Die Gemeinde Jesu
Vorwort
Diese tiefgründige und kompakte Darstellung der neutestamentlichen Gemeinde stammt von Pete Fleming, der zu diesem Thema im August 1954 eine Vortragsreihe in der Northgate Chapel in Seattle im US-Bundesstaat Washington, hielt. Auf die Bitte der dort versammelten Christen verfasste er später diese Zusammenfassung seiner Vorträge.Es sollte der letzte Dienst am Wort sein, den Pete Fleming in der Northgate Chapel versah. Kurz darauf kehrte er nach Ecuador zurück, wo er ungefähr 15 Monate lang daran arbeitete, die hier dargelegten Prinzipien praktisch zu verwirklichen. Wie allgemein bekannt, war Pete Fleming einer der fünf unerschrockenen jungen Missionare, die am 5. Januar 1956 bei dem Versuch, die wilden Auca-Indianer mit der guten Nachricht des Heils zu erreichen, ihr Leben opferten.
Dieser Artikel „The Church“ von Pete Fleming erschien ursprünglich im Verlag „Gospel Folio Press“ und wurde nun mit freundlicher Genehmigung der Autoren Fred Colvin und Thomas Jettel aus dem Kurs „Christus und die Gemeinde“ entnommen.
Die Gemeinde
Schon die erste Aussage des Herrn Jesus Christus über die Gemeinde fesselt unsere Aufmerksamkeit. Sie ist erstaunlich: „Ich werde meine Gemeinde bauen und die Pforten des Hades werden sie nicht überwinden“ (Mt 16,18). Diese Aussage klärt mit einem Schlag alle Fragen, wessen Gemeinde es ist, wer sich für ihr Wachstum verantwortlich zeigt und wie groß ihr Triumph sein wird. „Es ist MEINE Gemeinde“, erklärt unser Herr und identifiziert sich mit ihrem Bau und ihrem Wachstum. Dementsprechend dürfen wir erwarten, dass sich der Charakter Christi in ihr widerspiegeln wird, wenn er uns Schritt für Schritt das herrliche Wesen seiner Gemeinde eröffnet. Der gewagte Bauplan und die umwerfende Vollkommenheit ihrer Entwicklung zeigen, in welch vollkommenem Ausmaß sich der große Architekt seinem Werk gewidmet hat. Diese herrliche Vorstellung der Gemeinde bildet den Tenor der neutestamentlichen Lehre über sie. Wir wollen uns nun den weiterführenden Aussagen über die Gemeinde in der Apostelgeschichte und den Briefen zuwenden. Zu Beginn sei ausdrücklich festgehalten, dass allein das Neue Testament die einzige Autorität ist, um die wahre Gestalt der Gemeinde herauszufinden, und Gehorsam gegenüber der Heiligen Schrift sollte dabei unser einziges Ziel sein.
Was ist die wahre Gemeinde?
Jede Frage dieser Art wird zum Teil dadurch beantwortet, dass man auf der Grundlage der Schrift entscheidet, was die wahre Gemeinde nicht ist. Sie ist nicht ein Gebäude, sei es noch so erhaben und gewaltig. Sie ist nicht ein Verein von Leuten, seien sie noch so menschenfreundlich und uneigennützig. Sie ist nicht eine Interessensgruppe, die für moralische Reform eintritt, sei sie noch so notwendig und nützlich. Sie ist nicht eine Einrichtung zur Erhaltung einer heiligen Tradition, sei sie noch so ehrwürdig und geachtet. Sie ist nicht ein Verbund von Ortsgemeinden, sei ihr Bestreben noch so eindrucksvoll und geistlich. Sie ist keine Denomination, wie mächtig und groß sie auch sei. Die wahre universale und geistliche Gemeinde Gottes entspricht keiner dieser Gruppen, wenn sie auch in gewissen Einzelpunkten Ähnlichkeiten aufweist. Die wahre Gemeinde ist größer und großartiger als jede irdische Institution, Kultur, Religion, Ideologie, Tradition oder sonstige Eingrenzung.
