Die ersten Jahre als Eltern – Teil 1
1. Biblische Grundsätze
Gott hat Autoritätsverhältnisse in dieser Welt geschaffen: Vorgesetzte in der Arbeit, Regierungen, Lehrkräfte in der Schule, Älteste usw. – und Eltern. Sogar Jesus hat sich seinen Eltern und seinem Vater im Himmel untergeordnet.
Eltern sollen sich dieser Rolle bewusst sein. Wir Eltern verkörpern eine liebevolle Autorität (Eph 6,4; Kol 3,20-21; 1. Thes 2,7; 1. Thes 2,11), damit sich unsere Kinder gesund entwickeln.
Ziel der elterlichen Autorität ist nicht, unser Kind bis ins Erwachsenenalter zu kontrollieren, sondern ihm die Fähigkeit zu geben, sich Schritt für Schritt selber zu kontrollieren. Nicht, indem wir es tun lassen, was es will, sondern indem wir in den ersten Jahren klare Grenzen setzen. So lernt das Kind, seine Impulse und Wünsche zu kontrollieren.
Disziplin schon früh zu lernen, ist für die Entwicklung der Persönlichkeit eines Menschen wichtig. Kinder, denen Selbstkontrolle beigebracht wurde, haben deutlich weniger Probleme im sozialen Umgang und in Gruppensettings (Kindergarten, Schule, Kinderstunde, Zeltlager). Auch im Sport oder beim Erlernen von Musikinstrumenten braucht es Disziplin und die Gewohnheit, Regeln und Vorgaben einzuhalten.
Die Bibel verwendet das Bild eines Hirten, der seine Schafe nicht sich selbst überlässt. Eltern, die ihr Kind mit den Augen eines Hirten sehen, führen das Kind im Laufe der Jahre weg von unweisen und egoistischen Wegen hin zu Weisheit und Reife.
Aber wir haben als Eltern nicht nur den Charakter des Kindes im Blick. Zu unserer Aufgaben gehört es auch, ihnen Schritt für Schritt ein Bild unseres Schöpfers und Retters zu vermitteln. Wie ist Gott? Was hat er bisher getan (z.B. AT-Geschichten, Jesus-Geschichten)? Gott ist gut und gerecht. Das ist eine gute Nachricht für uns. Aber im Lauf der Jahre beginnt ein Kind auch zu verstehen, warum wir vor einem guten und gerechten Gott nicht bestehen können. Wenn diese Wahrheiten nicht nur im Kopf des Kindes, sondern langsam auch in seinem Herzen landen, wird es verstehen, warum Gott für uns als Mensch an einem Kreuz sterben musste.
Als Eltern wollen wir daher nicht nur äußeren Gehorsam sehen, sondern möchten unseren Kindern auch die richtige Herzenseinstellung mitgeben. Sie sollen lernen, das Gute zu erwählen und das Böse zu verwerfen (Jes 7,15). In diesem Artikel geht es allerdings hauptsächlich um die Charakterbildung beim Kind.
2. Unsere Rolle ändert sich
Eltern verhalten sich nicht immer gleich, während ihr Kind heranwächst. Wir sollten bewusst die passende Rolle einnehmen, die für das Lebensalter des Kindes wichtig ist. Wenn Eltern versuchen, die Reihenfolge der Phasen zu vertauschen, wird es zuhause problematisch.
Phase 1 (ca. 0-5 Jahre) Regent / Beschützer
Phase 2 (ca. 6-11 Jahre) Lehrer
Phase 3 (ca. 12-20 Jahre) Coach / Trainer
Phase 4 (ca. 21+ Jahre) Freund
Regent / Beschützer (ca. 0-5 Jahre)
Wie bei einem Hausbau zuerst ein festes Fundament gelegt wird, damit alles andere einen stabilen Unterbau hat, so bekommt das Kind in seiner ersten Lebensphase zwei wichtige Grundlagen mit.
Erstens soll das Kind lernen, die Autorität der Eltern anzuerkennen: „Da gibt es jemanden, der über mir steht. Ich tue, was Mama und Papa sagen.“ Mama und Papa bestimmen, was das Kind isst, wohin es krabbelt, wann es schläft, wann es eine Mütze aufsetzt, wann wir Oma besuchen usw.
Zweitens soll das Kind vertrauen lernen, dass Eltern da sind, die seine Herzens-Bedürfnisse sehen und sich angemessen darum kümmern.
