Den Hass der Welt verstehen
(Auszug aus dem Buch „In der Schule Christi“ von David Gooding. Es handelt sich dabei um eine Auslegung zu Johannes 13 bis 17, die bei CLV erscheinen soll.)
Warum sollte jemand Christus hassen? Der Fürst des Lebens, der König der Gerechtigkeit und des Friedens, der Freund der Sünder, der Bote von Gottes Vergebung, der Urheber der Bergpredigt – warum sollte ihn jemand so sehr hassen und ihn kreuzigen? Wenn Menschen Tyrannen wie Hitler hassen, ist das verständlich. Aber Jesus Christus?
Als Petrus und die anderen Jünger das erste Mal von Christus hörten, dass die verantwortlichen Führer der Nation ihn kreuzigen werden, schien ihnen das ein grotesker Irrtum zu sein. Petrus sagte: „Gott behüte dich, Herr! Dies wird dir nicht widerfahren.“ (Matthäus 16,22).
Aber natürlich geschah es. Und die Welt, die Jesus gekreuzigt hat, wird seine Jünger nicht unbedingt besser behandeln, wenn er nicht mehr hier ist. Wenn sie nun in die Welt hinausgehen und Christus bezeugen und das Evangelium verkünden sollen, müssen sie auf die Feindschaft der Welt vorbereitet werden. Dazu ist es erforderlich, dass sie die wahre Ursache verstehen. Denn durch das Verstehen wird das Mitgefühl kommen, wie bei ihrem Meister, der für diejenigen betete, die ihm die Nägel durch seine Hände und Füße schlugen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Mit dem Mitgefühl wird das dringende Bedürfnis kommen, die Wahrheit über Gott und seinen Sohn zu bezeugen, um nach Möglichkeit der fatalen Unwissenheit ein Ende zu machen. Und es bewirkt eine Bereitschaft, dabei die Feindschaft zu ertragen.
Zu Beginn vier Dinge über die Feindschaft der Welt, die die Jünger im Auge behalten müssen, wenn sie ihr begegnen:
- Dem geht bereits etwas voraus: „die Welt … [hat] mich vor euch gehasst“ (Joh 15,18).
- Wodurch die Nachfolger Christi diese Feindschaft der Welt hervorrufen: „…weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt auserwählt habe, darum hasst euch die Welt.“ (Joh 15,19)
- Christen dürfen keine bessere Behandlung als Christus erwarten: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie mein Wort gehalten haben, werden sie auch das eure halten.“ (Joh 15,20)
- Die tiefe, grundlegende Ursache der Feindschaft der Welt: „Aber dies alles werden sie euch tun um meines Namens willen, weil sie den nicht kennen, der mich gesandt hat.“ (Joh 15,21)
Was dem vorausging
Das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus ist so wunderbar. Es bietet uns vollständige und vollkommene Vergebung an, das Geschenk des ewigen Lebens, Friede mit Gott, die tägliche Gemeinschaft mit Christus, die Gewissheit des Himmels und noch viele weitere Freuden und Segnungen. Deshalb erzählt ein Junggläubiger seinen Freunden schnell davon. Er denkt, dass sie bisher nur noch nicht an Jesus geglaubt haben, weil sie nicht genau wussten, was Errettung ist. Er meint, dass er seinen vernünftigen Freunden nur vom Evangelium erzählen muss und dass sie es dann freudig annehmen werden. Wenn er dann, was oft der Fall ist, in Wirklichkeit auf gefühllose Gleichgültigkeit, Spott oder sogar Feindseligkeit trifft, ist er ziemlich verwirrt. Er kann nicht verstehen, warum er nicht akzeptiert wird. Vielleicht fängt er sogar an sich zu fragen, ob das alles stimmt. Hätte Jesus seine Apostel nicht vorgewarnt, wäre es für sie auch beunruhigend gewesen zu erkennen, dass die geistlichen Führer der Nation, die Hohenpriester und der Hohe Rat einmütig in harter Feindseligkeit gegen sie und ihr Evangelium waren.