Die wahre Gemeinde ist geistlicher und himmlischer Natur, wobei auf der Erde sowohl ihre örtlichen als auch weltweiten Erscheinungsformen sichtbar sind. Sie besteht aus denen, die wahrhaft an den Herrn und Erretter Jesus Christus glauben (Apg 2,47), die durch besonderes Wirken des Heiligen Geistes zu einem Leib geformt sind (1Kor 12,13), die vom Heiligen Geist gestärkt werden, der in jedem von ihnen wohnt, die geleitet werden von Jesus Christus, ihrem „Haupt“ (Kol 1,18) und die schließlich vollendet werden durch das Wiederkommen Jesu Christi, bei dem ihm die Gemeinde in vollendeter Form präsentiert werden wird (Eph 5,27). Die Einheit der Gemeinde ist auch insofern geistlich, als alle ihre Glieder demselben Haupt gehorchen, zu einem Leib getauft sind und alle Söhne desselben Vaters sind. Da wahre Einheit auf diesen unabänderlichen, absoluten Wahrheiten gegründet ist, wird sie durch kein Versagen eines ihrer Glieder auf Erden zerstört, wenn auch ihr äußeres Bild in den Augen der Menschen dadurch befleckt wird. Dasselbe gilt für jede Inkonsequenz oder Unvollkommenheit im Leben eines ihrer Glieder. Diese ist zwar sträflich, aber weder das vollkommene Wesen und Erbe der Gemeinde, noch die ewig sichere Stellung ihrer Glieder kann dadurch verändert werden. Der Ungehorsam eines Sohnes hebt seine familiäre Beziehung und deren Wesen nicht auf, obwohl es für ihn den Genuss dieser Beziehung trübt. So besteht Gottes Gemeinde in völliger Einheit; sie ist eine geistliche Versammlung der Wiedergeborenen und in Gottes Augen unteilbar und unantastbar.
Daher ist die Gemeinde nicht von dieser Welt, wenn auch manche ihrer Glieder noch in der Welt sind; sie ist noch nicht vollständig im Himmel, wenn auch viele ihrer Glieder schon dort sind. Da sie geistlicher Natur ist, überspannt sie jede menschliche Trennlinie und Abgrenzung, sei es national, kulturell, kirchlich oder denominationell. Verborgen für die Blicke der meisten Menschen, ist die Auferbauung dieser Gemeinde das herrlichste Werk, das Gott in unserer Zeit vollführt. Für den Einzelnen gibt es nichts Dringlicheres, als durch den Glauben in sie hineinzugelangen und nichts Lohnenderes, als ihre Gemeinschaft zu erfahren.
Warum gibt es örtliche Gemeinden?
Wir stoßen hier auf die Frage: „Wenn die wahre Gemeinde geistlich ist, warum sind dann örtliche Gemeinden wichtig? Sind sie überflüssig?“ Die Antwort ist ein klares Nein, denn das Neue Testament zeigt sehr klar, dass örtliche Gemeinden durch Gottes Anordnung überall im Römischen Reich gegründet wurden, um alle an Christus Gläubigen geographisch geordnet in selbständigen, geistgeleiteten Gemeinden zu vereinigen. Diese Ortsgemeinden waren Ausdruck der wahren Gemeinde in dieser Welt und Lebenszellen, die dieselbe Beziehung zum Haupt hatten, wie die Universalgemeinde selbst.
Illustrationen für die Gemeinde
Zur Beschreibung der vielfältigen Beziehungen der Gemeinde zu Christus gebraucht das Neue Testament eine Menge treffender Illustrationen. Jede dieser Illustrationen drückt auf wunderbare Weise irgendeinen Aspekt der örtlichen oder universalen Gemeinde aus. So wird die Gemeinde dargestellt als:
1. Ein Leib, um ihre Harmonie und Abhängigkeit zu zeigen.
Christus ist das Haupt und übernimmt somit Verantwortung für die Leitung und Führung des übrigen Leibes. Die Gemeinde ist der Leib, dessen verschiedene Glieder in Harmonie und gegenseitiger Abhängigkeit zum Wachstum des Ganzen beitragen (Kol 1,18-24).
