Gemeinde & Mission

Die ersten Jahre als Eltern

von Zikeli Armin , Zikeli Daniela

1. Biblische Grundsätze

Gott hat Autoritätsverhältnisse in dieser Welt geschaffen: Vorgesetzte in der Arbeit, Regierungen, Lehrkräfte in der Schule, Älteste usw. – und Eltern. Sogar Jesus hat sich seinen Eltern und seinem Vater im Himmel untergeordnet.

Eltern sollen sich dieser Rolle bewusst sein. Wir Eltern verkörpern eine liebevolle Autorität (Eph 6,4; Kol 3,20-21; 1. Thes 2,7; 1. Thes 2,11), damit sich unsere Kinder gesund entwickeln. 

Ziel der elterlichen Autorität ist nicht, unser Kind bis ins Erwachsenenalter zu kontrollieren, sondern ihm die Fähigkeit zu geben, sich Schritt für Schritt selber zu kontrollieren. Nicht, indem wir es tun lassen, was es will, sondern indem wir in den ersten Jahren klare Grenzen setzen. So lernt das Kind, seine Impulse und Wünsche zu kontrollieren.

Disziplin schon früh zu lernen, ist für die Entwicklung der Persönlichkeit eines Menschen wichtig. Kinder, denen Selbstkontrolle beigebracht wurde, haben deutlich weniger Probleme im sozialen Umgang und in Gruppensettings (Kindergarten, Schule, Kinderstunde, Zeltlager). Auch im Sport oder beim Erlernen von Musikinstrumenten braucht es Disziplin und die Gewohnheit, Regeln und Vorgaben einzuhalten.

Die Bibel verwendet das Bild eines Hirten, der seine Schafe nicht sich selbst überlässt. Eltern, die ihr Kind mit den Augen eines Hirten sehen, führen das Kind im Laufe der Jahre weg von unweisen und egoistischen Wegen hin zu Weisheit und Reife.

Aber wir haben als Eltern nicht nur den Charakter des Kindes im Blick. Zu unserer Aufgaben gehört es auch, ihnen Schritt für Schritt ein Bild unseres Schöpfers und Retters zu vermitteln. Wie ist Gott? Was hat er bisher getan (z.B. AT-Geschichten, Jesus-Geschichten)? Gott ist gut und gerecht. Das ist eine gute Nachricht für uns. Aber im Lauf der Jahre beginnt ein Kind auch zu verstehen, warum wir vor einem guten und gerechten Gott nicht bestehen können. Wenn diese Wahrheiten nicht nur im Kopf des Kindes, sondern langsam auch in seinem Herzen landen, wird es verstehen, warum Gott für uns als Mensch an einem Kreuz sterben musste.

Als Eltern wollen wir daher nicht nur äußeren Gehorsam sehen, sondern möchten unseren Kindern auch die richtige Herzenseinstellung mitgeben. Sie sollen lernen, das Gute zu erwählen und das Böse zu verwerfen (Jes 7,15). In diesem Artikel geht es allerdings hauptsächlich um die Charakterbildung beim Kind.

2. Unsere Rolle ändert sich

Eltern verhalten sich nicht immer gleich, während ihr Kind heranwächst. Wir sollten bewusst die passende Rolle einnehmen, die für das Lebensalter des Kindes wichtig ist. Wenn Eltern versuchen, die Reihenfolge der Phasen zu vertauschen, wird es zuhause problematisch.

Phase 1 (ca. 0-5 Jahre)           Regent / Beschützer

Phase 2 (ca. 6-11 Jahre)         Lehrer

Phase 3 (ca. 12-20 Jahre)       Coach / Trainer     

Phase 4 (ca. 21+ Jahre)           Freund         

Regent / Beschützer (ca. 0-5 Jahre)

Wie bei einem Hausbau zuerst ein festes Fundament gelegt wird, damit alles andere einen stabilen Unterbau hat, so bekommt das Kind in seiner ersten Lebensphase zwei wichtige Grundlagen mit.

Erstens soll das Kind lernen, die Autorität der Eltern anzuerkennen: „Da gibt es jemanden, der über mir steht. Ich tue, was Mama und Papa sagen.“ Mama und Papa bestimmen, was das Kind isst, wohin es krabbelt, wann es schläft, wann es eine Mütze aufsetzt, wann wir Oma besuchen usw.

