Das neue Volk Gottes wird gebildet
aus „Kommentar zur Apostelgeschichte“(zu Apg 18, Seite 423 – 429; Auszug), CLV
Offenbar führte die Ankunft von Juden in Rom, die inzwischen Christen geworden waren, schließlich zu Unruhen in einer oder mehreren Synagogen in Rom. Darauf reagierte Kaiser Claudius mit einem Erlass, der alle Juden aus der Stadt auswies. Wie lange dieser Erlass Bestand hatte wissen wir nicht, aber anfangs muss es den Christen, von denen die meisten natürlich Juden waren, als eine Katastrophe erschienen sein. In Wirklichkeit kam es dazu, dass die Juden schließlich nicht nur zurückkehren durften (und das Christentum dort einen Aufschwung nahm), sondern dass der Erlass des Claudius auch zu einem bedeutenden Fortschritt für das Evangelium andernorts führte.
Zwei jüdische Eheleute namens Aquila und Priszilla, die wie alle anderen Juden aus Rom vertrieben worden waren, sahen sich nach einem geeigneten Ort um, an dem sie ihr Geschäft, das Zeltmacherhandwerk, ausüben konnten. Dabei werden wir an Lydia erinnert, die ebenfalls umzog. Aquila und Priszilla wählten letztendlich Korinth als neuen Aufenthaltsort.
Diese Stadt verfügte über zwei Häfen und war ein schön gelegener und wohlhabender Ort; auch aus geschäftlicher Sicht war das eine vernünftige Wahl.
Nicht lange, nachdem sie sich in Korinth niedergelassen hatten, kam Paulus in die Stadt. Er war allein, hatte offensichtlich kein Geld und musste, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, in seinem Beruf arbeiten, der zufällig das Zeltmacherhandwerk war. So begegnete er offenbar Aquila und Priszilla, die feststellten, dass sie wie Paulus an den lebendigen Gott glaubten und das gleiche Handwerk wie er beherrschten.
Daraufhin luden sie ihn ein, bei ihnen zu wohnen und in ihrem Geschäft mitzuarbeiten. Ein glücklicher Zufall, könnte man sagen, aber dann erinnern wir uns an die ganze Geschichte, wie Paulus nach Philippi kam und im Haus der Geschäftsfrau Lydia Unterkunft fand. Offensichtlich sind die Vorsehung und die Fügung Gottes der „Kettfaden“, der den „Schussfaden“ dieser Geschichten zu einem durchgängigen Muster werden lässt. In den nächsten Monaten hatte der mittellose Paulus die Möglichkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, seine Ausgaben zu bestreiten und in der Stadt Fuß zu fassen, bis seine Mitarbeiter Silas und Timotheus aus Mazedonien mit einer Gabe der dort neu gegründeten Gemeinden eintrafen (2. Kor 11,9). Das ermöglichte es Paulus, seine Vollzeittätigkeit als Zeltmacher aufzugeben und einen großen, offensiven evangelistischen Einsatz in der Stadt zu beginnen, indem er sich ganz dem Predigen widmete (Apg 18,5).
Die Botschaft an Israel, das alte Volk Gottes
Der Kern seiner Botschaft an die Juden bestand wie immer darin, dass der Messias der alttestamentlichen Schriften tatsächlich Jesus ist (18,5). Der Widerstand der Mitglieder der Synagoge entlud sich schließlich in Beschimpfungen, wie dies auch an anderen Orten der Fall war.
So verließ Paulus in Begleitung des Synagogenvorstehers und all seiner Hausangestellten die Synagoge und gründete nebenan eine christliche Gemeinde, die durch den Zustrom nichtjüdischer Korinther, die glaubten und sich taufen ließen, weiter vergrößert wurde (18,6-8). Aber wir können nicht umhin, die Feierlichkeit der Worte zu bemerken, die Paulus gebrauchte, als er die Synagoge verließ. Als sich einige Jahre zuvor im pisidischen Antiochien eine ähnliche Situation ergab, erklärte Paulus:
»Zu euch [den Juden] musste notwendigerweise das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen.« (13,46). Seine Worte an diejenigen, die in der Synagoge in Korinth zusammenkamen, waren noch ernster: »Euer Blut komme auf euren Kopf! Ich bin rein; von jetzt an werde ich zu den Nationen gehen.« (18,6).