2. Ein Gebäude, um ihren planvollen Entwurf und Bau zu betonen (1Kor 3,9).
3. Ein bebautes Feld, um ihr Wachstum und ihre Fruchtbarkeit darzustellen (1Kor 3,9b).
4. Ein Tempel, um ihre Heiligkeit und Hingabe zu betonen (1Kor 3,l6).
5. Eine reine Jungfrau, um ihre Entschlossenheit und Erwartungshaltung auszudrücken (2Kor 11,2).
6. Eine Herde, um ihre Einheit und Treue zu zeigen (Apg 20,28).
7. Ein Haus, um auf ihre Vollständigkeit und Ordnung hinzuweisen (1Tim 3,15).
8. Ein Leuchter, um ihr Zeugnis darzustellen (Offb 1,20).
9. Ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit, um ihre Stärke und ihre Aufgabe aufzuzeigen (1Tim 3,15).
10. Eine Familie, um ihre Zusammengehörigkeit und Wärme zu demonstrieren (Apg 2,42-47; 4,23).
Universale und örtliche Gemeinde
Von diesen wunderschönen Bildern werden wenigstens vier bei verschiedenen Gelegenheiten sowohl auf die universale als auch auf die örtliche Gemeinde angewandt: Tempel, Leib, Braut und Herde. Anhand dieser Tatsache erkennen wir ein sehr wichtiges Prinzip: Die Ortsgemeinde hat in ihrer Funktion und ihrem Wesen dieselbe Beziehung zu Christus wie die Universalgemeinde. Sie ist die Kleinausgabe der Gemeinde, ein Abbild des Ganzen und bringt die unsichtbare und ewige Gemeinde sichtbar und zeitlich zum Ausdruck.
Da dies unumstößlich in der Schrift gezeigt wird, sind wir beim Aufbau einer örtlichen Gemeinde dafür verantwortlich, dass sie dem Wesen der wahren Gemeinde entspricht und nachgebildet wird. Wenn wir diese Richtlinie befolgen, werden wir vor vielen Fehlern bewahrt bleiben. So werden wir zum Beispiel nie versucht sein, das Haupt der Gemeinde hier auf der Erde zu suchen. Denn genau wie Christus das himmlische Haupt der ganzen Gemeinde ist, so ist er auch das Haupt jeder örtlichen Gemeinde von Gläubigen. Deshalb dürfen die Gemeinden keinen irdischen Herrscher über die Gläubigen, keinen menschlichen, vorrangigen Stellvertreter Gottes auf Erden anerkennen; ihr Haupt ist im Himmel.
Zweitens hat die örtliche Gemeinde ebenso wie die Gesamtgemeinde direkten Zugang zu Christus und kann von ihm erwarten, dass er alle ihre Bedürfnisse erfüllt. Das Neue Testament toleriert keinen Priesterstand, keine Gruppe besonders bevorrechtigter Mittler. Vielmehr wird jeder von uns als Priester betrachtet, der durch Christus ständigen Zugang zu Gottes Gegenwart hat (1Petr 2,5.9); zusammen gesehen sind wir ein Königtum von Priestern (Offb 1,6).
Drittens setzt sich die örtliche Versammlung nur aus den wahrhaft Wiedergeborenen zusammen, da nur wiedergeborene Menschen Glieder der wahren Gemeinde sind. Gemeindezugehörigkeit auf irgendeiner anderen Grundlage entspricht in keiner Weise der Lehre des Neuen Testaments. Ständige Wachsamkeit ist geboten, um sicherzustellen, dass nur wirklich Wiedergeborene an der innigen Gemeinschaft und Nestwärme der Ortsgemeinde teilhaben und diese Gemeinschaft bilden. Neue Gläubige gelangen in diese Gemeinschaft, indem sie gehorsam im Glauben an Christus leben, und zwar im selben Glauben, durch den sie vorher schon zu Gliedern der universalen Gemeinde geworden sind.