Zweitens soll das Kind vertrauen lernen, dass Eltern da sind, die seine Herzens-Bedürfnisse sehen und sich angemessen darum kümmern.
Das gibt uns Eltern zunächst die Rolle eines Regenten und Beschützers. Mit dieser Rolle sind Eltern oft heillos überfordert. Das Internet wird in Erziehungsfragen als Experte Nr.1 konsultiert und die Gedanken der Eltern werden von Ratschlägen überschwemmt, die zum Scheitern dieser ersten Kindererziehungs-Phase beitragen. Dr. Internet rät uns: „Ignoriere es einfach, wenn dein Kind dich nachäfft oder Schimpfworte verwendet. Wenn du es ignorierst, hört es von alleine wieder auf.“ „Dein Kind ist oft in seiner eigenen Welt, also bestehe nicht darauf, dass es auf deine Anweisungen reagiert.“ Dr. Internet schlägt vor: „Wenn dein Kind Wutanfälle hat, dann ist das ein Ausdruck eines inneren Konfliktes. Hilf ihm einfach nur, diesen inneren Konflikt zu bewältigen, aber ziehe es keinesfalls zur Verantwortung, wenn es tobt. Frage das Kind: Was hast du denn? Geht’s dir nicht gut? Hast du Hunger? Bist du müde? Sag ihm, dass du verstehst, dass es jetzt wütend ist. Dann fühlt es sich ernstgenommen und es wird sich beruhigen.“
Diese Haltung wird auch durch scheinbar „christliche“ Argumente gefördert: „Gott ist ja barmherzig und geduldig, also akzeptiere ich es, wenn mein Kind meine Anweisung 10 Mal ignoriert.“ 
Solche Ratschläge können für Eltern überzeugend sein, die von der Angst getrieben werden, dass ihr Kind sie ablehnen könnte. Manche Eltern sind davon abhängig, dass ihr Kind ihnen Zuwendung gibt, und das bestimmt ihre Kindererziehung. Sie geben nach, wenn ihr Kind stur ist, in der Hoffnung, einen kleinen Freund zu gewinnen. Das Gegenteil ist der Fall. Dieselben Eltern sind oft nach einiger Zeit frustriert und ausgelaugt. Paradoxerweise tun sich genau diese Eltern sogar mit der Zeit manchmal schwerer, ihr Kind zu lieben.

Später (Punkt 4 bis 7) werden wir beschreiben, wie eine gesunde Vorgangsweise in der Kindererziehung sowohl den Charakter des Kindes positiv formt, als auch zu einer tiefen und herzlichen Eltern-Kind-Beziehung führt.

Wir haben oben erwähnt, dass das Kind in dieser Phase auch darauf vertrauen lernt, dass seine Herzens-Bedürfnisse erkannt und angemessen beantwortet werden. Für ein Kinderherz ist es sehr gesund, wenn es weiß: „Mama und Papa haben mich lieb.“ Eltern, die sich im Alltag Zeit für ihr Kind nehmen (und dafür evtl. sogar berufliche Möglichkeiten hintanstellen), vermitteln ihm diese Sicherheit. So kann das Kind auf gesunde Weise das tun, was in dieser Lebensphase sein „Job“ ist: Die Welt entdecken und sich emotional und intellektuell gut entwickeln.

Lehrer (ca. 6-11 Jahre)

Wir erklären dem Kind die Welt nun tiefer, z.B. den Umgang mit verschiedenen Situationen und geben ihm Schritt für Schritt die Fähigkeit, sich darin zurechtzufinden. Anders als in Phase 1 bestimmen Eltern nun nicht mehr jedes Detail im Leben des Kindes. Seine Freiheit eigene Entscheidungen zu treffen, wächst in dem Maß, wie es mit dieser Freiheit umgeht. Nach wie vor ist es selbstverständlich, dass das Kind die Anweisungen der Eltern befolgt und dass die Eltern darauf achten. Auch in dieser Phase zeigen sich schon die Auswirkungen der bisherigen Erziehung – Kinder können durch ihr Verhalten entweder eine Freude für die Eltern sein oder ihnen Kummer bereiten (Spr 10,1; 15,20; 17,21; 17,25; 23,15; 28,7; 29,15; 29,17).

Coach / Trainer  (ca.12-20 Jahre)


Ein Coach beobachtet das Spiel von außerhalb des Spielfeldes, steht aber in Rufkontakt mit den Spielern. Wurden die ersten beiden Phasen gut abgeschlossen, können Eltern jetzt auf dieser soliden Grundlage aufbauen und ihre Jugendlichen durch Ratschläge, aber auch noch durch Vorgaben zu Reife und Weisheit führen. In dieser Phase ist außerdem das Vorbild der Eltern entscheidend. Wenn Teenies am Leben ihrer Eltern das sehen, was auch von ihnen verlangt wird (Verlässlichkeit, Fleiß, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Ordnungssinn, Lernbereitschaft,…), wird ihre Bereitschaft zu diesen Dingen größer sein. Sie durchschauen auch die wahren Werte der Eltern (Wie viel bedeutet meinen Eltern Gottes Wort, die Gemeinde, Erfolg in der Welt? Erleben sie Frieden und Gottes Nähe? Freuen sie sich auf Jesu Wiederkunft? usw.).

