Gemeinde & Mission

Die Notwendigkeit von Ältesten (Tit 1,5)

von Lennox Gilbert

Über den Titusbrief – Teil 4

übersetzt von Christian Odenwald

Es ist einfach, theoretisch über Gottes wunderbare Absicht zu reden, uns zu Menschen mit einem wunderbaren Charakter zu machen. Wenn das aber jemals verwirklicht werden soll, müssen praktische Schritte gemacht werden, sonst bleibt es bloßes Gerede. Paulus trägt Titus auf, dass die erste Angelegenheit um die er sich kümmern soll, die Einsetzung von Ältesten in jeder Gemeinde in Kreta ist.

Es mag uns seltsam vorkommen, dass dies der erste praktische Schritt ist, den Paulus erwähnt. Älteste sind die reifen Leiter einer Gemeinde. Die meisten von uns würden wahrscheinlich zustimmen, dass in der Gemeinde irgendeine Art von Leiterschaft gebraucht wird, damit die richtige Richtung beibehalten wird und das Gemeindeleben geordnet abläuft. Wir dürfen Älteste nicht hauptsächlich als Mitglieder eines Komitees sehen, das hinter den Kulissen wie ein Aufsichtsrat  oder ein Managementteam arbeitet. Wenn wir die biblische Rolle und Aufgabe der Ältesten nicht verstehen, wird es uns schwer fallen, die von Paulus deutlich gezeigten Zusammenhänge zwischen Gottes Absicht Menschen mit einem wundervollen Charakter zu machen und der Arbeit von Ältesten zu sehen. In der Praxis variiert die Rolle von Ältesten und das Verständnis von Gemeindeleitung stark von Gemeinde zu Gemeinde und von Kultur zu Kultur. Deshalb werden wir uns etwas Zeit nehmen müssen einige grundlegende Fragen auf diesem Gebiet zu betrachten.

Wenn du Mitglied einer Gemeinde bist, ist es wahrscheinlich, dass es in deiner Gemeinde irgendeine Art von Leitungsstruktur gibt. Das mag ein einzelner Pastor sein, eine Gruppe von Ältesten oder ein Pastor mit einer Gruppe von Ältesten. Wenn es eine große Gemeinde ist, mag es mehrere Pastoren geben, die unter der Leitung des Hauptpastors stehen. Abhängig von der Gemeinde mag es auch Diakone, Presbyter, Priester, Rektoren, Dekane und viele andere Amtsträger geben. Zusätzlich mag deine Gemeinde einer Freikirche oder Denomination angehören, in der jede einzelne Gemeinde in gewissem Maße einer höheren Instanz oder der externen Leitung eines Bischofs oder „Apostels“ unterstellt ist. Die Strukturen von Gemeindeleitung variieren stark.

Die Situation wird noch komplizierter, weil sogar bei einem gleichen Titel (z.B. „Ältester“) die eigentlichen Aufgaben von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich sein können. In einer Gemeinde mag die Gruppe von Ältesten überwiegend für das Treffen von Entscheidungen verantwortlich und wenig in die geistliche Arbeit der Gemeinde involviert sein (dafür sind dann hauptsächlich der Pastor oder die Pastoren verantwortlich). In anderen Gemeinden mögen die Ältesten sehr in die geistliche Arbeit und in die Aufgaben der Gemeinde eingebunden sein.

Unser Gemeindehintergrund – falls wir einen haben – wird sehr wahrscheinlich beeinflussen, wie wir Paulus‘ Anweisung verstehen. Deshalb wird es nützlich sein, das – wenn  möglich – für einen Moment beiseitezulegen und uns in Gedanken in die Zeit der Anfänge der Gemeinde zurückzuversetzen, bevor die vielen und verschiedenen Traditionen Fuß fassen konnten. Dann können wir verstehen, was seine Anweisung in Kreta zu bedeuten hatte.

Als Paulus und seine Begleiter zuerst von Stadt zu Stadt zogen und das Evangelium verkündigten, haben sie ein bestimmtes Muster angewandt. Diejenigen, die das Evangelium angenommen haben, haben nicht überörtliche sondern örtliche Gemeinschaften von Gläubigen gebildet, die sich gegenseitig an die Lehre erinnert haben, die ihnen von Paulus und seinen Begleitern gegeben worden war. Sie lebten und wuchsen in ihrem neu gefundenen Glauben durch die Kraft von Gottes Geist und redeten mit anderen über ihren Glauben. In dieser frühen Phase wurden keine Ältesten eingesetzt. Einige Zeit später würden Paulus und seine Begleiter zurückkehren um diese Gemeinden zu ermutigen und zu stärken sowie Älteste einzusetzen. Sie wählten dazu Männer aus, die in der Zwischenzeit gezeigt hatten, dass sie die erforderlichen Kriterien für diese Aufgabe erfüllten. Diese Männer sollten die Gemeinde lehren, führen, beschützen und für sie sorgen.

