Gemeinde & Mission

„Der Anker, der hält“

von Oldham J.H.

Dies ist ein Auszug aus dem vorletzten Kapitel der Biographie von „Florence Allshorn – Ein Mensch wagt zu lieben“ von J.H. Oldham, mit freundlicher Genehmigung des CLV.

»Florence schien ständig Ja zu Gott und deshalb auch Ja zum Leben zu sagen. Denn Florences Antwort Gott und dem Leben gegenüber war nie das frömmelnde oder halbherzige Ja, das so manche von uns geben – jener halb bewusste Gehorsam, der so oft das Leben farblos macht. Gerade ihre Zustimmung und ihr Gehorsam gaben ihrem Leben Farbe und vollen Klang. Ihre ganze freudige Bejahung befähigte zugleich andere eine neue Welt zu sehen, durchglüht von Schönheit und Licht.«
»Es gibt nur eine wirkliche Probe für die Echtheit unseres Gebetslebens«, schreibt Florence einer Freundin. »Wollen wir Gott ganz ernsthaft erleben? Wollen wir ihn so erleben, dass wir weiterbeten, auch wenn es fünf, sechs oder zehn Jahre dauern sollte? Wollen wir das mit jener unermüdlichen Bestimmtheit tun, die nicht ablässt, selbst dann nicht, wenn alles erfolglos scheint? Das erste Anliegen des Gebets ist, Gott näherzukommen – wir und unsere Anliegen sollten an zweiter Stelle stehen.
Wir können nicht hinabsteigen zu den tiefen, inneren Quellen unseres Seins, die im Verborgenen liegen. … Der Grund unserer Seele – nicht das oberflächliche Ich, das uns meist prägt – ist der Ort, wo Gott handelt. Ich wünsche dir nicht bessere Verhältnisse; ich möchte aber, dass du darüberstehst – dich ausstreckst. Das ist der Weg.«
Und in einem anderen Brief: »Halte den Blick auf Gott gewandt, nicht auf Menschen. Das ist die Lösung – offen sein für Gott, ihm zugewandt. Ich wünsche, ich könnte dir ein wenig Schönheit schicken. Halte durch, denn das Allerschönste erschließt sich dir, wenn du Gott begegnest.
Ich fürchte, es ist schon so, dass es wenig Tage gibt, an denen wir zu Gott emporschauen und sagen können: ›Es war ein wundervoller Tag mit dir.‹ Meist sind es die Arbeit, die Menschen und unsere entsprechenden Reaktionen, die unsere müden Sinne am Ende des Tages füllen.«
Florence spricht einmal sehr anschaulich davon, die Gegenwart Gottes in der Praxis zu erleben: »Der einzige Weg, auf dem ich etwas erfahren kann, besteht darin, dass ich es tue. Und eines weiß ich von mir ganz sicher, nämlich dass es ein himmelhoher Unterschied ist, ob man sich ganz still Gott hingibt und nichts tut oder ob man seinen Willen behutsam auf ein kurzes Gebetswort richtet, wie etwa: ›O Herr, ich möchte in deiner Gegenwart sein‹, oder: ›Hier bin ich, Herr, und hier bist auch du.‹
Es ist genau so, wie wenn man sich in die Sonne legt und sich ihr aussetzt, damit ihre Strahlen ihr Werk an Leib und Sinnen ausrichten können. So ist die Wirkung, wenn sich deine Seele Gottes umgestaltender Macht ausliefert. Und ich bin überzeugt, so gewiss die Sonne deine Hautfarbe ändert, so gewiss verwandelt die Macht der Gnade dich im Innersten. Gott zu sehen, heißt, von aller Furcht und Schwachheit befreit zu werden.«