Eltern geben ihren heranwachsenden Kindern auch Wertschätzung und zeigen Interesse an deren Anschauungen und Ideen. Respektvolles Feedback von Teenagern kann für Eltern eine wertvolle Rückmeldung über ihren eigenen Charakter und Erziehungsstil sein.

Freund  (ca. 21+ Jahre)                                        

Gegenseitiger Respekt und Wertschätzung können diese Phase prägen. Den Eltern ist das schrittweise Loslassen der Kinder im Lauf der Teenagerzeit gelungen (wenn auch deutlich später, als Dr. Internet es vorgeschlagen hatte). Die Eltern bleiben Ratgeber und Unterstützer der nun jungen Erwachsenen. Eventuelle Unstimmigkeiten konnten ausgesprochen und geklärt werden. Natürlich entwickeln wir auch schon im Lauf der vorherigen Jahre eine gute Freundschaft mit unseren Kindern, aber jetzt steht sie im Vordergrund, unsere Erziehung sollte abgeschlossen sein.

Das Eltern – Team

Eltern sollten gemeinsame Ziele für jedes ihrer Kinder haben, sonst besteht die Gefahr, dass sie gegeneinander arbeiten und das Kind verwirren. Spannungen in der Paarbeziehung können eine Folge davon sein, und dass das Kind die Eltern gegeneinander ausspielen kann.

Wenn es keine Einigkeit gibt, sollte als erster Schritt an diesem Punkt gearbeitet werden. Eigene Erfahrungen als Kind (z.B. „Welchen Erziehungsstil hatten meine Eltern?“, siehe Punkt drei) sollten miteinander ausgetauscht werden.

Vorschlag:

Setzt euch als Eltern zusammen und überlegt euch konkrete Ziele, die ihr in der nächsten Zeit für jedes eurer Kinder anstreben möchtet,

z.B. dass das Kind anstatt zu jammern seinen Wunsch in angemessenem Tonfall äußert,

z.B. dass das Kind kommt, wenn man es ruft,

z.B. dass sich das Kind alleine anziehen kann,

z.B. dass das Kind friedlich mit anderen Kindern spielen lernt.

  • Vier Erziehungsstile im Vergleich

Wenn man Kindererziehung vereinfacht darstellen möchte, kann man zwei Schlagwörter benutzen: LIEBE und KONTROLLE. Die Grafik zeigt ein Koordinatensystem, auf dem sich Mamas und Papas wiederfinden können. Wie viel Liebe/Herzenswärme vermittle ich meinem Kind? Und wie viel Kontrolle übe ich über das Verhalten meines Kindes aus?


Als Kombination von „wenig Liebe“ und „wenig Kontrolle“ entsteht links unten der „Vernachlässigende Erziehungsstil“. Die Eltern kümmern sich wenig darum, wie es dem Kind innerlich geht. Und sie machen kaum Vorgaben, was das Kind zu tun und zu lassen hat. Das Kind lernt: Es ist meinen Eltern egal, wie es mir geht und es ist ihnen egal, was ich tue. Dieser Erziehungsstil kann manchmal bei Eltern beobachtet werden, die auch für ihr eigenes Leben wenig Verantwortung übernehmen oder die in einer sehr belasteten Lebenssituation sind.

Die Kombination von „wenig Liebe“ und „viel Kontrolle“ könnte man den „herrischen Stil“ nennen. Das sind polternde Eltern, die ihre eigenen Emotionen wenig unter Kontrolle haben und mit Lautstärke oder Gewalt Gehorsam erzwingen, aber gleichzeitig wenig Zugang zu den Herzen der Kinder finden. Dieser Stil scheint zunächst gut zu funktionieren, da die Kinder eingeschüchtert sind und brav wirken. Oft kommt es aber im Teenageralter zu einem Ausbrechen der Jugendlichen und evtl. einem frühen Verlassen des elterlichen Haushalts.

Eine Kombination von „viel Liebe“ und „wenig Kontrolle“ wäre der „nachgebende Stil“. Die Botschaft an das Kind lautet: Ich liebe dich und deshalb werde ich dich nicht frustrieren und deinen Wünschen folgen. Das Ergebnis davon sind häufig Kinder, die Anweisungen der Eltern ignorieren und manchmal auch sehr machtvoll und tyrannisch werden. Aus Angst vor heftigen Reaktionen des Kindes lassen die Eltern ihm lieber seinen Willen. Paradoxerweise ist die Atmosphäre in solchen Familien immer wieder belastet, gekennzeichnet von Klagen der Eltern über die Eigenwilligkeit der Kinder. Die von den Eltern erhoffte Harmonie zwischen ihnen und dem Kind wird von einem Klima der Frustration überschattet. Eltern mit diesem Erziehungsstil leben auch immer wieder mit einem schlechten Gewissen, weil sie über das rücksichtslose oder grenzüberschreitende Benehmen ihres Kindes so zornig werden, dass sie sich danach für ihr Verhalten schämen. Das kann dazu führen, dass Eltern ihren Kindern erst recht mit Nachsicht und Wunscherfüllungen entgegenkommen wollen.

