Christus – das Leben, das wir mit dem Vater teilen
(Auszug aus dem Buch „In der Schule Christi“ von David Gooding. Es handelt sich dabei um eine Auslegung zu Johannes 13 bis 17, die beim CLV erscheinen soll.)
„Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote; und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Sachwalter geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn kennt. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen, ich komme zu euch. Noch eine kleine Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich: Weil ich lebe, werdet auch ihr leben. An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbaren. Judas, nicht der Iskariot, spricht zu ihm: Herr, und was ist geschehen, dass du dich selbst uns offenbaren willst und nicht der Welt? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht; und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.“ (Johannes 14,15-24)
Die Zeit war fortgeschritten. Die Jünger hatten in Christi Schule der Heiligung bereits Erstaunliches gehört. Es würde Jahre dauern, bis sie das verarbeiten und verstehen würden. Dennoch unterrichtet sie der Herr Jesus nun über noch etwas, das er für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung ihrer Heiligkeit bereitstellen wird. Er wird sie nicht als Waisen zurücklassen. Er wird nicht nur eines Tages wiederkommen und sie zu sich nehmen, sondern er wird sich ihnen in der Zwischenzeit immer wieder offenbaren, aber für die Welt unsichtbar.
An diesem Punkt merkt Judas (nicht Judas Iskariot, der bereits hinausgegangen war), dass er überfordert ist. Er fragt sich, wie es möglich ist, dass der Herr sich ihnen offenbaren wird, ohne dass die Welt es sieht? Er kann es nicht verstehen und unterbricht den Herrn mit der Frage: „Herr, und was ist geschehen, dass du dich selbst uns offenbaren willst und nicht der Welt?“
Die erste Antwort auf seine Frage finden wir in den Worten des Herrn: „Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.“ Der Herr hatte sie schon einiges gelehrt und das würde er durch seinen Geist nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt fortsetzen. Aber es geht nicht nur um die Lehre – unser Herr ist eine Person, eine reale, lebende Person. Und die Beziehung zwischen ihm und uns ist so tief, weil wir dasselbe Leben empfangen wie er. Als Schöpfer, der alle Dinge durch das Wort seiner Macht aufrechterhält, erhält er uns physisch am Leben. Aber weder ist dieses physische Leben das einzige, noch ist es der wichtigste Bestandteil des Lebens. Das intellektuelle, das ästhetische und das emotionale Leben sind ebenso ein Teil davon, und das geistliche Leben ist die höchste Ebene des Lebens.
Christus sagt seinen Jüngern Folgendes: Obwohl er sie körperlich verlassen wird, wird er sie nicht wie Waisen zurücklassen, der Eltern beraubt, die ihnen das Leben gegeben haben. Er wird sie auf der geistlichen Ebene weiterhin unterstützen, indem er ihnen sein Leben gibt. Und von Zeit zu Zeit wird er sich ihnen offenbaren.
Aber genau an diesem Punkt taucht die Schwierigkeit bei Judas auf: Wie kann der Herr sich ihnen offenbaren, aber nicht der Welt?
Armselige Vergleiche
Wir hatten mehr Zeit als Judas, um darüber nachzudenken. Dadurch können wir uns Beispiele ausdenken, durch die wir verstehen können, wie das geschieht.
Jemand zeigt dir einen geheimen Brief von seinem Freund. Du kannst die Worte verstehen. Aber wenn du nichts über die intimsten Geheimnisse und nichts über die gemeinsamen Interessen zwischen den beiden weißt, kannst du die volle Bedeutung des Briefes nicht erfassen.
Ein anderes Beispiel: Dein Hund kann dich ziemlich gut verstehen. Wenn er dich Fleisch essen sieht, weiß er, was vor sich geht und dass du etwas Köstliches genießt. Denn er hat einen Magen wie ein Mensch, auch wenn er ein Hund ist. Er weiß, was Hunger ist, und kennt die Freude, diesen Hunger zu stillen. Aber wenn du deinem Hund ein wunderschönes Ölgemälde vor die Nase hältst, wird er völlig verwirrt sein. Er wird sich keinen Reim auf dieses Ding machen können. Er wird vielleicht versuchen, an dem Bild zu riechen oder es abzulecken. Vielleicht versucht er auch, darauf herumzukauen, wenn du es zulässt. Das ist das Einzige, das er mit Dingen machen kann. Er besitzt keinen menschlichen Verstand wie du. Deshalb wird er dein Bild niemals verstehen. Dieser Bereich des Lebens, den du mit deinem menschlichen Verstand erlebst, liegt außerhalb der begrenzten Wahrnehmung des Hundes. Der Maler offenbart dir in seinem Gemälde seine Gedanken und einen Sinn von Schönheit. Aber der Hund erfährt das nicht, obwohl er das Gemälde sehen kann.
