Die Gnade
übersetzt von Christian Odenwald (Fortsetzung des Kommentars zum Titusbrief)
„Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen,und unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in dem jetzigen Zeitlauf, indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus erwarten. Der hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken.“ (Titus 2,11-14).
Die Gnade in der Zukunft
Es gibt hier auch ein zukünftiges Element. Paulus spricht nicht nur von der vergangenen Selbsthingabe Jesu, sondern von seinem zukünftigen Kommen: „…indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus erwarten.“[1] Die hier verwendeten Ausdrücke bedeuten, dass die „gesegnete Hoffnung“ und die „Erscheinung der Herrlichkeit“ ein und dasselbe sind: das heißt die glückselige Hoffnung ist das Erscheinen der Herrlichkeit.
Die Christen freuen sich auf die Offenbarung seiner Herrlichkeit in der Welt, wenn Jesus zurückkehren wird, nicht als Baby in einer Krippe, sondern mit Macht und großer Herrlichkeit und mit einer Demonstration himmlischer Autorität. Petrus, Jakobus und Johannes erhielten einen Blick auf diese Herrlichkeit, als Jesus sie eines Tages auf einen Berg mitnahm und vor ihnen verwandelt wurde, so dass sein Gesicht heller als die Mittagssonne schien und seine Kleider in einem Weiß leuchteten, das kein Wäscher auf der Erde jemals produzieren könnte (siehe Markus 9,3; Matthäus 17,2).
Wenn wir seine Herrlichkeit sehen, werden wir erstaunt sein, dass er sich für uns gegeben hat. Warum hat er das gemacht? Nicht nur, um uns vom ewigen Gericht zu befreien, sondern auch um uns von einem Leben zu erlösen, in dem wir das tun, was wir selbst wollen (2,14). Sein Verlangen war, dass wir ganz für ihn da sein sollten. Wir gehören ihm, weil er uns erkauft hat. Wir zeigen, dass wir völlig sein Eigen sind, indem wir leidenschaftlich darauf ausgerichtet sind Gutes zu tun.
Wenn er wiederkommt und wir vor ihm stehen, wird er unsere Werke beurteilen. Er will Menschen sehen, die sich verpflichtet haben, Gutes zu tun; Menschen, die alles verwendet haben, was er ihnen anvertraut hat und die ihr Potenzial für das ewige Reich entwickelt haben. Dies ist ein so wichtiges Thema, dass Jesus einige Gleichnisse darüber erzählt hat, zum Beispiel das „Gleichnis der Pfunde“ (Lukas 19,11-27). Die Lehre dieses Gleichnisses kann für diejenigen überraschend sein, die denken, dass der Himmel eine Art Altersheim ist. Die Belohnung im Himmel für die Bemühung um gute Werke während unseres Lebens auf Erden ist: mit mehr Arbeit betraut zu werden! Natürlich will im Himmel jeder arbeiten.
Die Rolle der Gnade und der guten Werke
Spielt es eine Rolle, ob wir eifrig sind in guten Werken oder nicht? Ja! Es ist wichtig. Alle wahren Gläubigen werden im ewigen Reich sein, aber nicht alle werden die gleichen Fähigkeiten (die gleiche Kapazität) oder das gleiche Maß an Verantwortung haben. Die Verantwortung, die jedem zugeteilt wird, hängt zumindest teilweise davon ab, ob der Gläubige die ihm vom Herrn während seiner Abwesenheit anvertrauten Mittel treu verwendet und weiterentwickelt hat.
Das ist eine für unsere Gedanken sehr anspruchsvolle Idee. Deshalb möchte ich eine Illustration verwenden, die ich hilfreich gefunden habe. Stell dir eine Familienfeier vor. Alle Familienmitglieder befinden sich in verschiedenen Altersstufen und Lebensphasen. Der zweijährige Tommy freut sich gewaltig über das Eis, das er isst. Der siebenjährige David hat auch Spaß. Er spielt mit seinem neuen Modellauto. Er mag natürlich Eis, aber er ist älter und hat eine größere Fähigkeit zum Genuss, die ein Eis nicht erfüllt. Die sechzehnjährige Maria freut sich ebenfalls. Sie verbrachte mehrere Stunden im Bad und wartet jetzt mit begeisterter Vorfreude auf die Ankunft eines gewissen jungen Mannes. Sie mag Eis und sogar bestimmte Spielsachen, aber sie ist groß geworden und diese Dinge erfüllen ihr Leben nicht mehr. Sie hat mehr Kapazität als ihre kleinen Geschwister. Mama und Papa freuen sich auch. Der Grund dafür ist kein Eis oder Modellspielzeug oder die Aussicht auf die Ankunft eines jungen Mannes. Ihre Zufriedenheit kommt von der Beobachtung, welche Freude der Rest der Familie hat. Sie unterhalten sich miteinander darüber, was die Kinder machen, worüber sich die Kinder freuen, und freuen sich an allem. Jede Person ist bei der Feier dabei. Jeder genießt die Feier bis zum Maximum seiner Fähigkeiten. Aber jeder hat eine andere Kapazität.
Alle wahren Gläubigen werden im Reich Gottes sein. Alle werden es in vollen Zügen genießen. Aber nicht alle werden die gleichen Aufgaben oder die gleiche Kapazität haben.