Übrig wäre noch die Kombination von „viel Liebe“ und „viel Kontrolle“ – ein Erziehungsstil, den man den „beziehungsorientierten Stil“ nennen könnte. Die Botschaft der Eltern an das Kind lautet: Wir lieben dich sehr und deshalb ist es uns nicht egal, was einmal aus dir wird. Wir bringen dir deshalb bei, wie man sich unterordnet, auf Wunscherfüllungen geduldig wartet, Anweisungen treu befolgt, fleißig, ehrlich und freundlich ist usw.

Wie ein beziehungsorientierter Erziehungsstil mit „viel Liebe“ und „viel Kontrolle“ im Detail aussehen kann, wollen wir im Folgenden erläutern:

4) Herzliche Atmosphäre – Annahme – Vertrauen

Unser Kind soll sich immer angenommen fühlen, unabhängig von seinen Stärken, Schwächen oder (Miss-)Erfolgen. Wie erkennt ein Kind, dass es geliebt wird, dass es angenommen ist, dass es wichtig ist? Hier einige Tipps:

  • Dem Kind täglich gezielt Aufmerksamkeit widmen (auch wenn es nur ein paar Minuten sind)

Das Kind anschauen, berühren, auf den Schoß nehmen (je nach Alter), andere Tätigkeiten bewusst einstellen, Komplimente machen, wenn etwas gelungen ist, loben. Dinge genau betrachten, die das Kind herzeigt (Zeichnungen, gefundene Gegenstände etc.). Lassen wir unser Kind erzählen, was es erlebt hat, was es gesehen hat, welche Überlegungen und Träume es gerade hat.

  • Einzeln mit dem Kind Zeit verbringen (allein mit Papa oder Mama)

Wir überlegen, welche gemeinsamen Aktivitäten die Beziehung zum Kind stärken könnten. Könnte das Kind Freude am gemeinsamen Kochen haben? Oder möchte es eher musizieren, den Wald entdecken, puzzeln, Fußballspielen, am Spielplatz toben, die Puppe anziehen, Uno spielen, etwas vorlesen, Mama/Papa bei der Arbeit helfen, im Bett lange reden, blödeln, balgen, auf einen Burger oder ins Kino gehen, zu einer Burgruine oder in den Zoo fahren? …
Teenager fühlen sich wertgeschätzt, wenn man sie nach ihrer Meinung fragt und sie evtl. in Fragen der Familie einbindet („Welches Auto würdest du kaufen?“, „Wie könnten wir Tante Elvira eine Freude machen?“)

  • Liebeserklärungen machen

„Ich freu mich so sehr, dass wir dich in unserer Familie haben!“, „Ohne dich würde uns etwas ganz Wichtiges fehlen!“, „Mama und Papa haben sich so gefreut, wie du aus dem Bauch rausgekommen bist!“ Positive Eigenschaften des Kindes erwähnen: „Ich freu mich, dass du so eine gute Beobachterin bist“, „Ich find das toll, wie nett du dich um deinen Bruder gekümmert hast!“… (egal ob das Kind heute schon etwas falsch gemacht hat). Am besten täglich für positives Verhalten etc. loben.

  • Freundlich sprechen

Eltern brauchen ein gesundes Maß an Selbstkontrolle. Unsere Charakterdefizite im Zuge der Kindererziehung zu erkennen, treibt uns in die Hände Gottes und wir sehen unser Bedürfnis nach Heiligung. Wir sollten es vermeiden, unser Kind wütend anzuschreien, ständig vorwurfsvoll auf das Kind einzureden oder „rumzunörgeln“.
Auch wenn das Kind etwas angestellt hat, soll es am Tonfall des Elternteils merken, dass es nicht gehasst bzw. als Person abgelehnt wird. Das Kind soll verstehen: „Mama lehnt das ab, was ich getan habe, aber sie lehnt mich nicht ab.“
Nicht zurückweisen: „Du spinnst heute, ich will dich nicht mehr sehen!“ Das tut weh und schadet der Verbundenheit des Kindes zu den Eltern. Diese Loyalität bewirkt auch, dass das Kind den Eltern gefallen will.