Es sei noch einmal gesagt – man kann es nicht oft genug hervorheben –, dass Paulus hier nicht dem Antisemitismus freien Lauf ließ und ihn guthieß. Er sprach mit dem gleichen ehrfurchtgebietenden Verantwortungsbewusstsein, das alle wahren Propheten Israels immer empfunden hatten, insbesondere Hesekiel (Hes 3,16-21; 33,1-5) und vor allem der Herr Jesus selbst (Lk 10,10-16; 11,49-52; 13,34-35; 19,41-44). Jeder wahre Gottesmann ist von Gott beauftragt, eine für das Heil seiner Mitmenschen lebenswichtige Botschaft zu überbringen.
Aber keiner von ihnen kann gleichzeitig glauben, dass er ohne schwerwiegende Konsequenzen für sich selbst oder andere angesichts des Widerstands Kompromisse hinsichtlich dieser Botschaft eingehen kann. Auch kann er diejenigen, die sie ablehnen, nicht beschwichtigen, indem er sagt, dass sich ihre Ablehnung von Gottes Wort und Heil nicht unweigerlich als katastrophal erweisen wird. Weit davon entfernt, seinem eigenen jüdischen Fleisch und Blut untreu zu werden, sagte Paulus seinen Landsleuten, dass er von Gott für sie verantwortlich gemacht worden war: Er hatte alles getan, was er konnte, um zu ihrer Rettung beizutragen. Erst jetzt, als ihr fortgesetzter Widerstand und ihre Übergriffe es ihm unmöglich machten mehr zu tun, fühlte er sich von seiner Verantwortung entbunden und frei, sie – wenn auch widerstrebend – den unvermeidlichen Folgen ihres Widerstands zu überlassen.
Eine ähnliche Verantwortung hatte ihm Gott für die Heiden übertragen. Wenn seine jüdischen Mitbürger meinten, dass sie verpflichtet waren, nicht nur den Messias und Erlöser abzulehnen, sondern auch Paulus und seine Botschaft vor den Heiden in der Synagoge in Misskredit zu bringen, dann musste sich dieser nach nebenan begeben, wo er in relativer Ruhe seiner gottgegebenen Verantwortung gegenüber den Heiden nachkommen konnte, die von dem Retter hören wollten.
So verließ Paulus die Synagoge. Die ablehnende Haltung der meisten Juden schmerzte ihn sehr. Die ständig wiederkehrende Trauer darüber, dass sich die Juden in einem Gebäude versammelten und die Christen getrennt im Gebäude nebenan zusammenkamen, lastete auf seinem Herzen. Zweifellos begann er, die sich oben erwähnten theologischen Fragen in seinem Inneren immer schärfer zu stellen.
Ein Botschaft Gottes über das neue Volk Gottes
Eines Nachts sprach der Herr in einer Erscheinung zu Paulus, um ihn zu ermutigen, in seiner Verkündigung fortzufahren. Es war nicht nur das, was er sagte. Vielmehr waren es auch die Begriffe, die er dabei verwendete, die sich als hilfreich dafür erwiesen, dass Paulus die sich entwickelnde Situation richtig einschätzen konnte. Wir müssen nur aufpassen, dass wir die Untertöne des biblischen Sprachgebrauchs nicht übersehen, wenn wir die Worte lesen, die mit dieser Erscheinung einhergingen.
