Dem Herrn in aller Demut dienen – Teil 5
Auszug aus dem Buch „Reißende Wölfe kommen“, das von der Christlichen Verlagsgesellschaft herausgegeben wurde, mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Es ist eine lebendige Auslegung der Rede des Paulus an die Ältesten in Ephesus, aber wir denken, dass nicht nur Älteste, sondern ihr alle Gewinn davon haben werdet.
„Ihr wisst, wie ich vom ersten Tag an, da ich nach Asien kam, die ganze Zeit bei euch gewesen bin und dem Herrn diente mit aller Demut und unter Tränen und Versuchungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren.“ (Apg 20,18-19)
Die Tugenden eines demütigen Leiters
Paulus war ein starker, aber demütiger Mann, der die Demut Christi vorlebte. Wenn Sie sich nicht vorstellen können, wie eine starke, begabte, brillante, energische Führungspersönlichkeit gleichzeitig ein liebevoller, demütiger Diener sein kann, sollten Sie das Leben des Paulus einmal genauer betrachten.
Paulus war zurückhaltend, bescheiden und selbstlos. Er war für andere da und auch bereit mit seinen eigenen Händen zu arbeiten, um sich selbst versorgen zu können und anderen zu helfen. Er lebte das, was man als „kreuzgemäßen Lebensstil“ bezeichnen kann, das heißt ein Leben, das vom Kreuz Christi geprägt wird (Phil 3,10).
Eine christusähnliche, demütige Haltung macht einen Leiter belehrbarer, zugänglicher und empfänglicher für konstruktive Kritik. Sie versetzt ihn in die Lage seine eigenen Grenzen und Fehler zu erkennen, sich anderen unterzuordnen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Sie befähigt ihn auch, besser mit den Sünden und Fehlern anderer Menschen zurechtzukommen.
Eine demütige Führungspersönlichkeit rechtfertigt sich nicht selbst, neigt weniger zu Streitereien, kann Konflikte schneller ausräumen und ist in zwischenmenschlichen Beziehungen gelassener.
Eine demütige Seele fördert die Gaben und die Beliebtheit anderer von Herzen gerne und ist nicht eifersüchtig oder neidisch auf die Errungenschaften ihrer Mitmenschen. Nur mit einer Haltung „in aller Demut“ können Sie in ähnlicher Weise wie Jesus andere leiten.
Zusammenhalt: Die Ortsgemeinde ist eine hochgradig beziehungsorientierte, eng verbundene Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, in denen der Heilige Geist Gottes wohnt. Sie ist keine Gemeinschaft, die von oben nach unten von einer einzigen Autoritätsperson geführt wird. In einer hochgradig beziehungsorientierten Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern ist die Tugend der Demut (und der Liebe) wie ein Klebstoff, der die Menschen zusammenhält und sie befähigt, die natürlichen Meinungsverschiedenheiten zu klären, die zwischen Menschen auftreten.
Ein Leiter wie Diotrephes
Paulus war völlig anders als der arrogante Gemeindeleiter Diotrephes, der gern „der Erste sein will“ (3. Joh 9). Dieser konnte nicht wie Paulus sagen, dass er „dem Herrn mit aller Demut diente.“
Diotrephes ist der klassische autoritäre Gemeindeleiter, der starke Mann, der narzisstische Pastor, der sich selbst ins Zentrum der Gemeinde stellt und alle anderen um sich herum schart. Er verkörpert die Schattenseite christlicher Leiterschaft. Der betagte Apostel Johannes beschrieb ihn so: „Ich habe der Gemeinde etwas geschrieben, aber Diotrephes, der gern unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht an. Deshalb, wenn ich komme, will ich seine Werke in Erinnerung bringen, die er tut, indem er mit bösen Worten gegen uns schwatzt; und sich hiermit nicht begnügend, nimmt er selbst die Brüder nicht an und wehrt auch denen, die es wollen, und stößt sie aus der Gemeinde.“ (3. Joh 9-10)
Diotrephes hielt so viel von sich selbst, dass er sogar den geschätzten Apostel Johannes kritisierte und sich weigerte auf ihn zu hören. Er ordnete sich nicht der apostolischen Autorität unter. Diotrephes war eine einschüchternde Führungspersönlichkeit, der eine Atmosphäre von Angst und Schuldgefühlen schuf und bedingungslose Loyalität einforderte. Ich kann mir vorstellen, dass er für diejenigen, die ihm folgten und mit ihm übereinstimmten, eine charmante, begabte und starke Autoritätsperson darstellte. Das passte gut in die durch klare Hierarchien geprägte griechisch-römische Kultur, die starke, dominante Führer schätzte.
