Das Mahl mit den Jüngern
(Auszug aus dem Kommentar zum Lukasevangelium von David W. Gooding. Dieses Buch soll 2012 bei CLV erscheinen.)
Lukas 22,14-37
„Als die Stunde gekommen war, legte er sich zu Tisch, und die zwölf Apostel mit ihm“ (22,14). Hier fällt uns auf, wie passend die Zeit dafür war. Der Messias ging seinen Leiden entgegen (22,15); das war aber weder ein Unfall noch etwas Unvorhergesehenes. Der Menschensohn machte sich daran, hinzugehen (22,22), aber das Hingehen war vor Grundlegung der Welt zuvor verordnet worden (1. Petr 1,20). Als Israel aus Ägypten befreit werden sollte, sollte die Befreiung durch das Blut eines geschlachteten Lammes geschehen.
Danach erfüllte das jährliche Passah zwei Zwecke: Es war eine Erinnerung an jene Befreiung. Die Befreiung war selbstverständlich ein historisches Ereignis und für sich genommen schon von immenser Bedeutung. Gleichzeitig war es von Anfang an ein Vorbild und eine Verheißung von einer unendlich viel größeren Befreiung, die Gott durch das Blut seines Sohnes wirken würde.
Nach Gottes Rat war jetzt die Zeit gekommen die Verheißung zu erfüllen. Die Vorbereitungen waren alle getroffen worden, und nun kam der König mit dem herzlichen Verlangen, das letzte Passahmahl zu essen, bevor die Verheißung des Passah in Erfüllung gehen sollte. Der Herr hatte sein Leiden schon lange vor Augen gehabt und als Last auf seiner Seele getragen (Lk 12,50); dass es jetzt bald vorbei sein sollte, trug sicher zu diesem Verlangen bei, ebenso wie Folgendes: Er aß dieses Mahl mit seinen Jüngern am Vorabend seines Todes, um ihnen und allen Gläubigen späterer Jahrhunderte die Tatsache ins Herz zu schreiben, dass sein Tod keine Katastrophe war, auch nicht das Ergebnis menschlichen Neides, religiöser Perversion oder satanischer List. Er war vielmehr das von Gott zuvor verordnete Opfer, durch das die Menschen aus der Knechtschaft eben dieser Bosheiten befreit und mit Gott versöhnt werden sollten. Dieses Opfer würde so wirksam sein, dass er nie mehr vom Wein als Symbol des Passah trinken müsse, bis das Reich Gottes kommen würde, wie lange das auch dauern möge (22,18). Das große erlösende Opfer würde vollkommen sein, sein Werk auf Erden würde vollendet sein.
Der Neue Bund
Der Herr aß aber nicht nur das Passah, sondern setzte auch etwas ganz Neues ein: das Mahl des Herrn (1. Kor 11,20). Die anschaulichen Symbole des Mahles sollten die Jünger an seinen Leib und an sein Blut erinnern, die er für sie und zu ihrer Erlösung geben würde. Zudem sollte das Mahl ein Zeichen des Neuen Bundes sein, den er mit seinem Blut einweihen würde (22,19.29).
Gott hatte durch Jeremia den Neuen Bund angekündigt und seine Bestimmungen und seinen Zweck enthüllt: „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; und ich werde ihr Gott, und sie werden mein Volk sein… alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der HERR. Denn ich werde ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken“ (Jer 31,33.34). Christus reichte nun den Jüngern den Kelch des Neuen Bundes in seinem Blut und kündigte damit an, dass er mit ihm sein Reich aufrichtet, in das jeder eingehen wird, der an die Erlösung durch sein Blut glaubt. In seinem Reich sollten sie nach der neuen Geburt durch Belehrung und durch die Kraft des Heiligen Geistes zum Gehorsam ihrem Herrn und König gegenüber erzogen und geschult werden. Die Aufrichtung dieses Reiches musste nicht bis zu seiner Wiederkunft warten; es sollte beginnen, sobald das „Blut des Bundes“ den Bund besiegelt hatte.
