Gemeinde & Mission

Der Gott, der Versprechen gibt – und sie hält!

von Lennox Gilbert

Über den Titusbrief – Teil 3

übersetzt von Christian Odenwald

Warum gibt Gott Versprechen? Warum tut er nicht einfach Dinge und lässt die Versprechen darüber, was er tun wird, weg? Weil Versprechen Hoffnung und Vertrauen bilden. Als Vater habe ich meinen Kindern manchmal Versprechen gegeben. In meiner Kultur ist es üblich Kindern Geburtstagsgeschenke zu machen. Statt die Kinder einfach bis zu ihrem nächsten Geburtstag warten zu lassen, habe ich ihnen gelegentlich im Voraus gesagt, was ich ihnen schenken wollte, bevor ich es ihnen gab. Warum? Weil ein Versprechen die Freude der Erwartung mit sich bringt. Und mit jedem erfüllten Versprechen wächst das Vertrauen und damit auch die Erwartung und die Hoffnung hinsichtlich der Versprechen, die noch ausstehen.

Gott hat schon vor langer Zeit Versprechen gegeben. Schon zu Beginn der Menschheit rebellierten Adam und Eva gegen Gott und weigerten sich seinem Wort zu vertrauen. Gott antwortete, indem er Versprechen gab. Er versprach, dass ein Nachkomme der Frau über den Bösen siegen würde, der sie betrogen hatte. Durch das Alte Testament hindurch hat Gott immer wieder Versprechen gegeben. Manche, wie die Versprechen, die das Kommen des Messias betrafen, sind in der Geschichte bereits erfüllt worden. Manche werden noch erfüllt werden, wie beispielsweise das Versprechen, dass der Sohn des Menschen in Macht und großer Herrlichkeit wiederkommen wird um die Welt zu richten. Aber die Versprechen, die bereits erfüllt worden sind, stärken unser Vertrauen und unsere Erwartung, dass diese ausstehende Verheißung noch erfüllt werden wird. Wir haben diese Erwartung, obwohl viele diese Hoffnung schon aufgegeben haben, daran zweifeln oder sogar den Gedanken verspotten, dass der Herr wiederkommen wird. Gott meint, was er sagt, er hält seine Versprechen, er ist vertrauenswürdig.

Der Gott, der nicht lügt: zwei Illustrationen

Es gibt noch eine Reihe anderer Bibelstellen, die Gott als den Gott zeigen, der nicht lügt. Diese Stellen helfen zu verdeutlichen, wie wichtig diese Wahrheit ist. Eine davon befindet sich in 4. Mose 23. Dort lesen wir, wie Balak, der König von Moab, den Propheten Bileam dafür bezahlt zum Volk Gottes zu gehen und es zu verfluchen. Daraufhin ging Bileam auf einen Berg und verwendete seine ganze Macht um Gott dazu zu bringen Israel zu verfluchen. Aber er stellte fest, dass er Gott nicht dazu bewegen konnte. Warum? Das ist die Nachricht, die Bileam zu Balak zurückbrachte:

„Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten? Siehe, zu segnen ist mir befohlen; er hat gesegnet und ich kann’s nicht wenden.” (4. Mose 23,19-20).

Was für eine Ermutigung ist das! Gott hat sich an sein Volk gebunden und er wird seine Meinung nicht ändern, ganz unabhängig davon, welche dunklen geistlichen Mächte sich gegen sein Volk stellen. Wir sind uns der Wahrheit des geistlichen Widerstandes, der uns entgegensteht, meist nur sehr undeutlich bewusst, wenn überhaupt. Sogar wenn wir uns dessen bewusst sind, hält Gott in seiner Güte den Großteil vor unseren Augen verborgen, weil uns das einschüchtern und überwältigen würde. Aber wir wissen, dass Gott seine Versprechen uns gegenüber hält und nicht lügt. Das ist die Zusicherung, die wir brauchen, besonders wenn wir die Finsternis spüren.

Betrachtet auch Abraham und das Versprechen, das Gott ihm für seine Zukunft gegeben hat. Alle diese Versprechen waren mit Isaak verbunden. Und dann fordert Gott von Abraham, Isaak zu opfern (siehe 1. Mose 22). Was für eine Herausforderung für seinen Glauben! Ich bin ein Vater. Ich kann mir nur vorstellen, wie ich mich in seiner Situation fühlen würde. Gott befahl Abraham seinen Sohn aufzugeben und mit ihm auch, so scheint es, die Hoffnung darauf, dass Gottes Versprechen für die Zukunft jemals erfüllt würden. Der Unterschied ist jedoch, dass Abraham das nicht so sah! Was auch immer seine Gefühle ihm sagten, er argumentierte mit sich selbst logisch. Er wusste, dass Gott, der ihm hinsichtlich Isaaks solch ein wunderbares Versprechen gegeben hatte, nicht lügen konnte (Hebräer 11,17-19). Wenn also Gott Isaak zurückforderte, hatte er wohl vor, ihn von den Toten aufzuerwecken. Das war die Stärke von Abrahams Vertrauen in Gott als einen Gott, der nicht lügen kann und der seine Versprechen hält. Gott kannte sein Herz, sah seinen Glauben und stellte ein anderes Opfer bereit.