Das gibt uns Eltern zunächst die Rolle eines Regenten und Beschützers. Mit dieser Rolle sind Eltern oft heillos überfordert. Das Internet wird in Erziehungsfragen als Experte Nr.1 konsultiert und die Gedanken der Eltern werden von Ratschlägen überschwemmt, die zum Scheitern dieser ersten Kindererziehungs-Phase beitragen. Dr. Internet rät uns: „Ignoriere es einfach, wenn dein Kind dich nachäfft oder Schimpfworte verwendet. Wenn du es ignorierst, hört es von alleine wieder auf.“ „Dein Kind ist oft in seiner eigenen Welt, also bestehe nicht darauf, dass es auf deine Anweisungen reagiert.“ Dr. Internet schlägt vor: „Wenn dein Kind Wutanfälle hat, dann ist das ein Ausdruck eines inneren Konfliktes. Hilf ihm einfach nur, diesen inneren Konflikt zu bewältigen, aber ziehe es keinesfalls zur Verantwortung, wenn es tobt. Frage das Kind: Was hast du denn? Geht’s dir nicht gut? Hast du Hunger? Bist du müde? Sag ihm, dass du verstehst, dass es jetzt wütend ist. Dann fühlt es sich ernstgenommen und es wird sich beruhigen.“
Diese Haltung wird auch durch scheinbar „christliche“ Argumente gefördert: „Gott ist ja barmherzig und geduldig, also akzeptiere ich es, wenn mein Kind meine Anweisung 10 Mal ignoriert.“
Solche Ratschläge können für Eltern überzeugend sein, die von der Angst getrieben werden, dass ihr Kind sie ablehnen könnte. Manche Eltern sind davon abhängig, dass ihr Kind ihnen Zuwendung gibt, und das bestimmt ihre Kindererziehung. Sie geben nach, wenn ihr Kind stur ist, in der Hoffnung, einen kleinen Freund zu gewinnen. Das Gegenteil ist der Fall. Dieselben Eltern sind oft nach einiger Zeit frustriert und ausgelaugt. Paradoxerweise tun sich genau diese Eltern sogar mit der Zeit manchmal schwerer, ihr Kind zu lieben.
Später (Punkt 4 bis 7) werden wir beschreiben, wie eine gesunde Vorgangsweise in der Kindererziehung sowohl den Charakter des Kindes positiv formt, als auch zu einer tiefen und herzlichen Eltern-Kind-Beziehung führt.
Wir haben oben erwähnt, dass das Kind in dieser Phase auch darauf vertrauen lernt, dass seine Herzens-Bedürfnisse erkannt und angemessen beantwortet werden. Für ein Kinderherz ist es sehr gesund, wenn es weiß: „Mama und Papa haben mich lieb.“ Eltern, die sich im Alltag Zeit für ihr Kind nehmen (und dafür evtl. sogar berufliche Möglichkeiten hintanstellen), vermitteln ihm diese Sicherheit. So kann das Kind auf gesunde Weise das tun, was in dieser Lebensphase sein „Job“ ist: Die Welt entdecken und sich emotional und intellektuell gut entwickeln.
Lehrer (ca. 6-11 Jahre)
Wir erklären dem Kind die Welt nun tiefer, z.B. den Umgang mit verschiedenen Situationen und geben ihm Schritt für Schritt die Fähigkeit, sich darin zurechtzufinden. Anders als in Phase 1 bestimmen Eltern nun nicht mehr jedes Detail im Leben des Kindes. Seine Freiheit eigene Entscheidungen zu treffen, wächst in dem Maß, wie es mit dieser Freiheit umgeht. Nach wie vor ist es selbstverständlich, dass das Kind die Anweisungen der Eltern befolgt und dass die Eltern darauf achten. Auch in dieser Phase zeigen sich schon die Auswirkungen der bisherigen Erziehung – Kinder können durch ihr Verhalten entweder eine Freude für die Eltern sein oder ihnen Kummer bereiten (Spr 10,1; 15,20; 17,21; 17,25; 23,15; 28,7; 29,15; 29,17).
Coach / Trainer (ca.12-20 Jahre)
Ein Coach beobachtet das Spiel von außerhalb des Spielfeldes, steht aber in Rufkontakt mit den Spielern. Wurden die ersten beiden Phasen gut abgeschlossen, können Eltern jetzt auf dieser soliden Grundlage aufbauen und ihre Jugendlichen durch Ratschläge, aber auch noch durch Vorgaben zu Reife und Weisheit führen. In dieser Phase ist außerdem das Vorbild der Eltern entscheidend. Wenn Teenies am Leben ihrer Eltern das sehen, was auch von ihnen verlangt wird (Verlässlichkeit, Fleiß, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Ordnungssinn, Lernbereitschaft,…), wird ihre Bereitschaft zu diesen Dingen größer sein. Sie durchschauen auch die wahren Werte der Eltern (Wie viel bedeutet meinen Eltern Gottes Wort, die Gemeinde, Erfolg in der Welt? Erleben sie Frieden und Gottes Nähe? Freuen sie sich auf Jesu Wiederkunft? usw.).
Eltern geben ihren heranwachsenden Kindern auch Wertschätzung und zeigen Interesse an deren Anschauungen und Ideen. Respektvolles Feedback von Teenagern kann für Eltern eine wertvolle Rückmeldung über ihren eigenen Charakter und Erziehungsstil sein.
Freund (ca. 21+ Jahre)
Gegenseitiger Respekt und Wertschätzung können diese Phase prägen. Den Eltern ist das schrittweise Loslassen der Kinder im Lauf der Teenagerzeit gelungen (wenn auch deutlich später, als Dr. Internet es vorgeschlagen hatte). Die Eltern bleiben Ratgeber und Unterstützer der nun jungen Erwachsenen. Eventuelle Unstimmigkeiten konnten ausgesprochen und geklärt werden. Natürlich entwickeln wir auch schon im Lauf der vorherigen Jahre eine gute Freundschaft mit unseren Kindern, aber jetzt steht sie im Vordergrund, unsere Erziehung sollte abgeschlossen sein.