5) Anweisungen geben

„Ich hoffe, mein Kind ist bald größer, damit es versteht, was ich sage. Ich sag´s ihr ja eh schon so oft, aber sie macht´s nicht.“

Ratlose Eltern hoffen auf bessere Zeiten, aber es liegt an uns selbst, ob die besseren Zeiten kommen. Hier einige Tipps zum Thema „Anweisungen geben“:

Die Aufmerksamkeit des Kindes gewinnen

  • Sich dem Kind direkt zuwenden, evtl. hinknien, vergewissern, dass es zuhört, Augenkontakt. Evtl.: „Schau mich mal an.“
  • Kind beim Namen nennen… evtl. beibringen, dass es „Ja, Mama?“ antwortet.
  • Tonfall beachten à freundlich, aber bestimmt
  • Kleine Kinder nach der Anweisung wiederholen lassen, was zu tun ist:
    „Was sollst du jetzt machen?“

Erwünschtes Verhalten klar beschreiben

Dazu muss ich mir als Mama oder Papa selbst im Klaren sein, was ich gerade konkret von meinem Kind möchte. Dann verpacke ich dieses Anliegen in eine einfache, freundliche Anweisung.

  • Vorschlag für eine konkrete Anweisung: „Geh bitte in dein Zimmer und räum deine Lego-Kiste ein.“
    Vermeiden: „Da schaut´s schon wieder aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hat!“ (Kein klarer Auftrag, daher im Nachhinein nicht überprüfbar.)
    Vermeiden: „Vom Aufräumen hast du wohl noch nie was gehört?!“
  • Vorschlag für eine konkrete Anweisung: „Nimm dir bitte ein Spiel und bleib in deinem Zimmer, bis der Zeiger oben ist. Ich muss jetzt in der Küche mit Papa reden.“
    Vermeiden: „Kannst du nicht endlich Ruhe geben?!“
    Vermeiden: „Du bist heute NUR lästig!“

 „Gleich – ganz – fröhlich“

Was erwarten Eltern als Reaktion auf ihre Anweisungen? Manche Eltern haben sehr niedrige Erwartungen, dass das Kind auf die Anweisung reagiert. Unser Vorschlag wäre, die Kinder daran zu gewöhnen, dass von ihnen eine Reaktion auf Anweisungen der Eltern kommen muss, die „gleich“, „ganz“ und „fröhlich“ erfolgt.

  • Gleich: Wir erklären den Kindern deutlich, dass Anweisungen nur einmal gegeben werden müssen, danach wird eine unmittelbare Reaktion des Kindes erwartet. Das Kind lernt sonst, dass es erst „ernst“ wird, wenn die Anweisung mehrfach gesagt wurde oder wenn Mama/Papa schon zornig wird.
  • Ganz: Wir erwarten als Eltern Gehorsam vom Kind, indem wir genau das einfordern, was in der Anweisung gesagt wurde. Nicht durch Nachlaufen, Festhalten oder Wegnehmen eines Gegenstandes „nachhelfen“, da sonst das Kind keine echte gehorsame Haltung lernt.

Beispiel: „Gib deinem Bruder das Spielzeug zurück!“. Jetzt entsteht ein spannender Moment. Werden es die Eltern dulden, dass sich das Kind nur so weit herablässt, dass es das entwendete Spielzeug fallen lässt und dann davongeht? Hoffentlich nicht. Der ganze Auftrag muss ausgeführt werden. Das bedeutet, dass das Kind das Spielzeug wieder aufheben und in die Hand des Bruders zurückgeben muss.

Vermeiden:
Georg: „Mama, darf ich bitte ein Keks haben?“

Mama: „Ja, eines!“

Georg kommt mit zwei Keks aus der Küche zurück.

Mama: „Na, du bist aber eine Naschkatze…“

Vorschlag:

Georg: „Mama, darf ich bitte ein Keks haben?“

Mama: „Ja, eines!“

Georg kommt mit zwei Keks aus der Küche zurück.

Mama: „Nein, ich hab gesagt, eines. Leg das andere zurück!“
(Besser wäre, wenn Georg sogar beide zurücklegen muss, weil er die Anweisung übertreten hat.)

