nützlich für euch.“ (Hebr 13,17)
Blinde Wächter: Der Prophet Jesaja beklagte sich vehement über Israels unfähige Führer. Er nannte sie blinde, ignorante, faule und schlafende Wächter (Jes 56,9-11).
Ein blinder Wächter ist genauso nutzlos wie ein blinder Rettungsschwimmer. Ein unfähiger Hirte ist ebenso unbrauchbar. Die Gläubigen werden entweder von hungrigen Wölfen gefressen werden oder an Unterernährung sterben. „Seine Wächter sind blind, sie alle erkennen nichts. Sie alle sind stumme [Wach]Hunde … Und das sind Hirten! Sie kennen keine Einsicht.“ (Jes 56,10-11)
Den Begriff neu beleben: Heutzutage verwendet man in den Erörterungen über den Ältestendienst das Bild des Wächters normalerweise nicht mehr. Aber wir müssen dieses Konzept wiederbeleben, denn es vermittelt ein sehr treffendes Bild von der Aufgabe, die allen Ältesten als Hirten zukommt: andere vor den geistlichen Gefahren zu schützen, die die Seele bedrohen. Wir müssen mehr über uns als Wächter der Herde des Herrn sprechen und darüber, was das bedeutet. Wie könnte dieses Denken unseren Dienst beeinflussen?
Sie wurden vom Heiligen Geist beauftragt Wächter zu sein, denn der Geist weiß, dass „gierige Wölfe“ immer auf der Lauer nach verwundbaren Schafen sein werden. Paulus ist unser Vorbild. Er war ein treuer Wächter, der zu den Ältesten der Gemeinde sagen konnte, dass er „drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört [hat], einen jeden unter Tränen zu ermahnen!“ (V. 31).
Den ganzen Ratschluss Gottes verkündigen
Wir kommen nun zu einer der wichtigsten Aussagen der gesamten Rede. Der Grund, warum Paulus mit solcher Zuversicht behaupten kann, dass er „rein … vom Blut aller“ sei, ist: „Denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkünden“ (V. 27). Die Konjunktion „denn“ leitet eine Begründung ein: Paulus war unschuldig an ihrem Blut, weil er konsequent und gewissenhaft „den ganzen Ratschluss Gottes“ gelehrt hatte.
Dies ist das zweite Mal, dass Paulus diesen Aspekt hervorhebt, und es ist ein wichtiger Kernpunkt seiner Botschaft. Zuvor erinnerte er die Ältesten daran, dass er in seiner Verkündigung „nichts zurückgehalten habe von dem, was nützlich ist“. Hier in Vers 27 wiederholt er: „Denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkünden.“ Paulus war sehr gründlich darin, als es darum ging, der Gemeinde und ihren Leitern den ganzen Ratschluss Gottes zu verkünden. Er hielt keine Lehre zurück, die für die theologische Unterweisung der Ältesten und ihre vollständige Vorbereitung auf ihre Aufgabe, den ganzen Ratschluss Gottes zu bewahren und zu lehren, nützlich war.
Der „ganze“ Ratschluss: Dem bestimmenden Ratschluss Gottes ist das bedeutsame kleine Wort „ganz“ oder „vollständig“ vorgesetzt. Es ist der vollständige Plan und Vorsatz Gottes, den Paulus lehrte. Er schreckte nicht davor zurück alles zu lehren, was die Ältesten in Ephesus über den souveränen göttlichen Plan und Vorsatz Gottes wissen mussten. Er lehrte nicht nur Teile des Plans Gottes, betonte nur seine Lieblingswahrheiten oder ging nur auf die unanstößigen Aspekte ein. Er erklärte den „ganzen“ Plan Gottes, alles, was „nützlich“ war.