»Denke daran«, heißt es in einem Brief, »erfasse es und lass es sich spontan auswirken – Gott ist der Allmächtige in allen Lagen.« Und noch einmal: »Ich würde sagen, dass die Umstände dir nicht schaden können, wenn du wirklich Kontakt mit Gott bekommen hast und seine Kraft dir zuteilgeworden ist. Das geschieht dadurch, dass du in jeder winzigen Minute mit jenem Kontakt rechnest und aufschaust und sagst: ›Ich bin so froh, dass du die ganze Zeit da bist.‹ Habe Glauben an Gott. Glauben heißt, wirklich damit zu rechnen, dass etwas Positives herauskommt, trotz aller Dinge, die geradewegs dagegensprechen. Unglaube, Gleichgültigkeit, Langeweile und Furcht werden dich wie Mückenschwärme überfallen – dann geh deinen Weg im Glauben an die Wahrheit. Ob nun das, was dich bewegt, möglich oder unmöglich aussieht, ist in Wirklichkeit nicht deine Angelegenheit. Du bist daran beteiligt, aber du wirst unterliegen, wenn du den Glauben fahren lässt, dass Gott ebenfalls daran beteiligt ist. Er wird die Sache zum Ziel führen, nicht du.«
Auf Gott zu sehen und nicht bei sich und seinen Sünden stehen zu bleiben, betrachtete Florence Allshorn als das Geheimnis geistlichen Wachstums. »Ist das Wort: ›Er führte mich heraus ins Weite, er befreite mich, weil er Gefallen an mir hatte‹ (Ps 18,20), nicht wundervoll? In demselben Maße, wie du deinen Blick auf den Vater gerichtet hältst, überwindest du deine Sünde. Du steigst zu seinen Höhen empor – rascher, als wenn du im Finstern tappst und deine Sünden beschaust. Wirkliche Sünde ist so verzehrend. Wir vermögen nichts zu tun, wenn nicht das Feuer des Geistes Gottes stärker in uns brennt als unsere sündige Leidenschaft, und es muss uns machtvoll durchglühen.«
»Florence«, schreibt eine ihrer Freundinnen, »erklärte Gott nicht nur für größer als alles, was wir erdenken können, sondern handelte auch danach. Sie setzte der Liebe, der Freigebigkeit und dem Verstehen Gottes niemals Grenzen, und infolgedessen gab es auch bei ihr keine enge Begrenzung.« Oder: »Jemand konnte in ihr Zimmer kommen und zuerst stark von ihr selbst beeindruckt sein. Doch wenn man nach dem Gespräch mit ihr den Raum verließ, hatte man sie beinahe vergessen, so sehr war die Nähe Gottes zu spüren gewesen.«
Aus Florences Sicht bestand das Grundübel darin, dass Gott in den Hintergrund gedrängt worden war und nicht mehr die zentrale Stellung im Leben der meisten Christen einnahm. »Wir nennen uns ›Christen‹, und bei unserem Kampf geht es darum, dass Gott den ersten Platz in unserem Leben bekommt.« Wer dagegen Gottes Willen verwarf, beschritt aus ihrer Sicht den Weg der Verweltlichung.
Als Florence gegen Ende ihres Lebens nach Afrika fuhr, war das die Sorge, die sich ihr schwer auf die Seele legte. »Ihr seid alle so tüchtig«, konnte sie ausrufen, »wohin immer ich gehe, ist jedermann so früh auf den Beinen, so geschäftig, so dienstbewusst! Aber überall steht Gott so sehr im Hintergrund. Wir halten uns für wichtiger als Gott; die Regierung ist uns wichtiger als Gott, der Schulinspektor ist uns wichtiger als Gott, und unsere Stimmungen halten wir für wichtiger als Gott.« Das Bewusstsein für die stets gegenwärtige Wirklichkeit Gottes, die über allem Wichtigen steht, wiederzuerlangen, schien Florence die vordringlichste Aufgabe unserer Zeit.