In solchen Umständen ist es nur normal, wenn sich ein Junggläubiger fragt: „Stimmt mit mir etwas nicht?“ Das kann natürlich zutreffen. Ein Junggläubiger ist manchmal aufgrund seines Enthusiasmus ziemlich taktlos oder sogar unhöflich und respektlos bei seinem Zeugnis gegenüber anderen. Und manchmal untergräbt das schlechte Verhalten von bereits länger Gläubigen die Glaubwürdigkeit des von ihnen verkündigten Evangeliums auf gravierende Weise. Der Unmut der Ungläubigen gegenüber den Christen ist manchmal die Schuld der Christen. Die unheilige Mischung aus Politik und Religion, von den Menschen Christentum genannt, ist oft solch unchristlicher Grausamkeit und Bösartigkeit schuldig geworden, dass die Menschen es verständlicherweise und zu Recht gehasst haben.
Aber trotz alledem bleibt eine Feindseligkeit bestehen, die eine völlig andere Ursache hat. Das sehen wir, wenn wir daran denken, dass die Welt Jesus Christus in größerem Ausmaß gehasst hat, lange bevor sie die Christen gehasst hat. An Jesus gab es nichts auszusetzen: kein unausgewogener Fanatismus, keine lieblose Religiosität, keine Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen der Menschen. Dennoch hassten sie ihn erbittert. Wenn wir nicht durch die alles durchdringende Boshaftigkeit der Welt abgestumpft wären, würden wir es als äußerst eigenartig betrachten, dass der gerechteste Mensch, der jemals gelebt hat, von seinen Mitmenschen gekreuzigt wurde. Demnach ist es nicht zwangsläufig die Schuld seiner Nachfolger, wenn die Welt sich auch an ihnen stößt.
Wodurch rufen die Nachfolger Christi die Feindseligkeit der Welt hervor?
Die Feindschaft der Welt gegenüber den Nachfolgern Christi ist auf die tiefer liegenden Konflikt zurückzuführen, der von der Frage kommt, wem man letztendlich treu ergeben ist. Christus sagt: „Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihre lieb haben; weil ihr aber nicht von der Welt seid…“. Die Welt merkt das und stößt sich daran. Zu allem Übel waren Christi Nachfolger ursprünglich wie alle anderen „von der Welt“: sie teilten die wesentlichen Einstellungen, Annahmen, Werte, Wünsche und Ziele der Welt. Aber das hat sich verändert. Christus hat sie aus der Welt erwählt. Sie haben ihre grundsätzliche Loyalität einem anderen Herrn geschworen, gegen dessen Existenz sich die Welt grundsätzlich auflehnt. Deshalb fühlt sich die Welt durch die Nachfolger Christi beunruhigt. Manchmal merkt die Welt schwach und unbewusst, zu anderen Zeiten völlig bewusst, dass ein wahrer Christ eine Art Überläufer ist, der die Seiten gewechselt hat. Er ist zu dem Einen übergelaufen, von dem die Welt im Herzen weiß, dass er ihre größte Bedrohung ist.
Notwendige Erklärungen
An dieser Stelle unterbrechen wir und fragen, was genau Christus mit „der Welt“ meint. Zweifellos verwendet er den Ausdruck in einem besonderen Sinn. Denn wenn er sagt: „die Welt liebt das Ihre“, bedeutet das nicht, dass sich alle Nichtchristen und Nationen untereinander lieben. Das tun sie offensichtlich nicht. Schau dir all die Kriege an, die in vielen Teilen der Welt wüten!
Und die Aussage: „…weil ich euch aus der Welt auserwählt habe, hasst euch die Welt“, heißt nicht, dass jeder Nichtchrist jeden Christen hasst. Das stimmt nicht und Christus wusste das: Er litt nicht unter Verfolgungswahn, er sah nicht Hass, wo keiner war. Mütter haben ihm so sehr vertraut, dass sie ihre Kinder zu ihm brachten und er sie in die Arme nahm und sie segnete (Markus 10,13-16). Er hatte Mitgefühl mit den Menschenmengen: Er hatte Mitleid mit ihnen wie mit Schafen ohne Hirten, speiste sie, heilte ihre Krankheiten, damit sie Gott um seinetwillen verherrlichten (Matthäus 9,35.36; 15,30-32). Voller Barmherzigkeit gegenüber Sündern nahm er ihre Einladungen zum Essen an und empfing sie an seinem Tisch, und zwar so sehr, dass die religiösen Zeitgenossen ihn anklagten, ein „Freund der Zöllner und Sünder“ zu sein (Lukas 15,1; 19,7). Wir lesen, dass in der Woche vor seiner Kreuzigung die Volksmenge in Jerusalem (im Unterschied zu den Führern) ihn gern hörte. Auch wenn sie letzten Endes von den Führern beeinflusst seine Kreuzigung forderten, gaben ihm zu Pfingsten und danach Tausende ihre Loyalität, ihr Vertrauen und ihre Liebe und folgten ihm nach (Markus 12,37; 15,11; Apostelgeschichte 2,41; 4,4). Deshalb hat Christus, als er zu seinen Aposteln sagte: „Seid nicht überrascht, wenn die Welt euch hasst“, sicherlich nicht gemeint, dass jeder Nichtchrist jeden Christen hasst.
