Die Gründung der Gemeinde in Antiochien
(Apg 11,19-30)[i]
Darin lag das Geheimnis. Der Herr selbst stand hinter diesem Werk und gab dazu Gelingen, er war der Urheber und derjenige, der über dem Ganzen stand, der führte und die nötigen Durchbrüche des Evangeliums schenkte.
Lukas hat sehr ausführlich erzählt, wie Petrus den Heiden in seiner Stellung als Apostel die Tür zum Glauben öffnete und wie Gott während seines Besuchs bei Kornelius die damit verbundenen Fragen bezüglich der Heiligkeit bewusst aufgeworfen und geregelt hat.
Aber soweit uns die Apostelgeschichte berichtet, erfolgte die erste große Ausbreitung des Evangeliums unter den Heiden und die Gründung der ersten überwiegend heidenchristlichen Gemeinde nicht unter der Leitung des Petrus oder eines anderen Apostels. Es war auch nicht so, dass sie von der Gemeinde in Jerusalem initiiert oder dass die anschließende Gemeindearbeit von Jerusalem aus kontrolliert wurde.
Dies ist wirklich bemerkenswert, und je mehr man darüber nachdenkt, desto bemerkenswerter wird es. Was in diesem Abschnitt beschrieben wird, ist etwas völlig Neues: Nicht die Gründung einer christlich-jüdischen Synagoge in Antiochien, in die Nichtjuden bei ihrem Übertritt zum Judentum aufgenommen werden konnten, sondern die Gründung einer Gemeinschaft, in der jüdische und nichtjüdische Gläubige gleichberechtigt zusammenkamen. Dies war so neu, dass sich ein neuer Name, »Christen«, für die Angehörigen dieser Gemeinschaft einbürgerte (11,26). Ob eine solche Gemeinde bereits anderswo gegründet worden war, teilt uns Lukas nicht mit. In der Apostelgeschichte ist dies die erste Gemeinde, die außerhalb Jerusalems und Judäas gegründet wurde. (Lukas sagt nicht, was in Rom als Folge von Pfingsten und was in Samaria geschah.)
Der ursprüngliche Auftrag des Herrn an die Apostel sah vor, dass sie Zeugen Christi sein sollten – in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde (1,8). Man hätte erwarten können, dass die Apostel in Jerusalem sich diesem Auftrag verpflichtet wussten und zumindest die Heidenmission initiiert und geleitet hätten, auch wenn sie diese nicht selbst durchführten. Schließlich war dies eine bedeutsame Angelegenheit!
Doch das Gegenteil war der Fall. Die Apostel in Jerusalem haben die Mission unter den Nichtjuden weder initiiert noch geleitet, noch die Aufsicht darüber innegehabt. Tatsächlich wurde die Gemeinde in Antiochien gegründet, bevor die Gemeinde in Jerusalem überhaupt von ihr gehört hatte.
Die Hand des Herrn
Der Auslöser für diese Missionsarbeit war die Verfolgung, die im Zusammenhang mit Stephanus einsetzte. In Apg 8,1 heißt es: »… alle wurden in die Landschaften von Judäa und Samaria zerstreut, ausgenommen die Apostel.« Warum die Apostel zurückblieben, verrät Lukas uns nicht. Vielleicht verhielten sie sich wie ein Schiffskapitän, der als Letzter von Bord geht. Vielleicht waren sie von ihren Gedanken und ihrer Tatkraft her mit der Mühe und den Opfern beschäftigt, die erforderlich waren, um das christliche Zeugnis in Jerusalem unter diesen Umständen aufrechtzuerhalten, bis im Anschluss an das Nachlassen der Verfolgung viele der in Judäa und Samaria Zerstreuten nach Jerusalem zurückkehrten und sich die Apostel weiterhin dem Dienst als Hirten und Seelsorger widmen konnten.
Wie dem auch sei – selbst diejenigen, die sich in Richtung Phönizien, Zypern und Antiochien zerstreuten, machten sich offenbar nicht mit der Absicht auf, die Heiden zu evangelisieren. Zunächst richteten sie die Botschaft nur an Juden (11,19). Dann begannen einige der Gläubigen, die ursprünglich aus Zypern und Kyrene stammten, auch zu den Griechen zu reden und ihnen die Frohe Botschaft vom Herrn Jesus zu verkündigen (11,20). Die Hand des Herrn war mit ihnen, sagt Lukas, und darin lag das Geheimnis. Der Herr selbst stand hinter diesem Werk und gab dazu Gelingen, er war der Urheber und derjenige, der über dem Ganzen stand, der führte und die nötigen Durchbrüche des Evangeliums schenkte: »… und eine große Zahl glaubte und bekehrte sich zu dem Herrn« (11,21).
