Gemeinde & Mission

Die Offenbarung der Gnade und die Hingabe Jesu (Titus 2,11-13)

von Lennox Gilbert

Über den Titusbrief – Teil 7

übersetzt von Christian Odenwald (Fortsetzung des Kommentars zum Titusbrief)
Der nächste Charakterfehler, den Paulus im Titusbrief behandelt,

wird durch folgende Schlüsselaussage in Kapitel 2 deutlich:
„Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen, und unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in dem jetzigen Zeitlauf, indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus erwarten. Der hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken.“ (Titus 2,11-14).
Das Ziel von Gottes Erlösung ist es, Menschen hervorzubringen, die „Nein“ zur Gottlosigkeit und von Herzen „Ja“ zu guten Taten sagen. Welch ein Kontrast zu „faulen Fressern“!

Was ist für mich drin?

Nun war es nicht so, dass die Kreter generell völlig faul waren. Vielmehr haben sie für ihr Vergnügen gearbeitet, um es sich gut gehen zu lassen und im Leben Spaß zu haben. Sie hatten den Ruf habgierig und unersättlich zu sein. Sie waren bereit alles zu tun, um Gewinn zu machen. An Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Güte und Selbstbeherrschung hatten sie kein Interesse, denn solche Eigenschaften waren bei ihrer Jagd nach Genuss ein Hindernis.
Wir haben bereits gesehen, dass dies die Philosophie der falschen Lehrer war. Sie spielten ihr falsches Spiel um möglichst viel für sich herauszuholen. Sie lebten auf Kosten der Leute, indem sie diese zu ihrem eigenen Gewinn ausnutzten. Dies wiederum hatte einen schädlichen Einfluss auf die Gemeinde. Das bewirkt eine selbstsüchtige, faule Einstellung, mit der die einzelnen Glieder die Arbeit der Gemeinde danach beurteilen, was sie selbst für einen Nutzen daraus schöpfen. Es würde die Menschen dazu erziehen, gerne bedient und versorgt zu werden. Solche Menschen sind nicht bereit, selbst irgendeine Arbeit zu tun. Es sind Leute, die auf ihre Rechte fokussiert sind und nicht auf ihre Pflicht, die nach Vergnügen jagen statt nach Heiligkeit und die mehr nach Unterhaltung streben als nach geistlichem Wachstum.
Hier ist der große Charakterfehler: Wenn wir bereit sind zu nehmen, aber nicht zu geben, mehr daran interessiert sind bedient zu werden statt zu dienen und uns mehr auf das konzentrieren, was wir aus der Gemeinde herausholen können, als was wir in sie investieren. Und das führt zu weiteren Problemen. Wenn wir beispielsweise hoffnungslos davon abhängig sind, was andere für uns in der Gemeinde tun, werden wir dazu neigen zu kritisieren und uns zu beschweren. Immer ist irgendetwas falsch und immer ist es die Schuld eines Anderen!
Eines der wichtigen Ziele der Erlösung ist, uns auf beide Beine zu stellen, damit wir selbst gehen und dienen können. Nachdem Jesus Menschen heilte, ermutigte er sie häufig aufzustehen und ihr eigenes Bett zu machen (z. B. Matthäus 9,6-7). Das ist doch interessant! Als er die Schwiegermutter von Petrus heilte (Matthäus 8,14-15), stand sie sofort auf und diente. Christi Ziel ist es, uns aus unseren verschiedenen geistlichen Krankheiten und Lähmungen herauszuholen, uns auf unsere Beine zu stellen und zum Dienen zu bringen. Das ist gut und gesund für uns. Es ist ein Zeichen des Fortschritts zum geistlichen Erwachsenwerden. Als ich ein Kind war, machte meine Mutter mein Bett für mich. Aber eines Tages zeigte sie mir wie es geht und ließ es mich selbst machen! Meine Mutter tat das nicht, weil sie unfreundlich und grausam war, obwohl ich mich damals nicht sehr darüber freute. Jetzt weiß ich, dass sie wollte, dass ich erwachsen werde und Verantwortung übernehme, weil sie mich liebte. Ich entdeckte auch eine interessante Sache: Wenn ich mein eigenes Bett machte und das Bett unordentlich oder unangenehm war, konnte ich niemand die Schuld geben, ich war selbst dafür verantwortlich. Aber wenn jemand anderer das Bett für mich machen müsste, dann wäre jemand anderer schuld und ich könnte (und würde) mich beschweren.