Der Schreiber des Hebräerbriefes wendet dies auf seine Leser an, die der Verfolgung gegenüberstanden, weil sie ihren Glauben an Jesus als den Messias bekannt hatten. Bezugnehmend auf  Gottes Versprechen an Abraham zeigt er auf, dass Gott diese Versprechen mit einem Schwur gewährleistet hat – „Ich schwöre bei mir selbst“, sprach Gott – sodass „wir durch zwei unveränderliche Dinge [sein Versprechen und seinen Schwur], bei denen Gott doch unmöglich lügen kann, einen starken Trost hätten, die wir unsere Zuflucht dazu genommen haben, die vorhandene Hoffnung zu ergreifen. (Hebräer 6,13-20). Letztendlich ist Gott allein unsere Garantie. Das ist uns in Zeiten der Prüfung ein gewaltiger Trost.

Daher ist die Antwort auf die Neigung der Kreter zum Lügen in der Erinnerung an den Charakter Gottes zu finden, der nicht lügen kann. Unser Glaube und unser Vertrauen müssen auf ihn bauen. Unsere Ängste können nach und nach überwunden werden, wenn wir unsere Sicherheit in ihm finden. Das wird uns auch befähigen uns selbst ehrlicher gegenüberzustehen. Je mehr wir auf seine Wahrheit, Integrität und Treue bauen, desto mehr werden wir wie er. Wahrheit führt zu Gottseligkeit und nicht zu einem Leben, das auf Lügen und Betrug gebaut ist.

Glauben entwickeln

Der Gott, der nicht lügen kann, hat gesprochen. Er hat eine gewaltige Initiative ergriffen und die Wahrheit durch sein Wort offenbart. Dieses Wort hat er Paulus anvertraut. Es war ein sehr großer Anspruch, den Paulus in der pluralistischen Welt des römischen Reiches erheben musste: Die Wahrheit ist geoffenbart worden und seine Botschaft ist die Wahrheit. Auch heute ist das noch ein großer Anspruch. Ein Grund dafür ist, dass uns die heutige westliche Kultur im Allgemeinen weismacht, dass die Wahrheit irgendwo dort draußen sein mag, dass wir sie aber nicht wissen können. Jeder, der den Anspruch erhebt, die Wahrheit zu kennen, will entweder etwas verkaufen oder uns beherrschen. Als ich ein Student war, wurde das Christentum oft mit dem Vorwurf angegriffen, dass es nicht genug Beweise gebe. Aber heutzutage wird das Christentum häufiger einfach nur deshalb angegriffen, weil es behauptet wahr zu sein.

Ein weiterer Grund ist, dass es arrogant, intolerant und anstößig ist, das Evangelium als die Wahrheit zu verkünden. Das Konzept von Toleranz ist in der modernen Gesellschaft neu definiert worden. Früher bedeutete es, dass man bereit ist zuzuhören, wenn man über die Wahrheit einer Sache diskutiert und dass man das Gegenüber nicht ablehnt, auch wenn man sich weiterhin uneinig ist. Heute bedeutet es, dass man nicht behaupten darf, dass man selbst richtig liegt und Andere falsch. Wir dürfen nicht versuchen jemanden zu überzeugen oder zu bekehren. Wir müssen akzeptieren, dass jeder von uns nur einen kleinen Teil des Bildes sieht. Daraus folgt, dass am Ende alle Religionen den gleichen Gott verehren und nur unterschiedliche Wege zu dem gleichen endgültigen Ziel sind. Hauptsache, du meinst es ernst. Damit wird Glaube darauf reduziert, ob man es ernst meint und hat nichts mit Wahrheit oder mit Beweisen zu tun.

Für Paulus jedoch ist Wahrheit nicht nur „dort draußen“, sondern sie ist zu uns gekommen. Man kann sie erkennen, weil Gott sie offenbart hat. Auch wenn wir nicht alles wissen können, so können wir zumindest etwas wissen. Gott hat genügend Wahrheit offenbart, damit wir mit ihm in eine persönliche Beziehung treten können. Diese gründet auf das echte Wissen über seinen Charakter und auf Tatsachen über das Werk des Herrn Jesus für uns. Wahrheit ist nicht der Feind des Glaubens und der Glaube nicht der Feind der Wahrheit.