Durch den Heiligen Geist hat Christus unsere Augen geöffnet für eine Welt voller Sinn, Bedeutung und Freude, für die die Nichtgeretteten völlig blind sind. Sie sind Gott gegenüber tot. Sie besitzen nicht die Art Leben, das dafür notwendig ist. Deshalb kannst du Worte in der Heiligen Schrift lesen, die für dich lebendig sind und den Herzschlag Gottes vermitteln. Ein Ungeretteter hingegen kann dieselben Worte lesen und findet sie langweilig. Der Grund dafür ist, dass der Herr sich dir durch sein Wort und das Leben, das er mit dir teilt, offenbart. Es gibt diese praktische Gemeinschaft zwischen dir und ihm. Du liebst den Herrn und hältst seine Gebote. Du freust dich darüber, dass er sich über dich freut, und er freut sich über die Freude in dir. Weil du ihn liebst, wird der Vater dich lieben und der Herr wird dich lieben. Diese gegenseitige Liebe wird die Kommunikation zwischen dir und ihm ausweiten und vertiefen (14,21), bis sowohl der Vater als auch der Sohn kommen und in deinem Herzen Wohnung nehmen (14,23).
Besondere Beispiele
Das ist nun der wunderbare Dienst, den der Herr von Zeit zu Zeit durch seinen Geist in uns wirkt: Er offenbart sich uns. Dieser Dienst ist so wichtig, dass er nach seiner Auferstehung und vor seiner Himmelfahrt seinen Jüngern einige anschauliche und sichtbare Beispiele davon gab. In Johannes 21,1 beispielsweise lesen wir: „Danach offenbarte Jesus sich wieder den Jüngern am See von Tiberias.“ Johannes sagt wieder, weil sich der Herr vor diesem Ereignis bereits zu anderen Zeiten und auf andere Weise seinem Volk offenbart hatte. Dabei erschien er seinem Volk sichtbar, so dass sie ihn mit ihren Augen sehen und mit ihren Händen berühren konnten. Wir können nicht erwarten, dass Christus uns auf diese Weise sichtbar erscheint. Aber was er damals für sein Volk auf physische Art getan hat, wird er von Zeit zu Zeit für uns im geistlichen Bereich tun.
Zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus näherte sich jemand, der ein Fremder zu sein schien. Sogleich begann der Fremde, ihnen das Alte Testament auszulegen, und als sie gemeinsam gingen, fing das Alte Testament an mit Leben und Herrlichkeit zu leuchten, bis ihre Herzen vor Ehrfurcht und Erstaunen brannten. Es war der auferstandene Herr, der zu ihnen gekommen war und sich ihnen nun durch sein Wort offenbarte (Lukas 24). Wieder zu Hause luden sie ihn zum Abendessen ein. Am Tisch erkannten sie ihn als den Herrn Jesus.
Ein anderes Mal offenbarte er sich Maria. Sie stand mit gebrochenem Herzen am leeren Grab des Herrn, als ein Mann, den sie für den Gärtner hielt, zu ihr sprach. Es war natürlich der Herr. Aber er sprach nicht über die Bibel und legte ihr auch nicht die alttestamentlichen Propheten aus, wie den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, sondern sprach mit ihr über die neue Beziehung, die er geschaffen hatte: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott“. Diese Beziehung wurde für Maria von dem Moment an so real und, in der Kraft des ewigen Lebens, so lebendig, dass sie das Grab für immer verließ. Sie hatte die Realität des lebendigen Herrn erkannt. Sie hatte die Wahrheit der Aussage des Herrn erkannt: „Weil ich lebe, werdet auch ihr leben“. Deshalb haben sie und die anderen Frauen jeden Gedanken daran aufgegeben, das Grab Christi in einen Schrein zu verwandeln, denn Menschen machen einem Lebenden keinen Schrein (Johannes 20).