  • Fröhlich: Das Kind muss nicht jubeln, aber seine Herzenshaltung soll sein: „Ich mach es, weil Mama/Papa es sagt.“ Wir schlagen Eltern vor, mürrisches Verhalten nicht einfach durchgehen zu lassen. Besser wäre es, die Szene zu wiederholen und einen angemessenen Tonfall einzufordern: „O.k., ich schick dich jetzt nochmal in die Garderobe, damit du deine Fußballschuhe wegräumst, und diesmal ohne Murren.“ Wir sollen kein Jammern dulden, wenn das Kind etwas möchte, und uns schon gar nicht umstimmen lassen. Grundsatz: Wer lästig jammert, kann sicher sein, dass er nichts bekommt.
    Ein „Nein!“ des Kindes als Antwort auf eine Anweisung nicht akzeptieren.
    Fröhlich: Das Kind muss nicht jubeln, aber seine Herzenshaltung soll sein: „Ich mach es, weil Mama/Papa es sagt.“ Wir schlagen Eltern vor, mürrisches Verhalten nicht einfach durchgehen zu lassen. Besser wäre es, die Szene zu wiederholen und einen angemessenen Tonfall einzufordern: „O.k., ich schick dich jetzt nochmal in die Garderobe, damit du deine Fußballschuhe wegräumst, und diesmal ohne Murren.“ Wir sollen kein Jammern dulden, wenn das Kind etwas möchte, und uns schon gar nicht umstimmen lassen. Grundsatz: Wer lästig jammert, kann sicher sein, dass er nichts bekommt.
    Ein „Nein!“ des Kindes als Antwort auf eine Anweisung nicht akzeptieren.
    Nicht in Diskussionen verwickeln lassen, bevor die Anweisung ausgeführt wurde.
    Wir würden Kinder nicht im Zimmer „weitergranteln“ lassen, sondern einfordern, dass das Kind sofort aufhört zu protestieren. Murren und Jammern kann leicht zu einer Grundstimmung oder Gewohnheit werden, die nicht nur dem Kind selbst, sondern auch der gesamten Familienatmosphäre schadet.

Das Kind darauf hinweisen, wenn es meine klare Anweisung übertreten hat

Manche Eltern lächeln resignierend oder schauen sich peinlich berührt um, wenn ihr Kind einfach ignoriert, was sie gerade gesagt haben. Wir empfehlen, dass Eltern sofort, nachdem sie eine Anweisung gegeben haben, darauf achten, ob das Kind diese ausführt und aktiv werden, falls das Kind nicht tut, was ihm aufgetragen wurde. 

Papa: Benni, was hast du jetzt gemacht?

Benni: Auf der Couch gehüpft.

Papa: Was habe ich vorher gesagt?

Benni: Nicht auf der Couch hüpfen.

Papa:  Darfst du dann hüpfen, wenn der Papa sagt: nicht hüpfen?

Benni: Nein.

Papa: Genau. Das darfst du nicht.

-> Für Benni ist jetzt ganz klar, dass Papa auch meint, was er sagt. Papa hat nicht darauf vergessen, was er vorher gesagt hat.

Wenn Papa in solchen Situationen immer eine Konsequenz folgen lässt (z.B. 5 Minuten still auf einem Auszeit-Sessel zum Nachdenken sitzen, siehe Punkt 7), dann wird Benni bald wissen, dass es besser ist, wenn er die klare Anweisung von Papa befolgt.

6) Training

Wie kann ich sichergehen, dass ich mein Kind mit meinen Anweisungen nicht überfordere?
Welche Lernschritte braucht mein Kind, um „gleich – ganz – fröhlich“ zu gehorchen?

Gelegenheit geben, das erwünschte Verhalten einzuüben bzw. sich darauf einzustellen

Beispiel: Mit den Kindern (zwischen ca. 3 und 7 Jahren) auf den Spielplatz gehen, vorher sagt Mama: „Wir gehen jetzt eine Stunde auf den Spielplatz und wenn ich sage: O.k., wir gehen jetzt, was wirst du dann machen?“
Das Kind wird rechtzeitig darauf vorbereitet, dass der Moment kommt, wo es noch gerne weiterspielen würde, aber den Spielplatz auf Mamas Zuruf verlassen muss.

Beispiel: „Ich werde dich zwischendurch am Spielplatz manchmal zu mir rufen, dann musst du gleich kommen. Wenn du gleich kommst, kannst du sofort wieder weiterspielen. Wenn du nicht kommst, gehen wir nachhause.“
Alle 10-15 Minuten ruft Mama das Kind. Mama trainiert die Situation und nimmt bewusst das Risiko eines abgebrochenen Spielplatzbesuchs in Kauf. (Eine Alternative wäre, dass das Kind während des restlichen Spielplatzbesuches von der Bank aus den anderen Kindern zusehen muss.) Anders als andere Mamas wird sie aber spätestens nach dem zweiten oder dritten Abbruch ein Kind haben, das verlässlich kommt, wenn sie ruft.

Das Kind beim Einüben der gestellten Aufgabe unterstützen

Beispiel: Evi ist zwei Jahre alt. Er sträubt sich gegen das Einräumen nach dem Spielen.