Wie soll diese Wahrheit bekannt gemacht werden? Paulus spricht von seiner eigenen Schlüsselrolle. Er ist Gottes Knecht, dem die Wahrheit anvertraut worden ist. Der Herr Jesus hat ihn beauftragt diese Wahrheit zu verkünden, um bei den Hörern echten Glauben zu entwickeln. So entsteht Glaube: durch Hören. Paulus schreibt an anderer Stelle: „Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch das Wort Christi.“ (Römer 10,17). In diesem Sinne ist Glauben ein Geschenk Gottes. Sein Wort regt den Glauben an und fördert ihn. Wenn wir sein Wort hören, erkennen wir ihn und bekommen einen Eindruck von seinem Charakter. Glaube ist eine Antwort auf das Wort Gottes.

Das ist mehr als ein Hinweis darauf, dass wir unsere Bibeln offen lassen müssen, wenn wir erleben wollen, dass unser Glaube wächst! Wir können Glauben nicht in einem Vakuum erzeugen. Wir werden unseren Glauben auch durch positives Denken nicht stärken, noch durch das Entwickeln warmer Gefühle, durch die wir versuchen uns selbst zu überzeugen, dass wir wirklich glauben. Glaube kommt durch das Hören auf Gottes Wort, durch das wir den Gott kennenlernen, der nicht lügt.

Ein praktischer Weg an diese Sache heranzugehen, ist die Betrachtung der biblischen Berichte, wie Gott seine Versprechen erfüllt hat. Er hat an einzelnen Menschen wie Abraham (1. Mose 12 – 25) und Zacharias (Lukas 1) gewirkt, die dann dadurch eine großartige Lektion gelernt haben, was es bedeutet zu glauben.

Paulus hat Gottes Wort gelehrt um Glauben zu mehren.

Gottseligkeit entwickeln

Die Schrift fördert nicht nur Glauben sondern auch Gottseligkeit. Diesen Begriff verwendet Paulus sehr häufig in den persönlichen Briefen an Titus und Timotheus. Die Grundbedeutung des griechischen Wortes, das normalerweise mit „Gottseligkeit“ übersetzt wird, ist „hoch ehren“. Wir können z.B. unsere Familie ehren, indem wir sie schätzen, uns um sie kümmern, sie versorgen und ihre Interessen vor die unseren stellen. Im Zusammenhang mit unserer Beziehung zu Gott bedeutet dieses Wort, dass wir ihn mit unserem Leben ehren und dass wir seine Werte und Interessen vertreten statt unsere eigenen.

Wann immer Gottes Wort richtig gepredigt wird, fördert es Gottseligkeit. Biblische Wahrheit ist nicht bloße Theorie sondern Anwendung. Gottes Wahrheit führt zu Gottseligkeit. Lehren und Studium des Wortes Gottes, Unterhaltung oder Nachdenken über das Wort soll zu Gottseligkeit führen. Wenn nicht, so ist es im besten Fall Zeitverschwendung und im schlimmsten Fall irreführend und unloyal gegenüber Gott.

Staffelübergabe an Titus

Als Paulus Kreta verließ, blieb Titus um die Arbeit weiterzuführen, bis sie ausreichend gefestigt wäre und auch er weiterziehen könnte.

Es war weise, dass Paulus Titus wählte, denn er war wie die Kreter ein Heide und sprach Griechisch, wie viele von ihnen auch. Paulus bezeichnet ihn als „mein echtes Kind nach dem gemeinsamen Glauben (1,4). Was meint er mit „gemeinsam“? Er meint, dass sie den gleichen Glauben auf der gleichen Basis haben, obwohl sie aus unterschiedlichen Völkern und unterschiedlichen Religionen kommen.

Vor seiner Bekehrung war Paulus einfach Saulus von Tarsus, ein hingegebener und eifriger Jude. Er hätte Titus als unreinen Heiden verachtet. Titus hätte seinerseits keine Zeit für Saulus übrig gehabt. Das Evangelium hat das alles verändert. Es gab nicht ein Evangelium für die Juden und ein anderes für die Heiden. Es gab nur ein Evangelium. Paulus und Titus wurden auf genau der gleichen Grundlage mit Gott ins Reine gebracht, zu denselben Bedingungen. Es gab nicht eine Gemeinde für die Juden und eine für die Heiden. Es gab nur einen Leib Christi. Es war nicht einmal so, dass Gott die Heiden genommen und sie zu den Juden hinzugefügt hat. Er hat vielmehr aus zweien einen neuen Menschen gemacht (Epheser 2,11-22), eine neue Gemeinde. Und die Gnade Gottes hat sie gelehrt gemeinsam zu leben und einander in dem gemeinsamen Glauben zu dienen, durch den sie die unterschiedliche Herkunft und die Vorurteile überwinden können.

