Gemeinde & Mission

Auf ihren Grund und Boden – Teil 9

von Short Tom

Tom Short ist Straßenevangelist und Autor von „Fragwürdig“. Hier ein Auszug aus seinem neuen Buch, worin er beschreibt, wie man das Evangelium auf die Wellenlänge der Verlorenen bringt. Der Originaltitel ist „Takin´ it to their Turf“. Übersetzt von Veronika Sattlecker.

Auch wenn du nicht auf der Straße oder an einer Universität predigst, wird es dir Mut machen, was Tom schreibt. Du kannst das verwenden, wo auch immer du über das Evangelium redest. Fortsetzung folgt.

Die schlimmsten Sünden

Ohio State University

Vermutlich bemerkte sie nicht, wie schlimm die Sünde in ihrem Leben wirklich war. Die wenigsten von uns merken das. Diese vorbildliche Studentin der Ohio State trug anständige Kleidung, bekam gute Noten und hielt sich für eine Person mit hohen moralischen Werten. Ich fragte sie die Diagnosefrage, die dazu dient zu zeigen, wo eine Person wirklich im Glauben steht: „Wenn du vor Gott stehen würdest, und er dich fragen würde, warum er dich in den Himmel lassen soll, was würdest du sagen?“
„Ich würde sagen, dass ich nie jemandem etwas zu Leide getan habe.“
Ihre Antwort war die typische Aussage einer selbstgerechten Person – und damit meine ich keine Person mit einer „Ich-bin-so-viel-heiliger-als-du-Einstellung“, sondern einfach jemanden, der diese Frage mit dem Subjekt „Ich“ statt „Jesus“ beantwortet.
„Du hast nie jemanden verletzt?“, fragte ich etwas ungläubig. „Wie steht es mit Gott? Hast du Gott je verletzt?“
„Ach so“, kicherte sie. „Der zählt doch nicht!“
„Der zählt nicht?!“, fragte ich mit noch größerem Erstaunen. „Er zählt mehr als irgendjemand sonst! Das wichtigste Gebot ist, dass wir den Herrn, unseren Gott, mit unserem ganzen Herzen, unserer Seele, unserem Verstand und unserer Kraft lieben sollen. Andere zu lieben kommt erst danach.“
Ich wusste, was sie meinte, doch ihre Worte deckten den blinden Fleck moderner säkularer Menschen auf, die denken, dass es bei einer Religion nur darum geht, wie wir andere behandeln und weniger, ob wir mit Gott im Reinen sind. Sie verstehen nicht, dass Sünde schlussendlich ein Vergehen gegen Gott ist. So wie David sagte, als er für seine Sünde mit Bathseba Buße tat: „Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt, und ich habe getan, was böse ist in deinen Augen.“ (Psalm 51,6)
Nicht selten frage ich Studentinnen und Studenten, was sie für die schlimmste Sünde am Campus halten. Die Antworten variieren von ernstgemeint („die unverzeihliche Sünde“) bis frivol (viele dieser Meinungen sollten besser nicht abgedruckt werden). Doch kaum jemand hält die Antwort bereit, die meiner Meinung nach die beiden schlimmsten Sünden beschreibt: Unglaube und die damit verbundene Ablehnung der Liebe Gottes. Anders als fleischliche Sünden (also jene Dinge, die wir meist zuerst mit Sünde verbinden), wenden sich Unglaube und Ablehnung von Gottes Liebe direkt gegen seinen Charakter und sein Wesen.
Stell‘ dir vor, du bist ein Student am Campus und ein Fremder fragt dich nach dem Weg zur Bibliothek. Du zeigst ihm die Richtung und er wendet sich sofort in die andere Richtung. Weil du denkst, dass er dich nicht richtig verstanden hat, sagst du: „Nein, die Bibliothek ist in dieser Richtung“, und zeigst dorthin, wo er eigentlich hingehen soll. Da sagt er barsch: „Du sagst das, aber ich traue dir nicht. Ich gehe in die andere Richtung!“
Du siehst, wie beleidigend es wäre, so direkt als Lügner bezeichnet zu werden. Es würde schmerzen. Unsere ganze Person wäre in Frage gestellt. Verstehst du nun, dass wir genau das tun, wenn wir Gott nicht glauben? Es verletzt Ihn. Gott ist die einzige Person, die immer die Wahrheit gesagt hat – er ist die Wahrheit. Doch wenn wir nicht glauben, was er sagt, so nennen wir ihn einen Lügner. Welche Sünde könnte schlimmer als diese sein?
Nun, vielleicht gibt es da noch eine ebenbürtige Sünde. Bist du jemals betrogen worden? Hast du jemanden geliebt und er oder sie hat deine Liebe abgelehnt? Das tut weh, nicht? Doch niemand hat dich jemals so geliebt, wie Gott dich liebt. Er hat dir das Leben gegeben. Er hat dich auf eine Weise gemacht, dass du nach Dingen streben kannst, dass du Dinge erfindest, nachdenkst, Schönheit genießt – kurz gesagt, dass du menschlich bist. Er hat uns Essen, Wasser und Luft gegeben – unsere Lebensgrundlage. Er sandte seinen Sohn, der sein Leben für dich und mich gegeben hat. Nie hat dich jemand so sehr geliebt wie Gott. Doch wie oft haben wir diese Liebe ignoriert, waren undankbar, haben sie sogar abgelehnt? Glaube nicht eine Sekunde lang, dass es Gott nicht verletzt, wenn wir seine Liebe von uns stoßen. Es ist ein zu einfacher Gedanke, dass Gott so groß und mächtig ist, dass er weit über uns steht und von unserer Einstellung ihm gegenüber nicht beeinflusst wird. In Hesekiel 6,9 lesen wir, dass Gott durch unsere Gedanken, Worte und Taten verletzt wird, wenn wir uns von ihm abwenden und uns unseren Götzen zuneigen.
Liebe Leser, ich hoffe ihr könnt die Sünde durch Gottes Augen sehen. Sie ist abstoßend. Sie führt zum Tod und geht viel tiefer als unsere Taten. Denn so schlimm unsere Taten auch sein können, die schlimmsten Sünden sind keine fleischlichen – die schlimmsten Sünden sind die unseres Herzens, die Gott zutiefst verletzen.