Gottes Schule der Gnade

Was ist die Antwort auf faule Zügellosigkeit? Wie können solche Leute verändert werden? In Kapitel 1 offenbarte Gott als Antwort auf das Problem der Lüge seine Wahrheit, besonders die Wahrheit über ihn selbst als den Gott, der nicht lügt. Jetzt in Kapitel 2 hat Gott wieder etwas offenbart. Dieses Mal ist es seine Gnade: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen“ (2,11).
Was ist diese Gnade und wie wurde sie offenbart? Die Antwort auf beide Fragen wird sofort gegeben: durch unseren großen Gott und Retter Jesus Christus. „Der hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, …“ (2,12-13). Gottes Gnade besteht darin, dass Jesus, unser Gott und Heiland, sich selbst für uns gab. Das ist es, was das Christentum einzigartig und wunderbar macht: dass Jesus sich selbst für uns hingab!
Es gibt viele Abschnitte im Neuen Testament, an die wir uns wenden können, um mehr über die Gnade zu lernen. Zum Beispiel Epheser 2,8, wo wir erfahren, dass wir aus Gnade errettet sind, nicht aus Werken oder eigenem Verdienst. Die Erlösung ist ein Geschenk. Oder Römer 5,2, wo erklärt wird, dass unsere Stellung vor Gott „in Gnade“ ist. Mit anderen Worten: Unsere Annahme bei Gott hängt nicht von unserem Fortschritt ab. Wir sind nicht auf Bewährung. Wir sind völlig und ewig angenommen auf der Grundlage von Gottes Gnade. Aber der wichtigste Aspekt der Gnade ist der, den Paulus für Titus besonders hervorhebt: Gnade erzieht uns. Wie verändert Gott faule, selbstsüchtige Menschen? Seine Gnade erzieht uns.
Eines der größten Themen für Eltern ist die Erziehung ihrer Kinder. In einigen Teilen der Welt versuchen Eltern verzweifelt, die richtige Schule für ihre Kinder zu finden. In anderen Teilen der Welt versuchen Eltern verzweifelt, überhaupt irgendeine Schule für ihre Kinder zu finden. Aber das Anliegen, ihre Kinder zu erziehen, haben alle Eltern auf der ganzen Welt gemeinsam.
Wenn eine Person Christus vertraut, so kommt sie in die „Gnadenschule“, die beste Schule der Welt. Es ist auch die teuerste Schule der Welt, aber unser Schulgeld wurde von Christus selbst bezahlt, nicht mit Geld, sondern mit dem Opfer seines eigenen Lebens. Diese Schule wurde auf Gnade gegründet. Sie wird auch in Gnade betrieben: Gnade ist das Merkmal und der wichtigste Wert. Der einzigartige Charakter der Gnadenschule ist abgeleitet von der Gnade ihres Gründers, der sich selbst geopfert hat.

Wie erzieht Gnade?