Das Eltern – Team
Eltern sollten gemeinsame Ziele für jedes ihrer Kinder haben, sonst besteht die Gefahr, dass sie gegeneinander arbeiten und das Kind verwirren. Spannungen in der Paarbeziehung können eine Folge davon sein, und dass das Kind die Eltern gegeneinander ausspielen kann.
Wenn es keine Einigkeit gibt, sollte als erster Schritt an diesem Punkt gearbeitet werden. Eigene Erfahrungen als Kind (z.B. „Welchen Erziehungsstil hatten meine Eltern?“, siehe Punkt drei) sollten miteinander ausgetauscht werden.
Vorschlag:
Setzt euch als Eltern zusammen und überlegt euch konkrete Ziele, die ihr in der nächsten Zeit für jedes eurer Kinder anstreben möchtet,
z.B. dass das Kind anstatt zu jammern seinen Wunsch in angemessenem Tonfall äußert,
z.B. dass das Kind kommt, wenn man es ruft,
z.B. dass sich das Kind alleine anziehen kann,
z.B. dass das Kind friedlich mit anderen Kindern spielen lernt.
- Vier Erziehungsstile im Vergleich

Wenn man Kindererziehung vereinfacht darstellen möchte, kann man zwei Schlagwörter benutzen: LIEBE und KONTROLLE. Die Grafik zeigt ein Koordinatensystem, auf dem sich Mamas und Papas wiederfinden können. Wie viel Liebe/Herzenswärme vermittle ich meinem Kind? Und wie viel Kontrolle übe ich über das Verhalten meines Kindes aus?
Als Kombination von „wenig Liebe“ und „wenig Kontrolle“ entsteht links unten der „Vernachlässigende Erziehungsstil“. Die Eltern kümmern sich wenig darum, wie es dem Kind innerlich geht. Und sie machen kaum Vorgaben, was das Kind zu tun und zu lassen hat. Das Kind lernt: Es ist meinen Eltern egal, wie es mir geht und es ist ihnen egal, was ich tue. Dieser Erziehungsstil kann manchmal bei Eltern beobachtet werden, die auch für ihr eigenes Leben wenig Verantwortung übernehmen oder die in einer sehr belasteten Lebenssituation sind.
Die Kombination von „wenig Liebe“ und „viel Kontrolle“ könnte man den „herrischen Stil“ nennen. Das sind polternde Eltern, die ihre eigenen Emotionen wenig unter Kontrolle haben und mit Lautstärke oder Gewalt Gehorsam erzwingen, aber gleichzeitig wenig Zugang zu den Herzen der Kinder finden. Dieser Stil scheint zunächst gut zu funktionieren, da die Kinder eingeschüchtert sind und brav wirken. Oft kommt es aber im Teenageralter zu einem Ausbrechen der Jugendlichen und evtl. einem frühen Verlassen des elterlichen Haushalts.
Eine Kombination von „viel Liebe“ und „wenig Kontrolle“ wäre der „nachgebende Stil“. Die Botschaft an das Kind lautet: Ich liebe dich und deshalb werde ich dich nicht frustrieren und deinen Wünschen folgen. Das Ergebnis davon sind häufig Kinder, die Anweisungen der Eltern ignorieren und manchmal auch sehr machtvoll und tyrannisch werden. Aus Angst vor heftigen Reaktionen des Kindes lassen die Eltern ihm lieber seinen Willen. Paradoxerweise ist die Atmosphäre in solchen Familien immer wieder belastet, gekennzeichnet von Klagen der Eltern über die Eigenwilligkeit der Kinder. Die von den Eltern erhoffte Harmonie zwischen ihnen und dem Kind wird von einem Klima der Frustration überschattet. Eltern mit diesem Erziehungsstil leben auch immer wieder mit einem schlechten Gewissen, weil sie über das rücksichtslose oder grenzüberschreitende Benehmen ihres Kindes so zornig werden, dass sie sich danach für ihr Verhalten schämen. Das kann dazu führen, dass Eltern ihren Kindern erst recht mit Nachsicht und Wunscherfüllungen entgegenkommen wollen.
Übrig wäre noch die Kombination von „viel Liebe“ und „viel Kontrolle“ – ein Erziehungsstil, den man den „beziehungsorientierten Stil“ nennen könnte. Die Botschaft der Eltern an das Kind lautet: Wir lieben dich sehr und deshalb ist es uns nicht egal, was einmal aus dir wird. Wir bringen dir deshalb bei, wie man sich unterordnet, auf Wunscherfüllungen geduldig wartet, Anweisungen treu befolgt, fleißig, ehrlich und freundlich ist usw.
Wie dieser Erziehungsstil im Detail aussehen kann, wollen wir im Folgenden erläutern.
Fortsetzung folgt im nächsten Heft