Viertens ist jedes Gemeindeglied für seinen Dienst direkt Christus gegenüber verantwortlich. Vielerorts werden für den offiziellen Dienst in der Gemeinde eine gewisse Ausbildung und Ordination vorausgesetzt. Obwohl Ausbildung prinzipiell gutzuheißen ist, kann man ein solches Amtsdenken nicht mit der Lehre des Neuen Testaments in Einklang bringen. Einsetzung im Sinne des Neuen Testaments ist nichts Weiteres als ein Ausdruck dafür, dass die Ältesten der offensichtlichen Berufung Gottes zustimmen, die ein Einzelner wahrnimmt (Apg 13,1-3). Sie ist nie Mittel zur Aufnahme in eine besondere Klasse von Dienern Gottes – in eine „Geistlichkeit“ – oder zur Verewigung der unbiblischen Trennung zwischen Priestern und Laien. Eine von Menschen durchgeführte Einsetzung verleiht keinerlei offizielle Autorität. Sie kann nur in Übereinstimmung mit einer eindeutigen, offensichtlichen, vorhergehenden Berufung Gottes gültig sein und hat unabhängig davon keine Berechtigung.
Fünftens sind in der Gemeinde alle Gläubigen in Christus gleichwertig: Diese Gleichwertigkeit bezieht sich nicht auf die Verantwortungen der Einzelnen, sondern auf ihre Stellung vor Gott (Gal 3,26-28).
Sechstens werden das Wesen und die Ordnung der Gemeinde nicht von der Geschichte diktiert, sondern durch das Wort Gottes. So reichhaltig das geschichtliche Erbe einer Gruppe ist, wie ehrwürdig die Gründer einer Bewegung auch sein mögen, sollte sich jede örtliche Gemeinde am Vorbild des Neuen Testaments orientieren. Geschichtliche Tradition muss von jeder Gemeinde im Lichte des Neuen Testaments geprüft werden, damit das Gute behalten und das Schlechte verworfen werden kann. Gleicherweise dürfen örtliche Gemeinden als Grund für ihre Existenz und Struktur kein noch so bedeutendes historisches Ereignis anführen. Reformation ist für die Gemeinde kein historisches Ereignis, sondern eine ständige Notwendigkeit. Allzu oft waren solche historischen Ereignisse, Konzile oder Beschlüsse Ursprung für eine Denomination, die später versuchte, ihre Anhänger um solche Ereignisse oder Persönlichkeiten zu scharen und so ihre Einheit aufrechtzuerhalten. Jedoch findet man nirgends in der Schrift derartige denominationelle Zugehörigkeiten; ja, sie tragen eher zur Verzerrung als zur Verdeutlichung des wahren Wesens der Gemeinde bei.
Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe
Aufbau und Leitung neutestamentlicher Gemeinden
Im Neuen Testament war die Leitung der örtlichen Gemeinden einfach, aber wirksam. Diese Leitung bestand die Erprobung durch Verfolgung von außen und Störversuche von innen und setzte sich aus zwei Gruppen von Verantwortlichen zusammen: aus Ältesten (auch Vorsteher oder Aufseher genannt) und aus Diakonen (auch Diener genannt) (Phil 1,1; 1Tim 3,1-11). Diese Leiter der örtlichen Gemeinden wurden unterstützt durch begabte Männer, die allen Gemeinden dienten und sich frei unter ihnen bewegten. Zu Beginn waren diese Männer, die ihre ganze Zeit dem Dienst an den Gemeinden und ihrem Aufbau widmeten, die Apostel und Propheten, denen Gott außergewöhnliche Fähigkeiten verlieh und somit dieses erste Zeugnis der Gemeinde bestätigte. Nachdem dieses Fundament durch Apostel und Propheten gelegt war (Eph 2,19.20), wurden diese Männer durch Evangelisten, Hirten und Lehrer (Eph 4,11) ersetzt. Solche Männer waren Gaben an die ganze Gemeinde, was auch aus Epheser 4 deutlich wird. Sie waren Männer mit so außerordentlichen Gaben, dass sie schließlich nach ihrer Gabe benannt wurden: Evangelisten, Hirten und Lehrer. Diese Männer reisten, wie der Geist Gottes sie führte. Sie blieben unterschiedlich lange an den jeweiligen Orten und halfen den örtlichen Ältesten und Diakonen dabei, die Gemeinde durch Ausüben ihrer Gabe aufzubauen.
