Der Gott, der nicht lügt
Über den Titusbrief – Teil 2
übersetzt von Christian Odenwald
„Paulus, Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und nach der Erkenntnis der Wahrheit, die der Gottseligkeit gemäß ist, in der Hoffnung des ewigen Lebens – das Gott, der nicht lügt, vor ewigen Zeiten verheißen hat; zu seiner Zeit aber hat er sein Wort offenbart durch die Predigt, die mir nach Befehl unseres Retter-Gottes anvertraut worden ist – Titus, meinem echten Kind nach dem gemeinsamen Glauben: Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und von Christus Jesus, unserem Retter!“ (Titus 1,1-4)
In seinem Gruß beschreibt sich Paulus selbst als ein Knecht oder Sklave Gottes und greift dann unmittelbar eine bestimmte Eigenschaft des Gottes heraus, dem er dient: Er ist der Gott, der nicht lügt.
Er führt das weiter aus: Er ist ein Gott, der Versprechen gibt und sie auch hält. Wir können uns auf sie verlassen, weil Gott eben nicht lügt. Er ist ein Gott, der Paulus dazu eingesetzt hat, den Glauben des Volkes Gottes zu fördern und ihnen die Erkenntnis der Weisheit zu bringen. Versprechen, Wahrheit und ein Gott, der nicht lügt – die Relevanz dieser Eröffnungsworte für die nationale Charaktereigenschaft des Lügens ist deutlich.
Mit Lügen leben
Anhand von Paulus‘ Anfangsworten ist es klar, dass die erste Charakterschwäche, die er anspricht, die Tendenz der Kreter zum Lügen ist.
Von welcher Art von Lügen spricht Paulus, wenn er über die Kreter schreibt? Meint er die der falschen Lehrer, die in der Gemeinde so viel Verwirrung stifteten und Schaden anrichteten? Diese mögen darin eingeschlossen sein, aber es ist unwahrscheinlich, dass der Dichter diese Art von Lügen im Sinn hatte, als er sein eigenes Volk beschrieb. Er dachte an etwas Grundlegenderes. Das Problem in Kreta war, dass Lügen die ganze Lebensweise bestimmten.
In allen Gesellschaftsschichten hatten die Menschen in Kreta die Angewohnheit Versprechen zu geben ohne die ernsthafte Absicht sie auch zu halten. Das war tief in ihrer Volksseele verwurzelt. Es ist nicht schwer, sich die Folgen davon vorzustellen: Mangel an Vertrauen, Verdächtigungen, Chaos in organisatorischen Dingen und in Beziehungen. Und das betrifft nicht nur die Kreter vor 2000 Jahren. Lügen von Einzelnen als auch von ganzen Institutionen sind der Grund für den aktuellen weltweiten finanziellen Aufruhr. Ein Freund äußerte sich vor Kurzem mir gegenüber über die Methode einer bestimmten Nation, wie sie ihre Geschäfte führt: „So lange du nicht vergisst, dass alles, was du hörst eine Lüge ist, wirst du vorankommen!“ Fast überall, wohin wir schauen, mangelt es im finanziellen und politischen Leben an grundlegender Integrität.
So war es auch in Kreta. Als sich die Kreter zu Christus bekehrten, haben sie nicht alle ihre tief verwurzelten Neigungen über Nacht verloren. Für viele – vielleicht für alle – würde das ein langer, harter Kampf sein. Es würde einige Zeit dauern, bis sie lernten die Wahrheit zu sagen. Sie würden auch einige Zeit brauchen zu vertrauen, dass ihre neuen Brüder und Schwestern vertrauenswürdig seien. Es würde Rückschläge und Enttäuschungen geben, denn es gibt keine perfekte Gemeinde.