»Einige unter uns«, heißt es in einer Ansprache, »müssen wohl bereit sein, die Hingabe an Gott in besonderer Weise zum Ausdruck zu bringen. Es geht um kleine Gruppen ganz hingegebener Menschen, die lebendige Gemeinschaft mit Gott und untereinander haben und die in der Welt leben, ohne von der Welt zu sein. Das Christentum wurde verwässert und ›abgekühlt‹, es wurde überschwemmt mit dem Säkularen; unser Christsein muss wieder von Gottes Geist entzündet und durchströmt werden. Glieder solcher Zellen müssen bereit sein, die zweite Meile zu gehen – gehorsam, mit einem feinen geistlichen Gehör und selbstlos. Vielleicht könnte von hier aus das Zeugnis gegenüber der Welt neu erweckt werden.«
Gott, der Ursprung der Liebe, bedeutete für Florence alles. Seine Liebe war für sie das Höchste und Endgültige im Kosmos. »Liebe«, schreibt sie, »ist der einzige Weg. Sie wäre leichter auszuüben, wäre es nur Liebe. Aber weil es um die Liebe und um die Wahrheit geht, ist es so schwierig.«
Liebe und Demut – auch sie sind untrennbar. Sie gehörten für Florence zu den einzigen Dingen, die in der ewigen Welt von Wert waren. Florence wusste ja, dass allein die Glut göttlicher Liebe, die in Jesus Christus Gestalt annahm, im Menschenherzen eine Flamme der Liebe entzünden und am Brennen halten kann. Im Anschauen Jesu hatte sich in ihrem Herzen jene Flamme entzündet. Es war kein abstraktes Ideal der Heiligung, das Florence in ihrem Streben nach Vollkommenheit vor Augen stand. Vielmehr wollte sie immer wieder neu ihrem Herrn begegnen und sich von ihm umgestalten lassen.
»Ich überlege mir, worum es für Missionarinnen – und überhaupt für alle Zeugen Jesu – geht. Ist es nicht das, dass es sie danach verlangt, Jesus in sich Gestalt gewinnen zu lassen und zu fühlen, wie er fühlte, wenn ihn jemand verletzte oder enttäuschte? Christus soll in uns Gestalt gewinnen. … Ich denke, das ist es. Wir sollen so gelassen sein, wie Christus es war, wenn Menschen uns unterkriegen wollen. ›Der Vater ist bei mir‹, sagte er. Das wusste er, und danach lebte er. Wir haben es mit ihm zu tun und nicht mit den Stimmen in unserem Geist, die uns unglücklich machen.«
»Vor allem anderen«, schreibt eine Freundin, »war Jesus lebendige Wirklichkeit für Florence. Sie führte in diesem Zusammenhang gern folgendes Zitat an: ›Ein Menschenherz kann nicht glücklich sein, wenn es nicht etwas besitzt und liebt, was rein ist.‹ Dann konnte sie sehr beredt von der großen Freude zeugen, die uns gehört, wenn wir etwas lieben, was rein ist. Das vollkommene Leben Jesu nahm sie ganz gefangen. Sie hatte seine Wege lieb gewonnen und sprach stets von Jesus als einem, der eine unsagbar große Realität für sie war. Florence sprach so natürlich darüber, und alle, die sie hörten, merkten, dass sie von etwas redete, was sie aus Erfahrung kannte.
›Wenn man jemanden sehr lieb hat‹, pflegte sie zu sagen, ›vergisst man ihn nicht, es ist wie ein stilles, klares Leuchten im Hintergrund unseres gesamten Tuns. So sollten wir Jesus lieben.‹«
Florence blieb dabei, dass das ganze Werk der Erlösung sich auf dem Schauplatz des Lebens auswirken müsse. Menschwerdung, Sterben und Auferstehung Jesu seien Erfahrungen, deren Auswirkungen im Leben seiner Jünger immer wieder sichtbar werden müssten.