Die große Ironie
Kaum hatte Christus die Aufrichtung seines Reiches angekündigt, machte er die Jünger auf eine große Ironie aufmerksam. Der Satan hatte seinen Agenten in die Oberkammer eingeschleust, und der hatte jetzt seine Hand auf dem Tisch (22,21) und verfolgte jeden Schritt, den Christus tat, um dessen Verhaftung zu planen und so die Kreuzigung und den Tod zu ermöglichen. Der gleiche Tisch, auf dem die Hand des Verräters ruhte, trug Symbole, die der König jetzt entschlüsselte: Sie verkündeten, dass es Gottes ewiger Vorsatz gewesen war, dass der König sterben sollte und mit seinem Sterben die Macht Satans brechen und sein Reich gründen sollte. Die Sünde des Judas war unentschuldbar; aber seine verräterische Hand musste dem göttlichen Plan dienen, der die Macht seines satanischen Meisters zerschlug.
Die Ausbildung der Jünger im Reich
Der König fuhr fort: Er kündigte ihnen nicht nur an, dass er sein Gesetz auf ihr Herz schreiben würde, sondern eröffnete ihnen seine Pläne sie zu schulen, damit sie sowohl in dieser als auch in der zukünftigen Welt an seiner Regierung teilhaben könnten. Sie sollten lernen, das heidnische Verständnis von Regieren und Herrschen über andere aufzugeben, und dem Vorbild ihres Herrn zu folgen, der als König ein Diener war (22,24–27). Geschult und in ihrer Treue zum König durch Teilhabe an seinen Leiden erprobt, sollten sie im kommenden Zeitalter damit belohnt werden, dass sie seine innige Gemeinschaft genießen und an seiner Regierung aktiv teilhaben sollten (22,28–30). Bis dann sollten sie nicht vor den Angriffen Satans beschirmt werden, und sie würden zuweilen Niederlagen erleiden, doch würde die lebendige Verbindung mit ihrem Herrn, nämlich der persönliche Glaube an den Retter, durch die Fürbitte ihres königlichen Priesters erhalten bleiben. Das wird uns am Fall des Petrus demonstriert, an dem wir auch sehen, dass Niederlagen schließlich der Stärkung der Gruppe dienen mussten (22,31–34). Der König würde nicht nur den Feind besiegen, sondern gerade dessen Widerstand dazu verwenden, seine Jünger zu vervollkommnen.
Die Ausbreitung des Reiches
Wohl hatte die Nation ihren König verworfen, so dass dieser die Aufrichtung seines Reiches in einer geheimen Versammlung mit den Jüngern ankündigen musste, doch das bedeutete nicht, dass die energische Missionsarbeit der zurückliegenden Jahre jetzt aufhören musste. Ganz im Gegenteil: Jetzt sollte die christliche Mission über Israel hinaus in alle Welt gehen (24,47). Wurde aber der König von der Nation zum Gesetzlosen erklärt und hingerichtet, durften die Missionare nicht mehr damit rechnen, wie bisher bei ihren Missionsreisen von ihr unterstützt zu werden (siehe Lk 9,1–6; 10,1–16). Sie würden für ihre Auslagen selbst aufkommen und sich ohne finanzielle Hilfe aus dem Volk oder von den Ungläubigen durchschlagen müssen.
Die Jünger verstanden die Metapher vom Schwert falsch und zeigten dem Herrn zwei Schwerter. Er winkte lediglich ab, ohne seine Worte zu erklären. Die jetzt folgenden Stunden würden ihnen klar genug zeigen, dass er nicht Schwerter aus Stahl meinte, und dass man seine Anliegen weder mit Waffengewalt verteidigen noch vorantreiben dürfe (22,49–51). Die neue Situation, aus der sich eine neue Beziehung zwischen christlicher Mission und der Welt ergeben musste, war nicht unvorhergesehen, und sie war auch nicht nur eine vorübergehende Schwierigkeit. Auch sie war in der Schrift längst vorhergesagt worden (22,37). Dass Christus „unter die Gesetzlosen gerechnet wurde“, ist einerseits die Grundlage der Vergebung und des Friedens; aber andererseits schafft das Kreuz eine Scheidung zwischen den Jüngern und der Welt. Auch das ist ein wichtiger Bestandteil der Botschaft vom Gekreuzigten. Dieses Verhältnis duldet keine Kompromisse, sonst wird das Evangelium kompromittiert (1. Kor 1,1–2,5; Gal 6,14).
Damit beschloss Christus seine Unterweisungen über Programm und Strategien zur Aufrichtung seines Reiches. Aber Symbole, Programme und Weissagungen sind nutzlos, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt und erfüllt werden: „Dieses, was geschrieben steht, muss an mir erfüllt werden“ (22,37). Als der Herr das gesagt hatte, ging er hinaus, um sein Reich aufzurichten.