»Fürchte dich nicht«, sagte der Herr, »sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll dich angreifen, um dir etwas Böses zu tun; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt« (Apg 18,9-10). Wenn wir nicht aufpassen, werden wir die Formulierung »viele Menschen« so lesen, als bedeute sie einfach »viele Personen«; als ob der Herr damit nur sagen wollte: »Viele Menschen in dieser Stadt werden sich bekehren.« Das wäre natürlich richtig gewesen, aber wenn man sich auf Einzelpersonen konzentriert, setzt man den Schwerpunkt an der falschen Stelle. Das fragliche griechische Wort, laos, bezieht sich auf Menschen als Gruppe, als Personenkreis oder als Volk. Sein Plural bedeutet nicht »Personen« oder »Individuen«, sondern »Völker« (d. h. »Nationen«). Die King James Version vermittelt in ihrer ein wenig altertümlichen Ausdrucksweise den Begriffsinhalt etwas besser: »Ich habe viel Volk …« Um jedoch den vollen Bedeutungsumfang des Ausdrucks in diesem Zusammenhang
zu verstehen, müssen wir uns daran erinnern, dass mit laos das entsprechende hebräische Wort übersetzt wird, das im gesamten Alten Testament die Nation Israel bezeichnet: »Mein Volk« nennt Gott sie.
Durch Mose (5. Mose 7,7-8) erklärte er, dass er die Angehörigen dieses Volkes nicht erwählt hatte, weil sie ein zahlreiches Volk waren, sondern weil sie im Vergleich zu anderen Völkern zahlenmäßig gering waren.
Aber er liebte sie und erwählte sie, und sie wurden sein Volk.
Wer nun zum neuen Volk Gottes gehört
Und nun sagt der Herr zu Paulus, dass er »ein großes Volk« in Korinth hat, die nun »sein Volk« in demselben Sinne bilden sollen, wie Israel viele Jahrhunderte lang »sein Volk« war. Der Unterschied besteht darin, dass in alttestamentlichen Zeiten die Israeliten »das Volk des Herrn« waren, die Heiden aber nicht. Jetzt hat sich das geändert:
Zum »Volk des Herrn« gehören nun sowohl Heiden als auch Juden. In den folgenden Monaten, sowohl in Korinth als auch nach seiner Abreise, gingen Paulus diese Worte des Herrn naheliegenderweise immer wieder durch den Kopf. Er sah sie natürlich als Ausdruck der großartigen Gnade Gottes, dass die Heiden, die in früheren Jahrhunderten nicht zu Gottes Volk zählten, nun zum Volk Gottes gehören sollten. Aber Paulus erkannte auch Folgendes: Gott hatte den gläubigen Heiden diese Stellung nicht zugeeignet, weil diese einer Art „Notfallplan“ entsprach. Er hatte sich diesen Plan nicht als Reaktion auf die Ablehnung des Messias durch diejenigen, die bisher sein Volk gewesen waren, eilig ausgedacht. Gott hatte diese Ablehnung seit Langem vorausgesehen und seine Ratschlüsse bekannt gegeben, um dann zum richtigen Zeitpunkt angemessen handeln zu können.
In Römer 9,23-26 finden wir eine Stelle, die Paulus in diesem Zusammenhang besonders erhellend fand – die Anfangskapitel des Buches Hosea. In der weit zurückliegenden Zeit, in der dieser Prophet lebte, hatten sich die zehn Stämme Israels so sehr von Gott entfernt, dass Gott Hosea gebot, ihnen in seinem Namen mitzuteilen: »… ihr seid nicht mein Volk, und ich will nicht euer sein.« (Hos 1,9). Die zehn Stämme wurden also beiseitegesetzt. Aber Gottes Gnade war so groß, dass er gleich im nächsten Vers (Hos 2,1) Folgendes ankündigte: Der Tag würde kommen, an dem die zehn Stämme, die jetzt »nicht mein Volk« waren, wieder eingesetzt werden würden: »… an dem Ort, wo zu ihnen gesagt wurde: ›Ihr seid nicht mein Volk!‹, wird zu ihnen gesagt werden: ›Kinder des lebendigen Gottes‹.« Wenig später wiederholte Gott dieselbe Verheißung: »Und ich will zu Lo-Ammi [›Nicht-mein-Volk‹] sagen: ›Du bist mein Volk‹; und es wird sagen: ›Mein Gott!‹« (Hos 2,25).