»Ich wünsche dir«, heißt es einmal, »dass du in Kampf und Leiden bleibende Siegesfreude erlebst. Alles andere kommt dir kindisch vor, wenn du wirklich Jesus gesehen hast.«
Sie entdeckte immer neue Strahlen seiner Herrlichkeit. »Was du mir vom Wesen Jesu gezeigt hast«, schreibt sie einer Freundin, »beglückt mich so. Ich kann nicht davon loskommen. Er sagt nicht: ›Sei so, und du wirst gut sein‹, sondern: ›Sei so, und du wirst frei und von Freude erfüllt werden, und das ist der einzige Weg zum Glück.‹ Es geht nicht darum, wie andere auf dich wirken, sondern wie du auf andere wirkst. Darauf kommt es an. So hat Gott die Beziehungen zueinander geordnet, und ich törichtes Wesen wollte den Schmerzen meiner Aufgabe hier entrinnen und sehe jetzt, dass mich das nicht glücklich gemacht hätte. Was mich beglückt, ist das Annehmen der Gegebenheiten meines Lebens, und ich war sehr froh in letzter Zeit, denn ich sah den Herrn Jesus Christus.« […]

Nur wenn wir Jesus anschauen, bekommen wir eine Qualität der Liebe, wie er sie haben will.
»Wenn ich überhaupt einen Rat zu geben habe, möchte ich euch bitten, in eurer Bibel Jesus und seinen Umgang mit Menschen genau zu studieren, bis seine Art immer wieder in euren Herzen aufstrahlt, wenn euch Ähnliches begegnet. Zugleich möchte ich euch bitten, um die Liebe Jesu zu beten, und zwar mit größerer Leidenschaft und Beständigkeit, als ihr je in eurem Leben gebetet habt, und dann verweigert euch der Niederlage. Vielleicht könnt ihr nicht mehr tun, aber gebt der Niederlage keinen Raum!« […]
Florence wusste aus eigener Erfahrung, wie ein solches von Gott geschenktes Mitleiden wirken kann. Ihre Mitarbeiterin in Uganda hatte einst eine ihrer schlimmsten Launen und hatte Florence bittere, verletzende Worte an den Kopf geworfen. Florence blieb still. »O Gott«, betete sie im Herzen, »hilf mir, mitzuleiden und zu lieben.« Sie rief sich nur noch Gottes tiefes Erbarmen vor Augen, bis plötzlich die ärgerlichen Worte aufhörten und die ältere Frau sagte: »Du wirst nie ermessen können, welche Hilfe du mir erwiesen hast«, und still in ihr Zimmer ging.
Weil Liebe für Florence Freude und Krönung des Lebens war, bricht in allen ihren Briefen kaum ein Ton so stark hervor wie der intensive Wunsch nach Befreiung von dem Leben, das nur auf das eigene Wohl bedacht ist. Sie wünschte nichts sehnlicher, als dieses Sich-wichtig-Nehmen zu überwinden – diesen Egoismus, der unsere Schritte einengt und hemmt und uns davon abhält, dem göttlichen Leben in uns Raum zu geben. Sie wusste wohl, dass die Befreiung vom Egoismus immer ein schwerer, schmerzhafter Prozess ist – aber er ist unerlässlich, wenn wir über unseren eigenen Horizont hinaussehen und Gottes Ziele erreichen wollen.
»Es lohnt nicht, sich immer ums eigene Ich und die verletzten Gefühle zu drehen. Es ist so töricht, die Angriffe eines Menschen, der im Gefängnis sitzt und um sich schlägt, persönlich zu nehmen. Wer von sich frei wird, der wird frei, um andere zu lieben. Doch unser törichtes Ich möchte, wenn wir ganz ehrlich sind, viel lieber gesichert innerhalb der engen Wände seiner Veranlagung bleiben. Darum verharren wir so zäh in unserer Selbstverteidigung, obgleich wir sagen, dass wir frei sein möchten.«
Sich dem Eigenleben hinzugeben, ist aber auch Untreue: »Wo immer wir sind, gibt es Verkehrtheiten, oft kaum bemerkt, aber sie sind da, und wir sollten die erlösende Liebe Jesu in diesen Zuständen in Anspruch nehmen. Doch wenn wir den Weg der Erlösung betreten und plötzlich zurückbleiben, weil dieser Weg für unseren Stolz, unsere Nerven, unser Gefühlsleben oder unsere Bequemlichkeit Schmerz und Verzicht mit sich bringt, dann sind wir ganz und gar untreu. Die ganze Welt krankt am Egoismus. Warum muss das so sein? Weshalb wollen wir Menschen das nicht sehen?«