Älteste einsetzen

Das führt zu mehreren Fragen. Deshalb wollen wir uns Zeit nehmen, zumindest einige davon zu betrachten.

Warum haben sie nicht von Beginn an Älteste eingesetzt? Der Grund dafür war, dass die Neubekehrten Zeit brauchten um in ihrem Glauben zu wachsen und sich zu entwickeln, sowohl im Verständnis als auch in der Anwendung. Es dauert auch einige Zeit, bis der gottgefällige und reife Charakter zum Vorschein kommt, der für einen Ältesten so wesentlich ist. Es ist weise einige Zeit zu warten, damit die potenziellen Ältesten sich in ihrem Leben und in ihrem Dienst bewähren und damit sie geprüft werden können. Die voreilige Ernennung von „offensichtlichen“ Anwärtern kann nach hinten losgehen und es kann Jahre dauern, das wiedergutzumachen.

Haben sie nur einen Ältesten für jede Gemeinde eingesetzt oder eine Gruppe von mehreren Ältesten? Die Hinweise im Neuen Testament scheinen darauf hinzudeuten, dass die Gemeinden von einer Mehrzahl von Ältesten geleitet und gelenkt wurden, nicht nur von einer Person. Beispielsweise ruft Paulus in Apostelgeschichte 20 die Ältesten (Plural) der Gemeinde in Ephesus zusammen. Der Brief an die Gemeinde in Philippi ist an alle Gläubigen adressiert, inklusive der Ältesten (Plural). Wenn Paulus die Qualifikationen und die Funktion eines Ältesten definiert, nutzt er natürlicherweise den Singular, wie in 1. Timotheus 3,1. Aber wenn er von der Gemeinde als Ganzes spricht, verwendet er den Plural. Im Titusbrief verwendet er sowohl den Singular, wenn er über die Qualifikationen eines einzelnen Ältesten spricht (1,6), als auch den Plural, wenn er die Notwendigkeit einer Ältesteneinsetzung in jeder Gemeinde darlegt (1,5).

Was ist der Unterschied zwischen einem Ältesten, einem Hirten (Pastor) und einem Aufseher (Bischof)? Soweit es das Neue Testament betrifft, gibt es keinen Unterschied. Diese sind keine unterschiedlichen Ämter in der Gemeinde, sondern drei unterschiedliche Ausdrücke, die das gleiche Amt beschreiben. Alle drei treffen in Apostelgeschichte 20 aufeinander, als Paulus die Ältesten von Ephesus zusammenruft und sie Aufseher und Hirten nennt. Wir beobachten das in 1. Petrus 5 wieder. Warum soll man dann drei Begriffe nutzen, wenn einer genügen würde? Jeder Ausdruck hebt einen bestimmten Aspekt ihrer Eigenschaften und ihrer Funktion hervor. „Ältester“ betont Erfahrung, Weisheit, geistliche Reife. „Hirte“ hebt die liebende Fürsorge für die Schafe hervor, der für Nahrung und Schutz sorgt, der sie vor den Gefahren von Schmutz und Krankheiten bewahrt und den Schafen hilft sich zu vermehren. „Aufseher“ unterstreicht Führung und Verantwortlichkeit.

Was war dann die Rolle des Titus? Er war Teil von Paulus‘ apostolischem Missionsteam. Kann er als „Bischof von Kreta“ beschrieben werden? Nein, aus mindestens zwei Gründen nicht. Zum einen, wie wir bereits gesehen haben, wird der Begriff Bischof (oder Aufseher) im Neuen Testament nicht genutzt um ein Amt zu beschreiben, das von dem eines Ältesten oder Pastors verschieden ist. Es ist das gleiche Amt. Zum anderen hatte Titus nicht die Funktion eines Ältesten, Aufsehers (Bischofs) oder Hirten (Pastors) in der Gemeinde. Paulus‘ Team war an vielen Gemeindegründungen beteiligt. Titus´ Aufgabe dabei war, den Gemeinden beim Aufbau zu helfen, Älteste einzusetzen und sie dann zu verlassen, damit diese ihrer Verantwortung nachgehen sollten. Timotheus hatte eine ähnliche Funktion in Ephesus und an anderen Orten. Älteste haben nicht die Aufgabe, auf diese Weise umherzuziehen. Sie bleiben an ihrem Ort und sind mit der Verantwortung betraut, die örtliche Gemeinde zu hüten und mit anderen Ältesten zusammenzuarbeiten.