Die Gnade erzieht uns dazu, „Nein“ zu Gottlosigkeit und zu weltlichen Leidenschaften zu sagen. Sie bringt uns bei ein selbstbeherrschtes, aufrichtiges und gottesfürchtiges Leben zu führen und leidenschaftlich nach guten Werken zu streben. Wie macht sie das? Gott gibt uns keine Liste von Regeln und Vorschriften, die man auswendig lernen und befolgen muss. Er erzwingt kein bestimmtes Verhalten von uns, um uns auszubilden, wie man ein Pferd oder einen Hund ausbildet. Er bittet uns ihn zuerst zu beobachten, wie Gnade sein eigenes Leben und Verhalten geprägt hat. Dadurch sollen wir verändert werden.
Wenn wir die Evangelien lesen, sehen wir, wie die Gnade durch Jesus wirkt und Menschen erzieht. Denken wir zum Beispiel an Zachäus, den reichen Oberzöllner in Jericho (Lukas 19,1-10). Er hat so verzweifelt versucht Jesus zu sehen, dass er auf einen Baum am Wegesrand kletterte um etwas zu sehen, weil er ein sehr kleiner Mann war. Jesus kam, blickte hinauf und forderte ihn auf herabzukommen, damit er den Tag bei ihm zuhause verbringen konnte. Verständlicherweise waren die, die dabeistanden, nicht sehr begeistert von dieser Idee. Sie wussten, was für ein Mann Zachäus war und was er getan hatte, um seinen Reichtum zu erlangen. Aber Zachäus wurde durch Gottes Gnade verändert. Er war völlig überwältigt davon, wie Jesus ihn trotz seiner Vergangenheit begrüßt hatte. Woher wissen wir, dass er verändert wurde? Weil er ausrief: „Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem etwas durch falsche Anklage genommen habe, so erstatte ich es vierfach.“ Das war seine spontane Antwort auf die Gnade Gottes. Jesus erklärte der Volksmenge: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ Zachäus machte diese großzügige Zusage nicht, um sich Christi herzlichen Besuch zu verdienen. Es war vielmehr Christi Besuch, der sein Herz verändert hat – durch seine Gnade, die Zachäus großzügig gegeben wurde. Die Gnade Gottes hat ihn erzogen. Sobald ein Mann oder eine Frau wirklich Gnade erlebt hat, ist es sehr schwer, sich nicht zu ändern. Gnade erzieht. Zachäus würde nie wieder der Gleiche sein.
Wir könnten auch an die sehr berühmte Geschichte von dem Vater denken, dessen Sohn seinen Anteil vom Erbe verlangte und wegging, um sich ohne den Vater zu vergnügen (Lukas 15,11-32). Am Ende befand er sich in einer so aussichtslosen Lage, dass er Schweine fütterte und sich dabei danach sehnte, ihr Futter zu essen. So hungrig und verzweifelt war er. Dann überlegte er, kehrte um und ging zum Vater zurück. Dort erlebte er, dass er geliebt wird, dass ihm vergeben wird, dass er willkommen ist und dass seine Rückkehr gefeiert wird. Niemand würde jetzt noch zurückgehen, um bei den Schweinen zu leben! Gnade erzieht.
Oder wir könnten an die Frau denken, die eine Tischrunde störte, bei der Jesus Gast eines selbstgerechten religiösen Führers war (siehe Lukas 7,36-50). Aus ihrer übermäßigen Dankbarkeit für die Vergebung, die sie in Christus gefunden hatte, brachte sie teures Parfüm, mischte ihre Tränen mit dem Parfüm und salbte seine Füße. Der Pharisäer war entrüstet, dass Christus etwas mit dieser Frau zu tun hatte – eine Sünderin, eine Prostituierte. Aber sie war der Gnade begegnet und die hatte ihr Leben verändert. Die ganzen religiösen Mittel, die die Pharisäer verwendeten, hatten diese Frau nicht einmal berührt, geschweige denn sie geändert. Darüber hinaus war der Pharisäer mit allen seinen religiösen Regeln und seiner Ausbildung nicht so weit gekommen, den Sohn Gottes zu lieben oder ihm auch nur die grundlegenden Höflichkeiten der Begrüßung zu erweisen. Aber diese Frau hatte ihn willkommen geheißen. Sie liebte ihn. Was hat den Unterschied gemacht? Christus erklärte: Sie liebte viel, weil ihr viel vergeben worden war. Gnade erzieht.