Der Rabbi und die Armbanduhr

University of Maryland

Manchmal hilft mir Gott wirklich aus der Patsche!
In den frühen 1980er-Jahren war ich an der University of Maryland. Große Mengen versammelten sich jeden Tag und das Predigen am Campus erzeugte einen richtigen Aufruhr. An dieser Universität haben viele Studenten einen jüdischen Hintergrund und wie du dir vorstellen kannst, hatten einige von ihnen Einwände gegen das Evangelium von Jesus Christus. Sie stritten mit mir und widersprachen mir Tag für Tag. Nachdem klar wurde, dass sie mich nicht aufhalten konnten und nichts gegen meine biblischen Argumente einwenden konnten, beschlossen sie schwerere Geschütze aufzufahren.

Diese „Geschütze“ begegneten mir in Form eines Rabbis aus Los Angeles. Er war bekannt dafür, konvertierte Juden wieder vom Christentum abzubringen. Eine jüdische Studentengruppe lud ihn ein, eine anti-christliche Vorlesung zu halten und mich öffentlich zu konfrontieren. Sie machten viel Werbung und sprachen besonders jene Leute an, die sich um unser Predigt-Team versammelten. Sie prahlten, dass dieser Rabbi „Hackfleisch“ aus mir machen würde!
Schließlich kam der Tag, an dem der Rabbi mittags seine Vorlesung hielt. Danach kam er mit einem Dutzend jüdischer Studenten zu dem Platz, wo ich predigte. Er marschierte mitten in die Menge hinein und zog alle Aufmerksamkeit auf sich, indem er sagte: „Du musst also Tom sein.“
„Ja.“
„Ich bin ein Pharisäer“, sagte er. Er wartete nur kurz, um zu sehen, ob er mich verunsichert hatte, dann fuhr er fort: „Ich habe eine Frage an dich.“
Ich erklärte ihm, dass er warten müsse, bis er an der Reihe sei. Andere Studierende stellten bereits Fragen. Doch seine Geduld war schnell zu Ende und nach nur zwei Minuten unterbrach er mich wieder.
„Du glaubst doch nicht wirklich dem Neuen Testament!“, rief er sicher.
„Aber natürlich glaube ich daran“, antwortete ich.
„Du lebst nicht danach“, urteilte er.
Ich war mir sicher, dass er mir eine Falle stellte, in die ich nicht tappen wollte.
Doch ich antwortete: „Doch, das tue ich.“
„Dann lies Lukas 6,30“, sagte er mit selbstsicherem Grinsen.
„Ah, diesen Vers kann ich Ihnen aus dem Gedächtnis zitieren“, antwortete ich. „‚Gib jedem, der dich bittet, und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück.‘“
Nun war er bereit die Falle zuschnappen zu lassen: „Gut, dann gib mir deine Uhr!“
Du musst wissen, dass ich nur eine billige „Timex“-Uhr trug, die mir nicht besonders wichtig war. Doch ich merkte, dass er, während er sprach, seine Hände hinter dem Rücken hielt und es schien, als ob er etwas in seiner Tasche verschwinden ließ. Ich bin niemand, der die Flinte schnell ins Korn wirft und mir gefiel nicht, wie er sich über Jesu Lehre lustig machte. In diesem Vers ging es um Hilfe für Bedürftige! Da kam mir plötzlich eine Geschichte in den Sinn, die mir Bruder Jed über einen Rabbi an der University of Los Angeles erzählt hatte – er hatte denselben Trick bei ihm angewandt und sich mit Jeds Uhr davongemacht.
Sehr vorsichtig wog ich meine Worte ab: „Rabbi, kann Ihre Synagoge Sie denn nicht mit einer Uhr ausstatten? Ich finde doch, dass eine Uhr in unserem Beruf sehr wichtig ist – sonst predigen wir immer zu lange!“
Der Rabbi schob seine Ärmel hoch und hob seine Hände in die Höhe. Er antwortete: „Sieh‘ doch, ich habe keine Armbanduhr. Ich benötige also eine. Gib mir deine Uhr oder es wird für alle offensichtlich, dass du ein Heuchler bist, der nicht nach der Bibel lebt, die er predigt.“