Der nächste interessante Punkt besteht darin, was die Gemeinde in Jerusalem tat, als sie von den Geschehnissen in Antiochien hörte: Sie schickte Barnabas nach Antiochien (11,22). Als er dort ankam, sah er, wie Lukas sagt, die Gnade Gottes, das heißt er erkannte, dass das dortige Geschehen einem Eingreifen Gottes selbst entsprach. Es war ein Erweis der Gnade Gottes, und er freute sich darüber.
Dann ermutigte er sie von ganzem Herzen, bei … zu verharren. Bei Jerusalem? Nein! »… bei dem Herrn« (11,23). Das ist außerordentlich bedeutsam. Hier wurde mit diesem unermesslich wichtigen Fortschritt des Evangeliums eine ganz neue Ebene erreicht: Juden und Nichtjuden zusammen auf derselben Grundlage in einer christlichen Gemeinde (nicht in einer christlich-jüdischen Synagoge). Das Ganze geschah, ohne die Gemeinde in Jerusalem um Rat zu fragen oder um Erlaubnis zu bitten. Barnabas sagt nicht: »Nun, ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist, wie es der Fall gewesen ist. Aber natürlich hättet ihr mit Jerusalem Rücksprache halten müssen, bevor ihr einen solchen Schritt unternehmt, und erst recht, bevor ihr eine Gemeinde gründet. Achtet also in Zukunft bitte sehr darauf, euch an Jerusalem zu halten und immer Jerusalem um Rat zu fragen, bevor ihr irgendwelche weiteren Initiativen ergreift.«
Die Initiative in der Missionsarbeit
Hätten die Gläubigen in urchristlicher Zeit darauf gewartet, dass die Gemeinde in Jerusalem sie als Missionare zu den Heiden aussendet, wäre die Gemeinde in Antiochien vielleicht noch nicht gegründet worden. Ja, auch wenn wir aus dem Schweigen keine sicheren Schlüsse ziehen können, lesen wir in der Apostelgeschichte interessanterweise doch nie davon, dass die Gemeinde in Jerusalem als solche bewusst eine Missionsarbeit unter den Heiden initiiert hat.
Der Rat des Barnabas bestand also darin, dass die Neubekehrten dem Herrn treu bleiben sollten. Er gab diesen Rat, sagt Lukas, weil er „ein guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens“ war (11,24).
Seine gute Gesinnung wurde darin sichtbar, dass er nicht verärgert und eifersüchtig war, weil diese namentlich nicht genannten Gläubigen ein so bedeutendes Werk vollbracht hatten, ohne vorher in Jerusalem nachzufragen.
Und sein Glaube zeigte sich darin, dass er erkannte: Hier war Gottes Gnade am Werk. Er war davon überzeugt, dass Gott, der seine Diener geführt und ihnen Gelingen gegeben hatte, auch weiterhin in seinem Werk Vorstöße bei der Verbreitung des Evangeliums schenken und dieses Werk leiten, führen und schützen würde, wenn nur diese neuen Christen und diese neue Gemeinde dem Herrn treu bleiben würden. Die Treue zum Herrn Jesus würde Gehorsam gegenüber der Lehre und Praxis der Apostel erfordern, wo auch immer sich diese Apostel gerade befanden. Aber die Treue zum Herrn Jesus würde nicht erfordern, dass sich eine Gemeinde in Syrien (oder an irgendeinem anderen Ort) der verwaltungsmäßigen und organisatorischen Kontrolle der Gemeinde in Jerusalem unterwarf. Die auf Jerusalem fixierte Stellung im Judentum sollte sich im Christentum nicht wiederholen. Die Gläubigen waren weder auf Initiativen aus Jerusalem angewiesen, noch mussten sie von dort aus kontrolliert werden. Und wenn wir – um ein wenig vorzugreifen – entdecken, welche kraftvollen Initiativen von der Gemeinde in Antiochien ergriffen wurden (siehe 13,1-3), können wir die Weisheit des Rats von Barnabas erkennen.
Die Zusammenarbeit
Dann folgte das Zweite, was Barnabas tat, um die Gläubigen in Antiochien zu ermutigen und ihnen beim Bau der Gemeinde zu helfen.
Es bestand darin, Saulus aus Tarsus zu holen; und gemeinsam trafen sie sich ein ganzes Jahr lang mit der Gemeinde und lehrten eine große Anzahl von Menschen (11,25-26). Saulus hatte ja Jerusalem verlassen und war nach Tarsus zurückgekehrt. Barnabas aber hatte in ihm einen Mann erkannt, der besonders begabt, geeignet und berufen war, den Heiden zu helfen. Also holte er ihn zu sich, und sie lehrten die Menschen systematisch das Wort Gottes. Hier finden wir den wahren Schlüssel für das Wachstum und die Ausbreitung der Gemeinde: Man darf sich nicht an irgendeine gemeindliche Zentrale halten, sondern muss bei dem Herrn bleiben. Andererseits darf man nicht in törichter Weise unabhängig sein und meinen, man könne alles selbst erledigen.