Deshalb müssen wir die Welt als Ganzes sehen um zu erkennen, dass die Welt vom Bösen völlig durchdrungen ist. Die Bibel schreibt das der ursprünglichen Entfremdung des Menschen von Gott zu. Es ist deshalb hilfreich, wenn wir uns hier nochmal in Erinnerung rufen, was das Aufdecken von Judas‘ Verrat durch den Herrn mit der Entfremdung der Welt von Gott zu tun hat. Es begann im Garten Eden, wo Satan der Fürst dieser Welt wurde (Johannes 12,31; 14,30; 16,11). Er hat Adam und Eva eingeredet, dass Gott gegen sie ist und sie das Leben nur genießen können, indem sie sich gegen Gott und sein Wort auflehnen und sich unabhängig von Gott der guten Dinge des Lebens erfreuen. Sie fielen auf die Lüge Satans herein. Es folgten Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen. Dadurch merkten sie, dass Gott nun gewiss gegen sie sein musste. Sie liefen davon und versuchten sich vor Gott zu verstecken, der für sie nun zur großen Bedrohung geworden war (siehe 1. Mose 3).
Immer noch versuchen Menschen vor Gott davonzulaufen und sich zu verstecken, wenn auch auf viel ausgeklügeltere Weise. Viele suchen Zuflucht in der Wissenschaft, von der sie gern glauben, sie habe bewiesen, dass es außerhalb unseres Universums keinen Gott gibt, oder wenn doch, dass er unser Universum nicht betreten und in die Dinge innerhalb des Universums nicht eingreifen kann. Die Wissenschaft hat natürlich nichts davon bewiesen.
Viele scheinen zu denken, dass Gott irgendwie weggehe, wenn sie ihn ignorieren. Eine Selbsttäuschung des menschlichen Herzens ist das Annehmen einer Religion in der Hoffnung, dadurch Gott zu besänftigen, sich von seinem Missfallen zu befreien und sich vielleicht einen Platz im Himmel zu verdienen. Aber genau dadurch wird auf subtile Weise die völlig falsche Haltung der Unabhängigkeit von Gott weitergeführt.
Stellen wir uns einen Nachbarn vor, der einen Schrebergarten besitzt und eine Menge Kartoffeln angebaut hat. Nehmen wir an, dass ich mich heftig mit ihm gestritten habe. Er verkauft mir vielleicht trotzdem Kartoffeln, wenn ich ihm genügend zahle. Wenn ich aber bankrott, hilflos und von ihm abhängig bin, dass er mir die dringend benötigten Kartoffeln gibt, kann ich meine Unabhängigkeit nicht aufrechterhalten. Ich muss mich auf sein Erbarmen verlassen und mit ihm versöhnt werden, bevor ich erwarten kann, dass er mir etwas gibt.
Genauso ist es zwischen dem Menschen und Gott. Gott appelliert an die Menschen, ihre falsche, unabhängige Haltung aufzugeben, ihren moralischen und geistlichen Bankrott anzuerkennen, sich auf seine Gnade zu verlassen, mit ihm versöhnt zu werden und von ihm Vergebung und ewiges Leben als Geschenk zu erhalten. Aber solange die Menschen aus Stolz oder Unwissenheit ihre Unabhängigkeit von Gott aufrechtzuerhalten versuchen, dauert die Entfremdung an und Gott erscheint ihnen als Bedrohung. Sie mögen ihn nicht, geschweige denn, dass sie ihn lieben. Wenn sie dann einen Christen treffen, der über Jesus reden möchte, Gott und Christus offensichtlich liebt und auf deren Anspruch auf die Welt drängt, mögen sie ihn genauso wenig, denn er beunruhigt sie. Diese Abneigung wird im Extremfall zu einer Regierung führen, die den bloßen Gedanken an Gott aus der Gesellschaft durch Gesetze auszulöschen sucht.