Diotrephes war eindeutig nicht jemand, der andere auferbaute, sondern der sie in ihre Grenzen verwies und einschränkte. Er war nicht jemand, der Einigkeit forderte, sondern der für Spaltungen sorgte. Er war nicht jemand, der anderen die Bühne überließ, sondern ein Selbstdarsteller. Er war kein demütig gesinnter Leiter, sondern eine ehrgeizige Führungspersönlichkeit. Er wollte den Dienst nicht kollegial mit Gleichgesinnten teilen, wie es Paulus tat. Wie alle stolzen Menschen lehnte er göttliche Korrektur und Belehrung ab. Sein Herz war nicht voller Reue vor Gott und sein arroganter Geist entzweite und verletzte die Menschen. Auf ihn passte das Urteil des Paulus, der solche Menschen als „ein tönendes Erz … oder eine schallende Zimbel“ (1. Kor 13,1) bezeichnete.
Leiterschaft von der Welt zurückgewinnen
Diotrephes ist das biblische Beispiel dafür, wie ein christlicher Leiter nicht sein sollte. Er repräsentiert das weltliche Konzept des Rechts des Stärkeren, der zuoberst an der Spitze der Führungspyramide steht.
Jesus stellte die vorherrschenden Führungswerte der damaligen religiösen und weltlichen Leiter radikal infrage. Lukas berichtet folgende Begebenheit:
„Es entstand aber auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen für den Größten zu halten sei. Er aber sprach zu ihnen: „Die Könige der Nationen herrschen über sie, und die Gewalt über sie üben, lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Nicht der zu Tisch Liegende? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende.“ (Lk 22,24-27)[1]
Ein Führungsstil, wie Jesus ihn lehrte, bedeutet anderen voranzugehen, und nicht eine Machtposition über andere einzunehmen. Es ist ein auf den Nächsten ausgerichteter Führungsstil, bei dem der Leiter den Menschen – auch den unscheinbarsten – dient und keine Gegenleistung erwartet. Es geht darum, anderen auf liebevolle Weise Aufmerksamkeit zu schenken, gekennzeichnet dadurch, dass man bereit ist für andere Leid zu tragen und sogar zu sterben. Es bedeutet, sich selbst zu verleugnen und sich für andere aufzuopfern; es bedeutet, andere zu fördern, zu unterstützen und voranzubringen.
Es bedeutet, ein Leiter im Sinne von Philipper 2 zu sein.[2]
Charles Colson bekleidete als Sonderberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten eine hohe weltliche Machtposition. Später erlebte er eine Wiedergeburt und wurde ein bibelgläubiger Christ. Treffend erklärt er die Unterschiede zwischen der weltlichen und der biblischen Sicht von Macht:
„Nichts unterscheidet das Reich der Menschen mehr vom Reich Gottes als die diametral entgegengesetzten Ansichten über die Ausübung von Macht. In der einen Sicht geht es darum die Menschen zu beherrschen, in der anderen darum ihnen zu dienen; in der einen erhöht man sich selbst, in der anderen erniedrigt man sich; in der einen strebt man nach Ansehen und nach einer Position, in der anderen erhebt man die Geringen und Verachteten.“[3]
Um etwas klarzustellen: Jesus leugnete nicht die Notwendigkeit von Führungspositionen, die Ausübung menschlicher Autorität, das Streben nach Größe oder Spitzenleistungen in der Leitung. Paulus sagt zu denen, die die geistliche Gabe der Leiterschaft haben, dass sie „mit Fleiß“, bzw. „Eifer“ (SLT) führen sollen (Röm 12,8). Aber Jesus lehrte, dass in seinem Reich und unter seiner Herrschaft Führungsposition und Autorität anders gelebt werden müssen, als es das selbstdarstellerische, bevormundende Modell seiner Zeit forderte.
Ein bleibendes Problem
Als Paulus die Ältesten in Ephesus daran erinnerte, dass er dem Herrn „mit aller Demut“ diente, warnte er sie gleichzeitig vor einer generellen Versuchung für Gemeindeleiter:Stolz!Stolz auf das Amt, Stolz auf den Titel, Stolz auf das Wissen und Stolz auf die eigene Begabung. „Stolz ist zweifellos die Hauptgefahr für Prediger“, stellt John Stott fest.[4] Obwohl Demut und Dienen im Mittelpunkt der Lehre Jesu über Leiterschaft und das Leben in der Gemeinschaft stehen, wird der Mangel an Demut unter christlichen Leitern immer noch als ein weit verbreitetes Problem angesehen.
Auf dem dritten Lausanner Kongress in Kapstadt, Südafrika (2010), waren sich die mehr als 5000 Vertreter aus allen Ländern der Welt einig, dass der Mangel an Demut unter Leitern der weltweiten Gemeinde großen geistlichen Schaden zufügt und dringend angesprochen werden muss.[5]
Was die Menschen erwarten
Leider muss man zugeben, dass ein starker, autokratischer Führungsstil oft nach außen hin erfolgreich und sogar beliebt ist.