„Evi, räum bitte deine Lego-Steine ein. Ich mach auch mit beim Einräumen, solange ich sehe, dass du fleißig mitmachst. Wenn du aufhörst, hör ich auch auf. Wenn du weitermachst, mach ich auch weiter. Komm, wir schaffen das gemeinsam!“

Ein paar Tage später:
„Evi, du hast jetzt immer super deine Lego-Steine mit mir eingeräumt. Ich hab gesehen, dass du das schon gut kannst. Heute schau ich zu und am Schluss helf ich dir beim letzten Haufen. Den räumen wir dann um die Wette ein, gut?“

Wieder ein paar Tage später:
„Evi, du hast jetzt immer schon fast ganz allein deine Lego-Steine eingeräumt. Das kannst du jetzt schon super! Heute geh ich raus und du rufst mich dann, wenn nur mehr der kleine Haufen da ist. Dann komm ich und wir räumen den gemeinsam um die Wette ein.“ 

Nochmal ein paar Tage später:
„O.k., Evi, du hast jetzt immer ganz toll aufgeräumt. Heute kannst du mir mal zeigen, wie du es ohne mich schaffst. Ich geh raus und du rufst mich, wenn du fertig bist, o.k.? Ich freu mich schon, wenn ich sehe, wie tüchtig du aufgeräumt hast!“ 

Sobald das klappt, ist klar, dass Evi aufräumen gelernt hat. Ab jetzt können seine Eltern sicher sein, dass sie ihn mit ihrer Anweisung nicht überfordern: „Evi, räum bitte deine Legosteine auf!“

Das Grundprinzip des „Trainierens“ ist, dass man Situationen, in denen man Schwierigkeiten erwartet, nicht vermeidet, sondern sie regelmäßig im Alltag trainiert (öfter kleine Anweisungen einbauen, z.B. „Bring mir das bitte“), so lange, bis sie funktionieren.

7) Korrektur

Sobald wir als Eltern sicher sein können, dass unser Kind jetzt in der Lage ist, unsere Anweisung auszuführen, folgen auch Konsequenzen, wenn die Anweisung nicht erfüllt wird.

Ein Grundprinzip lautet:

„Mach es zum Problem deines Kindes“

Entweder das Kind macht durch sein ungehorsames Verhalten den Eltern das Leben schwer, weil sie sich ständig darüber ärgern müssen, oder die Eltern sorgen dafür, dass das Kind Konsequenzen für sein Verhalten tragen muss. Anstatt die Familienatmosphäre im Alltag durch Nörgeln, Schimpfen und Ärger der Eltern prägen zu lassen, ist es besser, die Sache zum Problem des Kindes zu machen und in ruhigem Ton einfach Konsequenzen auszusprechen.
Manchmal wollen Eltern das Kind schonen und vermeiden Konsequenzen. Aber die Familienatmosphäre leidet am Ende mehr unter einer durch Nörgeln und Schimpfen der Eltern belasteten Atmosphäre, weil die Kinder immer schwerer lenkbar werden.

Konkrete Konsequenzen in Aussicht stellen

Das Kind soll genau wissen, was passieren wird, wenn es eine Regel übertritt, damit es die Konsequenz nachher leichter annehmen kann und nicht das Gefühl hat, dass die Eltern aus einem willkürlichen Impuls heraus strafen. (Natürlich gibt es auch Situationen, in denen man Konsequenzen verhängt, ohne dass es vorher die Gelegenheit gab, diese anzukündigen.)

Beispiele: Papa/Mama sagt in ruhigem Tonfall, aber sehr klar, deutlich und bestimmt:

„Wenn du wieder nicht pünktlich vom Fahrrad fahren heimkommst, darfst du morgen nicht Fahrrad fahren gehen.“

„Wenn du deiner Schwester den Sandkuchen zerstörst, musst du raus aus der Sandkiste.“
(Inklusive Wiedergutmachung und ordentlicher Entschuldigung bei der Schwester!)

„Wenn du nicht dableibst, musst du bei Mama an der Hand gehen.“

„Wenn du mit dem Joghurt nicht beim Tisch bleibst, dann darfst du es nicht essen!“

Nur Konsequenzen androhen, die ich auch einhalten kann

Damit unser Wort als Eltern glaubwürdig ist, müssen angekündigte Konsequenzen auch eingehalten werden. Es empfiehlt sich also, sich vorher zu überlegen, welche Konsequenzen sinnvoll sind und welche nicht.

Vermeiden:

  •  „Wenn du das nochmal machst, steigst du nie wieder in dieses Auto ein!“
  • „Ich nehm dich nie mehr zum Einkaufen mit, wenn du nicht gleich kommst!“
  • „Sonst ist das Taschengeld für immer gestrichen!“
  • „Sonst ruf ich den Krampus an, dass er dich holt!“
  • „Sonst kommst du ins Heim!“

Nie im Zorn strafen

  • Eine Konsequenz folgt zum Beispiel, wenn das Kind eine Familienregelübertreten hat. Diese Familienregeln sind allen in der Familie gut bekannt. Daher kommen Konsequenzen normalerweise nicht überraschend für das Kind. Es weiß, dass die Regel ausgemacht war und dass eine Konsequenz folgt, wenn man sie übertritt.
  • Korrektur hat nichts mit Rache zu tun. Eltern dürfen ihre Überlegenheit nicht missbrauchen, um sich an ihrem Kind abzureagieren.
  • Andererseits: Keine Angst vor richtig eingesetzten Konsequenzen! Wir sind nicht grausam zu unserem Kind, wenn wir bei unangemessenem Verhalten des Kindes passende Konsequenzen folgen lassen.