Man muss nämlich die Hilfe derer, die Gott von außen zu Lehrern berufen hat, annehmen. Außerdem darf man die »Treue zum Herrn« nicht zu einer Ausrede machen, um den eigenen Ideen und Vorstellungen zu folgen, sondern sollte durch sie motiviert sein, um sich intensiv und systematisch in seinem Wort belehren zu lassen.
Der dritte interessante Punkt ist, dass die Jünger zuerst in Antiochien »Christen« genannt wurden. Es war in gewisser Weise überaus angemessen, dass es so kam. »Messias« ist ein hebräischer Begriff, den die griechisch sprechenden Juden schon lange mit »Christos«, also mit »Christus«, übersetzt hatten. Aber »Christ«, d. h. »ein an Christus Gläubiger« oder ein »Diener Christi« war ein ganz neuer Begriff, der von Anfang an für Juden und Heiden gleichermaßen galt, die zum Glauben gekommen waren. Und damit bemerken wir eine weitere wichtige Sache. In Satz 1 haben wir gesehen, wie die Trennwand zwischen Juden und Heiden niedergerissen wurde. Das bedeutet aber nicht, dass es nun keinen Unterschied zwischen den Menschen mehr gibt. Vielmehr wird jetzt nach neuen Kriterien unterschieden: nicht mehr zwischen Juden und Nichtjuden, sondern zwischen christusgläubigen Juden und Nichtjuden auf der einen Seite und nichtchristlichen Juden und Nichtjuden auf der anderen.
Hilfe für die Gemeinde
Am Ende von Apg 9 haben wir gesehen, dass die jüdische Auffassung von Heiligkeit sehr großen Wert auf die Ausübung guter Werke und soziales Engagement legte und ihr eine diesbezügliche Ausgewogenheit wichtig war.
Dann haben wir die Unzulänglichkeiten der jüdischen Heiligkeit gesehen und erkannt, wie die christliche Heiligkeit an ihre Stelle treten musste. So musste insbesondere die Trennwand, die als Barriere zwischen Juden und Heiden diente, beseitigt werden. Auch war es nötig, dass die Speisegesetze, die die Kontakte zwischen den Gläubigen erheblich erschwerten, aufgehoben wurden. Jetzt sehen wir in Antiochien eine Gemeinde, die sich auf die Prinzipien der christlichen Heiligkeit gründet.
Die Frage ist: Wie werden die Abläufe in ihr sein? Wie wird sich die neue Situation auswirken, wenn es um soziale Verantwortung geht? Wird sie zu einer Vernachlässigung der moralischen und sozialen Pflichten führen?
Nein! Sehen Sie, was in Antiochien geschah: Als die Jünger durch einige Propheten hörten, dass es in der ganzen damals bekannten Welt eine Hungersnot geben würde, beschlossen sie – offenbar aus eigenem Antrieb – den Brüdern in Judäa Hilfe zukommen zu lassen, jeder nach seinen Möglichkeiten (11,27-30). Was für eine wunderbare Geste und welch ein praktischer Ausdruck der Einheit von Juden und Heiden in Christus! In gewisser Weise war dieses Hilfswerk angesichts der bevorstehenden Notlage sogar noch beeindruckender als dasjenige von Dorkas (9,36-43), denn es überwand alle alten Schranken des religiösen Stolzes, der Vorurteile und Feindseligkeiten, der ethnischen Unterschiede und der geografischen Entfernung. Und auch heute noch ist die Einheit in Christus, die zwischen Gläubigen auf der ganzen Welt über nationale, ethnische, soziale, bildungsmäßige und politische Grenzen hinweg besteht, eine sehr beeindruckende Realität.
Es ist ein Ausdruck der Ironie, dass die anfängliche Verfolgung, die nach dem Märtyrertod des Stephanus ausgebrochen war, das Gegenteil von dem erreichte, was beabsichtigt war. Zu Beginn dieser Verfolgung nahm die Zahl der Gemeindeglieder in Jerusalem in erschreckender Weise ab. Aber statt eine Eindämmung des Christentums in der Welt zu bewirken, führte sie nicht nur zu seiner Ausbreitung, sondern auch dazu, dass die neu gegründete Gemeinde in Antiochien ihrerseits half, die Gemeinde in Jerusalem zu unterstützen und ihr in äußerer Not zur Seite zu stehen.
[i] Aus dem Kommentar zur Apostelgeschichte von David Gooding, Seite 254 – 259, CLV Bielefeld