Heuchelei ist eines der vielen Gesichter der Lüge: Vorzutäuschen zu sein, was wir nicht sind oder vorzutäuschen nicht zu sein, was wir sind. Das passierte auch in der frühen Gemeinde. In Apostelgeschichte 5 wird uns von einem Paar berichtet, das den Heiligen Geist belogen hat, indem sie einen Grad an Hingabe und geistlichem Leben vortäuschten, den sie nicht besaßen. Das kommt auch in der heutigen Gemeinde vor. Klatsch ist ein anderes Gesicht der Lüge: Hier schürt eine Person Verdächtigungen und Misstrauen, indem sie negative Informationen über andere verbreitet ohne sie auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Auch das spielt sich in der Gemeinde ab. Es kann sogar so sehr zu einer Lieblingsbeschäftigung werden, dass Leute nicht einmal mehr merken, dass sie Klatsch verbreiten und beleidigt wären, wenn man sie darauf hinweisen würde! Eine einfache Methode würde sehr viel unnötigen Schaden und Schmerz im Gemeindeleben verhindern: Man sollte nicht die erste Version einer Geschichte als die ganze Wahrheit annehmen (nicht einmal als die halbe Wahrheit), sondern die Fakten prüfen bevor man zu einem Schluss kommt. Aber um das zu tun, benötigt es vorsichtige und oft zeitintensive Arbeit. Es ist weitaus leichter, die Geschichte einfach weiterzugeben und sogar noch mit ein bisschen Übertreibung oder Spekulation zu verzieren und die Aufgabe, die Wahrheit herauszufinden jemand anderem zu überlassen.
Klatsch schlägt leicht in Verleumdung um. Verleumdung ist, über jemanden etwas zu sagen und dabei zu wissen, dass es falsch ist; man möchte Schaden verursachen. Das geschieht auch in der Gemeinde, normalerweise mit verheerenden Auswirkungen. Und dann sind da noch die vielen anderen Aussagen, die wir machen, entweder bewusst oder unvorsichtig. Wir geben Versprechen, die wir wahrscheinlich nicht halten werden: „Ich werde da sein.“ „Ich werde für dich beten“.
Wir mögen es nicht, wenn Menschen uns Lügen erzählen. Es betrübt uns. Wir fühlen uns furchtbar betrogen und es verursacht Misstrauen. Wenn dich jemand in einer Sache angelogen hat, stellt sich die unbehagliche Frage: „In wie vielen anderen Dingen hat er oder sie wohl auch noch gelogen?“ Lügen zerstört Vertrauen und Vertrauen ist sehr schwierig wieder aufzubauen.
Es ist sehr schwer, auf dieser Grundlage eine geistlich gesunde und effektive Gemeinde zu sein: Wenn Leute Dinge sagen, die sie nicht meinen, Versprechen geben, die sie nicht zu halten beabsichtigen, eine Reife im geistlichen Leben vorgeben, die sie nicht besitzen, und sich an Klatsch und Verleumdung beteiligen.
Warum tun diese Leute das? Einige tun es um ihre selbst gesteckten Lebensziele zu erreichen, üblicherweise Geld, Sex und Macht. Sie nutzen zynischerweise die Tatsache aus, dass die meisten Leute die Wahrheit sagen (zumindest meistens) und erwarten das auch von anderen, denn wie kann ihr Leben sonst funktionieren? In einem solchen Umfeld kann sich eine Person ihren Weg zu dem gewählten Ziel mit Lügen bahnen. Der wahrscheinlich größte Antrieb zum Lügen ist jedoch Angst, vor allem für die, die normalerweise die Wahrheit sagen: die Angst bestraft zu werden; die Angst davor, dass Leute entdecken, was wir wirklich sind; die Angst abgelehnt zu werden. Die Sünde hat uns wirklich verdorben! Wenn wir etwas Falsches tun, fühlen wir uns schuldig und beschämt. Wir fürchten von anderen oder letztendlich sogar von Gott selbst abgelehnt zu werden. Und das führt uns dazu vorzugeben Dinge nicht getan zu haben, die wir getan haben und zu sein, was wir nicht sind (oder nicht zu sein, was wir sind). Es wird sogar schwer uns selbst im Spiegel anzusehen.
Was ist die Lösung für die Neigung zum Lügen?