Paulus behauptet hier etwas sehr Wichtiges. Ein solch gründliches Lehren des gesamten Plans Gottes würde mit dazu beitragen, falsche Lehrer davon abzuhalten, später zu behaupten, nur ihnen seien die geheimen Lehren des Paulus bekannt, die er anderen wohl nicht offenbart habe, als er in Ephesus war. Aber es gibt keine Geheimlehren des Paulus. Paulus hatte allen, die hören und glauben wollten, den ganzen Ratschluss Gottes verkündet, nämlich genau das Evangelium, das er vom Herrn Jesus Christus gelehrt bekommen hatte.
Der säkulare Tsunami
Infolge unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft, unseres hektisch-überladenen Lebensstils und des Eindringens der allgegenwärtigen Unterhaltungsindustrie in unsere Häuser ist die Bibel vielen Menschen fremd geworden. Die meisten Menschen kennen nicht die ganze Geschichte der Erlösung, vom Anfang der Bibel bis zu ihrem Ende. Sie haben keine Ahnung, wie die Bücher der Bibel zusammenhängen. Sie wissen kaum, wer Abraham, Mose, David oder Jeremia war oder welche Bündnisse Gott mit ihnen geschlossen hat. Daher verstehen oder schätzen sie die meisterhaft geschriebenen Briefe an die Römer, Galater und Hebräer nicht.
Hollywood kontra Heilige Schrift: Unsere jungen Leute kennen sich besser mit Hollywood-Stars und Filmen aus als mit den gottesfürchtigen Patriarchen des Alten Testaments oder mit dem irdischen Leben Christi. Das ist leider eine Tatsache! Sie sind so säkularisiert, dass ihr geistliches Unterscheidungsvermögen abgestumpft ist. Wenn unsere Jugendlichen die Heilige Schrift lesen, dann durch die Brille eines säkularen Dogmas und nicht mit einem Geist, der auf die Autorität und Wahrheit der von Gott eingegebenen Schrift vertraut.
Ein säkularer Tsunami spült über unsere Kirchen und Gemeinden und unsere jungen Menschen hinweg, der nächsten Generation von Verantwortungsträgern! Als Gottes Wächter müssen Sie Alarm schlagen, damit sie nicht weggeschwemmt werden. Wenn wir unsere Leute nicht vor dieser säkularen Flutwelle warnen, werden wir für ihr Blut geradestehen müssen. In unserer Gemeinde hängt im Jugendraum ein Poster mit folgendem Text: „Wenn wir unsere Kinder nicht lehren, Christus zu folgen, wird die Welt sie lehren, es nicht zu tun.“ Dies ist eine treffende Warnung, die wir alle beherzigen sollten.
Wie zu keiner anderen Zeit in der modernen Geschichte müssen wir unsere Geschwister immer wieder ermutigen, täglich in der Heiligen Schrift zu lesen, sie allein oder in Gruppen zu erforschen und sie auswendig zu lernen. Das Wort Gottes ist das lebenserhaltende, göttliche Brot des Himmels, das uns ernährt.
Als Jesus in der Wüste war, wollte der Teufel ihn mehrmals dazu verführen, dem Willen Gottes ungehorsam zu sein. Aber jedes Mal widerlegte Jesus den Teufel mithilfe der Heiligen Schrift.
Jeder Versuchung, von Gottes Willen abzuweichen, begegnete er mit „Denn es steht geschrieben“. Wir müssen das Gleiche tun.
Beherzigen Sie den guten Rat von A. W. Tozer. Er warnt uns vor allem, was uns vom Lesen und Studieren von Gottes Wort abhält:
„Alles, was mich von der Bibel abhält, ist mein Feind, wie harmlos es auch erscheinen mag. Was immer meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, wenn ich eigentlich über Gott und die ewigen Dinge nachdenken sollte, schadet meiner Seele. Lass die Sorgen des Lebens die Schrift aus meinem Geist verdrängen, und ich habe einen Verlust erlitten, wo ich es mir am wenigsten leisten kann. Lass mich irgendetwas anderes anstelle der Schrift anerkennen, und ich bin betrogen und beraubt worden zu meiner bleibenden Verwirrung.“