Bei dem Ereignis im Johannesevangelium, Kapitel 21 waren Simon und andere Jünger die ganze Nacht beim Fischen und hatten nichts gefangen. Als der Tag anbrach sahen sie einen Fremden am Ufer stehen. Der Fremde rief übers Wasser und fragte, ob sie etwas gefangen hätten. Als sie zurückriefen: „Überhaupt nichts“, sagte er ihnen, sie sollten ihre Netze auf der rechten Seite des Bootes auswerfen. Als sie dies taten, machten sie einen riesigen Fang. Irgendwann erkannte Johannes den Fremden und sagte: „Petrus, es ist der Herr“. Und er war es wirklich. Der Herr war zu ihnen gekommen, nicht durch das Lesen der Bibel oder durch die Tränen des Kummers wie bei Maria am Grab, sondern während ihrer Arbeit. Durch seine Führung und den Erfolg, der damit verbunden war, offenbarte er sich ihnen.
Auch für uns tut er noch dasselbe. Weder sehen wir ihn, noch geschieht es jeden Tag oder jedes Mal, wenn wir die Bibel lesen oder etwas für ihn tun. Aber von Zeit zu Zeit inmitten des Lebens, des Kummers oder der Pflichten, kommt er, entsprechend seiner Verheißungen, zu uns und offenbart sich auf eine für unser Herz überwältigend reale Weise. Wir spüren das Brennen seiner Gegenwart, die Lebendigkeit seines Lebens. Wir hören mit den Ohren des Herzens das Rascheln des Hirtengewandes neben uns und sagen mit tiefer Überzeugung: „Das ist der Herr!“
Eine bleibende Stätte für den Vater und den Sohn in unserem Herzen
Weil Christus das Leben ist und dieses göttliche Leben mit uns teilt, ist er für uns der Weg zum Vater. Aber er zeigt uns auch wie und zu welchen Bedingungen der Vater und der Sohn bereit sind zu kommen und Wohnung in unserem Herzen zu nehmen. Es ist verständlich, dass jemand mit der Hoffnung, beim zweiten Kommen Christi ins Vaterhaus mitgenommen zu werden, unbedingt möchte, dass der Vater und der Sohn bereits jetzt hier auf der Erde in seinem Herzen wohnen.
Was sind die Bedingungen dafür? Christus sagt: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht; und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.“ (Joh 14,23-24)
Wenn wir Gäste erwarten, werden wir aus reiner Höflichkeit die Wünsche unserer Gäste herausfinden und so gut es geht erfüllen.
Wenn wir nun dem Vater und dem Sohn eine Wohnung in unserem Herzen bereiten möchten, ist die erste Bedingung, dass wir sie lieben und dann aus Liebe ihr Wort studieren um zu erkennen, was ihnen gefällt und was nicht. Dann werden wir unsere Liebe dadurch zeigen, dass wir freudig und demütig danach streben ihnen zu gefallen, indem wir das tun, was ihnen gefällt, und das unterlassen, was ihnen nicht gefällt. So werden wir eine tiefere Liebe und Gemeinschaft erleben. Natürlich gibt es eine Seite von Gottes Liebe, die absolut bedingungslos ist. Er liebte uns, als wir noch Sünder und seine Feinde waren, und er wird sein Volk mit dieser bedingungslosen Liebe weiterhin lieben. Aber hier ist eine beiderseitige Freude an der gegenseitigen Liebe gemeint, in einer vertrauten Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohn. Eine hingegebene Beachtung und Folgsamkeit gegenüber ihren Geboten sind der einzige Weg ihre Liebe zu erfahren und sich über den Vater und den Sohn zu freuen.
Deshalb wäre es gut, wenn wir uns dem Gebet des Paulus für uns und für das ganze Volk Gottes anschließen:
„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie in den Himmeln und auf der Erde benannt wird, damit er euch gebe, nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid; damit ihr völlig zu erfassen vermögt mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Höhe und Tiefe sei, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt sein mögt zu der ganzen Fülle Gottes. Dem aber, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als was wir erbitten oder erdenken, nach der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung in Christus Jesus auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter hin! Amen.“ (Epheser 3,14-21)
Es gibt keine sicherere und schnellere Möglichkeit als diese, um in der praktischen Heiligkeit zu wachsen.