Titus wiederum sollte die Arbeit anderen anvertrauen: Er sollte in jeder Stadt Älteste einsetzen, sodass diese die Arbeit weiterführen können. Der Grund dafür ist nicht einfach, dass Titus die ganze Arbeit nicht alleine geschafft hätte. Paulus´ Absicht war schon immer, dass jede Gemeinde ihr eigenes Leitungsteam unter der Leitung Christi haben sollte. Titus wurde nicht gesandt um der Arbeit in Kreta vorzustehen. Als Mitglied von Paulus´ apostolischem Team war er beauftragt, die Gemeinden unter ihrer eigenen Leiterschaft zu unterstützen und dann sobald wie möglich wieder weiterzuziehen.

Es gibt Hoffnung!

Das würde keine leichte Aufgabe sein. Gewaltige Hindernisse standen im Weg, nicht zuletzt die besondere Schwäche des Volkscharakters. Die Angelegenheiten wurden durch die Verbreitung falscher Lehren weiter erschwert. Diese Irrlehren lösten bei den Neubekehrten große Verwirrung und Schwierigkeiten aus. Bevor wir also weitergehen und die Aufgabe detaillierter betrachten, sollten wir uns in Erinnerung rufen, mit welch ermutigender Sache Paulus begann: mit der Hoffnung des ewigen Lebens. Er beendet seinen Brief auch mit diesen Worten, indem er uns sagt, dass wir Erben nach der Hoffnung des ewigen Lebens sind (3,7).

Was ist die Hoffnung des ewigen Lebens? Es ist nicht die Hoffnung, dass wir eines Tages in der Zukunft ewiges Leben erlangen werden. Seht auf diese berühmten Worte: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben. (Johannes 3,36). Beachtet die Zeitform: es ist Gegenwart. Ewiges Leben ist etwas, das man jetzt erleben kann. Hört noch einmal die Worte des Johannes, die er an Christen im ersten Jahrhundert schrieb. Sie sollten sich sicher sein, dass sie schon ewiges Leben haben. „Wer den Sohn hat, hat das Leben„, schreibt er (1. Johannes 5,11-13). Achten wir wieder auf die Zeitform des Verbs. Das ewige Leben wartet nicht in der Zukunft auf uns, sondern wir haben es um es schon jetzt genießen zu können. Es ist genau so, wie Paulus es an Timotheus schreibt: „Ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist.“ (1. Timotheus 6,12). Ewiges Leben zu haben bedeutet Gott zu kennen und das jetzige Leben mit ihm zu teilen. Es ist etwas, das mit beiden Händen ergriffen werden muss.

Darüber hinaus hat das ewige Leben natürlich auch eine zukünftige Komponente. Ewiges Leben bringt eine Hoffnung mit sich. Es bringt das Potenzial eines Leben mit sich, das sich noch nicht entfaltet hat. Aber eines Tages wird es in seiner ganzen Fülle erstrahlen. Ewiges Leben ist ewig. Das Potenzial in ihm ist groß genug um sich über die ganze Ewigkeit zu erstrecken.

Gottes Plan, aus uns Menschen mit schönem Charakter zu machen, ist auf einer festen Hoffnung gegründet. Diese Hoffnung kommt zusammen mit dem ewigen Leben und ist eng damit verknüpft. Wir erhalten es als ein Geschenk vom Herrn Jesus. Diese Hoffnung bewahrt uns vor Pessimismus und Verzweiflung, die wir sonst vielleicht verspüren würden, wenn wir uns die vor uns liegenden Aufgaben und die Reise ansehen.

Diejenigen, die mit der Aufgabe eines Ältesten betraut sind, müssen dieses ewige Leben ganz besonders ergreifen. Ihre Aufgabe ist anstrengend und schwierig, sie ist oft undankbar und wird auf dieser Seite des Himmels nie beendet sein. Ab und zu werden Älteste versucht sein zu verzweifeln und aufzugeben. Bedenkt den Widerstand, den Paulus ertrug. Er investierte sein Leben in Gemeinden und angehende Gemeindeleiter. Nun, am Ende seines Lebens, als viele ihm den Rücken zugekehrt hatten, musste er Timotheus schreiben: „Aufzugeben ist die größte Versuchung für hart arbeitende Älteste. Tu es nicht! Es gibt Hoffnung.“

Fortsetzung folgt