Christen dürfen dieselbe Behandlung wie Christus erwarten
„Erinnert euch an das Wort, das ich euch gesagt habe: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“, sagt Christus. Er ist völlig ehrlich zu seinen Jüngern. Niemals täuschte er vor, Nachfolge würde nichts kosten. Er beruft zu einer Treue, die im Notfall das Leben kosten wird. Tausende Gläubige haben diesen Preis um seinetwillen bereits bezahlt.
Auf der anderen Seite fügt Christus hinzu: „…wenn sie mein Wort gehalten haben, werden sie auch das eure halten.“ Das ist eine Ausgewogenheit der Gedanken. Es gab viele, die während des irdischen Dienstes unseres Herrn seinem Wort glaubten, durch ihren Glauben errettet wurden, und in Frieden weggingen. Seit Pfingsten gibt es eine immer größer werdende Menge, die das Wort der Jünger Christi glaubt, und zwar deshalb, weil es in Wirklichkeit das Wort Christi ist.
Wahre Heiligkeit erfordert deshalb, dass wir nüchtern und realistisch die Feindseligkeit der Welt beachten. Aber wir müssen keine paranoiden Pessimisten sein. Unzählige werden dennoch dem Evangelium glauben.
Die tiefere, grundlegende Ursache der Feindschaft der Welt
Zum Schluss zeigt Christus die tiefere, grundlegende Ursache der Feindschaft der Welt auf. Wenn wir darüber nachdenken, wird es unser Mitleid erregen.
„Die Welt wird euch hassen und verfolgen um meines Namens willen“, sagt Christus. Unmittelbar nach Pfingsten wurde vieles klar. Der Hohe Rat hat den Aposteln kurz danach befohlen, „sich durchaus nicht in dem Namen Jesu zu äußern noch zu lehren.“ Als sie es nicht unterließen, ermahnte sie der Hohe Rat: „Wir haben euch streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren.“ Sie untermauerten ihre Ermahnung mit Schlägen.
Der Apostel Paulus erklärt vor König Agrippa, warum er vor seiner Bekehrung die Christen so hart verfolgt hat: „Ich meinte freilich bei mir selbst, gegen den Namen Jesu, des Nazaräers, viel Feindseliges tun zu müssen.“ Auch heute noch rufen die alleinigen Ansprüche Christi nicht nur bei Atheisten sondern auch bei religiösen Menschen Missfallen hervor, wenn Christen den Anspruch Christi wiederholen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich.“ (Johannes 14,6), oder wenn sie wie die Apostel darauf bestehen, dass „in keinem anderen das Heil [ist], denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in dem wir errettet werden müssen.“ (s. Apostelgeschichte 4,18; 5,28; 26,29; 4,12).
Aber Christi Befund geht noch tiefer: „Aber dies alles werden sie euch tun um meines Namens willen, weil sie den nicht kennen, der mich gesandt hat.“ Das trifft, wie wir gesehen haben, nicht nur auf Heiden oder Atheisten zu, sondern auch auf viele religiöse Menschen. Saulus von Tarsus, der spätere Apostel Paulus, ist ein typisches Beispiel. Er war, wie viele der jüdischen Zeitgenossen, außerordentlich religiös und meinte besser als die Heiden um ihn her zu wissen, wie Gott wirklich ist. Aber als Gott in der Person Jesu auf die Erde kam, erkannte Saulus ihn nicht. Das war jedoch nicht das Einzige: Er verfolgte ihn sogar. Später gestand er ein, dass es aus reiner Unwissenheit geschah (1. Timotheus 1,13).
Gibt es etwas Schmerzlicheres? Es bewegte den Sohn Gottes zu Tränen. Als er sich Jerusalem näherte und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: „Wenn du doch erkannt hättest und wenigstens an diesem deinem Tag, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen … du [hast] die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt.“ (Lukas 19,42.44).
Es sollte auch unsere Augen heute mit Tränen des Mitleids füllen, wenn wir als Christi Jünger in die Welt hinausgehen, ihr unseren wunderbaren Erlöser vorstellen und dieselbe unwissende Feindschaft erfahren.