Somit ergibt sich folgendes einfaches Bild der Gemeindeleitung: Älteste und Diakone trugen die geistliche Verantwortung für die Gemeinde am Ort und wurden unterstützt durch Besuche von Evangelisten, Hirten und Lehrern, die das Zeugnis und das Leben der Gemeinde kräftigen sollten.
Gott will alle Gaben so entwickeln, dass ihre Ausübung unter der Leitung des Heiligen Geistes der Gemeinde zu Unabhängigkeit und Eigenverantwortlichkeit verhilft. Paulus beglückwünscht die Gläubigen der Gemeinde von Korinth, weil Gott sie in allem Wort und in aller Erkenntnis reich gemacht hatte, so dass es ihnen an keiner Geistesgabe mangelte (1Kor 1,4-7). Es ist Gottes Plan, jede Gemeinde auf diese Weise auszurüsten. Die Ältesten müssen dafür sorgen, dass die Gaben ausgeübt und eingesetzt werden. Das bezieht sich sowohl auf ihre eigenen Gaben, als auch die Gaben der anderen Gemeindeglieder. Die zentralen Gaben des Evangelisten, des Hirten und des Lehrers sollen am Ort von den Ältesten ausgeübt werden, die wiederum von den bereits erwähnten Dienern Gottes unterstützt werden.
Dementsprechend wird jeder Älteste zu Folgendem ermahnt:
1. das zuverlässige Wort festzuhalten, zu ermahnen und zu überzeugen, d.h. zu evangelisieren (Tit 1,9);
2. die Herde zu hüten, die Verantwortung für sie zu übernehmen, d.h. Hirte zu sein (Apg 20,28; 1Petr 5,2-4);
3. lehrfähig zu sein, zu ermahnen und zurechtzuweisen, d.h. zu lehren (1Tim 3,2; 5,17). Diese Hauptverantwortung sollen also die Ältesten tragen, ebenso die Verantwortung für alle anderen Angelegenheiten, die das geistliche Wohl der Gemeinde betreffen. Die Diakone haben als Diener der Gemeinde anscheinend eine breitere und weniger spezifische Funktion, zu der zweifellos auch das Regeln aller Einzelheiten bezüglich Dienst, Veranstaltungen und Programme der Gemeinde gehört.
Plurale Leiterschaft – und kein Ein-Mann-Prinzip
Dieses einfache Leitungsprinzip ist wirksam und flexibel; gerade weil es so einfach und geistlich ist, wurde es wiederholt sogar von hingegebenen Männern angegriffen. Es lässt keinen Raum für besondere Auszeichnung eines Einzelnen, und niemand kann diese einfache Struktur als Sprungbrett zu Ruhm und Macht missbrauchen, ohne zwangsläufig ihr gottgegebenes Prinzip zu verändern und seine persönlichen Motive öffentlich bloßzustellen. Gemeinden sollten von geistlich gesinnten Männern geleitet und nicht von einem einzelnen Mann dominiert werden. Die natürliche Neigung des Menschen, einen einzelnen Mann in den Mittelpunkt zu stellen und ihm ehrerbietig nachzufolgen, hat in Gottes Plan der Gemeindeleitung keinen Platz. Sein Plan umfasst sogar eine Sicherheitsvorkehrung gegen die Vorherrschaft eines Einzelnen und soll zudem die größtmögliche Beteiligung jedes Gemeindegliedes gewährleisten. Jeder ist mit irgendeiner Gabe ausgerüstet; jeder soll seine Gabe so gut wie möglich gebrauchen, damit alle erbaut werden (1Kor 14,12). Das vierte Kapitel des 1. Petrusbriefes fasst dieses geistliche Idealbild wunderbar zusammen: „Je nachdem ein jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes; wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, auf dass in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus“ (1Petr 4,10.11).