Der Gott, der nicht lügen kann
Paulus führt Titus zu dem Geheimnis: der Charakter Gottes selbst. Er lügt nicht. Das ist eine einfache Aussage mit tiefgreifenden Auswirkungen. Unsere ganze Errettung hängt davon ab. Wie könnten wir zuversichtlich und sicher in unserer Beziehung mit Gott sein, wenn wir immer den Verdacht im Hinterkopf hätten, Gott meinte nicht wirklich, was er sagte? Was würde das für sein Versprechen bedeuten, dass die, die ihm vertrauen, nie abgelehnt werden würden? Der Himmel selbst würde aufhören der Himmel zu sein, wenn wir denken würden, dass Gott seine Versprechen jeden Moment brechen könnte. Aber Gott lügt nicht. In ihm und in seinem Wort gibt es vollkommene Sicherheit, sodass wir immer wissen können, wie er uns sieht.
Der Gott, der nicht lügt, hat uns ein riesiges Versprechen gegeben: Paulus beschreibt es als die „Hoffnung des ewigen Lebens“. Ob diese Hoffnung echt ist, hängt davon ab, ob die Person, die das Versprechen gibt, wirklich nicht lügt und ob ihr vertraut werden kann. Gott lügt nicht. Er kann nicht einmal lügen, denn er kann sich selbst nicht verleugnen – das bedeutet, er kann nicht gegen seinen eigenen Charakter handeln. Er ist immer dem treu, was er ist. Er teilt die Wahrheit mit, das Versprechen des ewigen Lebens und wir können uns auf ihn verlassen, weil er der Gott ist, der nicht lügen kann.
Glauben wir ihm? Die Leute kommen oft durcheinander, wenn es darum geht zu verstehen, was Glaube ist. Für viele ist Glaube eine Art religiöse Stimmung oder ein psychologischer Zustand. Entweder du hast es oder du hast es nicht und du kannst für beides nichts tun. Das hat nichts mit dem Verstand oder mit Beweisen zu tun. Einige gehen weiter und sehen Glauben als irrational und wissenschaftsfeindlich an. Sie meinen, der Glaube sei nicht nur ohne Beweise, er sei entgegen allen Beweisen.
Es kann gut sein, dass einige Überzeugungen irrational und nicht auf stichhaltigen Beweisen gegründet sind. Aber Gott fordert uns nicht zu dieser Art von „Glaube“ auf – das ist wahrhaftig überhaupt nicht die biblische Sicht von Glauben. Gemäß der Bibel gründet sich wahrer Glaube auf Beweise. Auch wenn es einen Schritt in das jetzt noch Unbekannte beinhaltet, ist es doch ein Schritt aufgrund dessen, was bekannt ist. Glaube ist eine Antwort auf eine Offenbarung Gottes. Gott hat gesprochen: in der Schöpfung, durch das menschliche Gewissen und die Existenz des Moralgesetzes und durch sein Wort. Gott hat am deutlichsten durch Jesu Kommen in unsere Welt gesprochen, insbesondere durch seine Auferstehung von den Toten, die eine historische Tatsache ist, ein wörtliches Ereignis. Glaube ist unsere Antwort auf das, was Gott gesprochen hat.
Vertrauen auf Gott hängt von einer überlegten Einschätzung von Gottes Charakter ab. Es beruht auf dem, was Gott gesagt und getan hat. Johannes sagt uns, dass nicht an Gott zu glauben ihn eigentlich zu einem Lügner macht (1. Johannes 5,10). Glaube ist, Gott beim Wort zu nehmen. Wenn wir ihn nicht beim Wort nehmen, ist es keine Verteidigung zu sagen: „Ich habe nicht genug Glauben.“ Wenn wir sagen, dass wir nicht genug Vertrauen haben um an Gott zu glauben, sagen wir eigentlich, dass Gott nicht vertrauenswürdig ist. Die Entscheidung nicht an Gott zu glauben, bedeutet ihn zu einem Lügner zu machen.
Glaube ist deshalb keine Stimmung, die über uns kommt, sondern vielmehr eine bewusste Antwort, die wir auf Gottes Offenbarung geben. Anstatt uns darauf zu konzentrieren, wie stark oder weniger stark unser eigener, subjektiver Glaube ist, würden wir gut daran tun uns auf Gottes Wort zu konzentrieren. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit auf seine Handlungen in der Geschichte richten, vor allem aber auf die historische Person Jesu Christi und sein Werk.
Fortsetzung folgt