Auf ihren Grund und Boden – Teil 4
Tom Short ist Straßenevangelist und Autor von „Fragwürdig“. Hier folgt ein Auszug aus seinem neuen Buch, worin er beschreibt, wie man das Evangelium auf die Wellenlänge der Verlorenen bringt. Der Originaltitel ist „Takin´ it to their Turf“.
Übersetzt von Veronika Sattlecker.
Auch wenn du nicht auf der Straße oder an einer Universität predigst, wird dir Mut machen, was Tom schreibt. Du kannst das verwenden, wo auch immer du über das Evangelium redest. (Fortsetzung folgt)
An der Michigan State Universität
Eine der effektivsten Strategien des Teufels ist es uns zu entmutigen und uns glauben zu lassen, dass unsere Arbeit umsonst ist. Eines Tages versuchte ein junger Mann diese Taktik an mir, aber erst nachdem seine intellektuellen Argumente nicht mehr wirkten.
Vor der Wells Hall am Campus der Michigan State Universität hatte sich eine beachtliche Menge versammelt, als ein junger Mann aus dem Gebäude marschierte. Er schien auf Konfrontation aus zu sein. Er wartete nicht lange, um etwas von der Diskussion mitzubekommen, sondern warf sofort eine Anschuldigung in die Menge.
„Ich sehe, dass Sie eine Bibel in der Hand halten“, rief er frech und selbstsicher. „Aber Sie wissen doch nicht, was wirklich darin steht.“
„Wie kommst du da drauf?“, fragte ich.
„Nun, ich wette, Sie kennen nicht den originalen lateinischen Text, oder?“
„Natürlich nicht“, antwortete ich. „Denn das Original wurde nicht in Latein geschrieben. Das Alte Testament wurde in Hebräisch, das Neue Testament in Griechisch geschrieben!“ Der arme Kerl stutzte. Er war sichtlich vor den Kopf gestoßen, denn nun wussten alle, dass er keinen Schimmer hatte, wovon er sprach.
Also fuhr ich fort und sprach über die Entstehung und Übersetzung der Bibel. Ich erklärte, dass die besten Gelehrten mehr Aufwand betrieben hatten uns eine genaue Übersetzung der Bibel vorzulegen als für jedes andere Buch, das jemals geschrieben wurde und dass es mehr Abschriften der frühen biblischen Manuskripte gibt als von jedem anderen antiken Buch. Es stimmt – nach 2.000 Jahren existieren die Originale nicht mehr, doch die Beweise, die wir haben, um unsere heutige Bibel zu untermauern, sind überwältigend.
Doch dieser Gegner ließ sich nicht von den Fakten überzeugen und ich denke, dass er nicht glücklich darüber war, dass ich wusste wovon ich sprach. Also versuchte er eine andere Taktik. „Das ist verrückt, dass Sie sich hierher stellen und über dieses Zeug reden. Ihnen hört doch niemand zu! Glauben Sie, dass das wirklich funktioniert?“
Bevor ich antworten konnte, ergriff ein Student, der neben ihm stand, das Wort. „Nun, bei mir hat’s funktioniert“, sagte er.
Ziemlich schockiert und beunruhigt starrte der Zwischenrufer ihn an und fragte: „Was meinst du damit?“
„Vor etwa zwei Jahren stand ich hier und widersprach Tom mit ähnlichen Dingen wie du gerade eben“, antwortete er. „Tom beantwortete alle meine Fragen. Als ich gerade gehen wollte, fragte er, ob er für mich beten dürfe. Ich sagte, das wäre in Ordnung. Er kam zu mir und betete für mich, dass ich Gott, Seine Liebe und Seine Vergebung kennen lernen würde. In den folgenden Tagen nach diesem Gebet traf ich immer wieder auf Christen, die mir halfen, Gottes Gnade zu verstehen. Kurz danach übergab ich Jesus mein Leben. Ich folge Christus nun seit zwei Jahren und es ist wunderbar. Und alles hat mit Toms Gebet hier vor zwei Jahren begonnen.“
Ich kann mich nicht genau an das Gebet erinnern, doch ich weiß, dass Gott Gebet beantwortet und dass er in den Herzen derer arbeitet, die ernsthaft nach Ihm suchen. Ich hoffe, dass dieses mutige Zeugnis auch dem Zwischenrufer zeigt, dass es „bei ihm funktionieren“ kann.