Jedoch ist Gottes Plan der Gemeindeleitung durch Älteste schon oft missachtet worden, manchmal bewusst, manchmal indirekt. So wie das alte Israel damals lieber von einem König regiert werden wollte als von Richtern (1Sam 8,1-22), so haben örtliche Gemeinden schon oft jemanden in höchste geistliche Verantwortungsposition befördert. Die Geschichte zeigt, dass die apostolischen Richtlinien schon bald nach dem Abschluss des Neuen Testaments verlassen wurden. Der gottgewollte Plan der Leitung durch mehrere Älteste (Aufseher) wurde schleichend in ein System umgeformt, bei dem viele Gemeinden unter der Leitung eines einzigen Bischofs standen. Letztendlich wurde das Priestertum aller Gläubigen durch das allmähliche Entstehen zweier Klassen verleugnet: Geistlichkeit und Laientum. Leitende Gemeindemitarbeiter wurden zu einer Art halbamtliche Personen, die für sich das ausschließliche Recht in Anspruch nahmen, zu taufen und Brot und Kelch auszuteilen. Die Entfaltung der geistgeschenkten Gaben wurde gehindert, der Wunsch Gottes, dass Leiter innerhalb der Gemeinde herangebildet werden, wurde völlig ignoriert. Stattdessen erlaubte man eine Hierarchie von Amtsträgern und eine Gemeindeleitungsstruktur mit einem „Prediger“ oder „Pastor“ für jede Gemeinde und oftmals mit einem Bischof über mehrere Gemeinden.
Es wurden auch Gemeindebünde gebildet, die Vorläufer der heutigen Denominationen waren. Dieselben Missbildungen traten im Laufe der Geschichte in verschiedenen Formen immer wieder auf und beherrschen noch immer das Denken vieler. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass dies nicht Gottes Ideal für uns ist und ebenso wenig sein geoffenbarter Plan.
Die nahezu überall verbreitete Praxis, dass Gemeinden einen Bibelschulabsolventen ins Pastorenamt berufen und ihm den Großteil der geistlichen Verantwortung übertragen, hat keinerlei biblische Grundlage. Ein solches Schema zu befolgen bedeutet, nur die zweitbeste Wahl zu treffen und auf Gottes besten Plan zu verzichten, denn:
1. Ein Einzelner wird mit einer überwältigenden Last betraut, die er nie allein tragen sollte und die ihn vielfach zum Stolz versucht.
2. Dadurch wird den Ältesten ihre gottgegebene Verantwortung abgenommen, was bewirkt, dass sie dazu verurteilt sind, ihre Gaben nur in Mittelmäßigkeit auszuüben.
3. Es trägt zur Bildung von zwei Klassen bei: Geistlichkeit und Laientum.
4. Der geistliche Zustand einer Gemeinde wird dadurch zu sehr von einem einzigen Mann abhängig, und so kann eine bibeltreue Gemeinde auf einen Schlag allein durch den Wechsel des Pastors liberal werden.