„Nein“ und „Ja“ sagen

Wozu erzieht uns die Gnade? Es gibt eine negative und eine positive Seite. Gnade bringt uns bei, wozu wir „Nein“ sagen sollen.
Die heutige Ansicht von Gnade vergisst das gerne. Es wird selten oder gar nicht erwähnt, dass wir manches vermeiden müssen. Einige christliche Schriftsteller und Lehrer sind sehr bemüht, uns mitzuteilen, dass Gott uns seine Gnade anbietet, trotz allem, was wir getan haben. Dabei vergessen sie uns zu sagen, dass Gottes Gnade uns lehrt, „Nein“ zur Sünde und zu schädlichem Verhalten und „Ja“ zu einem heiligen Leben und zu positiven, guten Werken zu sagen.
Dies ist eine von vielen falschen Vorstellungen von Gnade, die heute verbreitet werden. Manche lehren, dass Gottes Gnade bedeutet, dass es für Gott egal ist, wie wir uns verhalten. Es gibt einige, die noch weitergehen und Gottes Gnade so verstehen, als ob es fast eine Aufforderung an uns ist, hinauszugehen und mehr zu sündigen, damit wir noch mehr von seiner Gnade erfahren können! Die Menschen im ersten Jahrhundert beschuldigten Paulus, diese Art von Dingen zu lehren, und in Römer 6 gibt er seine sehr heftige Antwort darauf. Wegen unserer Sünde ist Christus gestorben. Warum sollte eine Person, die durch das Opfer des Sohnes Gottes gerettet worden ist, in der Sünde weiterleben, für die Christus gestorben ist? Jesus starb wegen unserer Gottlosigkeit. Er starb wegen der Dinge, die wir tun, wenn wir unseren Wünschen freien Lauf lassen. Wenn wir auf das Kreuz hinschauen und auf unseren Gott und Erlöser, der sich dort für uns gab, warum sollten wir weiter unseren sündigen Begierden nachgeben? Das wäre Spott über das Kreuz.
Wenn die Gnade Gottes richtig verstanden und angenommen wird, lehrt sie uns, „Nein“ zu allem sündigen und gottlosen Verhalten zu sagen. Sie erzieht uns, „Nein“ zu den falschen Dingen zu sagen, zu denen uns unsere Begierden oft verleiten wollen. Gnade hat diese negative Seite und sie ist äußerst wichtig. Gottes Ziel ist nicht nur uns zu vergeben, sondern uns auch zu Menschen mit einem wunderbaren Charakter zu machen. Er ist gegen alles, was unser Leben zerstört und verschmutzt. Wenn wir sündigen und fallen und etwas anstellen, wirkt Gottes Gnade, indem er uns vergibt, uns reinigt und an uns arbeitet, um uns zu ändern. Er gibt uns nicht auf. Aber das Evangelium sagt nicht, dass unser Verhalten egal ist. Und die Person, die denkt, dass Gottes Gnade bedeutet, dass sie Sünde nicht ernst nehmen muss, hat einfach das Evangelium nicht verstanden. Wir müssen mit Gott im Kampf gegen die Sünde und die Gottlosigkeit zusammenarbeiten.
Im positiven Sinn bringt Gnade uns bei, wozu wir „Ja“ sagen sollen. Wir sehen das prächtige Beispiel Christi und wir wollen sein wie er. Wir sehen seine wunderbare Selbstbeherrschung, die Schönheit seiner Ehrfurcht vor dem Vater, die Ehrlichkeit, die Wahrheit und die schiere Anziehungskraft seines Lebens. Petrus drückt es so aus: „…der uns berufen hat durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend.“ (2. Petrus 1,3). Petrus sah etwas in der positiven Vorzüglichkeit des Charakters und des Lebens Christi, das ihn stark anzog. Gnade erzieht.


Fußnote: Es gibt auch einige, die lehren, dass wir nicht Buße tun oder predigen müssen, weil Gottes Gnade bedeutet, dass es nichts gibt, was wir tun müssen. Aber solche Leute verwechseln Tun mit Verdienen. Gottes Gnade kann per Definition nicht verdient werden, sonst wäre es keine Gnade. Wir können Erlösung nicht verdienen. Wir können sie nicht in irgendeiner Weise bezahlen – weder mit Geld noch durch Einhaltung religiöser Rituale wie der Taufe und des Abendmahls oder anderer guter Werke. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „etwas zu tun“ und „etwas zu verdienen“. Buße ist kein Werk, das die Erlösung erwirbt oder verdient. Aber Gott ruft uns zur Buße. Als Paulus das Evangelium, das er predigt, für die Ältesten in Ephesus zusammenfasst, drückt er es so aus: Buße zu Gott und Glaube an den Herrn Jesus Christus (Apostelgeschichte 20,21). Das hat sich nicht geändert. Gott befiehlt allen Menschen überall Buße zu tun (Apostelgeschichte 17,30). Wir verdienen die Errettung nicht durch Buße oder durch Glauben. Aber wir müssen bereuen und glauben, um die Gabe des Heils Gottes zu empfangen. Ein Geschenk kann nicht verdient werden. Es muss empfangen werden. Um Gottes Geschenk zu empfangen, müssen wir Buße tun und an Jesus glauben. Wir müssen vorsichtig sein mit scheinbar logischen menschlichen Argumentationen, auch wenn sie im Namen der christlichen Theologie zu uns kommen. Das endet darin, dass die klaren und deutlichen Aussagen der Schrift geleugnet werden.