„Natürlich möchte ich nicht für einen Heuchler gehalten werden. Doch ich möchte sichergehen, dass Sie wirklich eine Uhr brauchen, bevor ich Ihnen meine überlasse. Haben Sie denn wirklich keine eigene Uhr?“, fragte ich erneut.
Seine Antwort war dieselbe, doch ich wollte nicht so schnell aufgeben. „Okay, Rabbi, ich gebe Ihnen meine Uhr, doch davor möchte ich noch sichergehen, dass Sie keine in Ihrer Hosentasche haben.“
Obwohl er es sich nicht anmerken ließ, merkte ich, dass ihn meine Aufforderung einschüchterte. Seine Freunde wollten ihm aus der Patsche helfen. „Tom, er hat doch schon gesagt, dass er keine Uhr hat. Denkst du etwa, dass er ein Lügner ist? Wie kannst du so etwas auch nur andeuten?“
An diesem Punkt dachten mehr und mehr Studenten, dass ich bluffte. Sie wollten sehen, ob ich meine Uhr nun wirklich hergeben würde. Viele waren so überzeugt, dass sie dem Rabbi zuriefen: „Komm schon, zeig, was du in deinen Taschen hast, dann muss er dir die Uhr geben!“ Obwohl er zögerte, forderte die Menge weiterhin den nächsten Schritt.
So tat er es doch – der Rabbi griff in seine Hosentasche und zog eine Armbanduhr hervor. Es war die Uhr, die er versteckt hatte und wegen der er gelogen hatte. Genauer gesagt war es die Uhr, die er von Bruder Jed durch seinen Trick vor ein paar Jahren bekommen hatte!
Der Rabbi war wütend und verlegen zugleich, doch die Studenten, die so viel Geld ausgegeben hatten, um ihn an den Campus zu holen, trauten ihren Augen nicht. Sie waren sprachlos. Ihr Held war vor einer Menge aus mehreren Hundert Studenten als Lügner und Betrüger enttarnt worden!
Der Rabbi war in dieselbe Falle getappt, die er mir gestellt hatte. Ich musste sicherstellen, dass er nicht entkommen konnte. „Rabbi, Sie beschuldigen mich, nicht nach dem Neuen Testament zu leben. Doch wenn ich mich nicht irre, dann fordert Ihre Schrift, dass man kein falsches Zeugnis ablegen soll und dass man nicht begehren soll. Sie haben gerade gelogen und meine Uhr begehrt!“
Nun könnte man denken, dass sich der Mann an diesem Punkt etwas zurückziehen, sich entschuldigen oder das Thema wechseln würde. Doch nicht dieser Rabbi! Zornerfüllt stapfte er davon, gefolgt von drei seiner Anhänger, nur um sich nach 50 Metern wieder umzudrehen. Er hatte die braune Geldtasche in meiner Hosentasche bemerkt und versuchte seinen Trick erneut. „Tom, ich habe keine braune Brieftasche. Schau nur, meine ist schwarz. Tom, gib mir deine braune Geldtasche.“ Dieser Mann forderte sein Gericht geradezu heraus!
„Okay, Rabbi“, sagte ich, „Sie können meine braune Geldtasche haben.“ Ich nahm sie aus meiner Hosentasche, nahm das Geld, meinen Führerschein und meine Kreditkarte heraus und warf sie ihm zu. Doch er wollte meine Geldtasche nicht. Er wollte auch nicht das Geld, das darin war. Er wollte einzig und allein, dass ich sie ihm nicht gab. Dass ich sie ihm überlassen hatte, zerstörte alle seine Argumente und so marschierte er angewidert davon. Er hatte den richtigen Gegner gefunden!

Nachtrag:
Nach dem Jom Kippur-Feiertag (Versöhnungstag) 1999 predigte ich an der University of Michigan. Ich hatte gerade mit einem jüdischen Mann diskutiert und ihn gefragt, wie er Versöhnung erlangen könne, ohne jene Blutopfer, die das Alte Testament fordert darzubringen (3. Mose 17,11). Nach etwa 15 Minuten ernsthafter Diskussion bezüglich der Vergebung unserer Sünden steckte er fest. Er zückte sein Handy und sagte, ich solle auf die Antwort seines Rabbis warten. Er sprach kurz mit ihm übers Telefon und kam dann zu unserer Diskussion zurück. Er sagte: „Hey Tom, mein Rabbi sagt ich soll dich nach deiner Uhr fragen.“ Manche Menschen lernen nie dazu!