Viele Menschen wollen lieber einem starken Mann folgen, einer Figur wie Diotrephes, einem Mann, den sie für von Gott gesalbt und bevollmächtigt halten. Sie wollen den harten, dominanten Führungsstil der Welt.
Das traf sicherlich auch auf die Gläubigen in Korinth zu. Paulus entsprach nicht ihrer griechisch-römischen Vorstellung eines starken Mannes als Anführer und so wurden die Korinther eine leichte Beute für die sogenannten „Superapostel“, die sie verführten und ausnutzten:
„Ihr als Kluge ertragt die Toren ja gern. Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand euch einfängt, wenn jemand sich überhebt, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt. Zur Schande sage ich, dass wir damit verglichen schwach gewesen sind.“ (2. Kor 11,19-21)
Einigen Christen erschien Paulus als schwach und unscheinbar, gewiss nicht herausragend, keine richtige Führungspersönlichkeit. Vielleicht dachten sie, wie manche heute, dass das Konzept des „dienenden Leiters“ ein Widerspruch in sich selbst sei und kein brauchbares und funktionierendes Führungskonzept darstelle.
Mangelnder Gehorsam: Trotz der wiederholten Lehraussagen von Jesus und Paulus über (1) Demut, (2) Liebe, (3) Brüderlichkeit und (4) Dienen wurden und werden diese Wahrheiten oft ignoriert. Nach dem 1. Jahrhundert und im weiteren Verlauf der Geschichte übernahmen die meisten Kirchen für ihre Leiterschaft und Gemeindestrukturen allmählich die griechisch-römischen Hierarchievorstellungen von Status und Macht. Es entstand eine unbiblische, klerikale und priesterliche Kaste, die von persönlichen Titeln, Kleidung, Status und Macht wie besessen war.
Nur wer christusähnliche Demut, Dienstbereitschaft, Brüderlichkeit und Liebe an den Tag legt, ist in Gottes Augen wirklich groß und der Erste in Seinem Reich.
Was Gott möchte
Im Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten dieser Welt können Jesus und Paulus gemäß nur diejenigen Älteste sein, die liebevolle, demütige Diener sind, die das außergewöhnliche Leben Jesu Christi zum Vorbild haben und die dieses ihren Gemeinden und der zuschauenden Welt aufrichtig vorleben. Machen Sie es sich zum Ziel, dem Herrn als sein Knecht zu dienen, mit einer völlig demütigen Einstellung! Dies ist die erste Selbstbeschreibung des Paulus, dessen Verhalten die Ältesten im Hirtendienst nachahmen sollen.[6]
[1] Siehe auch Mt 11,29; 20,20-28 [= Mk 10,35-45]; 23,5-12; Mk 9,33-35; Lk 14,7-11; Joh 13,3-17.
[2] D. h. eine Gesinnung zu haben, die „nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht tut, sondern dass in der Demut einer den anderen höher achtet als sich selbst, ein jeder sehe nicht nur auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen! Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war.“ (Phil 2,3-5). Hier vergleicht Paulus „Eigennutz“ und „eitle Ruhmsucht“ mit „Demut“. Dem Text zufolge bedeutet Demut, dass man andere Menschen „höher achtet als sich selbst“ und nicht nur auf „das Seine“ achtet, sondern auch die Interessen und Vorteile anderer Menschen berücksichtigt. Jesus Christus ist das beste Beispiel für Demut und aufopferungsvollen Dienst am Nächsten.
[3] Charles Colson, Kingdom in Conflict (Grand Rapids: Zondervan, 1987), S. 274.
[4] John R. W. Stott, Between Two Worlds: The Art of Preaching in the Twentieth Century (Grand Rapids: Eerdmans, 1982), S. 320.
[5] Die Kapstadt-Verpflichtung: Ein Bekenntnis des Glaubens und ein Aufruf zum Handeln, https://aem.each.ch/wp-content/uploads/sites/10/2018/12/Kapstadt-Verpflichtung_D.pdf. Siehe auch: The Lausanne Legacy: Landmarks in Global Mission (Peabody, MA: Hendrickson, 2016).
[6] Um zu sehen, wie radikal gegenkulturell die Lehre Jesu über Führung, Größe, Status und Macht ist, wie auch das bescheidene Leben und der Führungsstil von Paulus, lesen Sie Joseph H. Hellermans Buch Embracing Shared Ministry: Power and Status in the Early Church and Why It Matters Today (Grand Rapids: Kregel, 2013). Dieses Buch ist eine Pflichtlektüre. Um zu verstehen, wie dienende Leiterschaft mit schwierigen Gemeindesituationen umgehen würde, lesen Sie Alexander Strauch und Robert L. Peterson: Mit Liebe leiten, lernen am Beispiel von Robert C. Chapman (2010, Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft).