Gemeinde & Mission

Das Erscheinen der Güte und das Wirken des Geistes

von Lennox Gilbert

übersetzt von Christian Odenwald (Fortsetzung des Kommentars zum Titusbrief)

Denn einst waren auch wir unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, dienten mancherlei Begierden und Lüsten, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst, einander hassend. Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Retter-Gottes erschien, rettete er uns, nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes. Den hat er durch Jesus Christus, unseren Retter, reichlich über uns ausgegossen, damit wir, gerechtfertigt durch seine Gnade, Erben nach der Hoffnung des ewigen Lebens würden. Das Wort ist gewiss; und ich will, dass du auf diesen Dingen fest bestehst, damit die, die zum Glauben an Gott gekommen sind, darauf bedacht sind, sich um gute Werke zu bemühen. Dies ist gut und nützlich für die Menschen.“ (Titus 3,3-8)

Das dritte charakteristische Laster der Kreter war ihre Neigung zu brutalem Verhalten. Ihr eigener Dichter beschrieb sie als „böse, wilde Tiere“. Anscheinend gab es auf der Insel keine wilden Tiere. Es scheint so, als ob ihr Fehlen durch die Menschen ausgeglichen wurde! Welche Art von Verhalten hat Paulus im Sinn, wenn er dieser Beschreibung des Dichters zustimmt? Um die Metapher weiterzuführen: Wilde Tiere haben keinen moralischen Sinn. Sie sind von körperlichen Begierden und ihrem Instinkt getrieben. Sie sind unbeständig, ungezähmt und unzähmbar. Der Trieb, der sie beherrscht, ist Überleben um jeden Preis.

Wie sehen diese makaberen Eigenschaften aus, wenn sie an Menschen sichtbar werden? Manche Menschen leben mit wenigen oder keinen moralischen Hemmungen, getrieben von ihren Begierden, und sie sorgen sich nicht darum, wer durch ihre Taten Schaden erleidet. Manche Menschen haben ein extrem unbeständiges Temperament. Während sie ruhig zu sein scheinen, reicht die kleinste Andeutung von Kritik oder Ermahnung, dass sie einen Zornausbruch bekommen. Diese Art von Verhalten kann in der Gemeinde auftreten. Wie viele Gemeinden sind durch mächtige Menschen geschädigt worden, weil zugelassen wurde, dass sie die Gemeinde beherrschen, oder weil jemand mit seinem inakzeptablen Verhalten durchgekommen ist aus Furcht davor, wie er reagieren könnte, wenn man ihn damit konfrontieren würde? Wie viele Gemeinden haben Schaden erlitten durch gottloses Verhalten und missmutiges Streiten unter Gläubigen, die „einander beißen und fressen“ (Galater 5,15)? Wie oft hat Neid zu bösartigem Rufmord eines guten Ältesten oder Evangelisten durch diejenigen geführt, die sich darüber geärgert haben, dass Gottes Segen auf dem Leben der Person liegt?

Paulus´ Rat für Titus, wie er auf diese besonderen Herausforderungen reagieren soll, ist erstaunlich positiv. Er weiß aus persönlicher Erfahrung, dass die Situation nicht hoffnungslos ist. In früheren Zeiten waren auch er und Titus wie die Kreter: unverständig und ungehorsam, irregeführt und Sklaven vieler Begierden und Vergnügungen, voll Bosheit und Neid und gegenseitigem Hass. Paulus selbst war vor seiner Bekehrung ein brutaler Verfolger. Er hat Leute gefoltert, bis sie den Namen Christi gelästert haben. Sein Hass auf Christen hat eine verheerende Spur in vielen Familien hinterlassen und in einigen Fällen vermutlich zum Tod geführt. Seine Beschreibung von sich selbst ist keine Übertreibung, um Eindruck zu machen. Er war ein „böses, wildes Tier“ und Titus ebenfalls. Die Realität ist, dass in uns allen ein „wildes Tier“ steckt.

Warum hat er dann Hoffnung für die Kreter? Weil er und Titus eine persönliche Veränderung erfahren haben. Was bewirkte diese Veränderung? Wie erreicht Gott sie in unserem Leben und wie geht er mit dem „bösen, wilden Tier“ in uns um? Paulus schreibt Folgendes:

 „Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Retter-Gottes erschien, rettete er uns, nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes. Den hat er durch Jesus Christus, unseren Retter, reichlich über uns ausgegossen, damit wir, gerechtfertigt durch seine Gnade, Erben nach der Hoffnung des ewigen Lebens wurden. Das Wort ist gewiss…“ (Titus 3,4-7)

Gottes Güte

Paulus´ Antwort auf das innere „wilde Tier“ ist in einer weiteren Offenbarung Gottes zu finden. In Kapitel 1 hat Gott seine Wahrheit geoffenbart. In Kapitel 2 hat er seine Gnade aufgezeigt. In Kapitel 3 offenbart er jetzt seine Güte und Liebe zu uns. Wir Menschen sind seine besondere Schöpfung, in seinem Bild gemacht. Er liebt uns. Er möchte uns nicht verdorben, hässlich und zerstört sehen. Er hat sich dazu entschlossen, uns von dem „bösen, wilden Tier“ in uns zu retten, das uns verschlingen und komplett zerstören könnte. Gottes Güte und Menschenliebe ist offenbart worden. Die Sünde hat Gottes Schöpfung verunstaltet. Trotzdem ist Gott nahe gekommen und hat unter uns gelebt. In der Welt, die er gemacht hat und die ihn jetzt hasst, ist Gottes Güte erschienen, im Herrn Jesus. Denn Gott hat sich in seiner unglaublichen Güte und Großzügigkeit dazu entschlossen uns zu retten.