Warum sind Älteste so wichtig? Die Antwort liegt in der Art ihrer Aufgabe. Wie wir in diesem Kapitel des Titusbriefes sehen, ist die Hauptaufgabe von Ältesten, Gottes Mitarbeiter zu sein bei seinem Ziel, Menschen mit einem wunderbaren Charakter zu machen. Älteste arbeiten mit dem wichtigsten „Rohmaterial“ des Universums, mit Menschen! Es mag gewiss nicht immer sichtbar sein, dass diese Menschen das wichtigste Material im Universum sind. Das war in Kreta sicherlich so, wo sich die Menschen durch Lügen, Zügellosigkeit, Faulheit und brutales Verhalten „auszeichneten“! Die Aufgabe der Ältesten beinhaltete, dieses rohe, wenig verheißungsvolle Material zu nehmen und mit Geduld, Liebe, Geschick und Verständnis daran zu arbeiten. Sie sollten das Wachstum zur Reife von Glaube und Charakter fördern und überwachen. Die Aufgabe schloss auch die Fähigkeit und den Glauben der Ältesten ein, nicht nur zu sehen, wie die Leute zu Beginn ihres Glaubenslebens waren, sondern auch das zu erkennen, was sie eines Tages durch Gottes Gnade sein würden. Sie umfasste auch  die Bereitschaft der Ältesten, sich selbst Gefahren auszusetzen, „Wölfe“ zu entdecken und ihnen entgegenzutreten. Es ist kein Wunder, dass Ältestenschaft eine der schwierigsten Aufgaben auf der Erde ist. Es ist gleichzeitig eine der wichtigsten.

Warum ist eine Gruppe von Ältesten besser als ein einzelner Leiter oder Pastor? Das ist eine sehr große und wichtige Frage, nicht nur deshalb, weil viele Gemeinden weltweit nicht auf die hier beschriebene Weise organisiert sind. Lasst mich einige wesentliche Gründe nennen, warum ich vorschlage, dass eine Gruppe von Ältesten in einer Gemeinde nicht nur biblisch, sondern auch gesünder und weiser ist.

Es gibt wesentliche Stärken einer Gruppe von gottesfürchtigen, qualifizierten Ältesten, die zusammenarbeiten. Dazu gehören der Austausch über Weisheit und Erfahrungen, gegenseitige Ermutigung und Rechenschaft, das gemeinsame Nutzen individueller Gaben für die gemeinsame Aufgabe, die Gemeinde zu hüten.

In einer Gruppe können diejenigen, die besondere Begabungen in der Lehre haben, zum Lehren ermutigt werden. Diejenigen mit besonderen Gaben in der Seelsorge können sie ausüben. Diejenigen mit besonderer Begabung für Organisation und Leitung können davon als Teil des Teams gut Gebrauch machen. Keine Person hat alle Begabungen, die nötig sind um eine Gemeinde zu leiten und für sie zu sorgen. Und doch ist oft gerade das die Erwartung, die sowohl dem Einzelnen als auch der ganzen Gemeinde schadet. Wenn man zulässt, dass alle bedeutenden geistlichen Dienste mehr oder weniger in der Hand einer einzigen Person liegen, so legt man nicht nur eine unmöglich zu tragende Last auf die Schultern dieser einen Person. Zusätzlich raubt man anderen den geistlichen Dienst, an dem sie sich zum Nutzen aller beteiligen sollten.

Wenn Leiterschaft und Lehre unter einer gesunden Gruppe von Ältesten aufgeteilt sind, so ist die Gemeinde besser ausgerüstet, in dem geistlichen Kampf standzuhalten, in den wir alle verwickelt sind (siehe Epheser 6,10-17). Eine der großen Gefahren sowohl in der frühen Gemeinde als auch heute ist falsche Lehre. Ein alleiniger Leiter wird sich oft schwer tun, die Flutwelle von Verirrungen zurückzuhalten. Eine vereinigte Gruppe von Ältesten hat eine sehr viel größere Kraft und Handlungsfähigkeit. Ein einzelner Leiter mag unter den Einfluss falscher Lehre fallen und in die Irre geführt werden. Es ist unwahrscheinlicher, dass eine ganze Gruppe qualifizierter, gottesfürchtiger Leiter getäuscht wird.

Gemeindeleiter haben auch ihre persönlichen Kämpfe mit den Verlockungen der Welt um sie herum und mit dem rebellischen Fleisch in ihnen. Mit all dem zusätzlichen Druck der Leiterschaft kann ein alleiniger Leiter des Kampfes überdrüssig werden und den Versuchungen in seinem Privatleben erliegen. Eine Gruppe von Mitältesten zu haben, in der Kämpfe gemeinsam getragen werden und in der Ermutigung und Rechenschaft möglich sind, ist ein gewaltiger Vorteil. Das bedeutet auch, dass selbst dann wenn einer der Ältesten in eine ernste moralische Verfehlung stürzt, es eine Gruppe gibt, die die Gemeinde weiterhin leiten kann. Sie kann auch Schritte und Maßnahmen für den gefallenen Ältesten ergreifen, sodass er wiederhergestellt wird.