„Solange Sie nicht wissen, wer ich bin …“
An der Universität von Nord Florida
Wenn ich am Campus predige, gibt es nie einen langweiligen Tag, aber manche Tage sind dramatischer als andere. Davon wusste ich nur wenig, als ich im Frühling 1998 begann an der Universität von Nord Florida zu predigen. Doch es dauerte nicht lange, bis ich das herausfand.
„Die Bibel ist doch ein Haufen *#$@&%”, schrie ein bedürftig aussehender Mann mittleren Alters. „Das ist Pornographie! Wo sonst kann man Geschichten von Männern wie Lot lesen, die ihre Töchter *&%$#@#?!“ Seine zornige, boshafte und profane Schimpftirade gegen die Bibel dauerte mehrere Minuten. Obwohl das große Aufmerksamkeit erregte und mich im Vergleich ziemlich gut dastehen ließ, konnte ich ihn nicht länger schimpfen lassen. Dieser Zwischenrufer brauchte eine Zurechtweisung und zwar dringend!
„Wie wagen Sie es so zu sprechen! Sie müssen Buße tun“, warnte ich. „Lassen Sie sich nicht täuschen; Gott lässt sich nicht spotten! Was der Mensch sät, das wird er ernten.“
Ich bin mir sicher, dass ich ihn noch mit weiteren Worten ermahnt habe und ich weiß, dass er mir ein paar Phrasen entgegenschrie, die ich glücklicherweise schon lange vergessen habe. Die meisten Zwischenrufer bleiben eine Weile, aber nach etwa 15 Minuten gab er eine letzte Schimpftirade von sich und stapfte davon. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte!
Ungefähr drei Stunden später kam er zurück, diesmal gefasster. Mein Freund Matt Sherman war gerade dabei zu predigen und der Störenfried fragte, ob er persönlich mit mir sprechen könne. Er stellte sich unter dem Namen David vor und sagte recht demütig: „Ich schulde Ihnen eine Entschuldigung. Ich habe den Bogen weit überspannt und hätte solche Dinge nicht sagen sollen.“ Ich sah, wie ernst er es meinte und hatte ihm schon vergeben. „Ich habe aber jetzt eine andere Frage“, sagte David. „Denken Sie, dass Gott mich lieben kann?“ Über die Liebe Gottes hatte ich schon unzählige Male gepredigt und so gab ich ihm einige meiner Standardantworten zu diesem Thema. Doch David suchte nicht nach einer einfachen Antwort. „Sie haben kein Recht das zu sagen, solange Sie nicht wissen, wer ich bin“, sagte er merkbar gereizt. Sein Tonfall erschreckte mich und so blieb nur eine mögliche Antwort: „Wer sind Sie?“ Ich fand heraus, dass David anders war als alle Menschen, die ich zuvor getroffen hatte. Er erzählte seine schmerzliche Geschichte:
„Als ich 17 Jahre alt war, übergab ich mein Leben Jesus Christus. Kurz darauf erzählte ich öffentlich von meiner Bekehrung in verschiedenen Gemeinden. Ich hatte es drauf, Menschen zu bewegen. Sie sagten, dass ich zum Predigen bestimmt sei. Doch dann [David hielt inne, um zu zeigen, dass sich hier alles ändern würde] wurde ich nach Vietnam geschickt. In Vietnam tötete ich Menschen. Ich tötete Frauen und Kinder. Ich saß in einem der letzten Helikopter die Saigon[1] verließen und blickte auf die Menschen, die wir zurücklassen mussten. Wir hatten ihnen versprochen sie mitzunehmen. Ich weiß, dass sie kurz darauf eingesperrt, gefoltert und getötet wurden.