Das Gleichnis über die Pfunde (Lukas 19,11-27) lehrt, dass jeder Gläubige in diesem Leben mit Ressourcen betraut wurde. Bei Christi Wiederkunft wird er alle seine Diener zu sich rufen und sie werden zeigen, was sie mit dem getan haben, was ihnen anvertraut worden ist. Ihre Arbeit wird mit mehr Verantwortung auf einer viel höheren Ebene belohnt werden. Christus hat für uns ein ganzes Universum und vielleicht noch mehr, das wir in Verbindung zu ihm erforschen, ausbauen und verwalten sollen. Er sucht nach Leuten, die in diesem Leben zeigen, dass diese zukünftige Hoffnung ihren Geist und ihre Herzen eingenommen hat und sie dazu inspiriert hat, für ihn zu leben.
Das Gleichnis beschäftigt sich auch mit der untreuen Person, die in diesem Leben nichts von bleibendem Wert tut. Dieser Mann behauptet, dass die Furcht vor Gott ihn gelähmt hat. Das heißt er beschuldigt Christus mit den Worten: „Du bist hart und verlangst zu viel ohne uns etwas zu geben.“ Wir könnten uns fragen, wie ein wahrer Gläubiger eine solche Einschätzung von Christus haben kann nach dem, was Christus für uns getan hat. Ist diese Person nicht durch Gnade erzogen worden? Es wäre traurig, wenn wir denken, dass es eine tyrannische Zumutung ist, wenn wir Gott dienen sollen, und wenn wir schließlich gar nichts für ihn tun. Die Gnade Gottes sollte uns motivieren, nicht die Androhung von Strafe.
Was ist, wenn ein echter Gläubiger so falsch über Gott denkt, dass er gar nichts für Gott tut? Die Wahrheit ist, dass er nicht seine Rettung verlieren wird, aber „wie durchs Feuer“ gerettet werden wird (1. Korinther 3,15). Das Feuer verbrennt all das Nutzlose, das diese Person in ihr Leben eingebaut hat, und sie kann ihren Lohn ganz verlieren. Wenn wir mit unserem Leben gar nichts erreichen, haben wir einen schweren Verlust und wir bekommen auch keinen Lohn. Es macht einen Unterschied, wie wir leben. Es macht einen Unterschied, wie wir der Gnade erlauben, uns zu erziehen.
Einige Christen kämpfen mit dieser Idee des Lohnes und sagen, dass sie nicht nach einer Belohnung suchen, sondern einfach nur aus Liebe zu Christus dienen. Wir können diese Haltung bewundern, aber wenn es Jesus selbst ist, der den Lohn in Aussicht stellt, so ist es sicher ein wenig schwer, ihm zu sagen, dass wir nicht daran interessiert sind!
Was ist der Lohn?
Vielleicht entsteht die Schwierigkeit, weil wir eine sehr begrenzte Vorstellung davon haben, was mit „Belohnung“ gemeint ist. Wir denken, wie Kinder (und einige Erwachsene) denken: eine Belohnung ist ein Eis oder eine Lohnerhöhung. Aber das ist nicht die einzige oder gar die bedeutendste Bedeutung von Belohnung. Lassen Sie mich eine Illustration verwenden, die ich hilfreich gefunden habe. Wenn eine Familie ein Klavier besitzt, dann wollen die Eltern natürlich, dass ihre Kinder Klavier spielen lernen. Am Anfang, besonders wenn die Tochter keine Lust hat, können die Eltern Belohnungen für das Üben aushandeln, zum Beispiel ein Eis oder eine andere Süßigkeit. Wenn sie größer wird, erlebt sie eine andere Belohnung – das schöne Gefühl, wenn die Leute applaudieren. Deshalb arbeitet sie sehr hart am Klavier, um mehr Applaus zu bekommen. Dann, wenn sie älter ist und das Leben stressig findet, freut sie sich am Ende des Tages, nach Hause zu kommen und Klavier zu spielen. Die Belohnung liegt nun in der einfachen Freude am Spielen und nicht darin, dass es ein Publikum gibt. Im späteren Leben, wenn sie vielleicht mehr Zeit zur Verfügung hat, geht sie zu verschiedenen Altenheimen und Pflegezentren und spielt Klavier, um anderen eine Freude zu bereiten. Es liegt eine große Belohnung darin – in dem Sinne, dass es sehr erfüllend ist, anderen Menschen Freude zu bereiten.
Es ist hilfreich zu verstehen, was die Belohnung für die Verwendung der uns von Gott anvertrauten Talente und Mittel sein wird: Nicht ein wundervolles Haus im Himmel einfach nur zum Ausruhen, sondern mehr Verantwortung und Aufgaben auf einer höheren Ebene. Unsere Belohnung wird sein, dass wir unsere Fähigkeiten verbessert haben, dass wir gewachsen sind. Das ist unser Kapital, das es uns ermöglichen wird, mehr zu arbeiten!
[1] Dies ist eine der Stellen im Neuen Testament, wo Jesus direkt Gott genannt wird. Der griechische Ausdruck, den Paulus hier verwendet, zeigt, dass „unser großer Gott und Retter Jesus Christus“ ein Verweis auf eine Person und nicht auf zwei Personen ist.