Darauf achten, dass die Konsequenz, die wir setzen, angemessen ist und wenn möglich mit der Übertretung in Zusammenhang steht

  • Wenn das Kind z.B. zu spät nachhause kommt, muss es am nächsten Tag eine Stunde früher heimkommen.
  • Das Kind lehren, wie man Dinge gut verwaltet: Besitz ist ein Privileg, du musst auf deine Dinge aufpassen; bist du bereit dazu? Sonst muss ich es dir wegnehmen, bis du wieder bereit bist, gut damit umzugehen (z.B. Puppengeschirr, ferngesteuertes Auto etc.).
  • Unakzeptables Sozialverhalten: Mit anderen Kindern zusammen zu sein, ist ein Privileg. Das Privileg kann verloren gehen, z.B. indem das Kind eine Zeit lang allein ins Zimmer muss.
  • Wenn Kinder zu wenig auf Konsequenzen reagieren, sind die Konsequenzen offensichtlich zu schwach gewählt. Eine Möglichkeit, das Kind zu höherer Aufmerksamkeit zu motivieren, ist: Privilegien (z.B. Naschen, Rad fahren, Bildschirmzeit etc.) werden längerfristig entzogen, bis das Kind sein Verhalten über mehrere Tage hinweg geändert hat. Die Initiative liegt nun beim Kind, sich das Privileg wieder zu erarbeiten.

Einsicht beim Kind wecken, bevor die eigentliche Konsequenz folgt

  • Das „INTERVIEW“ – Übertretungen in Ruhe und gründlich behandeln

Wenn Kinder Regeln übertreten, lügen, Anweisungen oder Ermahnungen ignorieren, ist es empfehlenswert, das Kind aus der Situation herauszunehmen. Es folgt eine Nachdenkpause auf einem Sessel vor dem „Interview“. Ziel des „Interviews“ ist es, Einsicht beim Kind zu wecken.

Vorbereitungen:

  • Ein Sessel steht in einem ruhigen Zimmer, wo keine anderen Leute sind, die Türe bleibt offen.
  • Je nach Alter 1-15 Minuten zum „Runterkühlen“ und Nachdenken sitzen lassen.
  • Die Zeit nutzen, um als Elternteil selbst runterzukühlen, kein Schimpfen, während das Kind sitzt. Um Weisheit und innere Ruhe beten.
  • Vom Kind einfordern, dass es leise sitzt und nicht tobt oder jammert. („Erst wenn du leise bist, beginnt dein Timer, z.B. 5 Minuten.“)
  • Auf Augenhöhe gehen, anschauen, ruhig sprechen

Der Vorteil dieser Vorgangsweise ist: Die Eltern nehmen die Situation in die Hand, anstatt dem Kind nur „hinterherzumeckern“. Das Kind erlebt ein echtes Eingreifen der Eltern, es wird aus der Situation herausgenommen. Sein Gewissen wird geschult, sein Charakter wird geformt. Und anstelle der meckernden und klagenden Eltern gibt es eine Einsicht, eine Konsequenz und schließlich eine Versöhnung. Das wirkt sich positiv auf die Familienatmosphäre aus, weil nachher „alles wieder gut“ ist.

Eine Konsequenz muss wirklich so eintreffen, wie sie angekündigt wurde

Beispiel: „… dann darfst du zwei Tage nicht Rad fahren gehen!“
Eltern sollten nicht nach einem Tag sagen: „Na gut, weil du brav warst, darfst du heute schon wieder Rad fahren gehen…“

Beispiel: „… dann kriegst du am Nachmittag kein Eis.“
Wir tun dem Kind nichts Gutes, wenn wir am Nachmittag vor dem Eisgeschäft aus Mitleid nachgeben. Das Kind lernt, dass unser Wort beliebig ist und dass es uns durch Betteln oder Tränen manipulieren kann. Der Grundsatz heißt wie erwähnt: Mach es zum Problem deines Kindes (was nicht bedeutet, dass wir triumphierend oder schadenfroh sein sollen). Eingehaltene Konsequenzen sind eine lohnende Investition in den Charakter des Kindes.

Wir wollen euch Mut machen, dass wir mit Kindern jeden Alters und jeder Entwicklungsstufe, trotz Anstrengungen und Mühen, tatsächlich ein sehr schönes Miteinander und eine große Freude haben können!