Das Christentum wird weltweit missverstanden, falsch dargestellt, schlecht gemacht und abgelehnt. Christen sind, in Christi Worten, „in der Welt, aber nicht von der Welt“ und deshalb hat die Welt ein Problem mit ihnen. Bei solch großem Widerstand kann ein Einzelner sich schwer tun, die Perspektive verlieren und überfordert sein. In solchen Zeiten ist in einem Team gemeinsame Weisheit und Kraft zu finden. Außerdem werden Christen in manchen Ländern verfolgt. Die Gewalt ist oft auf die Leiter gerichtet, weil man denkt, dass der Körper stirbt, sobald man den Kopf entfernt. Wenn man mehrere Älteste hat, ist die Gemeinde weniger verwundbar. Wenn es nur einen hauptverantwortlichen Leiter gibt, lässt die Beseitigung dieses Leiters die Gemeinde ohne Lehre, ohne Leitung und in Verwirrung zurück. Wenn es eine Gruppe von fähigen Ältesten gibt, hat die Beseitigung einer einzelnen Person nicht dieselbe Auswirkung.

Jüngere, heranwachsende Leiter sollten ausgebildet werden und das Team der gottesfürchtigen und qualifizierten Ältesten irgendwann einmal ersetzen. Dieses konstante Bemühen um biblische Leiterschaft wird sich auch auf die anderen Bereiche der Gemeindearbeit auswirken. Der Einsatz und das geistliche Level werden wachsen. Es trägt auch sehr dazu bei, dass das unbiblische Entstehen von zwei Gruppen, Geistlichen und Laien, verhindert wird, weil die Gemeindeglieder verstehen, dass alle entsprechend den Gaben, die Gott jedem anvertraut hat, gebraucht werden. Die Arbeit darf nicht angestellten Vollzeitlern überlassen werden.

Ein funktionierendes Team von wirksamen Ältesten wird schließlich helfen zu verhindern, dass ein „Diotrephes“ an Einfluss gewinnt (vgl. 3. Joh 9). Das ist jemand, der nach Macht, Einfluss und Ansehen strebt und die Leute bevormunden will.

Es ist möglich, eine Gemeinde so zu organisieren, wie die meisten Unternehmen und Regierungen aufgebaut sind und geleitet werden: Durch einen Chef, Häuptling, Präsidenten oder einfach einen Pastor mit einer Hierarchie von Untergebenen. Das mag uns natürlicher erscheinen und besser in unsere Kultur passen. Aber ist es biblisch? Ist es der weiseste und gesündeste Weg? Die Schrift fordert alle Kulturen heraus, ganz besonders unsere eigene. Das neutestamentliche Bild von Gemeindeleitung unterscheidet sich deutlich vom typischen Unternehmensmodell und auch von der üblichen Führung eines Stammes oder einer Stadt.

Das Grundmodell

Das neutestamentliche Modell von Gemeindeleitung, nach dem Paulus und Titus arbeiteten, scheint folgendermaßen auszusehen: Der Herr Jesus Christus ist das Haupt der Gemeinde (Epheser 4,15) und der Oberhirte (1. Petrus 5,4). Nachdem er siegreich von den Toten auferstanden ist, lebt er in der Kraft eines endlosen Lebens. Er hat seine Stellung als Haupt der Gemeinde nicht an irgendjemanden weitergegeben. Er steht uneingeschränkt an erster und oberster Stelle.

Jede lokale Repräsentation des Leibes Christi (jede Ortsgemeinde) hat ihre eigene Gruppe von Ältesten, die unter der Führung des Herrn Jesus durch seinen Geist und durch sein Wort das Herz der Leiterschaft bilden. Ihre Rolle als Unterhirten ist, die Herde Gottes zu weiden, die ihnen anvertraut ist. Ihnen ist bewusst, dass die Gemeinde nicht ihnen gehört. Sie gehört Gott. Gott hat für sie mit dem teuersten Gut dieses Universums bezahlt: mit dem Leben seines Sohnes (siehe dazu Apg 20,28 in Paulus´ Rede zu den Ältesten).

Ältester zu sein ist somit eine unerlässliche und demütigende Verantwortung und sie sollte nur von Männern getragen werden, die entsprechend der Kriterien ernannt werden, die Paulus unter der Inspiration des Heiligen Geistes jetzt detaillierter ausführt (siehe auch 1. Timotheus 3).