Als ich von Vietnam nach Hause kam, beendete ich mein Studium an der Bibelschule. Ich wurde Pastor und schwang gewichtige Predigten. Doch die Erinnerungen an Vietnam verfolgten mich. Ich konnte nicht damit umgehen und so stand ich eines Tages vor der versammelten Gemeinde auf und verkündete, dass ich nicht mehr an Jesus, das Christentum oder Gott glaubte. Ich lehnte all das ab und rief sie dazu auf, es mir gleichzutun. Nach dieser Ankündigung stieg ich von der Kanzel und marschierte an den Gemeindegliedern vorbei zur Tür hinaus. Das war vor zwölf Jahren, seitdem war ich nie wieder in einer Kirche. Ich frage Sie also noch einmal: Kann Gott mich lieben?“
Ich spürte, dass es das erste Mal war, dass David jemandem seine Geschichte erzählt hatte, und er ging ein großes Risiko ein, sie ausgerechnet mir zu erzählen. Plötzlich kamen mir Szenen aus der Fernsehserie „Ein Hauch von Himmel“ aus den 1990ern in den Sinn, in denen Monica[2] versucht, jemanden von der Liebe Gottes zu überzeugen. Ich wusste, dass wir auch hier ein Wunder aus dem Himmel benötigen würden.
„David, Gott sagt uns, dass Er die Welt so sehr geliebt hat, dass Er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an Ihn glaubt nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe (Johannes 3, 16). Du würdest die Verdammnis verdienen für das was du getan hast, doch Gott liebt dich. Sein Sohn starb, damit dir vergeben werden kann.“ Ich spürte, wie ich langsam zu ihm durchdrang, doch es würde nicht einfach werden, einen Mann zu erreichen, der sein Herz über zwölf Jahre hinweg verhärtet hatte. Also fuhr ich fort: „Jesus hat gesagt, dass Er nicht gekommen ist, die Gerechten zu rufen, sondern Sünder zur Buße. Er ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist (Lukas 19,10). David, ich würde sagen, das trifft auf dich zu.“ Seine Lippen formten sich langsam zu einem Lächeln und Tränen standen ihm in den Augen.
„Paulus erzählt uns, dass er der Erste der Sünder war, und doch rettete Gott ihn“, erklärte ich. „Und da ist natürlich der Mann, nach dem du vielleicht benannt bist, König David; er war ein Ehebrecher und wurde zum Mörder, um seine Spuren zu verwischen. Und doch, als er Buße tat, erneuerte Gott sein Herz und seinen Geist (Psalm 51, 12).“ Leise wartete ich, dass diese Wahrheiten in David zu sickern begannen. In seiner Seele tobte ein Kampf – ein Kampf zwischen Satan und Gott um das Herz und die Ewigkeit dieses Mannes. Dann brach er zusammen. Tränen strömten über seine Wangen und Jahre der Schuldenlast fielen von seinen Schultern, und so beteten wir gemeinsam. Ich bin nicht sicher wie viele andere Studenten uns beobachteten, doch ich weiß, was die Engel im Himmel sahen: ein verirrtes Lamm, das zu seinem Hirten zurückgekehrt war. Wie mussten sie jubeln!
Am Ende unseres Gesprächs ermutigte David mich mit folgenden Worten: „Ich habe oft zu Gott gebetet und ihm gesagt, dass er mich wirklich frontal treffen muss, um zu beweisen, dass er da ist. Tom, als du heute gepredigt hast, da hast du mir einen solchen Kinnhaken verpasst. Die letzten Stunden habe ich gewusst, dass du die Antwort auf all meine Gebete warst, und dass es Gottes Einladung war, zu Ihm zurückzukommen.“ Dann fügte er hinzu: „Lass dich nicht von Leuten wie mir unterkriegen. Meine Großmutter hat immer gesagt, wenn man einen Stein in ein Rudel Wölfe wirft, wird der am lautesten jaulen, den du triffst. Manche der Zwischenrufer schreien so laut, weil du sie genau dort getroffen hast, wo es drauf ankommt.“
[1]Heute Ho-Chi-Minh-Stadt, damals Hauptstadt von Südvietnam (Anm. der Übersetzung).
[2]Monica ist einer der Engel bzw. Hauptcharaktere in der Serie (Anm. der Übersetzung).