Was meint Paulus in diesem Zusammenhang mit Rettung? Und wie funktioniert diese Errettung? Um das zu beantworten, müssen wir erst das Problem betrachten, aus dem wir gerettet werden müssen: unser gefallener menschlicher Charakter in all seiner Abscheulichkeit. Wenn wir all das wunderbare Potenzial eines Menschen bedenken, können wir uns vorstellen, was er oder sie sein hätte können. Aber dieses Potenzial wurde verdorben, alles ist durch unsere Rebellion beschmutzt und die lebendige Realität ist weit vom Ideal entfernt –manchmal sehr weit! Wir brauchen Rettung.

Gott hat in seiner Güte Rettung bereitgestellt. Wie hat er das bewirkt? „Das ist einfach!“, antworten wir, „Er hat uns durch den Tod Jesu für uns am Kreuz errettet!“ Natürlich ist das wahr, aber darüber spricht Paulus hier nicht. Er sagt nicht, dass wir durch das Blut Christi gerettet werden. Er deutet in eine andere Richtung.

Rettung ist eine größere Sache, als wir oft denken. Es ist vollkommen und auf wunderbare Weise wahr, dass wir durch Christi Tod als sühnendes Opfer für unsere Sünden gerettet worden sind. Aber Gott ist noch weiter gegangen und hat noch mehr für uns bewirkt. Das nennt Paulus hier das „Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist.“ Warum ist das nötig? War der Tod Christi nicht genug? Er war mit Sicherheit ausreichend, um uns mit Gott zu versöhnen, soweit es das Gesetz verlangt. Das Kreuz erledigt das Problem unserer Schuld vollkommen. Aber Gott hat mehr vor! Er möchte nicht nur Menschen, denen vergeben ist, sondern er möchte veränderte Menschen. Er möchte Kinder und Erben haben, die seinen Charakter widerspiegeln.

Das ist der Grund, warum Paulus in diesem Brief nicht über die Sühnung oder über das Blut Christi spricht. Paulus´ Betonung hier liegt auf Gottes Methoden, mit denen er sich um das „wilde Tier“ in uns kümmert. Es geht hier nicht darum, uns unsere sündige Natur zu vergeben, sondern uns von ihrer Kraft und ihrem Einfluss zu befreien und uns zu charakterlich schönen Menschen zu machen. Das kann nur durch die Wiedergeburt und die erneuernde Kraft des Heiligen Geistes geschehen.

„Erneuerung“ ist ein Wort, das in politischen und sozialen Kreisen in Mode gekommen ist: Wir sprechen z.B. über die „Erneuerung der Innenstadt“. Ich möchte die Stadt Belfast betrachten, wo diese Worte geschrieben wurden. Diejenigen, die in den 70-er Jahren dort gelebt haben, haben die fast gänzliche Umgestaltung verschiedener Gebiete in der Stadt miterlebt, die einige Jahre zuvor ein unschönes Durcheinander waren.

Die Erneuerung einer Stadt ist eine Sache. Die Erneuerung eines Menschen ist etwas ganz anderes. Wie wird das erreicht? Paulus bringt uns zurück zum Startpunkt: wir können uns selbst nicht umgestalten. Erneuerung kann nicht dadurch erreicht werden, dass wir sie selbst in die Hand nehmen und beschließen, es besser zu machen. Keine noch so große Menge an Motivation, Eifer und Wünschen unsererseits kann das erreichen. Wir brauchen eine Quelle außerhalb von uns selbst. Gott hat in seiner Gnade und Güte genau das für uns bereitgestellt, indem er seinen Heiligen Geist großzügig in unser Leben „gegossen“ hat. Wann geschah das? Bei unserer Bekehrung, denn Paulus beschreibt diese als die „Waschung der Wiedergeburt“. Zum Zeitpunkt unserer geistlichen Wiedergeburt empfangen wir die Reinigung und neues Leben.

Stell dir dich selbst vor, wie du mit Schichten von verkrustetem Schlamm und Dreck bedeckt bist, deine Haare sind ein einziges Chaos, deine Haut ist ganz gefleckt und verfärbt. Und dann stell dir vor, du stehst unter der wunderbarsten Dusche, die es überhaupt gibt. Es ist etwas in dieser Art – nur unendlich größer – was an einer Person bei ihrer Bekehrung geschieht. Sünde hat einen tiefliegenden Fleck an unserem Charakter hinterlassen. Gott hat eine Antwort darauf durch seinen Heiligen Geist. Ich betone seinen Namen: Heiliger Geist. Es geht ihm in erster Linie um Heiligkeit.