5. Es fördert die natürliche Trägheit der Gläubigen, die Arbeit einem anderen zu überlassen.
6. Die Hirtenaufgaben werden zum offiziellen Amt.
7. Es lässt der Entfaltung der Gaben der anderen Geschwister zu wenig Raum.
Die neutestamentliche Alternative ist viel besser dazu geeignet, das richtige geistliche Wachstum jedes Gliedes zu fördern. Die Ältesten üben ihre Verantwortungen nicht im Sinne eines Monopols aus, sondern als Vorbilder mit dem einzigen Zweck, andere zum Nachahmen anzureizen. Jeder Einzelne muss in der Gemeinde die Gelegenheit bekommen, seine Gabe geistgeleitet auszuüben. Weise Älteste werden die ganze Herde ermutigen, diese Gaben zu suchen, sie ständig zu erneuern und zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gemeinde einzusetzen. Das Spektrum der über zwanzig im Neuen Testament angeführten Gaben (1Kor 12,8-11.28-30; Eph 4,11; 1Petr 4,10.11; Röm 12,5-8) ist so groß, dass jeder Christ ein genügend großes Betätigungsfeld für seine Gabe bzw. Gaben vorfinden wird.
Schwerpunkte des Gemeindelebens
Die geistliche Gemeinde wird außerdem dieselben Schwerpunkte setzen wollen wie die Gemeinden des Neuen Testaments. Allem voran wird sie die Anbetung wertschätzen und pflegen. Echtes Lob und Anbetung von Herzen ist ein Kennzeichen einer geistlichen Gemeinde, und das um so mehr, da wir Jesu Verheißung haben, dass er mit uns anbetet, den Vater preist und uns in Lobliedern auf seinen Namen leitet (Hebr 2,11-13). Diese Anbetung findet ihren Ausdruck im Mahl des Herrn, welches die neutestamentlichen Gemeinden offensichtlich jeden Sonntag praktizierten (Apg 20,7). Es ist eine wunderbar einfache Gedächtnisfeier, die in tiefgründiger Weise jeden Teilnehmer dazu führt, von neuem über den Ursprung und die Grundlage seiner gegenwärtigen Freude und Segnungen nachzusinnen: den als Opfer gegebenen Leib und das vergossene Blut Jesu Christi, unseres Erretters (1Kor 11,23-26). Daran teilzunehmen erfordert ständige Reinigung (1Kor 11,27.28), denn unwürdige Teilnahme zieht das Gericht Gottes auf sich. So ist das Abendmahl nicht nur ein Anlass, anbetend des Gedächtnisses Christi zu gedenken, sondern auch ein Mittel zur fortwährenden Reinigung der Gemeinde durch die vor der Teilnahme erforderliche Selbstprüfung. Die ständige Feier des Abendmahls ist ein unerlässlicher Bestandteil des geistlichen Lebens der Gemeinde. Die Gemeinden, die bestrebt sind, den apostolischen Plan zu verwirklichen, werden dem Abendmahl den angebrachten Stellenwert einräumen.
Zweitens werden diese Gemeinden mit vollem Einsatz ihr evangelistisches Zeugnis pflegen; sie werden sich unaufhörlich bemühen, Außenstehende zu erreichen. Die Thessalonicher sind hier ein hervorragendes Beispiel: Obwohl sie jung waren, stellten sie ein ausgezeichnetes Zeugnis für die ganze Umgebung dar (1Thess 1,8).
Letztlich wird die Gemeinde der Ort sein, wo Liebe zu finden ist. Gaben sollten geschätzt und gesucht werden, aber keine Gabe kann unabhängig vom „besseren Weg“ der Liebe (1Kor 12,31) ausgeübt werden. Liebe ist das Öl im Getriebe der zwischenmenschlichen Beziehungen in der Familie Gottes. Und die Gemeinde ist in der Tat eine Familie: Die Ältesten werden als Väter betrachtet, die älteren Frauen als Mütter, die jüngeren Frauen als Schwestern, die jüngeren Männer als Brüder (1Tim 5,1.2). So stellt Gott seine Gemeinde dar: eine Familie, die durch Liebe verbunden ist, im Glauben an einem Strang zieht und eine gemeinsame Erwartung hat. Sie ist eine Gemeinde, die unbedingt Gottes Anweisungen folgt, die treu seinen Plan verwirklicht und die ständig seinem Vorbild nacheifert. Diesem hohen Maßstab sind wir verpflichtet; wir müssen uns demütig entschließen, diesen Maßstab zu befolgen.