Paulus schöpfte aus diesen Verheißungen großen Trost: Selbst wenn der größte Teil der Angehörigen des Volkes Israel jetzt im Begriff war den Messias zu verwerfen und zu straucheln, würde das Volk eines Tages gewiss wiederhergestellt werden. Er lehnte die Vorstellung entschieden ab, dass Gott sein (altes) Volk Israel, das er vorherbestimmt hatte, endgültig und dauerhaft verstoßen hatte oder jemals verstoßen würde. Zwar strauchelte das Volk als Ganzes, aber dies war kein unwiderruflicher Zustand! Ja, eines Tages würde das Volk als Ganzes gerettet werden (Röm 11,1-2.11.26). Aber damit nicht genug.
Wie Gott die Entstehung des Volkes Gottes geplant hat
In den Worten, mit denen Gott vor Jahrhunderten die Wiederherstellung Israels angekündigt hatte, erkannte Paulus zweierlei: Er sah darin sowohl Gottes wohldurchdachte Pläne und Absichten, den Heiden die Ehre zukommen zu lassen sein Volk zu werden, als auch den Grundsatz, nach dem er dies tun würde. Wenn die Angehörigen des Volkes Israel wiederhergestellt werden sollten, mussten sie zunächst anerkennen, dass sie im Grunde das Recht verwirkt hatten, »Gottes Volk« genannt zu werden. Gott hatte sie zu »Nicht-mein-Volk« erklärt. Wenn er ihnen vergab und sie wiederherstellte und ihnen wieder die ehrenvolle Stellung zuerkannte, »mein Volk« genannt zu werden, würde dies ein Akt der reinen, unverdienten Gnade Gottes sein. Gottes Gnade war also bereit, dies für Israeliten zu tun, die aufgehört hatten, »Gottes Volk« zu sein. Seine Gnade würde dies aus freien Stücken tun. Daraus folgt, dass er sicherlich die gleiche Rettung und Ehre auch gläubigen Heiden gewähren konnte, die in der Vergangenheit nie »Gottes Volk« gewesen waren.
Daran erinnerte der Herr Paulus, als er ihm in der Nacht in Korinth erschien. Paulus hatte das natürlich schon vorher gewusst. Schon bei der Zusammenkunft und Beratung in Jerusalem (Apg 15,14) hatte Jakobus alle Anwesenden daran erinnert, dass Gott nun begonnen hatte, »aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen«. Aber die Aussage des Herrn in Korinth war mehr als eine Erinnerung. Sie machte Paulus bewusst, dass der Herr, der mit ihm war, die Strategie für die Evangeliumsverkündigung in der ganzen Welt ausgearbeitet hatte. Das brachte ihn zur Anbetung. »… ich habe ein großes Volk in dieser Stadt«, sagte der Herr zu Paulus, und deshalb galt: »Denn ich bin mit dir, und niemand soll dich angreifen, um dir etwas Böses zu tun.« (18,9-10). Gott hatte schon immer gewusst, was er in Korinth zu tun gedachte und wie das Ergebnis aussehen würde. Deshalb hatte er (was Claudius nicht wusste) den kaiserlichen Erlass dazu benutzt, Aquila und Priszilla gerade rechtzeitig nach Korinth zu bringen, um es Paulus zu ermöglichen, in der Stadt Fuß zu fassen. Ja, aus Gottes Sicht war es kein Zufall, dass Aquila und Priszilla und Paulus (bzw. ihre Eltern) schon viel früher aus eigenem Antrieb beschlossen hatten, den Beruf des Zeltmachers zu ergreifen.